Dies ist ein Beitrag aus dem Morgenwelt-Archiv in Druckversion. Zur aktuellen Ausgabe kommen Sie hier: www.morgenwelt.de!

Morgenwelt
1. November 1999
 

Notizen von jenseits der Oder

Neu: Oj(Eu)ropa!

von Marek Trenkler

Es klingelt an der Tür: der Briefträger. Ein Mann über 50, elegant gekleidet... seltsam, den habe ich hier noch nie gesehen. "Einschreiben für Sie!". Im Klartext: schon wieder eine Rechnung. Ich frage den modisch gewandeten Herrn, ob er auch Normalpost für mich habe. "Nein, leider nicht, die kommt morgen, wir haben heute sooo viele Einschreiben... Aber morgen kommt mein Kollege mit Normalpost, darauf können Sie Gift nehmen!" Ich erinnere mich an die guten, alten Zeiten, wo man nur einmal im Monat eine Rechnung ins eigene Postfach bekam, und zwar nur dann, wenn man das seltene Glück hatte, zu Hause einen Telefonanschluss zu besitzen. Und heute? Auch wenn man in Polen so gut wie keine Briefe mehr schreibt, hat die Post jede Menge Arbeit: Rechnungen und Kontoauszüge. Kein Wunder: wir sind schließlich mitten in Europa. Rechnungen muss man bezahlen. Ich steige also ins Auto und fahre zur Bank. Meine Bankfiliale befindet sich direkt im Stadtzentrum. Parkplätze in der Nähe gibt es also so gut wie keine. Aber aus den guten alten Zeiten verfüge ich immer noch über einen Schlüssel, der mir die Einfahrt auf einen Hinterhof ermöglicht. Ich komme an und... mache ganz große Augen: keine Chance! Lastwagen, Bagger, irgendwelche Rohre liegen überall herum - alles durcheinander. "Weg da! Die Einfahrt muss frei bleiben, hier wird gearbeitet!", brüllt mich ein Lkw-Fahrer an.

Ich kehre um und fahre zu einem mir bekannten "Ersatz-Hinterhof", dicht am Ring. Da konnte ich bisher immer die erforderlichen paar Quadratmeter finden. Ich komme an und... nein, das gibt's doch nicht: hier sieht es genauso aus wie dort, wo ich vorher war: alles durchwühlt. Tja, Europa hat der Stadt Breslau Kredite gegeben, und so renoviert die Stadt, was das Zeug nur hält: alles auf einmal, denn das Geld muss sofort eingesetzt werden. Und da die nun verdrängten Autos fast aufeinander geparkt werden, spazieren die schwarz gekleideten Hilfspolizisten vom Ordnungsamt zwischen den Blechmassen umher und verteilen reichlich Strafzettel. An Wegfahrtsperren sparen sie auch nicht. Wenn es so weiter geht, braucht Breslau bald keine Kredite mehr: die Stadt finanziert dann alles mit Strafzetteln.

Einen bezahlten, unbewachten Parkplatz finde ich ca. 1,5 Kilometer weiter entfernt. Ich lasse mein Auto dort stehen und laufe zur Bank. Am Banktresen steht eine Frau und fragt verzweifelt, warum der Geldautomat nicht funktioniert. Da bin ich aber froh: von dieser Bank habe ich kein Plastikgeld, nur Schecks. Für meine Schadenfreude werde ich aber prompt bestraft: "So leid es mir auch tut: wir können nur die Überweisungen erledigen, Bargeld zahlen wir heute nicht aus. Sehen Sie: unser Netz ist gerade ausgefallen!". Ich erkläre der netten Frau, dass es mich nichts angeht und dass es sich schließlich um mein Geld handelt. Übrigens: was hat denn das verdammte Netz mit meinem Scheck zu tun? "Ganz einfach: bei uns läuft alles online, und ohne Verbindung können wir nicht einmal prüfen, ob Sie genügend Geld auf Ihrem Konto haben", erfahre ich von der Filialleiterin. "Hahaha! Und das am Ende des 20. Jahrhunderts, mitten in Europa!", grinst ein weiterer Kunde, der soeben hereingekommen ist.

Meine Verhandlungskunst zeitigt aber schließlich Erfolg: irgendwie klappt es - trotz des ausgefallenen Netzes. Alles ist erledigt und so laufe ich wieder zum Auto, um zurückzufahren. Und dann das Übliche: Surfen, Mailen, Tippen, Faxen, Telefonieren... Im Radio spielt leise die Musik. Ich höre immer ein und denselben privaten Lokalsender, denn da läuft genau die Musik, die ich mag.

Aber alle 15 Minuten gibt es Werbung: immer wieder dieselben Texte. "Deutsche Qualität, niedrige Preise", höre ich zum hundersten Mal. Aber nicht nur das erinnert mich an Europa: jede volle Stunde gibt es in diesem Breslauer Privatsender nämlich Nachrichten von... BBC. Aus Warschau, aber immerhin. Und, was höre ich da? Das Parlament arbeitet gerade am Gesetz zum Schutz der Urheberrechte. Die Schutzperiode für künstlerische Werke und sonstiges "intellektuelles Eigentum" wird von 25 auf 50 Jahre verlängert. "Das will Europa von uns!", erklärt einer der Abgeordneten. Na, prima. Denn das bedeutet: Oldies - ade! Musikkassetten und CD-Platten mit Oldie-Aufnahmen werden jetzt wahrscheinlich doppelt so teuer wie bisher. Wer wird davon profitieren? Europa, Amerika und vor allem die... Piraten, wie man in Polen die Hersteller und Verkäufer von Schwarzkopien nennt.

Und so geht es bis zum Abend. Ich sehe dann ein bisschen fern, auch europäisch, denn die SAT-Schüssel rettet mich vor dem langweiligen Angebot polnischer Fernsehsender. Es läuft gerade meine geliebte Comedy-Sendung bei RTL. Und was sehe ich plötzlich? Einen Mann, der bayerisch spricht, der aber türkisch heißt und ebenso aussieht, und der gerade ...einen Polenwitz erzählt. Also, das hat mir noch gefehlt! Aber was soll's - schließlich leben wir in Europa.

Spät in der Nacht lese ich noch in der Zeitung über den wohl letzten polnischen Kriegsheimkehrer. Im Jahre 1943 wurde er Zwangsarbeiter und schuftete dann irgendwo bei Nürnberg. Nach dem Krieg entschloss er sich dennoch, in Deutschland zu bleiben. Er hat gejobbt, mal hier, mal da, bis er aber endlich verhaftet und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Er soll jemanden getötet haben, was er aber nicht zugibt. Doch aus Gründen, die nur ihm selbst bekannt sind, hat er niemals die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt. Als seine Strafzeit zu Ende war, wurde er also sofort wieder festgenommen und... nach Polen abgeschoben. Zum Glück hat der 71jährige, kranke Mann hier einen Bruder, bei dem er nun wohnen kann. In Deutschland hat er kein Aufenthaltsrecht - er ist ja nach wie vor polnischer Staatsbürger und gehört somit nicht nach Europa.

- Genauso wie ich selbst. Mit etwas Glück ändert das sich aber eines Tages für uns beide. Um das zu genießen oder zu verfluchen, ist es für ihn dann wohl schon zu spät. Und für mich? Was weiß ich schon? Das wird sich noch herausstellen...


© 1999, www.morgenwelt.de, Hamburg, Deutschland