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Morgenwelt
11. Oktober 1999
 

Wir Medienmacher

von Holger Hogelücht

Es ist ein Samstagnachmittag wie aus dem Bilderbuch. Draußen regnet es in Strömen, im Hintergrund läuft die Mondschein-Sonate von Beethoven, leise surrt das neue Powerbook auf dem Schreibtisch. Was für eine kreative Stimmung!

Die nächste Kolumne für die Morgenwelt steht an. Das Thema hat sich schon seit ein paar Tagen im Kopf festgesetzt. Ein Bookshop im Internet bietet Nachwuchsautoren die Chance, ihr Werk dort zu platzieren. Keine Verlegersuche ist notwendig, gedruckt wird erst, wenn ein Kunde sich für das Buch interessiert und es bestellt.

Ein interessantes Thema! Ein Traum für unentdeckte Talente am Autorenhimmel! Hand aufs Herz: wer von uns Journalisten hat nicht schon den einen oder anderen Roman in der Schublade, der nur noch ein wenig ausgearbeitet werden müßte? Die Zunft der Schreibenden bei Zeitungen und Zeitschriften zeichnet sich ja in der Regel durch den Gedanken aus, dass ihre Mitglieder zähneknirschend ihrem Brotjob nachgehen, um dann eines Tages den ganz großen Traum vom Leben als freier Schriftsteller zu verwirklichen.

Nun gut, die tägliche Arbeit lässt eben wenig Spielraum für die Fertigstellung des Manuskriptes, geschweige denn Zeit für die Verlegersuche. Das Internet aber, könnte eine Chance sein. Der Blick ins Netz wird zeigen, dass die Konkurrenz zwar nicht schläft, aber auch nur mit Wasser kocht. Und bin ich nicht im Grunde genommen doch irgendwie genial und vielleicht auch etwas Besonderes?

Seltsam, dass die Leitung meines Providers offenbar dauernd besetzt ist oder aus sonstigen Gründen keine Einwahl möglich ist. Dann warte ich eben ein wenig: Zeit für eine kreative Pause, das Thema zu durchdenken, Zeit für einen Kaffee, einen kleinen Plausch mit meiner Frau.

Nächste Einwahl: wieder nichts. Langsam beginnt es im Kopf zu dämmern. Ein Griff zum Telefon, ein Stoßgebet zum Himmel: Hergott, lass es nicht das sein, was ich befürchte. Doch die göttliche Gnade versagt. Das Telefon ist tot: nichts, kein Ton, einfach nichts! Meine Laune verschlechtert sich merklich. Statt zu schreiben, krieche ich auf dem Fußboden herum und überprüfe die Leitungen: sämtliche Stecker herausziehen, ISDN-Anschluß und TK-Anlage per Neustart reaktivieren, - nichts! Verflucht sei die Technik, ‘ran an das Handy, die Störungsstelle der Telekom anwählen! Die rufen dann vom Callcenter aus zurück in mein Festnetz. Außer einem gequälten Besetzt-Ton ist nichts herauszuholen.

"Unsere Techniker arbeiten erst am Montag ab acht Uhr wieder, vorher können wir leider nichts für Sie tun." Die Gedanken an das Schriftstellerdasein haben sich erst einmal verflüchtigt. Der Alltag hat mich eingeholt. Ich krieche wieder unter den Tisch, checke nochmal die Leitungen: wäre doch gelacht, wenn sich das nicht finden würde: alle Stecker wieder ‘raus und nochmal rein - Nichts!

"Vielleicht liegt es an den Steckverbindungen?" fragt meine Holde. Und fügt hinzu: "Das war doch neulich schon einmal der Fall." Mit welcher Unschuldsmiene sie das sagt! "Nein, nein, nein, die habe ich doch gerade alle untersucht," gebe ich, inwischen ziemlich gereizt, zurück. Sie zuckt mit den Schultern: "Ich meinte ja nur, es hätte doch sein können."

Draußen ist die Welt und ich habe keinen Zugriff auf sie! Horrorszenarien bauen sich auf vor meinem inneren Auge: von einem Telekomtechniker, der erst in zwei Tagen kommen wird und angesichts meines Elends nur verständnislos auf die Kabel glotzt. Ich bin abgeschnitten von der Welt, Einsamkeitsgefühle machen sich breit. Wie ein Idiot komme ich mir vor, sitze unter dem Tisch, starre auf die Anschlüsse und denke nach, woran es denn liegen könnte. Die Kolumne ist hinfällig, das Leben als Schriftsteller unter diesen Umständen eine Farce.

Ich klappe das Powerbook zu: kein Satz in den vergangenen beiden Stunden. Nichts. Wie manisch gestört werfe ich erneut einen Blick auf die Kabel: es ist eine Form des Irreseins, immer wieder und wieder dieselben sinnlosen Handgriffe, wie zwanghaft - nicht davon lassen zu können und doch von der Zwecklosigkeit des nervenaufreibenden Gefummels zu wissen. Alle Stecker ‘raus, Neustart der ISDN-Dose und der TK-Anlage: nichts!

Zynisch lacht mich der Roman von Sten Nadolny an, der dort auf dem Boden liegt: "Die Entdeckung der Langsamkeit" prangt in fetter Schrift auf dem Buchdeckel. Ich habe das Buch vorhin aus dem Regal gefischt, ich wollte es mir schon lange mal wieder vornehmen und habe es doch achtlos in die Ecke gelegt: Die Kolumne reizte mich, ich fühlte mich vorhin so kreativ gestimmt. Auf dem Titel ein Segelschiff, davor der Raddampfer mit rauchendem Schlot: ein schönes Bild, romantisch, real, keine Kabel, keine virtuelle Wirklichkeit, alles echt. Vielleicht sollte ich es jetzt lesen. Ich hebe es hoch, schaue in den Klappentext, mein Blick schwirrt wieder über die Kabel, dorthin, wo das Buch lag. Da! Eine Steckverbindung, die ich übersehen habe! Es knackt einrastend, als ich die beiden Teilstücke zusammendrücke. Ein Griff zum Telefon: tuuuuuuuuuuuut... Ausgerechnet: die Entdeckung der Langsamkeit!


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