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Morgenwelt Das
digitale Fernsehen rast in eine neue Dimension und Leo Kirch reibt
sich vielleicht schon klammheimlich die Hände vor Freude.
Während die Werbeverantwortlichen von Kanälen wie Premiere
World noch davon schwärmen, dass es dank der modernen Übertragungstechnik
möglich sei, Ereignisse, wie die Rennen von Schumis verpatzter
Formel1-Saison aus verschiedenen Kamerapositionen zu erleben, denken
wirkliche TV-Visionäre schon in ganz anderen Kategorien.
Anlass dazu könnte sein, was US-Forschern kürzlich erstmals
gelang. An der University of California in Berkeley haben
Wissenschaftler 177 Elektroden direkt an die Gehirnzellen einer Katze angeschlossen und zwar dort, wo die elektrischen Signale des
Sehnervs ankommen. Mit Hilfe eines Computerprogramms gelang es,
die eintreffenden Informationen in grobkörnige Bilder zu verwandeln,
die schemenhaft einen Zweig im Walde und ein Gesicht erkennen ließen.
Doch die schlechte Qualität der Bilder störte die Forscher
nicht, denn immerhin war ihnen gelungen, wovon selbst Dr.Frankenstein nicht zu träumen wagte: Die Bilder spiegelten die Verarbeitungs-Ergebnisse
dessen wider, was die Katze über ihre Auge wahrgenommen hatte.
Was für ein Traum! In Zukunft werden wir - statt durch das
Auge einer Kamera - durch das Auge einer Katze, einer Ratte oder
vielleicht eines Menschen filmen. Ich sehe schon die Kirchs und Murdochs dieses Planeten in ihren Büros aufgeregt an der schönen und endlich wirklich neuen
Welt des Fernsehens basteln. Schumi bekommt einen kleinen Chip ins Gehirn gepflanzt und der Formel
1-Fan hat endlich wirklich den Durchblick, was auf der Piste geschieht.
Zugegeben: wir müssen wohl noch etwas warten, bis es zu den
qualitativ wirklich hochwertigen Bilder aus dem Kopf kommt. Ein
menschliches Auge hat mehr als 100 Millionen Sehzellen. Dagegen
nehmen sich die von den Berkeley-Forschern bei der Katze erfassten
177 recht mager aus. Zudem dürften uns manch ethische Skrupel
zu schaffen machen, die es eben doch nicht so ohne weiteres erlauben,
dass die menschliche Schädeldecke "einfach 'mal so"
zwecks Einbau einer Messsonde geöffnet wird.
Aber das sind wirklich nur Kleinigkeiten, die einen wirklichen Visionär kaum berühren dürften. Der denkt lieber
gleich noch ein paar Schritte weiter. Diese direkt installierten
Einbauten im Gehirn könnten ja nicht nur als Übertragungsmedien
à la Kamera genutzt werden - als gewissermaßen versteckte
Kamera - sondern auch als Erleichterung für Drehbuchautoren,
die ihre bildhaften Vorstellungen per Gehirnakobatik in bewegte
Bilder umsetzen - oder als Gottesgeschenk für Kriminalkommissare,
die dann ganz einfach die Bilderspuren im Hirn der Mordverdächtigen
anzapfen.
Oder, noch besser: Wenn sich Bilder aus dem Hirn auf den Bildschirm
zaubern lassen, dann müsste das Ganze doch auch umgekehrt funktionieren.
Statt immer neue und größere Fernsehgeräte zu bauen,
lassen wir uns den Chip von Premiere World ins Gehirn einpflanzen.
Welch gruselige Vorstellung: Leo Kirch direkt unter der Schädeldecke!!
8. November 1999
 
Wir Medienmacher
von
Holger Hogelücht
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