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Morgenwelt Alles
hatte so vielversprechend angefangen: am frühen Nachmittag erledigte
ich einige Einkäufe im Supermarkt und freute mich dabei über die rasche
Abfertigung an der Kasse. Zurück im Auto dann, rieb ich mir zufrieden
die Hände. Alles klappte bislang wie am Schnürchen. Schnell noch das
Ticket mit einer Pesomünze in die schmale Frauenhand gedrückt, die
sich beinahe mechanisch aus dem kleinen Fenster am Parkhaus schob.
Die blau-weiße Schranke schnellte nach oben. "Prima", dachte ich,
"das ist geschafft, der Weg liegt vor dir".
Rasant lenkte ich meinen Wagen auf die Avenue und startete durch.
Als ich wenig später unser Mehrfamilienhaus erreichte, tauchte plötzlich
ein roter Sportwagen auf. Mit hoher Geschwindigkeit und grellem
Halogenfernlicht raste er heran. Glücklicherweise hatte sein Fahrer
mich noch rechtzeitig bemerkt: etwa 10 Meter vor mir hielt er an.
Per Handzeichen bedeutete ich ihm freundlich, die Zufahrt zu unserem
Anwesen freizugeben. Aber er machte keinerlei Anstalten den Weg
zu räumen. Da stellte ich den Motor ab. Das tat fast zeitgleich
auch der fremde Fahrer.
Provozierend grinste er mich an. Dann betätigte er die Lichthupe
und beschoss mich mit der obszönen Aufforderung, "dass ich
mit meiner Mutter schlafen und schleunigst das Feld räumen"
sollte. Ein Südländer wäre in dieser Situation vor Wut übergekocht.
Mich aber ließ es kalt. Gelassen fischte ich eine Banane aus der
Supermarkttüte auf dem Beifahrersitz. Langsam 'enthüllte' ich sie
und verspeiste sie genüsslich vor den Augen meines Aggressors. Dieser feuerte alsbald noch mehr 'Scheinwerfer-Schüsse' auf mich ab. Während
ich das befremdende Spektakel auf mich einwirken ließ, musste ich
unwillkürlich an das Klischee vom typischen Macho denken: omnipotent
und violent.
In früheren Zeiten wäre er wohl in anderem Outfit aufgetreten:
als Charro, als mexikanischer Herrenreiter mit Pferd, den Sombrero-Hut
tief ins Gesicht gezogen. Er hätte "Hombre" gesagt, und mich, der
"seinen" Weg zu kreuzen wagte, ohne lange mit der Wimper zu zucken
mit seinem schweren Colt weggeblasen. Anschließend hätte er sich
mit den Compadres, seinen Kumpels, in irgendeiner Kneipe eingefunden.
Dort hätte man dann im 'Tequila-Dampf' über die Frauen hergezogen:
über diese nichtswürdigen Geschöpfe, die sowieso nur zur Dekoration
taugten - es sei denn, man wälzt sich mit ihnen gerade wild im Bett. Und die 20 Kinder, die zu Hause wie die Orgelpfeifen flöten, hätte
man mit einer Handbewegung abgetan: deren Herkunft lag sowieso 'im
Ungewissen'. Hätte 'die Sumpfblüte' - Charros Ehefrau - je aufgemuckt,
wäre sie schnell wie ein Paar Schuhe behandelt worden - vergleichbar
mit einem Etwas, das man braucht und abstößt - je nach Bedarf.
Denn Mexikanerinnen gab es genug - und sie wurden anno dazumal auch skrupellos weitergereicht. Ausgenommen: 'die eigene Mutter' und
die 'seiner Kinder'. Letztere jedoch, war völlig der Willkür des
Machos ausgesetzt. Er, der Herrscher, brachte sein Eheweib in Rage,
während er sich in einer 'Casa chica', dem privaten Liebeshäuschen,
am Honig einer anderen labte.
Dem zeitgenössischen Mexikaner hingegen, sind die Empfindungen,
Gesetze und Sitten von damals fremd geworden. Zieht man die semantische
Bedeutung von "Macho" aus dem Spanischen heran, so versteht man
darunter das omnipotente Auftreten, die Haltung des Maskulinen gegenüber
allem Femininen. Es gibt aber auch Stimmen in Lateinamerika, die
behaupten, dass "Macho" in präkolumbianischer Zeit für nobles Verhalten
und Verantwortung stand. Stammesälteste beispielsweise, vertrauten
dem 'ehrenhaften Wort' eines Mannes. Und der respektierte demnach die Religion, die Menschen seiner Umgebung - ja sogar die Frauen.
Während ich auf diese Weise meinen Gedanken freien Lauf ließ, klopfte
plötzlich ein Straßenpolizist an die Fensterscheibe meines Wagens.
Er wollte wissen, weshalb ich nicht weiterfahre. Ich erklärte ihm
kurz, was vorgefallen war und sagte, dass der andere Fahrer den
Weg zu meinem Wohnblock blockiere. Der Polizist näherte sich daraufhin
dem anderen Fahrzeug und unterhielt sich kurz mit dem Fahrer. Alsbald
kehrte er zurück. Der andere Fahrer sei ebenfalls ein Anlieger,
gab er mir zu verstehen und fragte mich zweideutig lächelnd: "Was
nun Amigo?" Allen Anzeichen zufolge waren wir nun beide in einer
Pattsituation. Doch da ertönte plötzlich hinter mir die Hupe eines
Lastwagens. Dem Autofahrer vor mir blieb keine andere Wahl, als
klein beizugeben. Mit einem Ruck stieß er nach hinten und ließ mich
vorbeifahren.
Fazit: Es gibt Mobil-Machos. Und es ist gar nicht so leicht, mit
einem Kleinwagen gegen sie anzutreten und dann noch den Showdown
zu gewinnen. Glauben Sie mir!
4. Oktober 1999
 
Südlich des Rio Grande
von Andreas Wilmot
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