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Morgenwelt Es
klingelt an der Tür: der Briefträger. Ein Mann über
50, elegant gekleidet... seltsam, den habe ich hier noch nie gesehen.
"Einschreiben für Sie!". Im Klartext: schon wieder
eine Rechnung. Ich frage den modisch gewandeten Herrn, ob er auch
Normalpost für mich habe. "Nein, leider nicht, die kommt
morgen, wir haben heute sooo viele Einschreiben... Aber morgen kommt
mein Kollege mit Normalpost, darauf können Sie Gift nehmen!"
Ich erinnere mich an die guten, alten Zeiten, wo man nur einmal im
Monat eine Rechnung ins eigene Postfach bekam, und zwar nur dann,
wenn man das seltene Glück hatte, zu Hause einen Telefonanschluss
zu besitzen. Und heute? Auch wenn man in Polen so gut wie keine Briefe
mehr schreibt, hat die Post jede Menge Arbeit: Rechnungen und Kontoauszüge.
Kein Wunder: wir sind schließlich mitten in Europa. Rechnungen muss man bezahlen. Ich steige also ins Auto und fahre zur
Bank. Meine Bankfiliale befindet sich direkt im Stadtzentrum. Parkplätze
in der Nähe gibt es also so gut wie keine. Aber aus den guten
alten Zeiten verfüge ich immer noch über einen Schlüssel,
der mir die Einfahrt auf einen Hinterhof ermöglicht. Ich komme
an und... mache ganz große Augen: keine Chance! Lastwagen, Bagger,
irgendwelche Rohre liegen überall herum - alles durcheinander.
"Weg da! Die Einfahrt muss frei bleiben, hier wird gearbeitet!",
brüllt mich ein Lkw-Fahrer an.
Ich kehre um und fahre zu einem mir bekannten "Ersatz-Hinterhof",
dicht am Ring. Da konnte ich bisher immer die erforderlichen paar
Quadratmeter finden. Ich komme an und... nein, das gibt's doch nicht:
hier sieht es genauso aus wie dort, wo ich vorher war: alles durchwühlt.
Tja, Europa hat der Stadt Breslau Kredite gegeben, und so renoviert
die Stadt, was das Zeug nur hält: alles auf einmal, denn das
Geld muss sofort eingesetzt werden. Und da die nun verdrängten
Autos fast aufeinander geparkt werden, spazieren die schwarz gekleideten
Hilfspolizisten vom Ordnungsamt zwischen den Blechmassen umher und
verteilen reichlich Strafzettel. An Wegfahrtsperren sparen sie auch
nicht. Wenn es so weiter geht, braucht Breslau bald keine Kredite
mehr: die Stadt finanziert dann alles mit Strafzetteln.
Einen bezahlten, unbewachten Parkplatz finde ich ca. 1,5 Kilometer
weiter entfernt. Ich lasse mein Auto dort stehen und laufe zur Bank.
Am Banktresen steht eine Frau und fragt verzweifelt, warum der Geldautomat
nicht funktioniert. Da bin ich aber froh: von dieser Bank habe ich
kein Plastikgeld, nur Schecks. Für meine Schadenfreude werde
ich aber prompt bestraft: "So leid es mir auch tut: wir können
nur die Überweisungen erledigen, Bargeld zahlen wir heute nicht
aus. Sehen Sie: unser Netz ist gerade ausgefallen!". Ich erkläre
der netten Frau, dass es mich nichts angeht und dass es sich schließlich
um mein Geld handelt. Übrigens: was hat denn das verdammte
Netz mit meinem Scheck zu tun? "Ganz einfach: bei uns läuft
alles online, und ohne Verbindung können wir nicht einmal prüfen,
ob Sie genügend Geld auf Ihrem Konto haben", erfahre ich von der Filialleiterin. "Hahaha! Und das am Ende des 20. Jahrhunderts,
mitten in Europa!", grinst ein weiterer Kunde, der soeben hereingekommen
ist.
Meine Verhandlungskunst zeitigt aber schließlich Erfolg:
irgendwie klappt es - trotz des ausgefallenen Netzes. Alles ist
erledigt und so laufe ich wieder zum Auto, um zurückzufahren.
Und dann das Übliche: Surfen, Mailen, Tippen, Faxen, Telefonieren...
Im Radio spielt leise die Musik. Ich höre immer ein und denselben
privaten Lokalsender, denn da läuft genau die Musik, die ich
mag.
Aber alle 15 Minuten gibt es Werbung: immer wieder dieselben Texte.
"Deutsche Qualität, niedrige Preise", höre ich
zum hundersten Mal. Aber nicht nur das erinnert mich an Europa:
jede volle Stunde gibt es in diesem Breslauer Privatsender nämlich
Nachrichten von... BBC. Aus Warschau, aber immerhin. Und, was höre
ich da? Das Parlament arbeitet gerade am Gesetz zum Schutz der Urheberrechte.
Die Schutzperiode für künstlerische Werke und sonstiges
"intellektuelles Eigentum" wird von 25 auf 50 Jahre verlängert.
"Das will Europa von uns!", erklärt einer der Abgeordneten.
Na, prima. Denn das bedeutet: Oldies - ade! Musikkassetten und CD-Platten
mit Oldie-Aufnahmen werden jetzt wahrscheinlich doppelt so teuer
wie bisher. Wer wird davon profitieren? Europa, Amerika und vor
allem die... Piraten, wie man in Polen die Hersteller und Verkäufer
von Schwarzkopien nennt.
Und so geht es bis zum Abend. Ich sehe dann ein bisschen fern,
auch europäisch, denn die SAT-Schüssel rettet mich vor
dem langweiligen Angebot polnischer Fernsehsender. Es läuft
gerade meine geliebte Comedy-Sendung bei RTL. Und was sehe ich plötzlich?
Einen Mann, der bayerisch spricht, der aber türkisch heißt
und ebenso aussieht, und der gerade ...einen Polenwitz erzählt.
Also, das hat mir noch gefehlt! Aber was soll's - schließlich
leben wir in Europa.
Spät in der Nacht lese ich noch in der Zeitung über den wohl letzten polnischen Kriegsheimkehrer. Im Jahre 1943 wurde er
Zwangsarbeiter und schuftete dann irgendwo bei Nürnberg. Nach
dem Krieg entschloss er sich dennoch, in Deutschland zu bleiben.
Er hat gejobbt, mal hier, mal da, bis er aber endlich verhaftet
und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Er soll jemanden
getötet haben, was er aber nicht zugibt. Doch aus Gründen,
die nur ihm selbst bekannt sind, hat er niemals die deutsche Staatsangehörigkeit
beantragt. Als seine Strafzeit zu Ende war, wurde er also sofort
wieder festgenommen und... nach Polen abgeschoben. Zum Glück
hat der 71jährige, kranke Mann hier einen Bruder, bei dem er
nun wohnen kann. In Deutschland hat er kein Aufenthaltsrecht - er
ist ja nach wie vor polnischer Staatsbürger und gehört
somit nicht nach Europa.
- Genauso wie ich selbst. Mit etwas Glück ändert das
sich aber eines Tages für uns beide. Um das zu genießen
oder zu verfluchen, ist es für ihn dann wohl schon zu spät.
Und für mich? Was weiß ich schon? Das wird sich noch
herausstellen...
1. November 1999
 
Notizen von jenseits der Oder
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von Marek Trenkler
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