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Morgenwelt Der
polnischen Fußballnationalmannschaft erging es in den letzten
Jahren genauso, wie der Wirtschaft: Pleiten, Pech und Pannen.
Sie verlor ein Spiel nach dem anderen und erntete von überallher die schärfste Kritik. Aber dann plötzlich: ein 1:1 im
Auswärtsspiel gegen Rumänien, kurz danach ein 3:1 gegen
die Ukraine in Kiew, und zwar nach einem tollen Einsatz - und nun
ist die Hoffnung wieder da. Die Mannschaft nämlich, hat eine
Wunderwaffe bekommen, einen erstklassigen Mittelstürmer, der
hart kämpft und Tore schießen kann.
Nur einen kleinen Haken hat die ganze Sache: Der neue polnische
Held und Liebling der Nation kann nicht einmal polnisch sprechen,
ist schwarz wie Pech und kommt aus Nigeria. Trotzdem spielt er nicht
nur bei "Polonia Warszawa", sondern auch in der nationalen
Auslese. Eine Riesenfarce, wenn auch völlig legal:
Seit Juli ist Emmanuel Olisadebe polnischer Staatsbürger,
und als solcher darf er für Polen sogar die Weltmeisterschaft erkämpfen. Dass er kein Polnisch spricht? Seine Kollegen mit
der "echt-polnischen Abstammung" von der Mannschaft können
das eigentlich auch nicht sonderlich korrekt, und das ärgert
niemanden - Hauptsache, sie gewinnen.
Um die Nationalmannschaft zur "Staatsbürgermannschaft"
zu machen, musste man natürlich auch das Gesetz umgehen. Denn
einen dowód osobisty , also einen polnischen Personalausweis,
kann man erst nach 5 Jahren Aufenthalt in Polen erhalten.
Der "Oli" bzw. "Olisadebowski", wie man ihn
bereits geradezu zärtlich nennt, lebt aber erst seit 1997 an
der Weichsel. Das war jedoch kein Problem, denn laut Gesetz kann
man so etwas "in besonderen Fällen" schneller erledigen.
Der afrikanische Pole ist ein Schatz für die Nation, die Mannschaft
braucht ihn, und der Staatspräsident Aleksander Kwasniewski,
der die Staatsbürgerschaftsanträge bewilligt oder ablehnt,
ist ein großer Sportfan - es lief also wie geschmiert.
Man kann dem Neupolen nur das Beste wünschen, denn sollte
er einmal einen Elfmeter verschießen oder überhaupt eine
Zeitlang nicht mehr gut drauf sein, - was ja jedem Leistungssportler passiert, - dann wird er etwas erleben. Vom tollen Oli wird er dann
sofort zum verfluchten Negeraffen, der es nicht würdig sei,
mit dem weißen Adler auf der schwarzen Brust rumzulaufen.
Zwar gibt es auch in Polen inzwischen immer mehr Ausländer,
die von der Armut in ihren Ländern in das luxuriöse Leben
des polnischen Leistungssports flüchten, aber eine Multi-Kulti-Nation sind die Polen noch lange nicht.
Gute Sportler sind in Polen praktisch Übermenschen: Viele
von ihnen schwimmen in Geld, die alltäglichen Sorgen ihrer
Mitbürger sind ihnen völlig fremd - einfach deutsche...
ähm... dolce vita! Sollte also einer der deutschen Nationalspieler
einmal die Nase voll vom DFB haben - Polen wartet.
Nicht einmal die Sprache muss er dann lernen, solange er das Runde in das Eckige richten kann. Von der allgemeinen Armut bekommt er
durch die verdunkelten Fensterscheiben seines Luxuswagens eigentlich
gar nichts mit, und selbst nach Ablauf der Sportlerkarriere warten
unzählige Möglichkeiten auf ihn, Geschäfte und gutes
Geld zu machen.
So ist zum Beispiel der ehemalige Autorennfahrer Sobieslaw Zasada
ein erfolgreicher Geschäftsmann in der Autobranche, der u.a.
die Marke Mercedes in Polen promotet.
Wojciech Fibak, der in den 70er Jahren auf den bekanntesten Tennisplätzen
der Welt spielte, hat heute -zig Millionen Dollar, eine imponierende
Kunstsammlung, Häuser und Wohnungen in den USA, Paris und Monte
Carlo sowie keine Ahnung davon, wie man für umgerechnet 300
Dollar (durchschnittliches Monatseinkommen in Polen, wenn man einen
Job hat) überleben kann. Selbst auf die eher mittelmäßigen
Sportler wartet Geld - wozu ist nämlich die Werbung da?
Polen hat bekanntlich nicht viel Geld, es gibt aber Länder,
wo es daran nicht fehlt. Es ist also durchaus vorstellbar, dass
zum Beispiel Japan in einigen Jahren Fußballweltmeister wird,
weil es sich 22 Brasilianer oder Italiener bzw. Franzosen leisten
kann.
Zwar sprechen dann die weißen Japaner kein Wort japanisch,
außer vielleicht "hai", aber japanische Staatsbürger
sind sie und basta. Sie gewinnen dann im Finale gegen Südafrika,
eine hundertprozentig weiße Nationalmannschaft, deren Spielernamen
seltsamerweise deutsch klingen.
Weniger Glück haben dann die Japaner aber auf der Matte, denn
alle Judo-Weltmeistertitel kommen nach Saudi Arabien, dessen ostasiatische
Judokämpfer gegen Indianer aus Südkorea und Israelis aus
Tschechien gewinnen... Und die Nationalhymnen, die am Ende bei der
Medaillenverleihung gespielt werden? Kein Problem, die werden ja
sowieso bald durch die Werbejingles der Hauptsponsoren ersetzt.
Nicht nur im internationalen Maßstab sieht man, dass Mannschaften und
Vereine nicht mehr sie selbst sind. Besonders deutlich wird das in Polen, wenn
man sich so manche Tabelle ansieht. Zum Beispiel Basketball, Erste Liga: "Polpharma
Pakmet", "Alpen Gold Poznan", "Panorama Firm (zu deutsch
etwa: "Gelbe Seiten") Gdynia", Hoop Pekaes... - sind das noch
Sportvereine oder Firmenmannschaften?
Wo früher "Slask Wroclaw" siegte oder verlor, tut
es heute "Zepter" (ebenfalls ein Firmenname), und manche
Liga-Tabellen sind von jenen aus der Wertpapierbörse in Warschau
kaum zu unterscheiden - die Namen stimmen jedenfalls überein.
Die polnische Fußballliga ist in dieser Hinsicht besonders interessant:
zwar vertreten die Mannschaften verschiedene Sponsoren und werben für sie
auf ihren Trikots, was das Zeug nur hält, aber da sich ein Pay-TV-Sender
die Rechte für Spielübertragungen erkauft hat, sieht es auf jedem
Stadion so aus, als würde "Canal Plus" gegen "Canal Plus"
spielen, denn Sport ist Mord, und zwar an der Wahrheit.
Irgendwo in Indianapolis, USA, siegt der Deutsche Michael Schumacher
auf der Rennbahn. Deutschland tobt - doch rühmt der "Schumi"
etwa Mercedes oder Volkswagen? Nein, er fährt ja einen Ferrari
- also für die Italiener. Und, last but not least: was hat
denn, bitteschön, der Motorenlärm von Indianapolis, mit
dem alten Spruch "citius, fortius, altius" noch zu tun?
Gar nichts, aber wen stört das schon? Niemanden - Hauptsache,
die Kasse stimmt.
2. Oktober 2000
 
Notizen von jenseits der Oder
Sport ist Mord - an der Wahrheit
von Marek Trenkler
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