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Morgenwelt
8. November 1999
 

Wir Medienmacher

von

Holger Hogelücht

Das digitale Fernsehen rast in eine neue Dimension und Leo Kirch reibt sich vielleicht schon klammheimlich die Hände vor Freude.

Während die Werbeverantwortlichen von Kanälen wie Premiere World noch davon schwärmen, dass es dank der modernen Übertragungstechnik möglich sei, Ereignisse, wie die Rennen von Schumis verpatzter Formel1-Saison aus verschiedenen Kamerapositionen zu erleben, denken wirkliche TV-Visionäre schon in ganz anderen Kategorien.

Anlass dazu könnte sein, was US-Forschern kürzlich erstmals gelang. An der University of California in Berkeley haben Wissenschaftler 177 Elektroden direkt an die Gehirnzellen einer Katze angeschlossen und zwar dort, wo die elektrischen Signale des Sehnervs ankommen. Mit Hilfe eines Computerprogramms gelang es, die eintreffenden Informationen in grobkörnige Bilder zu verwandeln, die schemenhaft einen Zweig im Walde und ein Gesicht erkennen ließen. Doch die schlechte Qualität der Bilder störte die Forscher nicht, denn immerhin war ihnen gelungen, wovon selbst Dr.Frankenstein nicht zu träumen wagte: Die Bilder spiegelten die Verarbeitungs-Ergebnisse dessen wider, was die Katze über ihre Auge wahrgenommen hatte.

 

Was für ein Traum! In Zukunft werden wir - statt durch das Auge einer Kamera - durch das Auge einer Katze, einer Ratte oder vielleicht eines Menschen filmen. Ich sehe schon die Kirchs und Murdochs dieses Planeten in ihren Büros aufgeregt an der schönen und endlich wirklich neuen Welt des Fernsehens basteln. Schumi bekommt einen kleinen Chip ins Gehirn gepflanzt und der Formel 1-Fan hat endlich wirklich den Durchblick, was auf der Piste geschieht.

Zugegeben: wir müssen wohl noch etwas warten, bis es zu den qualitativ wirklich hochwertigen Bilder aus dem Kopf kommt. Ein menschliches Auge hat mehr als 100 Millionen Sehzellen. Dagegen nehmen sich die von den Berkeley-Forschern bei der Katze erfassten 177 recht mager aus. Zudem dürften uns manch ethische Skrupel zu schaffen machen, die es eben doch nicht so ohne weiteres erlauben, dass die menschliche Schädeldecke "einfach 'mal so" zwecks Einbau einer Messsonde geöffnet wird.

Aber das sind wirklich nur Kleinigkeiten, die einen wirklichen Visionär kaum berühren dürften. Der denkt lieber gleich noch ein paar Schritte weiter. Diese direkt installierten Einbauten im Gehirn könnten ja nicht nur als Übertragungsmedien à la Kamera genutzt werden - als gewissermaßen versteckte Kamera - sondern auch als Erleichterung für Drehbuchautoren, die ihre bildhaften Vorstellungen per Gehirnakobatik in bewegte Bilder umsetzen - oder als Gottesgeschenk für Kriminalkommissare, die dann ganz einfach die Bilderspuren im Hirn der Mordverdächtigen anzapfen.

Oder, noch besser: Wenn sich Bilder aus dem Hirn auf den Bildschirm zaubern lassen, dann müsste das Ganze doch auch umgekehrt funktionieren. Statt immer neue und größere Fernsehgeräte zu bauen, lassen wir uns den Chip von Premiere World ins Gehirn einpflanzen.

Welch gruselige Vorstellung: Leo Kirch direkt unter der Schädeldecke!!


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