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Morgenwelt Eigentlich sollte das im Jahre 1841 entstandene Gebäude nicht
so alt werden: 1936, als die Stadt noch deutsch war, wollte es man
abreissen und neu bauen. Aber das ehemalige Stadttheater zu Breslau,
das heutige Opernhaus, steht nach wie vor und wird gründlich
saniert.
Dafür sind die Polen auch weltbekannt: sie haben ja Warschau,
Danzig, Breslau und viele andere Städte, die im 2. Weltkrieg
total zerstört wurden, praktisch neu gebaut. "Neue Altstädte"
gehören zu den polnischen Spezialitäten.
"Es lohnt sich nicht: nach dem nächsten Brand muss das
hier weg", meinten die Deutschen vor 63 Jahren und sie hatten
auch - wenigstens im wirtschaftlichen Sinne - völlig Recht.
Insbesondere in einem nach wie vor armen Staat wie Polen, wo es
an staatlichen Geldern für alles mangelt, gibt man riesige
Summen aus für die Sanierung von historischen Gebäuden.
Im Jahre 2001 soll auf der Opernbühne in Breslau wieder gesungen
werden, und bis dahin braucht man für die notwendigen Arbeiten
mindestens ca. 45 Mio. Mark. Der Staat steuert zwar viel weniger
bei, aber immer noch hofft man auf ausländische Unterstützung.
Schließlich gehört auch Breslau zu Europa.
Und da ist auch viel Ehrgeiz im Spiel - vor allem bei den am Liberalismus
orientierten Lokalbehörden, die gerne all das unterstützen,
was den Eliten dient, wo man sich sehen lassen und andere VIP-s
treffen kann. Ob Oper, Pferderennbahn oder internationaler Flughafen - für Einrichtungen dieser Art suchen sie am eifrigsten nach
finanziellen Mitteln.
Ehrgeizig sind auch die Breslauer. "Na klar, in einer Stadt
wie der unseren, in einer Woiwodschaft wie der unseren, muss es
ja ein prächtiges Opernhaus geben!" - Das bekommt man
bei jeder Umfrage zu hören. Stolz sind auch viele Breslauer
auf ihre Vorzeigestadt, auf den wunderschönen schlesischen Ring, den Schlossplatz (heute Salzplatz genannt), die in den letzten
Jahren, - eindeutig in ursächlichem Zusammenhang mit dem vorletzten
Papstbesuch in Polen -, mit unheimlich viel Aufwand, aber auch unheimlich
schön renoviert wurden. Die Vorzeigestadt, die eigentliche
Altstadt also, kann allemal neben den anderen Altstädten Europas
bestehen!
Dies vermittelt aber leider nur der äußere Eindruck.
Denn am Ring und in seiner Nähe gibt es beileibe nicht nur
teure Läden, Hotels und Restaurants. Es wohnen dort auch Menschen
- und, da es Kommunalwohnungen sind, zumeist alte und arme Menschen.
Und wenn sich ein Tourist einmal in solch ein altertümliches
Häuschen hineintraut, dann steigen ihm bereits im Treppenhaus
die Haare zu Berge. Drinnen sieht es nämlich nicht selten so aus, als hätte man dort seit 1945 keinen Anstreicher mehr gesehen.
Auch viele Wohnungen befinden sich in einem erbärmlichen Zustand
- und dies alles in der Vorzeigestadt.
Fährt man aber ein wenig weiter weg vom Stadtzentrum, kann
man an manchen Tagen sogar SS-Leute und Wehrmachtsoldaten treffen.
Hie und da rollt ein Panzer, es knallt und blitzt... Natürlich
sind es keine echten Soldaten: Breslau ist nämlich ein Eldorado
für Filmleute, denn nur hier kann man noch ganze Strassenzüge
finden, in denen man Filmszenen drehen kann, die beispielsweise
im Berlin von 1945 spielen, ohne dass man irgendein Szenenbild dazu
bauen zu müssste. Hier sieht es genauso aus, wie vor mehr als
50 Jahren: dunkel und düster, mit Ruinen und Fassaden, die
von Gewehrkugeln durchlöchert sind. Vor kurzem waren sogar
Japaner da, die in einer solchen Gasse Szenen für ein Computerkriegsspiel
(!) drehten. Für nur 2500 Mark durften sie die Straße
ein paar Tage lang ganz und gar für sich alleine behalten...
Und es gibt auch Tausende von Menschen in Breslau, die praktisch
jeden Tag und jede Nacht um ihr Leben bangen. Sie wohnen in sanierungsbedürftigen
Häusern, die um die Jahrhundertwende erbaut und seitdem so
gut wie gar nicht renoviert wurden. Ein beträchtlicher Teil
davon, stand im Sommer 1997 im Wasser, als die "Flut des Jahrtausends"
in Breslau tobte. Trotz der Einsturzgefahr kann man die Menschen
nicht evakuieren - wohin denn auch? Im "freien" Polen
baut man ja praktisch keine Kommunalwohnungen mehr, und eine Wohnung
auf dem freien Markt zu kaufen ist für den durchschnittlichen
Polen genauso exotisch, wie eine Mondfahrt.
Schlimmer noch: Breslau hat keine Ringstraße, und so fahren
jeden Tag Tausende von Lastwagen mitten durch die Stadt in alle
möglichen Richtungen. Wenn so ein "TIR" nachts mit
80 km/h über eine leere, alte Straße fährt, erzittert
in den Wohnungen so ziemlich alles. Es zittern vor allem die Bewohner:
sie wissen nämlich nicht, ob ihre Häuser sofort oder erst
später in sich zusammenbrechen. Derartige Vorfälle gab
es bereits, zum Glück ohne Todesopfer.
Mittlerweile streiten sich die VIPs, ob man auf dem Ring einen
ultramodernen, gläsernen Springbrunnen bauen sollte oder doch
lieber nicht. Sie meinen nämlich: die Stadt brauche Glanz,
sie brauche Touristen und Investoren - denn nur auf diese Weise könne man das Geld u.a.für Wohnungsbau und Sanierungen
aufbringen. Und die Filmproduzenten geben noch etwas dazu...
18. Oktober 1999
 
Notizen von jenseits der Oder
neu: Glanz und Ruine
von Marek Trenkler
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