Dies ist ein Beitrag aus dem Morgenwelt-Archiv in Druckversion. Zur aktuellen Ausgabe kommen Sie hier: www.morgenwelt.de!
Morgenwelt Es
ist ein Samstagnachmittag wie aus dem Bilderbuch. Draußen regnet es
in Strömen, im Hintergrund läuft die Mondschein-Sonate von Beethoven,
leise surrt das neue Powerbook auf dem Schreibtisch. Was für eine
kreative Stimmung!
Die nächste Kolumne für die Morgenwelt steht an. Das Thema hat
sich schon seit ein paar Tagen im Kopf festgesetzt. Ein Bookshop
im Internet bietet Nachwuchsautoren die Chance, ihr Werk dort zu
platzieren. Keine Verlegersuche ist notwendig, gedruckt wird erst,
wenn ein Kunde sich für das Buch interessiert und es bestellt.
Ein interessantes Thema! Ein Traum für unentdeckte Talente am
Autorenhimmel! Hand aufs Herz: wer von uns Journalisten hat nicht
schon den einen oder anderen Roman in der Schublade, der nur noch
ein wenig ausgearbeitet werden müßte? Die Zunft der Schreibenden
bei Zeitungen und Zeitschriften zeichnet sich ja in der Regel durch
den Gedanken aus, dass ihre Mitglieder zähneknirschend ihrem Brotjob
nachgehen, um dann eines Tages den ganz großen Traum vom Leben als
freier Schriftsteller zu verwirklichen.
Nun gut, die tägliche Arbeit lässt eben wenig Spielraum für die
Fertigstellung des Manuskriptes, geschweige denn Zeit für die Verlegersuche.
Das Internet aber, könnte eine Chance sein. Der Blick ins Netz wird
zeigen, dass die Konkurrenz zwar nicht schläft, aber auch nur mit
Wasser kocht. Und bin ich nicht im Grunde genommen doch irgendwie
genial und vielleicht auch etwas Besonderes?
Seltsam, dass die Leitung meines Providers offenbar dauernd besetzt
ist oder aus sonstigen Gründen keine Einwahl möglich ist. Dann warte
ich eben ein wenig: Zeit für eine kreative Pause, das Thema zu durchdenken,
Zeit für einen Kaffee, einen kleinen Plausch mit meiner Frau.
Nächste Einwahl: wieder nichts. Langsam beginnt es im Kopf zu dämmern.
Ein Griff zum Telefon, ein Stoßgebet zum Himmel: Hergott, lass es
nicht das sein, was ich befürchte. Doch die göttliche Gnade versagt. Das Telefon ist tot: nichts, kein Ton, einfach nichts! Meine Laune
verschlechtert sich merklich. Statt zu schreiben, krieche ich auf
dem Fußboden herum und überprüfe die Leitungen: sämtliche Stecker
herausziehen, ISDN-Anschluß und TK-Anlage per Neustart reaktivieren,
- nichts! Verflucht sei die Technik, ‘ran an das Handy, die Störungsstelle
der Telekom anwählen! Die rufen dann vom Callcenter aus zurück in mein Festnetz. Außer einem gequälten Besetzt-Ton ist nichts herauszuholen.
"Unsere Techniker arbeiten erst am Montag ab acht Uhr wieder, vorher
können wir leider nichts für Sie tun." Die Gedanken an das Schriftstellerdasein
haben sich erst einmal verflüchtigt. Der Alltag hat mich eingeholt.
Ich krieche wieder unter den Tisch, checke nochmal die Leitungen:
wäre doch gelacht, wenn sich das nicht finden würde: alle Stecker wieder ‘raus und nochmal rein - Nichts!
"Vielleicht liegt es an den Steckverbindungen?" fragt meine Holde.
Und fügt hinzu: "Das war doch neulich schon einmal der Fall." Mit
welcher Unschuldsmiene sie das sagt! "Nein, nein, nein, die habe
ich doch gerade alle untersucht," gebe ich, inwischen ziemlich gereizt,
zurück. Sie zuckt mit den Schultern: "Ich meinte ja nur, es hätte
doch sein können."
Draußen ist die Welt und ich habe keinen Zugriff auf sie! Horrorszenarien
bauen sich auf vor meinem inneren Auge: von einem Telekomtechniker,
der erst in zwei Tagen kommen wird und angesichts meines Elends
nur verständnislos auf die Kabel glotzt. Ich bin abgeschnitten von
der Welt, Einsamkeitsgefühle machen sich breit. Wie ein Idiot komme
ich mir vor, sitze unter dem Tisch, starre auf die Anschlüsse und
denke nach, woran es denn liegen könnte. Die Kolumne ist hinfällig,
das Leben als Schriftsteller unter diesen Umständen eine Farce.
Ich klappe das Powerbook zu: kein Satz in den vergangenen beiden
Stunden. Nichts. Wie manisch gestört werfe ich erneut einen Blick
auf die Kabel: es ist eine Form des Irreseins, immer wieder und
wieder dieselben sinnlosen Handgriffe, wie zwanghaft - nicht davon
lassen zu können und doch von der Zwecklosigkeit des nervenaufreibenden
Gefummels zu wissen. Alle Stecker ‘raus, Neustart der ISDN-Dose
und der TK-Anlage: nichts!
Zynisch lacht mich der Roman von Sten Nadolny an, der dort auf
dem Boden liegt: "Die Entdeckung der Langsamkeit" prangt in fetter
Schrift auf dem Buchdeckel. Ich habe das Buch vorhin aus dem Regal
gefischt, ich wollte es mir schon lange mal wieder vornehmen und
habe es doch achtlos in die Ecke gelegt: Die Kolumne reizte mich,
ich fühlte mich vorhin so kreativ gestimmt. Auf dem Titel ein Segelschiff,
davor der Raddampfer mit rauchendem Schlot: ein schönes Bild, romantisch,
real, keine Kabel, keine virtuelle Wirklichkeit, alles echt. Vielleicht
sollte ich es jetzt lesen. Ich hebe es hoch, schaue in den Klappentext,
mein Blick schwirrt wieder über die Kabel, dorthin, wo das Buch
lag. Da! Eine Steckverbindung, die ich übersehen habe! Es knackt
einrastend, als ich die beiden Teilstücke zusammendrücke. Ein Griff
zum Telefon: tuuuuuuuuuuuut... Ausgerechnet: die Entdeckung der
Langsamkeit!
11. Oktober 1999
 
Wir Medienmacher
von Holger Hogelücht
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