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Morgenwelt
25. September 2000
 

Brief aus Rio

Beauty first! Oder: Schön sein ist allemal schöner, als gesund leben!

von Carl D. Goerdeler

Dreihundertzweiunddreißig (!) "Academias de Ginastica" verzeichnet das Telefonbuch von Rio de Janeiro, die Vorstädte, in denen noch einmal sechs Millionen Menschen hausen, nicht mitgezählt - und außer Acht gelassen all jene Schwitzkasernen, die bloß über ein paar Hanteln, aber kein Telefon verfügen.

Alles in allem also: mehr Körperkultstätten als Kirchen!

Lässt sich daraus folgern, dass die Cariocas sich Sorgen um ihre Gesundheit machen?

Dann aber ist es unverständlich, dass an jedem Sommer-Wochenende die Bürger dieser Metropole gleich millionenfach ihre Haut dem Ozonloch im Himmel, den Flöhen im Sand und den Fäkalien im Meer aussetzen; dass Generationen von ABC-Schützen das kleine Einmaleins unter Asbestdächern erlernen; dass die Brasilianer die berühmt-berüchtigte Feijoada (fettes Schweinefleisch mit schwarzen Bohnen) als ihr Nationalgericht ehren - eine Kalorienbombe, die jeweils am Samstag gereicht wird, weil der Körper ein ganzes Wochenende braucht, um sich mit Hilfe von reichlich Zuckerrohrschnaps davon zu erholen.

Nein, gesundheitsbewusst kann man die Brasilianer nicht nennen. Sie ignorieren Kohlenmonoxyd, Pollenflug und Hundekot, sie missachten die Bachblütentherapie, wie die gute alte Kneipkur. Wandervögel und Birkenstock-Sandalen sind in Rio so gut wie unbekannt.

Stattdessen traben die Cariocas barfuß durch den versifften Strand, süffeln "Mokka halbe-halbe" (die Tasse halb voll mit Zucker), verschmähen Rohkost und frische Salate - aber kippen literweise eiskaltes Bier hinunter, was bekanntlich Magenkrebs verursacht. Und sind dabei noch gut drauf!

Sportskanonen - die Brasilianer? Lassen wir einmal den Fußball, die Formel 1 und den Strand-Volleyball außer Acht. Seit der Olymiade von Athen, anno 1906, haben sie gerade 'mal 12 Gold-, 13 Silber- und 29 Bronzemedaillien heimgeholt. Das ist nicht der Rede wert.

Warum also das lemminghafte Abrackern mit den Folterinstrumenten aus der Fitness-Asservatenkammer? Sie tun es ja selbst unter freiem Himmel und vor aller Augen! Warum die Yoga-Kurse, kaum dass die Sonne aus ihrem Bett gestiegen ist? Wollen die Brasilianer "hart wie Kruppstahl, schnell wie die Windhunde und zäh wie Leder" sein, wie es weiland der Führer von der deutschen Jugend forderte und wie es dem Knigge des Turbokapitalismus entspricht?

Wohl kaum. Zwar gab es einmal einen jungen, dynamischen Präsidenten, der mit "einem Karateschlag" die Inflation beseitigen wollte, der jedes Wochenende fernsehwirksam und verbissen um den Stausee von Brasilia trabte. Doch sein Ende war schmählich. Fernando Collor wurde im Jahre 1992 wegen Korruption und Vetternwirtschaft abgesetzt. Das Karate-Modell war gescheitert.

Wellness und Fitness: Was die Brasilianer darunter verstehen, hat mit den amerikanischen Begriffen so wenig zu tun wie Monica Lewinsky mit unverklemmter Sinnlichkeit. Wellness und Fitness klingen in brasilianischen Ohren allenfalls komisch. "Boa forma", gute Figur, und "Malhacao", also, den Körper durchkneten - das versteht man schon eher.

Südlich des Äquators gibt es also keine Sünde? "Jedenfalls haben die Menschen hier ein ganz anderes Verhältnis zum Körper", meint der prominente Schönheitschirurg Yvo Pitanguy.

Warum sollten sie sich unter dicken Stoffschichten verstecken, wenn die Sonne heiß vom Himmel brennt? Und außerdem: Fast nackt am Strand sind alle gleich und Menschenbrüder. Die Avenida Atlantica - ein einziger Laufsteg der Körperlust.

Blauäugige Puritaner mögen über den hemmungslosen Exhibitionismus der Brasilianer die Nase rümpfen. Der Luxus der Armen ist ihre Lust, und die Frauen wollen bewundert werden, mit begehrlichen Blicken in den Augen und für das, was man hat: einen schönen Körper.

Und die Männer wollen das natürlich auch. Schmale Hüften, breites Kreuz und der Bizeps hart wie eine Kokosnuss: "Ai, que gatao!", welch ein Kater! So klingt das höchste Lob aus Frauenmund: mit "Musculacao" schwer erkämpft.


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