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Morgenwelt
13. Dezember 1999
 

Südlich des Rio Grande

neu: Advent der Götter

von Andreas Wilmot

Huitzilopochtli", sagte leise ein kleines Mädchen. Sie war in der Abenddämmerung aufgetaucht; zwischen Automassen auf einem Parkplatz eines gigantischen Einkaufszentrums in Mexico City, als meine Frau und ich uns anschickten, Weihnachtsgeschenke im Auto zu verstauen.

Nun stand sie nahe der Autotür, die kleine Bettlerin, und hielt uns ihre rechte Hand mit einer weißen Kerze entgegen, an der ein schwarzes Stoffsäckchen baumelte. Die Flamme brannte zuckend im Abendwind; mattes Licht erhellte die kleine Mädchengestalt. Sie fröstelte in ihrem weißgrau dünnen Kleidchen, an dem zwei winzige Engelsflügel aus Kunststoff befestigt waren. Ihre abgetragenen, vom Staub überzogenen Schuhe kündeten von einer weiten Wegstrecke.

"Huitzilopochtli", sagte erneut das kleine Mädchen. Ihre dunkelbraunen Mandelaugen durchdrangen uns dabei tief. Und um ihrer Bitte Nachdruck zu verleihen, schwenkte sie leicht das schwarze Stoffsäckchen, aus dem der Klang weniger Münzen sich in der Weite des Parkplatzes verlor.

Arm war das kleine Mädchen; und dennoch ging eine Anmut von ihr aus, die uns überwältigte. So gaben wir ihr bereitwillig eine große Münze in das schwarze Stoffsäckchen, worauf der "kleine Engel" einen Knicks vor uns machte, und trippelnd zwischen den Autos verschwand.

Hatte das Mädchen etwa die Geschichte von Huitzilopochtli gekannt, sie, die Bettlerin unter den vielen, die sich während der Adventszeit um die Gunst der besser gestellten Leute mühen? Niemand würde uns jemals eine Antwort geben. Das wussten wir, als wir uns in die wartende Autoschlange einreihten, um die Parkgebühr zu entrichten.

Doch von irgendwo musste das Wissen der Bettlerin herrühren - das Wissen über Huitzilopochtli, den Sonnen- und Kriegsgott der Aztekenmythologie, dessen "advenimiento" – Ankunft -, laut unserem heutigen Kalender, auf den Zeitraum zwischen dem 7. und 26. Dezember fällt.

Mysteriös verlief, gemäß der Überlieferung der Aztken, Coatlicues Empfängnis: Huitzilopochtlis Mutter war beim Reinemachen in einem Tempel ein Ball aus Federn auf die Brust gefallen. Ihren 400 Sternenkindern missfiel dies sehr, da sie befürchteten, bei ihrer Mutter plötzlich in Ungnade gefallen zu sein. Coyolxauhqui, eine Schwester Huitzilopochtlis, stachelte ihre Brüder und Schwestern zum Meuchelmord an Coatlicue auf. Doch Huitzilopochtli kam seiner Schwester zuvor. Nachdem er seine Mutter im Inneren ihres Körpers gewarnt hatte, sprang er plötzlich als vollbewaffneter Mann aus ihr hervor. Alsbald erschlug er seine Sternengeschwister, köpfte seine Schwester, und warf deren blutigen Kopf in den Himmel, woraus der Mond entstand.

Huitzilopochtli wurde von den Azteken als ein Gott verehrt, der sie in ein gelobtes Land im Süden führen sollte. Er war es, der sie inspirierte, das Aztekenreich zu gründen, gnadenlos zu kämpfen, und ihre Häftlinge den Göttern zu opfern.

Im 16. Jahrhundert, zur Zeit der Eroberung des amerikanischen Kontinents, verquickten die "Frailes" (Mönche) bei ihrer Evangelisierung indianische mit christlichen Bräuchen. Da die Eingeborenen "ermutigt" werden sollten, christliche Kirchenfeste anzunehmen, wurden die christlichen Feiertage auf dasselbe Datum festgelegt, wie die indianischen Feste.

So kam es, dass Weihnachten, eine traditionell katholische Festlichkeit, zwischen dem 7. und 26. Dezember begangen wurde. Und geschickt nutzten die "Frailes" das Interesse der Indianer an Kunst und Kult, um das christliche Weihnachtsfest in das rituelle Leben der Eingeborenen zu integrieren. Durch die Propagierung des "Salvador Novo", des neuen Erlösers und die Ausnutzung der indianischen Freude am "Heidenspektakel" hoher Dichtkunst sowie an prunkvollem Kunsthandwerk, gelang es den "Frailes", die Eingeborenen in der christlichen Lehre zu unterweisen. Huitzilopochtli, der Aztekengott, wurde ersetzt durch die Geburt und die neue Lehre "unseres Herrn Jesus Christus".

Die "neue Tradition" wurde von "Fray Diego de Soria", einem Geistlichen des San Augustín Acolman Klosters, eingeführt. Er hatte zuvor die Genehmigung von Papst Sixtus V. eingeholt, um in "Nueva España", in Neu-Spanien, die "Misas de Aguinaldo" feiern zu können. In langen Prozessionen, großen Zeremonien, die dazu angetan waren, die Eingeborenen zu beeindrucken, zog man mit dem "neuen Mysterium" quer durchs Land.

Ihren Höhepunkt erreichte die "neue Festlichkeit" mit Feuerwerk und "Piñatas", die, gemäß aztekischer Tradition, mit einem Stock zerschlagen wurden. Eine Piñata ist ein Tongefäß, das in einen siebenzackigen bunten Papierstern eingewickelt ist. Dieser hängt an einer Schnur, die an beiden Enden an einem festen Punkt befestigt ist.

Die christlichen Missionare haben das im Menschen verborgene Böse mit dem Tongefäß einer Piñata verglichen: ähnlich wie das Tongefäß, so die christliche Allegorie, müsse das Böse auch im Menschen zerstört werden. Die Zacken des Sterns symbolisierten dabei die 7 Hauptsünden, die es auszumerzen galt: Unzucht, Völlerei, Geiz, Stolz, Neid, Zorn, Faulheit. So musste beispielsweise ein indianischer Exekutant mit einem Stock sowohl die Sternzacken, als auch das Tongefäß der Piñata völlig zerstören - und dies mit verbundenen Augen, welche die Erblindung des Glaubens symbolisierten. Damit sollte das Böse umgehend vernichtet werden. Die niederfallende Sternenhülle aber, sollte die Segnungen Gottes freisetzen.

Im heutigen Mexiko freilich, werden derartige Segnungen mit mancherlei Süßigkeiten gekrönt. Einige Wochen vor Weihnachten dreschen die Kinder fröhlich mit ihren kleinen Stöcken ganz unschuldig auf die Piñatas ein, um den bunten Sternen allerlei Zuckergebäck zu entlocken: ein "Heidenspaß" für sie und die ganze Familie!

Ob unser kleines Mädchen auf dem Parkplatz wohl Geld für seine Piñata sammelte? Meine Frau und ich halten vergeblich Ausschau, nähern uns mit dem Wagen dem Parkausgang. Wir bezahlen die Parkgebühr. Die Schranke schnellt nach oben. Ein letzter vergewissernder Blick in den Rückspiegel, bevor wir nach Hause fahren. Doch unser "kleiner Engel" ist verschwunden - so wie einst Huitzilopochtli, der sich nicht zeigte wie die anderen Götter: bei Ausgrabungen im "Templo Mayor" wurde nicht eine einzige figürliche Darstellung dieses Gottes gefunden - lediglich Objekte, verweisen auf seine Existenz.


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