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Morgenwelt Das
private polnische Fernsehen TVN zeigt abends in seiner Hauptnachrichtensendung
"Fakty" Bilder vom Besuch des linken Staatspräsidenten Aleksander
Kwasniewski in Charkow (Ukraine): dort ermordete der sowjetische Staatssicherheitsdienst
NKWD vor mehr als 50 Jahren fast 20 000 polnische Offiziere, Soldaten
und Polizisten.
Die gezeigten Fernsehbilder sind sorgfältig ausgewählt, sie sollen
beweisen, dass sich der polnische Präsident seltsam verhielt: so,
als wäre er betrunken. Im Fernsehstudio sitzt sein Vertreter, Ryszard
Kalisz. "Warum war der Präsident in so schlechter Verfassung?",
fragt ihn der Starmoderator Tomasz Lis, der bekanntlich kein Fan
von Kwasniewski ist. "Also, ich möchte sagen, der Herr Präsident
hat würdig seine Pflicht getan und...", beginnt Kalisz seine Rede.
"Aber Herr Minister, ich fragte nach seiner körperlichen Verfassung",
unterbricht ihn Lis. "Ich will nur wiederholen, der Präsident hat
würdig..." Lis gibt nicht auf. "Ich stelle die Frage anders: hat
der Präsident an diesem Tage Alkohol getrunken?" Darauf Kalisz:
"Ich wiederhole, der Herr Präsident..."
Eine Stunde später. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen tritt der
"Solidarnocs"- Ministerpräsident Buzek auf. Er wirkt unruhig, ja
sogar verärgert, versucht aber zu lächeln. Und er versichert: ab
jetzt wird es den Polen besser gehen. Buzeks Regierung werde die
Polizei stärken, die Kriminalität bekämpfen, für Arbeitsplätze sorgen,
sich um die Bauern kümmern. Und wenn Polen der EU beitrete, bekämen
wir jede Menge Geld. Und die vier Reformen in den Bereichen Verwaltung,
Gesundheit, Sozialversicherung und Schulwesen würden bald alle korrigiert.
Zwar ist der Staat pleite, aber bald wird alles wieder gut. "Und
diejenigen, die jetzt sofortige Parlamentswahlen fordern, haben
euch nichts anzubieten", versichert lächelnd der vormalige Chemiker,
der nun die Rolle des Regierungschefs übernommen hat. "Die haben
ja während ihrer Regierungsperiode keine Reformen durchgeführt".
Beide Fernsehanstalten bringen auch topaktuelle News über eine
Demonstration mehrerer Gewerkschaften, die in zwei Tagen in Warschau
stattfinden sollte: rund einhunderttausend Menschen werden sich
versammeln. "Die Demonstration wird illegal sein, denn die Veranstalter
haben kein Konzept zur Verkehrsplanung vorgelegt", erklärt der zuständige
Kommunalbeamte in Warschau. "Und wir legen auch keines vor, denn
wir sind nicht in der Lage, so etwas völlig alleine vorzubereiten.
Alle zuständigen Beamten in Warschau verweigern uns nämlich dabei
jede Hilfe", erwidert einer der Gewerkschaftsführer. Er versichert
auch, dass es eine friedliche Protestkundgebung sein werde. "Damit
zwingen wir diese Regierung in die Knie," fügt er gleich hinzu.
Am darauffolgenden Tag kann man sich dann über den Wortlaut des Teletextes amüsieren. "Ende 2002 wird Polen zum EU-Beitritt bereit
sein", lautet eine Schlagzeile. Aber wer will so etwas lesen, wenn
es gleich darunter heißt: "Geheimpolizei stürmte nachts den GROM-Hauptsitz"?
GROM (zu deutsch: "Donner") ist eine Art von "Delta Force": eine
supergeheime Eliteeinheit, die zwar militärisch ausgerichtet ist,
aber immer noch dem Innenministerium untersteht. Als vor wenigen
Tagen der stellvertretende Regierungschef und Innenminister Tomaszewski
u.a. wegen vermuteter Kontakte mit den früheren Geheimdiensten der
alten kommunistischen Volksrepublik Polen vor 1989 entlassen wurde,
kam es sofort zu einer Säuberung im Innenministerium. Auch der Befehlshaber
von GROM, General Petelicki, musste gehen: während einer Kontrolle,
so hieß es, habe man finanzielle Unkorrektheiten innerhalb seiner
Einheit entdeckt. "Wieso? Unsere Kontrolle hat nichts entdeckt",
meinte die Oberste Kontrollkammer, die nicht mit der "Solidarnosc"-Partei
sympathisiert. "Aber wir haben durchaus etwas entdeckt, denn unsere
Kontrolleure sind besser", erklärte gleich darauf der vorläufig
amtierende Innenminister Borusewicz. Kurze Zeit später sagte derselbe
Geheimdienstchef Palubicki, der den General Petelicki zuvor entlassen
hatte, es sei möglich, dass man ihm falsche Nachrichten in Bezug
auf GROM zugeschoben habe. Und er veranlasste eine Kontrolle der
Kontrolleure. Nun kann aber ganz Polen lesen, dass der Geheimdienst
UOP (Staatsschutzamt) nachts in den Sitz von GROM eingedrungen ist
und den Safe des entlassenen Befehlshabers "geknackt" hat. Dort
sollen sich wichtige Dokumente befunden haben. Die UOP-Sprecherin
sagt dazu weder ja noch nein, der Geheimdienstchef, inzwischen von
Petelicki als "der Mann im schmutzigen Pullover" bezeichnet, sagt
dazu überhaupt nichts.
Etwas zu sagen hat hingegen Präsident Kwasniewski - wenn auch nicht
zum Geheimdienst-Thema. "Ich bedaure es sehr, dass man einen solch
wichtigen Tag für politische Spielchen missbraucht", sagt er den
Journalisten. Zu seinem unglücklichen Auftritt während des Besuches
in Charkow am 17. September erklärt er, es sei ein langer, ergreifender,
aber auch anstrengender Tag gewesen. Er, Kwasniewski, habe an diesem
Tage sehr lange stehen müssen - was ihn angestrengt habe, denn er
leide seit Anfang Juni an einer Beinverletzung. Politiker der Wahlaktion
"Solidarnosc" fordern mittlerweile, dass das Verhalten des Präsidenten
in Charkow untersucht und geklärt werden solle.
Einige Stunden später gibt das Innenministerium bekannt, dass es tatsächlich zu einer "mechanischen Öffnung" des Safes von GROM-General
Petelicki kam. Die Öffnung sei "von Kontrolleuren des Innenministeriums"
durchgeführt worden und zwar nur deshalb, weil der entlassene General
zuvor seine Schlüssel nicht zurückgegeben habe. "Die Schlüssel habe
ich nicht abgegeben, weil die Kontrolle bei GROM immer noch andauert",
sagt dazu Petelicki.
Und dann folgt noch eine Nachricht: dem holländischen Botschafter
in Polen wurde soeben sein Auto geklaut. Na da ist sie endlich:
die gewohnte, ganz normale, alltägliche Nachricht!
4. Oktober 1999
 
Notizen von jenseits der Oder
von Marek Trenkler
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