Dies ist ein Beitrag aus dem Morgenwelt-Archiv in Druckversion. Zur aktuellen Ausgabe kommen Sie hier: www.morgenwelt.de!
Morgenwelt Sind
Sie sich, jetzt, Ende 1999, absolut sicher, dass Ihr Leben logisch
und konsequent ist? Dass Sie wirklich das tun und lassen, was Sie
wollen und was für Sie gut ist? Sind Sie der Spieler am Schachbrett
oder nur ein Bauer darauf? Handeln Sie nach Ihrem eigenen Wissen,
oder lassen Sie sich immer wieder etwas einreden?
Diese Fragen stelle ich Ihnen, denn ich weiß, es ist meine
letzte Notiz, die im Jahre 1999 in der MorgenWelt erscheint.
Einmal angenommen, kein Atomraketensystem spielt wegen des Y2K-Problems
verrückt und sowohl Sie, als auch mich gibt es noch künftig
, dann treffen wir uns erst im Jahre 2000 wieder - und das gibt
mir Anlass genug, ein bisschen nachdenklich zu werden.
Ich beobachte zum Beispiel, dass die Menschen überall in
der Welt heutzutage ihr Geld ausgeben, um den kommenden Silvesterabend
groß zu feiern. Denn irgend jemand hat ihnen eingeredet, die
Wende von 1999 auf 2000 sei etwas Ungewöhnliches und müsse
dementsprechend gefeiert werden. Sie werden also feiern, trinken,
tanzen, sie werden sich freuen - aber worüber und worauf eigentlich?
Vielleicht haben all die Menschen ein kleines Detail vergessen:
gerade in dem Zeitraum, dessen Bezeichnung mit "2" beginnt,
werden sie fast alle sterben. Das werde ich bestimmt, falls ich
den 1.1.2000 erlebe, und das werden Sie wohl auch. Viel Spaß...
Aber nicht nur diese sinnlose Freude kann man uns einreden. Ein
kleines Beispiel: ich öffne gerade die größte Portalseite
im polnischen Internet und schaue mir die Tages-News an. Es gibt
auf der Hauptseite vier davon, darunter: " Die NBA-Kavaliere
haben den Sieg gerettet ". Es geht darum, dass die " Cleveland
Cavaliers " gegen " Portland Trail Blazers "
gewonnen haben. Na schön, aber was geht mich das, bitte, an?
Oder lesen die Amerikaner auf ihren Portalseiten gleichzeitig, dass
Zepter Slask Wroclaw am 4.12. gegen AZS Torun spielt?
Das sollten sie, es sei denn, irgendjemand hat bloß den Polen
eingeredet, sie sollten die NBA-Ergebnisse kennen, während
die Amerikaner von den Ergebnissen der polnischen Basketballliga
keine Ahnung haben dürfen.
OK, vielleicht ist das nur eine Ausnahme. Ich steuere die WWW-Seite
der größten polnischen Presseagentur an. Bla, bla, bla... Oho, eine interessante Nachricht: In der Nähe von Long Island
stürzte ein Hubschrauber des amerikanischen Grenzschutzes ab,
zwei Besatzungsmitglieder seien tot, zwei weitere kämpften
um ihr Leben im Krankenhaus. Das ist traurig. Aber: lesen die Amerikaner
gleichzeitig, dass am helllichten Tag, mitten in Warschau, während
eines Raubüberfalls zwei Menschen in einer Geldwechselstube
erschossen wurden? Oder, dass soundsoviele Menschen in Autounfällen
in Deutschland, Frankreich, Tunesien, China oder etwa Luxemburg
ums Leben gekommen sind?
Man redet uns stets ein, was für uns, bzw. für die Welt
wichtig sei und wie wir zu leben hätten. Wir werden ununterbrochen
mit derartigen Hinweisen bombardiert: ob Eltern, Schule, Frau, Mann,
Kirche, Medien oder Werbung - immer wieder sagt uns jemand, wo der
Hase langläuft. Manchmal versuchen wir, uns dagegen zu wehren,
manchmal glauben wir sogar, wir tun es mit Erfolg - aber ist es
denn wirklich so?
Wenn Sie diese Frage mit ja beantworten, dann machen Sie sich einen
Kaffee. Und denken Sie dabei an die Logik Ihres Verfahrens. Sie
schütten etwas Pulver ins Glas oder in die Tasse. Das waren
früher grüne, feuchte Bohnen, die man gebrannt hat, damit
sie trocken sind. Jetzt gießen Sie heißes Wasser auf
dieses trockene Pulver, damit daraus eine schmackhafte Flüssigkeit
entsteht. Sie haben das Wasser gekocht, damit es heiß wird,
nun aber blasen Sie darauf oder warten ab, um es kälter werden
zu lassen. Sie haben genügend Pulver hineingetan, damit das
Getränk bitter und dunkel, ja sogar schwarz wird - aber dann nehmen Sie Zucker und (oder) Sahne, damit es hell und (oder) süß
wird. Bitte, ist das wirklich logisch?
Hinter diesem Text, den Sie jetzt lesen, steckt jede Menge harte
Logik und Mathematik. Irgend jemand sitzt in Polen an einem Rechner,
der in der Lage ist, zunächst via mechanische Energie (Tastendruck)
menschliche Gedanken zu empfangen, und sie danach in elektrische
Impulse umzuwandeln. Ein in Polen gebauter Computer mit einem amerikanischem
Prozessor darin, bearbeitet diese Impulse und schickt sie via Internet
nach Deutschland. Dort werden sie wiederum von Menschen und Computern
bearbeitet, um Ihnen schließlich in der Form einer WWW-Seite
gezeigt zu werden. Im Endeffekt kommen die Gedanken via mehrere
Computer aus einem in Polen arbeitenden Gehirn in ein anderes, und
zwar das Ihrige. Ist das logisch?
Zum Teil schon, aber nicht völlig logisch. Im Moment tue ich
nämlich etwas für Sie: Ich schreibe etwas, damit Sie es
lesen können. Rein theoretisch gesehen, sollten Sie mich dafür
bezahlen. Und wen bezahlen Sie tatsächlich? Eine mir unbekannte
Firma, die Ihnen den Zugang ins Netz ermöglicht!
So seltsam ist unsere menschliche Logik kurz vor Beginn des Jahres
2000! Wir können auf den Mond fliegen und die ganze Erde in
Schutt und Asche verwandeln, unter uns sind Multimillionäre
und hungernde Kinder. Wir bombardieren die Serben und schauen ruhig
zu, wie Menschen in Tschetschenien unter russischen Bomben sterben.
Irgend jemand redet uns ein, dies sei einfach der Lauf der Dinge.
Viele von uns retten sich gegen diese Un-Logik mit ihrem Glauben:
wenn es nämlich jemand oder etwas gibt, der/das über all
das entscheidet, dann sind wir vielleicht irgendwie von der Verantwortung
freigesprochen. Wir sind dann weder an dem kleinen noch an dem ganz
großen Unsinn schuld.
Wie auch immer: Wszystkiego najlepszego w roku 2000!
Diese einfachen Neujahrsgrüße in polnischer Sprache
können und sollen Sie ernst nehmen. Und was ist mit dem Rest?
Nun, entweder denken Sie einfach darüber nach und versuchen,
ab jetzt doch ein wenig logischer zu handeln - oder Sie kommen zu
dem Schluss, auch ich wollte Ihnen lediglich etwas einreden...
20. Dezember 1999
 
Notizen von jenseits der Oder
neu: Eingeredet
von Marek Trenkler
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