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Morgenwelt Arthur
Schopenhauer war es, der einmal die Geschichte von den Stachelschweinen
erzählte, die sich an einem kalten Wintertag nach Wärme sehnten. Um
sich vor dem Erfrieren zu schützen, drängelten sie sich daher ganz
dicht aneinander. Doch die erhoffte Gemütlichkeit blieb aus: mit ihren Stacheln verletzten sie sich gegenseitig. So liefen sie wieder auseinander
und jedes Stachelschwein fror alleine vor sich hin. Schließlich rückten
sie wieder ein wenig näher zusammen - doch nicht allzu nahe - "bis
sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der
sie es am besten aushalten konnten - und diese Entfernung nannten
sie Höflichkeit und feine Sitte."
Das Schopenhauer-Gleichnis von den Stachelschweinen gehört eigentlich
auf den Lehrplan jeder Schule, es müßte in jedem Grundseminar für
angehende Soziologen und Psychologen gelehrt werden und nicht zuletzt
auch an den Business-Schools von ganz Europa und Amerika, auf daß
auch dem letzten angehenden Manager klar gemacht werde, worauf es
ankommt in Leben und Beruf: darauf nämlich, daß man die Individualität
eines Menschen achte - und ihn nicht einsperre in den Pferch einer
Zwangsgemeinschaft, die früher "Dorfgemeinde" oder "Kollektiv" hieß
und heute "Team" heißt. Letzteres steht insbesondere in der Welt
der Wirtschaft, in der ja jeder von uns lebt, ungeheuer hoch im
Kurs. In jeder Stellenausschreibung - und handele es sich dabei
um den Job eines Regalauffüllers bei Supermax und Billigheimer -
wird dem potentiellen Bewerber "Teamfähigkeit" abverlangt. Jedes Einstellungsgespräch, jedes sogenannte "Assessment"-Training für
Führungskräfte und Manager besteht zum großen Teil darin, durch
indirekte Drohungen ("Nichteinstellung", "Jobverlust"), den einzelnen
Menschen zum Teamwesen zu dressieren. Wer sich dann an den Stacheln
der anderen sticht, ist selbst dran schuld und fällt durchs Auslese-Sieb.
Aber, so wenden die Befürworter des Team-Wahns ein, was eigentlich
könne man gegen "Teamarbeit" einzuwenden haben? Sei sie nicht vielfach
effizienter und menschlicher, als das einsame Vor- Sich -Hinwerkeln
des Menschen im Angesicht einer strengen Hierarchie, die auf Befehl
und Gehorsam beruht? Im Team redeten doch alle miteinander - und
selbst der Teamchef sei nur primus inter pares, der die besten Einfälle
zu gemeinsamer Anstrengung zu "moderieren" habe. Dass dieses Bild
eine Fiktion ist, hat sich inzwischen (gerade auch unter Soziologen)
herumgesprochen. Macht verschwindet nicht, sie wird nur auf besonders
raffinierte Weise ausgeübt - im Interesse der Machthabenden, selbstverständlich,
die - anders als der altertümliche Diktator - die Konsequenzen ihrer
Machtspiele nicht mehr selbst tragen müssen, sondern sie bequem
an "das Team" abgeben können. Und die Mitglieder eines solchen "Teams"
tun gut daran, ihre Konflikte, Meinungsverschiedenheiten und Streitfragen
hinter "Masken der Kooperation" (Gideon Kunda) so gut zu verstecken,
dass eigentlich kein einziger von ihnen noch verantwortlich zeichnet
für seine eigenen Handlungen.
Solche Spiele funktionieren hervorragend in Diktaturen, sie funktionieren
in Bürgerkriegen, Religions- und sogenannten Rassenkonflikten -
sie infantilisieren die Menschen, indem ihnen die Verantwortung für ihr Tun abgenommen wird, und sie machen sie all jene hassen,
die auf dieses Gruppenspiel nicht eingehen: das sind die Spielverderber,
die Einsamen, die Einzelgänger - und die Individualisten, die sich
dem Schlachtfest im Pferch der Stachelschweine entziehen und dabei
manchmal lieber erfrieren... Dass es jedoch noch ein Drittes gibt,
hat Schopenhauer in seinem Gleichnis angedeutet: denkbar wäre eine
Art des zivilisierten Umgangs miteinander, der auf der gegenseitigen
Achtung der Individualität beruht und die altmodische "Höflichkeit"
im Umgang miteinander ebenso meint, wie die Wahrung einer notwendigen
Distanz, die, nach frei nach Richard Sennett, den "Terror der Intimität"
verhindert. Wir alle sind Stachelschweine - und tun gut daran, einen
verträglichen Abstand zu wahren.
4. Oktober 1999
 
Nutzlose Gedanken
von Dagmar Lorenz
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