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Morgenwelt Huitzilopochtli",
sagte leise ein kleines Mädchen. Sie war in der Abenddämmerung
aufgetaucht; zwischen Automassen auf einem Parkplatz eines gigantischen
Einkaufszentrums in Mexico City, als meine Frau und ich uns anschickten,
Weihnachtsgeschenke im Auto zu verstauen.
Nun stand sie nahe der Autotür, die kleine Bettlerin, und
hielt uns ihre rechte Hand mit einer weißen Kerze entgegen,
an der ein schwarzes Stoffsäckchen baumelte. Die Flamme brannte
zuckend im Abendwind; mattes Licht erhellte die kleine Mädchengestalt.
Sie fröstelte in ihrem weißgrau dünnen Kleidchen,
an dem zwei winzige Engelsflügel aus Kunststoff befestigt waren. Ihre abgetragenen, vom Staub überzogenen Schuhe kündeten
von einer weiten Wegstrecke.
"Huitzilopochtli", sagte erneut das kleine Mädchen.
Ihre dunkelbraunen Mandelaugen durchdrangen uns dabei tief. Und
um ihrer Bitte Nachdruck zu verleihen, schwenkte sie leicht das
schwarze Stoffsäckchen, aus dem der Klang weniger Münzen
sich in der Weite des Parkplatzes verlor.
Arm war das kleine Mädchen; und dennoch ging eine Anmut von
ihr aus, die uns überwältigte. So gaben wir ihr bereitwillig
eine große Münze in das schwarze Stoffsäckchen,
worauf der "kleine Engel" einen Knicks vor uns machte,
und trippelnd zwischen den Autos verschwand.
Hatte das Mädchen etwa die Geschichte von Huitzilopochtli
gekannt, sie, die Bettlerin unter den vielen, die sich während
der Adventszeit um die Gunst der besser gestellten Leute mühen?
Niemand würde uns jemals eine Antwort geben. Das wussten wir,
als wir uns in die wartende Autoschlange einreihten, um die Parkgebühr
zu entrichten.
Doch von irgendwo musste das Wissen der Bettlerin herrühren
- das Wissen über Huitzilopochtli, den Sonnen- und Kriegsgott
der Aztekenmythologie, dessen "advenimiento" Ankunft
-, laut unserem heutigen Kalender, auf den Zeitraum zwischen dem
7. und 26. Dezember fällt.
Mysteriös verlief, gemäß der Überlieferung
der Aztken, Coatlicues Empfängnis: Huitzilopochtlis Mutter
war beim Reinemachen in einem Tempel ein Ball aus Federn auf die
Brust gefallen. Ihren 400 Sternenkindern missfiel dies sehr, da
sie befürchteten, bei ihrer Mutter plötzlich in Ungnade
gefallen zu sein. Coyolxauhqui, eine Schwester Huitzilopochtlis,
stachelte ihre Brüder und Schwestern zum Meuchelmord an Coatlicue
auf. Doch Huitzilopochtli kam seiner Schwester zuvor. Nachdem er
seine Mutter im Inneren ihres Körpers gewarnt hatte, sprang
er plötzlich als vollbewaffneter Mann aus ihr hervor. Alsbald
erschlug er seine Sternengeschwister, köpfte seine Schwester,
und warf deren blutigen Kopf in den Himmel, woraus der Mond entstand.
Huitzilopochtli wurde von den Azteken als ein Gott verehrt, der
sie in ein gelobtes Land im Süden führen sollte. Er war
es, der sie inspirierte, das Aztekenreich zu gründen, gnadenlos
zu kämpfen, und ihre Häftlinge den Göttern zu opfern.
Im 16. Jahrhundert, zur Zeit der Eroberung des amerikanischen Kontinents, verquickten
die "Frailes" (Mönche) bei ihrer Evangelisierung indianische
mit christlichen Bräuchen. Da die Eingeborenen "ermutigt" werden
sollten, christliche Kirchenfeste anzunehmen, wurden die christlichen Feiertage
auf dasselbe Datum festgelegt, wie die indianischen Feste.
So kam es, dass Weihnachten, eine traditionell katholische Festlichkeit, zwischen
dem 7. und 26. Dezember begangen wurde. Und geschickt nutzten die "Frailes"
das Interesse der Indianer an Kunst und Kult, um das christliche Weihnachtsfest
in das rituelle Leben der Eingeborenen zu integrieren. Durch die Propagierung
des "Salvador Novo", des neuen Erlösers und die Ausnutzung der
indianischen Freude am "Heidenspektakel" hoher Dichtkunst sowie an
prunkvollem Kunsthandwerk, gelang es den "Frailes", die Eingeborenen
in der christlichen Lehre zu unterweisen. Huitzilopochtli, der Aztekengott,
wurde ersetzt durch die Geburt und die neue Lehre "unseres Herrn Jesus
Christus".
Die "neue Tradition" wurde von "Fray Diego de Soria",
einem Geistlichen des San Augustín Acolman Klosters, eingeführt.
Er hatte zuvor die Genehmigung von Papst Sixtus V. eingeholt, um
in "Nueva España", in Neu-Spanien, die "Misas
de Aguinaldo" feiern zu können. In langen Prozessionen,
großen Zeremonien, die dazu angetan waren, die Eingeborenen
zu beeindrucken, zog man mit dem "neuen Mysterium" quer
durchs Land.
Ihren Höhepunkt erreichte die "neue Festlichkeit"
mit Feuerwerk und "Piñatas", die, gemäß
aztekischer Tradition, mit einem Stock zerschlagen wurden. Eine
Piñata ist ein Tongefäß, das in einen siebenzackigen
bunten Papierstern eingewickelt ist. Dieser hängt an einer
Schnur, die an beiden Enden an einem festen Punkt befestigt ist.
Die christlichen Missionare haben das im Menschen verborgene Böse
mit dem Tongefäß einer Piñata verglichen: ähnlich
wie das Tongefäß, so die christliche Allegorie, müsse
das Böse auch im Menschen zerstört werden. Die Zacken
des Sterns symbolisierten dabei die 7 Hauptsünden, die es auszumerzen
galt: Unzucht, Völlerei, Geiz, Stolz, Neid, Zorn, Faulheit.
So musste beispielsweise ein indianischer Exekutant mit einem Stock
sowohl die Sternzacken, als auch das Tongefäß der Piñata
völlig zerstören - und dies mit verbundenen Augen, welche
die Erblindung des Glaubens symbolisierten. Damit sollte das Böse
umgehend vernichtet werden. Die niederfallende Sternenhülle
aber, sollte die Segnungen Gottes freisetzen.
Im heutigen Mexiko freilich, werden derartige Segnungen mit mancherlei
Süßigkeiten gekrönt. Einige Wochen vor Weihnachten dreschen die Kinder fröhlich mit ihren kleinen Stöcken
ganz unschuldig auf die Piñatas ein, um den bunten Sternen
allerlei Zuckergebäck zu entlocken: ein "Heidenspaß"
für sie und die ganze Familie!
Ob unser kleines Mädchen auf dem Parkplatz wohl Geld für
seine Piñata sammelte? Meine Frau und ich halten vergeblich
Ausschau, nähern uns mit dem Wagen dem Parkausgang. Wir bezahlen
die Parkgebühr. Die Schranke schnellt nach oben. Ein letzter
vergewissernder Blick in den Rückspiegel, bevor wir nach Hause
fahren. Doch unser "kleiner Engel" ist verschwunden -
so wie einst Huitzilopochtli, der sich nicht zeigte wie die anderen
Götter: bei Ausgrabungen im "Templo Mayor" wurde
nicht eine einzige figürliche Darstellung dieses Gottes gefunden
- lediglich Objekte, verweisen auf seine Existenz.
13. Dezember 1999
 
Südlich des Rio Grande
neu: Advent der Götter
von Andreas Wilmot
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