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Morgenwelt
2. Oktober 2000
 

Notizen von jenseits der Oder

Sport ist Mord - an der Wahrheit

von Marek Trenkler

Der polnischen Fußballnationalmannschaft erging es in den letzten Jahren genauso, wie der Wirtschaft: Pleiten, Pech und Pannen.

Sie verlor ein Spiel nach dem anderen und erntete von überallher die schärfste Kritik. Aber dann plötzlich: ein 1:1 im Auswärtsspiel gegen Rumänien, kurz danach ein 3:1 gegen die Ukraine in Kiew, und zwar nach einem tollen Einsatz - und nun ist die Hoffnung wieder da. Die Mannschaft nämlich, hat eine Wunderwaffe bekommen, einen erstklassigen Mittelstürmer, der hart kämpft und Tore schießen kann.

Nur einen kleinen Haken hat die ganze Sache: Der neue polnische Held und Liebling der Nation kann nicht einmal polnisch sprechen, ist schwarz wie Pech und kommt aus Nigeria. Trotzdem spielt er nicht nur bei "Polonia Warszawa", sondern auch in der nationalen Auslese. Eine Riesenfarce, wenn auch völlig legal:

Seit Juli ist Emmanuel Olisadebe polnischer Staatsbürger, und als solcher darf er für Polen sogar die Weltmeisterschaft erkämpfen. Dass er kein Polnisch spricht? Seine Kollegen mit der "echt-polnischen Abstammung" von der Mannschaft können das eigentlich auch nicht sonderlich korrekt, und das ärgert niemanden - Hauptsache, sie gewinnen.

Um die Nationalmannschaft zur "Staatsbürgermannschaft" zu machen, musste man natürlich auch das Gesetz umgehen. Denn einen dowód osobisty , also einen polnischen Personalausweis, kann man erst nach 5 Jahren Aufenthalt in Polen erhalten.

Der "Oli" bzw. "Olisadebowski", wie man ihn bereits geradezu zärtlich nennt, lebt aber erst seit 1997 an der Weichsel. Das war jedoch kein Problem, denn laut Gesetz kann man so etwas "in besonderen Fällen" schneller erledigen. Der afrikanische Pole ist ein Schatz für die Nation, die Mannschaft braucht ihn, und der Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, der die Staatsbürgerschaftsanträge bewilligt oder ablehnt, ist ein großer Sportfan - es lief also wie geschmiert.

Man kann dem Neupolen nur das Beste wünschen, denn sollte er einmal einen Elfmeter verschießen oder überhaupt eine Zeitlang nicht mehr gut drauf sein, - was ja jedem Leistungssportler passiert, - dann wird er etwas erleben. Vom tollen Oli wird er dann sofort zum verfluchten Negeraffen, der es nicht würdig sei, mit dem weißen Adler auf der schwarzen Brust rumzulaufen. Zwar gibt es auch in Polen inzwischen immer mehr Ausländer, die von der Armut in ihren Ländern in das luxuriöse Leben des polnischen Leistungssports flüchten, aber eine Multi-Kulti-Nation sind die Polen noch lange nicht.

Gute Sportler sind in Polen praktisch Übermenschen: Viele von ihnen schwimmen in Geld, die alltäglichen Sorgen ihrer Mitbürger sind ihnen völlig fremd - einfach deutsche... ähm... dolce vita! Sollte also einer der deutschen Nationalspieler einmal die Nase voll vom DFB haben - Polen wartet.

Nicht einmal die Sprache muss er dann lernen, solange er das Runde in das Eckige richten kann. Von der allgemeinen Armut bekommt er durch die verdunkelten Fensterscheiben seines Luxuswagens eigentlich gar nichts mit, und selbst nach Ablauf der Sportlerkarriere warten unzählige Möglichkeiten auf ihn, Geschäfte und gutes Geld zu machen.

So ist zum Beispiel der ehemalige Autorennfahrer Sobieslaw Zasada ein erfolgreicher Geschäftsmann in der Autobranche, der u.a. die Marke Mercedes in Polen promotet.

Wojciech Fibak, der in den 70er Jahren auf den bekanntesten Tennisplätzen der Welt spielte, hat heute -zig Millionen Dollar, eine imponierende Kunstsammlung, Häuser und Wohnungen in den USA, Paris und Monte Carlo sowie keine Ahnung davon, wie man für umgerechnet 300 Dollar (durchschnittliches Monatseinkommen in Polen, wenn man einen Job hat) überleben kann. Selbst auf die eher mittelmäßigen Sportler wartet Geld - wozu ist nämlich die Werbung da?

Polen hat bekanntlich nicht viel Geld, es gibt aber Länder, wo es daran nicht fehlt. Es ist also durchaus vorstellbar, dass zum Beispiel Japan in einigen Jahren Fußballweltmeister wird, weil es sich 22 Brasilianer oder Italiener bzw. Franzosen leisten kann.

Zwar sprechen dann die weißen Japaner kein Wort japanisch, außer vielleicht "hai", aber japanische Staatsbürger sind sie und basta. Sie gewinnen dann im Finale gegen Südafrika, eine hundertprozentig weiße Nationalmannschaft, deren Spielernamen seltsamerweise deutsch klingen.

Weniger Glück haben dann die Japaner aber auf der Matte, denn alle Judo-Weltmeistertitel kommen nach Saudi Arabien, dessen ostasiatische Judokämpfer gegen Indianer aus Südkorea und Israelis aus Tschechien gewinnen... Und die Nationalhymnen, die am Ende bei der Medaillenverleihung gespielt werden? Kein Problem, die werden ja sowieso bald durch die Werbejingles der Hauptsponsoren ersetzt.

Nicht nur im internationalen Maßstab sieht man, dass Mannschaften und Vereine nicht mehr sie selbst sind. Besonders deutlich wird das in Polen, wenn man sich so manche Tabelle ansieht. Zum Beispiel Basketball, Erste Liga: "Polpharma Pakmet", "Alpen Gold Poznan", "Panorama Firm (zu deutsch etwa: "Gelbe Seiten") Gdynia", Hoop Pekaes... - sind das noch Sportvereine oder Firmenmannschaften?

Wo früher "Slask Wroclaw" siegte oder verlor, tut es heute "Zepter" (ebenfalls ein Firmenname), und manche Liga-Tabellen sind von jenen aus der Wertpapierbörse in Warschau kaum zu unterscheiden - die Namen stimmen jedenfalls überein.

Die polnische Fußballliga ist in dieser Hinsicht besonders interessant: zwar vertreten die Mannschaften verschiedene Sponsoren und werben für sie auf ihren Trikots, was das Zeug nur hält, aber da sich ein Pay-TV-Sender die Rechte für Spielübertragungen erkauft hat, sieht es auf jedem Stadion so aus, als würde "Canal Plus" gegen "Canal Plus" spielen, denn Sport ist Mord, und zwar an der Wahrheit.

Irgendwo in Indianapolis, USA, siegt der Deutsche Michael Schumacher auf der Rennbahn. Deutschland tobt - doch rühmt der "Schumi" etwa Mercedes oder Volkswagen? Nein, er fährt ja einen Ferrari - also für die Italiener. Und, last but not least: was hat denn, bitteschön, der Motorenlärm von Indianapolis, mit dem alten Spruch "citius, fortius, altius" noch zu tun? Gar nichts, aber wen stört das schon? Niemanden - Hauptsache, die Kasse stimmt.


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