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Morgenwelt
20. Dezember 1999
 

Notizen von jenseits der Oder

neu: Eingeredet

von Marek Trenkler

Sind Sie sich, jetzt, Ende 1999, absolut sicher, dass Ihr Leben logisch und konsequent ist? Dass Sie wirklich das tun und lassen, was Sie wollen und was für Sie gut ist? Sind Sie der Spieler am Schachbrett oder nur ein Bauer darauf? Handeln Sie nach Ihrem eigenen Wissen, oder lassen Sie sich immer wieder etwas einreden?

Diese Fragen stelle ich Ihnen, denn ich weiß, es ist meine letzte Notiz, die im Jahre 1999 in der MorgenWelt erscheint.

Einmal angenommen, kein Atomraketensystem spielt wegen des Y2K-Problems verrückt und sowohl Sie, als auch mich gibt es noch künftig , dann treffen wir uns erst im Jahre 2000 wieder - und das gibt mir Anlass genug, ein bisschen nachdenklich zu werden.

Ich beobachte zum Beispiel, dass die Menschen überall in der Welt heutzutage ihr Geld ausgeben, um den kommenden Silvesterabend groß zu feiern. Denn irgend jemand hat ihnen eingeredet, die Wende von 1999 auf 2000 sei etwas Ungewöhnliches und müsse dementsprechend gefeiert werden. Sie werden also feiern, trinken, tanzen, sie werden sich freuen - aber worüber und worauf eigentlich?

Vielleicht haben all die Menschen ein kleines Detail vergessen: gerade in dem Zeitraum, dessen Bezeichnung mit "2" beginnt, werden sie fast alle sterben. Das werde ich bestimmt, falls ich den 1.1.2000 erlebe, und das werden Sie wohl auch. Viel Spaß...

Aber nicht nur diese sinnlose Freude kann man uns einreden. Ein kleines Beispiel: ich öffne gerade die größte Portalseite im polnischen Internet und schaue mir die Tages-News an. Es gibt auf der Hauptseite vier davon, darunter: " Die NBA-Kavaliere haben den Sieg gerettet ". Es geht darum, dass die " Cleveland Cavaliers " gegen " Portland Trail Blazers " gewonnen haben. Na schön, aber was geht mich das, bitte, an? Oder lesen die Amerikaner auf ihren Portalseiten gleichzeitig, dass Zepter Slask Wroclaw am 4.12. gegen AZS Torun spielt? Das sollten sie, es sei denn, irgendjemand hat bloß den Polen eingeredet, sie sollten die NBA-Ergebnisse kennen, während die Amerikaner von den Ergebnissen der polnischen Basketballliga keine Ahnung haben dürfen.

OK, vielleicht ist das nur eine Ausnahme. Ich steuere die WWW-Seite der größten polnischen Presseagentur an. Bla, bla, bla... Oho, eine interessante Nachricht: In der Nähe von Long Island stürzte ein Hubschrauber des amerikanischen Grenzschutzes ab, zwei Besatzungsmitglieder seien tot, zwei weitere kämpften um ihr Leben im Krankenhaus. Das ist traurig. Aber: lesen die Amerikaner gleichzeitig, dass am helllichten Tag, mitten in Warschau, während eines Raubüberfalls zwei Menschen in einer Geldwechselstube erschossen wurden? Oder, dass soundsoviele Menschen in Autounfällen in Deutschland, Frankreich, Tunesien, China oder etwa Luxemburg ums Leben gekommen sind?

Man redet uns stets ein, was für uns, bzw. für die Welt wichtig sei und wie wir zu leben hätten. Wir werden ununterbrochen mit derartigen Hinweisen bombardiert: ob Eltern, Schule, Frau, Mann, Kirche, Medien oder Werbung - immer wieder sagt uns jemand, wo der Hase langläuft. Manchmal versuchen wir, uns dagegen zu wehren, manchmal glauben wir sogar, wir tun es mit Erfolg - aber ist es denn wirklich so?

Wenn Sie diese Frage mit ja beantworten, dann machen Sie sich einen Kaffee. Und denken Sie dabei an die Logik Ihres Verfahrens. Sie schütten etwas Pulver ins Glas oder in die Tasse. Das waren früher grüne, feuchte Bohnen, die man gebrannt hat, damit sie trocken sind. Jetzt gießen Sie heißes Wasser auf dieses trockene Pulver, damit daraus eine schmackhafte Flüssigkeit entsteht. Sie haben das Wasser gekocht, damit es heiß wird, nun aber blasen Sie darauf oder warten ab, um es kälter werden zu lassen. Sie haben genügend Pulver hineingetan, damit das Getränk bitter und dunkel, ja sogar schwarz wird - aber dann nehmen Sie Zucker und (oder) Sahne, damit es hell und (oder) süß wird. Bitte, ist das wirklich logisch?

Hinter diesem Text, den Sie jetzt lesen, steckt jede Menge harte Logik und Mathematik. Irgend jemand sitzt in Polen an einem Rechner, der in der Lage ist, zunächst via mechanische Energie (Tastendruck) menschliche Gedanken zu empfangen, und sie danach in elektrische Impulse umzuwandeln. Ein in Polen gebauter Computer mit einem amerikanischem Prozessor darin, bearbeitet diese Impulse und schickt sie via Internet nach Deutschland. Dort werden sie wiederum von Menschen und Computern bearbeitet, um Ihnen schließlich in der Form einer WWW-Seite gezeigt zu werden. Im Endeffekt kommen die Gedanken via mehrere Computer aus einem in Polen arbeitenden Gehirn in ein anderes, und zwar das Ihrige. Ist das logisch?

Zum Teil schon, aber nicht völlig logisch. Im Moment tue ich nämlich etwas für Sie: Ich schreibe etwas, damit Sie es lesen können. Rein theoretisch gesehen, sollten Sie mich dafür bezahlen. Und wen bezahlen Sie tatsächlich? Eine mir unbekannte Firma, die Ihnen den Zugang ins Netz ermöglicht!

So seltsam ist unsere menschliche Logik kurz vor Beginn des Jahres 2000! Wir können auf den Mond fliegen und die ganze Erde in Schutt und Asche verwandeln, unter uns sind Multimillionäre und hungernde Kinder. Wir bombardieren die Serben und schauen ruhig zu, wie Menschen in Tschetschenien unter russischen Bomben sterben. Irgend jemand redet uns ein, dies sei einfach der Lauf der Dinge.

Viele von uns retten sich gegen diese Un-Logik mit ihrem Glauben: wenn es nämlich jemand oder etwas gibt, der/das über all das entscheidet, dann sind wir vielleicht irgendwie von der Verantwortung freigesprochen. Wir sind dann weder an dem kleinen noch an dem ganz großen Unsinn schuld.

Wie auch immer: Wszystkiego najlepszego w roku 2000!

Diese einfachen Neujahrsgrüße in polnischer Sprache können und sollen Sie ernst nehmen. Und was ist mit dem Rest? Nun, entweder denken Sie einfach darüber nach und versuchen, ab jetzt doch ein wenig logischer zu handeln - oder Sie kommen zu dem Schluss, auch ich wollte Ihnen lediglich etwas einreden...


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