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Morgenwelt Einer
der interessantesten Prosaschriftsteller auf unserer norwegischen
Literaturbühne heißt Thomas Hylland Eriksen. Er ist Professor
der Sozialanthropologie und hat sich über mehrere aktuelle Themen
geäußert. Von seinen interessanten Beiträgen profitierten
vor allem unsere andauernden Debatten über das Zusammenleben
verschiedener ethnischer Gruppen.
Seine Homepage enthält
übrigens auch viele englische Texte. Dieses Jahr hat sich Eriksen als Romanautor versucht und ich will
darüber einige Zeilen schreiben, obwohl ich das Romanprojekt
grundsätzlich als misslungen einschätze. Aber - wie dem
auch sei: es spiegelt jedenfalls wichtige Tendenzen in Norwegen
wider, und ich sage: lieber ein halbwegs gelungener Roman über
wichtige Themen als eine perfekte Schreibübung über nichts!
Eriksens Roman trägt den Titel: "Siste dagers heldige" (Aschehoug,
1999) - zu deutsch: "Die Glücklichen der Letzten Tage". Er handelt
von einigen Norwegern, die zurechtzukommen versuchen, nachdem ihr Heimatland
wortwörtlich "ins Wasser gefallen" ist. Norwegen ist ganz plötzlich
nicht mehr da, nur Meer überall. Einige von denen, die das Glück hatten,
sich zum Zeitpunkt des Untergangs im Ausland zu befinden, sitzen jetzt in Indien
und Dänemark und sprechen miteinander. In ihren Gesprächen und Erzählungen
suchen sie auszuforschen, was sich einmal hinter Begriffen wie "Norwegen"
und "Norwegisch" verborgen hat. Der Handlungsablauf bietet also reichlich
Anlass dafür, das "typisch Norwegische" zu definieren - eine
intellektuelle Übung, die der Verfasser übrigens früher einmal
als schädlichen Sport abgestempelt hat.
Das Schwierige bei solch generellen Charakteristika besteht darin,
dass sie entweder nichtssagend und unpräzise sind, oder, dass sie durch unerträgliche Vereinfachungen schlicht falsch werden.
Es ist also kein Wunder, dass Eriksen das Romangenre wählt,
um die verborgenen Muster zu entlarven in dem bunten Gewebe, das
Norwegen ausmacht.
Ist es ihm denn nun gelungen, einen "polyphonen Ideen-Roman"
zu schreiben ? Oder hat er das geschrieben, was Knut Hamsun ein
"Also-Buch" nannte? Für diejenigen, die Eriksens schriftstellerische Tätigkeit
verfolgen, ist es leicht, die Verfassergesichtspunkte auszusortieren,
die durch wohlartikulierte Romanfiguren vermittelt werden. Das Genre
des Romans gibt dem Verfasser auch die Gelegenheit, seine Romanfiguren
als Sprachrohr für private Abneigungen und Vorurteile zu benutzen
- frei von jeder Selbstdisziplin, die zu einer akademischer Sachprosa
gehören würde.
Eriksen ist auch ein bisschen witzig. Aber vor allem will er seine
moralischen Thesen belegen, statt eine soziale Wirklichkeit auszuforschen.
Der Verfasser hat eben nicht die Möglichkeiten des Romangenres
ausgeschöpft, die in Ambivalenz, Mehrdeutigkeit und Polyphonie
bestehen. Und ich kann es wirklich nicht leiden, wenn ein Roman mit Finten
und leicht erkennbaren Schmähporträts gepökelt ist,
weil dann jede mögliche Kritik am Verfasser bequem als fehlendes
Verständnis für die Unterscheidung zwischen Autor und
Romanfiguren ausgelegt werden kann. Der Verfasser sollte dann lieber
sein Maul halten, Wein trinken und den Garten pflegen!
Was ist die Botschaft des Romans ? Es geht um eine Pauschalabrechnung
mit allem, was Eriksen an Norwegen nicht leiden kann. Wir sind verwöhnte
Quengelkinder ohne nennenswertes Interesse für die Welt außerhalb
unserer heimischen Türschwelle. Dass wir so sind, ist kein
Wunder, werden wir doch von den Medien betäubt, die nicht einmal
versuchen, wichtige Ereignisse und Geplapper voneinander zu trennen.
Der Sport ist unsere gemeinsame Religion. Sport und Patriotismus
gehen eine Verbindung ein, die uns gegen jede unangenehme Wirklichkeit
außerhalb unseres heimischen Brutkastens effektiv schützt. Wir verschwenden Geld in mancherlei Beziehung. Gleichzeitig ist
es schwer, Gehör zu finden, wenn es um den Wert von Schönheit,
Können und Erkenntnis geht - jedenfalls dann, wenn es Geld
kostet. Jede geistige Forderung (das klingt schon ziemlich altbacken,
nicht wahr?) an Form oder Stringenz wird von einem selbstzufriedenen Populismus abgelehnt, der jede Anstrengung scheut. Unsere Universität
ist in diesem Bereich keine Ausnahme.
Nur soweit - um bloß einen kleinen Teil der angesprochenen
Themen zu nennen! Der Roman ist lang. Im Großen und Ganzen
bin ich mit dem Verfasser einverstanden - ja, das bin ich wirklich!
Aber diese Kritik ist dermaßen undifferenziert und mit sozialer
Verachtung gemischt, dass sie mich sogar zu einem leidenschaftlichen
Plädoyer für Boulevardzeitungen und betrunkene Norweger
in den Pauschalferien verleiten könnte.
Es ist ja nicht nur der Hinterwäldler, der sich absolut sicher
ist, alles zu kennen, was kennenswert ist, und der alles außerhalb
seiner kleinen Welt als doof oder unzivilisiert abweist. Genau dasselbe
tut der Snob. Wir sind alle unwissend, wenn auch auf verschiedenen
Gebieten. Fast jeder Mensch kann uns etwas Neues beibringen.
Der Autor Eriksen moralisiert streng auch über Dinge, die
er nicht selbst kennt und die er deswegen nur als Zerrbilder von
außen gestalten vermag. Er ist erstaunlich wenig originell.
Sein Buch nimmt sich aus wie ein Katalog der bei der Redenden Klasse
beliebten Klischees.
Es ist weder "gewagt" noch "kritisch", den
volkstümlichen Geschmack zu verachten. Es ist zur großen
Mode geworden. Momentan wimmelt es von diesen Ausnahmemenschen,
die gerne zeigen möchten, dass sie um Gottes Willen nicht mit
den vulgären Heinzelmännchen verwechselt werden wollen,
die unser "Kartoffelland" bevölkern.
Viele urbane Großkonsumenten von Flugbrennstoff winden sich vor Scham,
wenn sie mit unserem sportfanatischen nationalistischen Gesindel in einen Topf
geworfen werden. Ihr Respekt für die indische Dorfkultur verhält sich
proportional zu ihrer Verachtung und ihrem Nichtwissen über die norwegischen
Bewohner an der Peripherie und die "primitiven Typen" aus dem East
End unserer Städte.
Provinzialismus ist keine Frage der Geographie. Es ist für gut ausgebildete Norweger durchaus möglich, als unwissende
"bloody tourists" in ihrem eigenen Lande zu leben. Aber
einige von ihnen schaffen es, ihre eigenen Bildungslücken als
die gesunde Fähigkeit auszugeben, das Unwesentliche auszuschalten.
Verfasser Eriksen hat aber selbst einmal an anderer Stelle behauptet:
"Es muss gefordert werden, dass man jedes fremdartige kulturelle Phänomen zu verstehen versucht, bevor man es kritisiert. Sonst
macht man Kardinalfehler Nummer eins des Antiintellektualismus:
Man versucht die Welt zu verändern, ohne sie verstanden zu
haben. "
Diese Ansicht resümiert im Grunde meine Kritik an diesem Buch.
Eriksens Roman erklärt viele Phänomene, in dem er sie
zu negativen Zügen der Eingeborenen reduziert. Folgt man dem
Autor, so gibt es in einigen norwegischen Städten schwache
Ansätze zu einer europäischen Zivilisation.
Der Rest der Bevölkerung besteht aus amerikanisierten "hillbillys"
mit schlechter Musik und falschen Geschmackspräferenzen. Diese
Ansicht ist ein dramatischer Rückschritt im Vergleich zu Eriksens
früherem Präzisions-Niveau. In den 70er Jahren hoben viele
Leute die Banalität auf ein Podest und lehnten alles, was ein
wenig intellektuelle Anstrengung erforderte, als "bürgerliche
Feinkultur" ab. Aber Eriksen verfällt nun in das Gegenteil.
Spätestens dann wird's ein bisschen peinlich - Adel verpflichtet!
- wenn er beim Klageruf über den Mangel an Fingerspitzengefühl
nicht einmal das Wort richtig buchstabieren kann.
Die Verzweiflung über die heutige Lage ist durchaus ehrlich
und nicht grundlos. Was mich ein wenig wieder mit dem Buch versöhnt,
ist gerade die zum Ausdruck gebrachte Seriosität und das Wissen
in den vielen Mini- Essays des Romans. Es sind viele kluge Beobachtungen
darin. Einige Erzählungen haben Tiefenschärfe und werden
dadurch zu mehr, als zu bloßen plakativen Meinungsäußerungen.
Aber insgesamt ist das Projekt ein bisschen in die Schieflage
geraten. Die Konstruiertheit der Romanfiguren ist allzu deutlich
sichtbar. Offenbar traut Eriksen dem Leser nicht zu, eigene Schlussfolgerungen
zu ziehen. Seine Stärken hat Thomas Hylland Eriksen nach wie vor als Prosaist
- als einer der besten in "diesem, unserem schönen Lande".
29. November 1999
 
Post vom Vestfjord
neu: Von oben herab
von Ivar Bakke
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