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Morgenwelt
4. Oktober 1999
 

Nutzlose Gedanken

von Dagmar Lorenz

Arthur Schopenhauer war es, der einmal die Geschichte von den Stachelschweinen erzählte, die sich an einem kalten Wintertag nach Wärme sehnten. Um sich vor dem Erfrieren zu schützen, drängelten sie sich daher ganz dicht aneinander. Doch die erhoffte Gemütlichkeit blieb aus: mit ihren Stacheln verletzten sie sich gegenseitig. So liefen sie wieder auseinander und jedes Stachelschwein fror alleine vor sich hin. Schließlich rückten sie wieder ein wenig näher zusammen - doch nicht allzu nahe - "bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten - und diese Entfernung nannten sie Höflichkeit und feine Sitte."

Das Schopenhauer-Gleichnis von den Stachelschweinen gehört eigentlich auf den Lehrplan jeder Schule, es müßte in jedem Grundseminar für angehende Soziologen und Psychologen gelehrt werden und nicht zuletzt auch an den Business-Schools von ganz Europa und Amerika, auf daß auch dem letzten angehenden Manager klar gemacht werde, worauf es ankommt in Leben und Beruf: darauf nämlich, daß man die Individualität eines Menschen achte - und ihn nicht einsperre in den Pferch einer Zwangsgemeinschaft, die früher "Dorfgemeinde" oder "Kollektiv" hieß und heute "Team" heißt. Letzteres steht insbesondere in der Welt der Wirtschaft, in der ja jeder von uns lebt, ungeheuer hoch im Kurs. In jeder Stellenausschreibung - und handele es sich dabei um den Job eines Regalauffüllers bei Supermax und Billigheimer - wird dem potentiellen Bewerber "Teamfähigkeit" abverlangt. Jedes Einstellungsgespräch, jedes sogenannte "Assessment"-Training für Führungskräfte und Manager besteht zum großen Teil darin, durch indirekte Drohungen ("Nichteinstellung", "Jobverlust"), den einzelnen Menschen zum Teamwesen zu dressieren. Wer sich dann an den Stacheln der anderen sticht, ist selbst dran schuld und fällt durchs Auslese-Sieb.

Aber, so wenden die Befürworter des Team-Wahns ein, was eigentlich könne man gegen "Teamarbeit" einzuwenden haben? Sei sie nicht vielfach effizienter und menschlicher, als das einsame Vor- Sich -Hinwerkeln des Menschen im Angesicht einer strengen Hierarchie, die auf Befehl und Gehorsam beruht? Im Team redeten doch alle miteinander - und selbst der Teamchef sei nur primus inter pares, der die besten Einfälle zu gemeinsamer Anstrengung zu "moderieren" habe. Dass dieses Bild eine Fiktion ist, hat sich inzwischen (gerade auch unter Soziologen) herumgesprochen. Macht verschwindet nicht, sie wird nur auf besonders raffinierte Weise ausgeübt - im Interesse der Machthabenden, selbstverständlich, die - anders als der altertümliche Diktator - die Konsequenzen ihrer Machtspiele nicht mehr selbst tragen müssen, sondern sie bequem an "das Team" abgeben können. Und die Mitglieder eines solchen "Teams" tun gut daran, ihre Konflikte, Meinungsverschiedenheiten und Streitfragen hinter "Masken der Kooperation" (Gideon Kunda) so gut zu verstecken, dass eigentlich kein einziger von ihnen noch verantwortlich zeichnet für seine eigenen Handlungen.

Solche Spiele funktionieren hervorragend in Diktaturen, sie funktionieren in Bürgerkriegen, Religions- und sogenannten Rassenkonflikten - sie infantilisieren die Menschen, indem ihnen die Verantwortung für ihr Tun abgenommen wird, und sie machen sie all jene hassen, die auf dieses Gruppenspiel nicht eingehen: das sind die Spielverderber, die Einsamen, die Einzelgänger - und die Individualisten, die sich dem Schlachtfest im Pferch der Stachelschweine entziehen und dabei manchmal lieber erfrieren... Dass es jedoch noch ein Drittes gibt, hat Schopenhauer in seinem Gleichnis angedeutet: denkbar wäre eine Art des zivilisierten Umgangs miteinander, der auf der gegenseitigen Achtung der Individualität beruht und die altmodische "Höflichkeit" im Umgang miteinander ebenso meint, wie die Wahrung einer notwendigen Distanz, die, nach frei nach Richard Sennett, den "Terror der Intimität" verhindert. Wir alle sind Stachelschweine - und tun gut daran, einen verträglichen Abstand zu wahren.


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