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Morgenwelt
22. November 1999
 

Neues aus Lusitanien

neu: Neuer Glanz am Rio Douro

von Torge Löding

Portugal ist Lissabon, der Rest ist Landschaft". - Dieser arrogante Ausspruch der Lissabonner barg viele Jahre lang einen Funken Wahrheit in sich. Portugal war von Lissabon aus stets zentralistisch organisiert. Außerhalb der Weißen Stadt fand sich wenig kulturell Aufregendes.

Porto - mit gut einer halben Million Einwohner die zweitgrößte Stadt des Landes - war bekannt für den hier gekelterten Dessertwein. In jeder anderen Hinsicht dämmerte es dahin im kulturellen Dornröschenschlaf, sanft bedeckt vom Schatten der laengst zur Metropole herangewachsenen Stadt Lissabon.

Spätestens seit Anfang dieses Jahres hat sich das allerdings radikal geändert: Die Stadt am Rio Douro mausert sich zum Kulturmekka Südeuropas und wird den Besuchern der Kulturhauptstadt Europas 2001 mit einer ganzen Reihe von Überraschungen aufwarten.

Bereits im Sommer eröffnete das "Serralves-Museum für Moderne Kunst": eine Einrichtung, die sich anschickt, dem Guggenheim-Museum in Bilbao den Rang abzulaufen. Einem urbanen Unterseeboot gleich erhebt sich der klotzige Neubau von Portugals Stararchitekt Siza Vieira aus dem grünen Boden des Serralves-Parkes im Herzen der Stadt.

Der Siza-Bau steht im Kontrast zur brillanten 30iger- Jahre Art-Decó-Architektur der Gartenanlage und des Serralves-Masón aus derselben Epoche.

Aber auch vom exzentrisch gestalteten Guggenheim-Museum in Bilbao setzt sich der strahlend weiße Neubau deutlich ab. Er besticht durch einfache, starke Linien, wirkt von außen an allen Seiten allerdings eher wie eine Hinterfront. Die Planung von Architekt Siza, der seinen Gebäuden stets einen Hauch von Tristesse verleiht, ermöglichte die Schaffung flexibler Räume, die den Raum-Erfordernissen insbesondere der Kunst nach 1960 häufig entsprechen.

Lohnend ist auch die ständige Sammlung: Sie umfasst Werke von portugiesischen und internationalen Künstlern, die sich in die Zeitepochen angefangen von den späten 60iger Jahren bis hin in die Gegenwart einordnen lassen. Neben Andy Warhols "Silverclouds" finden sich hier Arbeiten, wie etwa Gerhard Richters "Schattenbild".

Mit dem nationalen Fotoinstitut öffnete wenige Monate zuvor bereits ein anderes bedeutendes Museum seine Türen. Die avantgardistische Fotokunst, die hier gezeigt wird, hat einen morbiden Charme: Man betrachtet sie im ehemaligen Folterkeller eines Zuchthauses.

Zum kulturellen Leben gehört aber mehr, als ein neues Museum. Die freie Künstlerszene hält Schritt:

In nur wenigen Monaten gelang es Künstlern und Galeristen, aus der plüschigen "Rua Miguel Bombarda" im Zentrum der Stadt eine für Portugal ungewöhnliche Bummelmeile zu erschaffen: Eine Galerie reiht sich hier an die nächste. Künstlercafés im Stile von Londons Camden Town laden zu gemütlichem Plausch.

Nicht ganz unumstritten ist allerdings die Gigantomanie, mit der die politisch Verantwortlichen Porto nun noch weiter zur "Kulturhauptstadt 2001" aufmotzen wollen:

Die "Rua Miguel Bombarda" soll nicht nur verkehrsberuhigt, sondern auch gläsern überdacht werden. Und ein kristallener Musikpalast aus der Feder des niederländischen Architekten Rem Koolhaas soll der Stadt die Krone aufsetzen. Ob dieses "außerirdische Flugobjekt" im kommenden Jahr allerdings tatsächlich in Porto landen kann, ist bislang unklar.

Fotos: Luis Ferreira Alves


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