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Morgenwelt
4. Oktober 1999
 

Südlich des Rio Grande

von Andreas Wilmot

Alles hatte so vielversprechend angefangen: am frühen Nachmittag erledigte ich einige Einkäufe im Supermarkt und freute mich dabei über die rasche Abfertigung an der Kasse. Zurück im Auto dann, rieb ich mir zufrieden die Hände. Alles klappte bislang wie am Schnürchen. Schnell noch das Ticket mit einer Pesomünze in die schmale Frauenhand gedrückt, die sich beinahe mechanisch aus dem kleinen Fenster am Parkhaus schob. Die blau-weiße Schranke schnellte nach oben. "Prima", dachte ich, "das ist geschafft, der Weg liegt vor dir".

Rasant lenkte ich meinen Wagen auf die Avenue und startete durch. Als ich wenig später unser Mehrfamilienhaus erreichte, tauchte plötzlich ein roter Sportwagen auf. Mit hoher Geschwindigkeit und grellem Halogenfernlicht raste er heran. Glücklicherweise hatte sein Fahrer mich noch rechtzeitig bemerkt: etwa 10 Meter vor mir hielt er an. Per Handzeichen bedeutete ich ihm freundlich, die Zufahrt zu unserem Anwesen freizugeben. Aber er machte keinerlei Anstalten den Weg zu räumen. Da stellte ich den Motor ab. Das tat fast zeitgleich auch der fremde Fahrer.

Provozierend grinste er mich an. Dann betätigte er die Lichthupe und beschoss mich mit der obszönen Aufforderung, "dass ich mit meiner Mutter schlafen und schleunigst das Feld räumen" sollte. Ein Südländer wäre in dieser Situation vor Wut übergekocht. Mich aber ließ es kalt. Gelassen fischte ich eine Banane aus der Supermarkttüte auf dem Beifahrersitz. Langsam 'enthüllte' ich sie und verspeiste sie genüsslich vor den Augen meines Aggressors. Dieser feuerte alsbald noch mehr 'Scheinwerfer-Schüsse' auf mich ab. Während ich das befremdende Spektakel auf mich einwirken ließ, musste ich unwillkürlich an das Klischee vom typischen Macho denken: omnipotent und violent.

In früheren Zeiten wäre er wohl in anderem Outfit aufgetreten: als Charro, als mexikanischer Herrenreiter mit Pferd, den Sombrero-Hut tief ins Gesicht gezogen. Er hätte "Hombre" gesagt, und mich, der "seinen" Weg zu kreuzen wagte, ohne lange mit der Wimper zu zucken mit seinem schweren Colt weggeblasen. Anschließend hätte er sich mit den Compadres, seinen Kumpels, in irgendeiner Kneipe eingefunden. Dort hätte man dann im 'Tequila-Dampf' über die Frauen hergezogen: über diese nichtswürdigen Geschöpfe, die sowieso nur zur Dekoration taugten - es sei denn, man wälzt sich mit ihnen gerade wild im Bett. Und die 20 Kinder, die zu Hause wie die Orgelpfeifen flöten, hätte man mit einer Handbewegung abgetan: deren Herkunft lag sowieso 'im Ungewissen'. Hätte 'die Sumpfblüte' - Charros Ehefrau - je aufgemuckt, wäre sie schnell wie ein Paar Schuhe behandelt worden - vergleichbar mit einem Etwas, das man braucht und abstößt - je nach Bedarf. Denn Mexikanerinnen gab es genug - und sie wurden anno dazumal auch skrupellos weitergereicht. Ausgenommen: 'die eigene Mutter' und die 'seiner Kinder'. Letztere jedoch, war völlig der Willkür des Machos ausgesetzt. Er, der Herrscher, brachte sein Eheweib in Rage, während er sich in einer 'Casa chica', dem privaten Liebeshäuschen, am Honig einer anderen labte.

Dem zeitgenössischen Mexikaner hingegen, sind die Empfindungen, Gesetze und Sitten von damals fremd geworden. Zieht man die semantische Bedeutung von "Macho" aus dem Spanischen heran, so versteht man darunter das omnipotente Auftreten, die Haltung des Maskulinen gegenüber allem Femininen. Es gibt aber auch Stimmen in Lateinamerika, die behaupten, dass "Macho" in präkolumbianischer Zeit für nobles Verhalten und Verantwortung stand. Stammesälteste beispielsweise, vertrauten dem 'ehrenhaften Wort' eines Mannes. Und der respektierte demnach die Religion, die Menschen seiner Umgebung - ja sogar die Frauen.

Während ich auf diese Weise meinen Gedanken freien Lauf ließ, klopfte plötzlich ein Straßenpolizist an die Fensterscheibe meines Wagens. Er wollte wissen, weshalb ich nicht weiterfahre. Ich erklärte ihm kurz, was vorgefallen war und sagte, dass der andere Fahrer den Weg zu meinem Wohnblock blockiere. Der Polizist näherte sich daraufhin dem anderen Fahrzeug und unterhielt sich kurz mit dem Fahrer. Alsbald kehrte er zurück. Der andere Fahrer sei ebenfalls ein Anlieger, gab er mir zu verstehen und fragte mich zweideutig lächelnd: "Was nun Amigo?" Allen Anzeichen zufolge waren wir nun beide in einer Pattsituation. Doch da ertönte plötzlich hinter mir die Hupe eines Lastwagens. Dem Autofahrer vor mir blieb keine andere Wahl, als klein beizugeben. Mit einem Ruck stieß er nach hinten und ließ mich vorbeifahren.

Fazit: Es gibt Mobil-Machos. Und es ist gar nicht so leicht, mit einem Kleinwagen gegen sie anzutreten und dann noch den Showdown zu gewinnen. Glauben Sie mir!


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