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Morgenwelt Nein,
Zitronen blühen in Polen nicht, es sei denn, irgendwo in Treibhäusern.
Aber die Frage selbst, kann man sich hin und wieder nicht verkneifen,
weil hier selbst im Sommer manchmal Dinge passieren, die man andernorts
für nichts mehr als eine journalistische Ente, als verzweifelte
Rettung vor dem Sommerloch halten könnte.
Solche Dinge passieren vor allem, wenn Politik im Spiel ist. Und
die füllte den polnischen Sommer bis an die äußersten
Grenzen:
Im Oktober finden ja die Präsidentenwahlen statt (die Parlamentswahlen,
in denen über Polens Regierung entschieden wird, folgen im
Herbst 2001), und nun treten jede Menge Kandidaten an. Bekanntlich
kann nur einer gewinnen - und vermutlich wird das der heutige linksgerichtete
Staatspräsident Aleksander Kwasniewski sein, der in allen Umfragen
die geradezu unglaubliche Quote von 67 Prozent der Stimmen sammelt.
Der zweitbeste Kandidat kann mit 10 Prozent der Stimmen rechnen,
der ganze Rest ist nichts mehr als ein Statistikfehler.
Doch selbst dieser Gewinner in spe, amtierender Präsident eines mittelgroßen
Staates mitten in Europa, musste zweimal höchstpersönlich vor einem
Sondergericht erscheinen:
Polens Gesetz sieht nämlich vor, dass alle Kandidaten lustriert
(durchleuchtet) werden. Das bedeutet: Sie müssen eine schriftliche
Erklärung abgeben, ob sie bewusst zwischen 1945 und 1989 inoffizielle Mitarbeiter oder Offiziere beim Geheimdienst waren.
Wird jemandem anhand der Dokumente und Zeugenaussagen nachgewiesen,
dass er in seiner Erklärung gelogen hat, kann er nicht mehr
kandidieren. Doch die wirklich "interessantesten" Akten
sind seit 1989 vernichtet oder verloren gegangen, und der Rest befindet
sich nach wie vor in der Obhut des Staatsschutzamtes UOP.
Das bedeutet: Die Nachfolger des früheren Sicherheitsdienstes
SB verfügen heute über authentische und gefälschte
Dokumente, mit denen sie praktisch jeden Politiker zugrunde richten
können. Aussagen von früheren, ex-kommunistischen Geheimdienstlern
können heute über das Schicksal von hochrangigen Politikern,
vielleicht auch über die Zukunft des Staates entscheiden.
Der deutsche Leser könnte sich zum Vergleich vorstellen,
dass der deutsche Bundespräsident Johannes Rau vor einem Gericht
in Berlin erscheinen müsste. Dort würde dann an ehemalige
Stasi-Offiziere die Frage gestellt: "War Herr Rau jemals ein
DDR-Spion? "
Amerikanische Leser mögen sich dagegen noch sehr gut daran
erinnern, wie lange es gedauert hat, bis man den Präsidenten
Clinton wegen seiner Zigarren vor die Grand Jury stellte, und wer
darüber zuvor hatte entscheiden müssen...
Kwasniewski hat den Prozess gewonnen, obwohl der Geheimdienst noch
im letzten Augenblick irgendwelche Papiere "fand" und
sie dem Gericht zustellte.
Es hätte nicht viel gefehlt und sein Wahlkampfgegner, Lech
Walesa - jawohl, gerade der Lech Walesa, die Legende von
"Solidarnosc", - hätte als "Lustrationslügner"
und ehemaliger SB-Agent, Deckname "Bolek", das Gerichtsgebäude
verlassen. Er gewann aber, und somit wohl auch Polens neueste Geschichte.
Sonst müssten wir nämlich alle annehmen, dass sich der
Kommunismus (eigentlich: Realsozialismus) in Europa mit Hilfe seiner
politischen Polizei einst selbst zum Sturz brachte.
Noch ein anderer Kandidat für den höchsten Stuhl im
Staat hatte neulich mit der Justiz zu tun, und zwar unter ebenso
spektakulären Umständen. Er, der steckbrieflich gesucht
wurde, hatte irgendwie mit der Polizei verabredet, dass seine Verhaftung
an einem vereinbarten Ort und zu einer vorher vereinbarten Zeit
stattfinden sollte.
Er hielt zuerst eine kleine Pressekonferenz ab - vor zahlreichen
Kameras und Mikrofonen. Dann stand eine hübsche Assistentin
auf und kündigte die Polizei an. Kurz darauf saß der
Kandidat Andrzej Lepper im Streifenwagen. Doch Lepper ist kein Krimineller:
Er ist Vorsitzender der Partei "Samoobrona" ("Selbstverteidigung"),
und vor allem ist er ein charismatischer Bauernführer.
Er muss sich jetzt dafür verantworten, dass er im Januar 1999
zusammen mit einer Gruppe von Bauern den Grenzübergang zu Deutschland
in Swiecko blockierte. Da er sich trotz Vorladung dem Gericht nicht
stellte, wurde er neulich zu 30 Tagen Arrest verurteilt. Seinen
Wahlkampf musste er aber nicht allzu lange von einem vergitterten
Fenster aus fortsetzen: nach knapp 5 Tagen wurde er wieder freigelassen,
weil sein Wahlkomitee dafür bürgt, dass er dem Gericht
jederzeit zur Verfügung stehen werde. So eine wunderbare Freilassung
hat Lepper übrigens schon einmal geschafft...
Die Freiheit erlangten auch zwei Strafgefangene in Wadowice, deren
spektakuläre Flucht ebenfalls zum Medienereignis wurde. Die
Sträflinge bohrten - mit ihrem Essbesteck oder einem Teil ihrer
Bettstatt - ein kleines Loch in die Wand ihrer Gefängniszelle.
Es war zwar klein, aber dennoch groß genug für die beiden, die sich durch diese Öffnung ins benachbarte ...Gerichtsgebäude
flüchteten: eine wahre Blamage für die polnische Justiz,
die am selben Tag geradezu ein Fest feierte:
Vor dem Gericht in Jelenia Gora (Hirschberg) begann der Prozess
gegen einen russischen Bürger, dem die Staatsanwaltschaft unter
anderem vorwirft, fünf Männer erschossen zu haben. Der
Prozess wurde in einer speziellen Sicherheitszone veranstaltet:
jede Menge Gitter, Sondergänge, Sicherheitscheck am Eingang,
SEK-Kommando usw.
Warum? Weil im März, in eben diesem Gerichtsgebäude,
zwei Angeklagte mit Schusswaffen und Handgranaten geballert hatten.
Damals hat das SEK drei Banditen getötet, zwei Polizisten wurden
von Granatsplittern getroffen und verletzt.
Selbst eine sonst eher langweilige Einrichtung wie die Bahn, kann
in Polen für Schlagzeilen sorgen. Sie ist nach wie vor ein
staatseigenes Unternehmen, ein Staat im Staate.
Bis zum Jahre 1989 verfügte sie nicht nur über Gleise,
Loks und Waggons, sondern hatte auch ihre eigenen Telefonnetze,
Krankenhäuser, Apotheken, ja sogar Gefängnisse.
Heute wehrt sie sich, hoch verschuldet, wirksam gegen jede Reform.
Nach und nach verzichtet sie auf weitere Lokallinien. Massenentlassungen
stehen ihr bevor, aber das will ja keine Regierung riskieren: -zig
neue Arbeitslose sind ja eine politische Gefahr.
Und da die Bahn nicht einmal für Strom bezahlt, wurde ihr
von den Elektrizitätswerken - 'mal hier, 'mal da - der Strom
abgeschaltet. Früher ist es übrigens auch passiert, dass
es auf Bahnhöfen kein fließendes Wasser gab: die Wasserwerke
wollten nämlich auch bezahlt werden.
Wie auch immer: jetzt darf die Bahn weitere Schulden machen, weil
Wirtschaftsminister Janusz Steinhoff, den - ebenso staatseigenen
- Stromversorgern jedes weitere Abschalten untersagte. Nun macht
also praktisch der Staat weitere Schulden bei sich selbst und alles
ist in bester Ordnung.
Warum? Weil jedes Kind in Polen weiß, dass dies eine Erblast für
die Linken sein wird, die höchstwahrscheinlich ab Herbst 2001 in Polen
regieren werden. (Bislang nämlich, regiert in Polen noch die rechtskonservative
Wahlaktion Solidarnosc, die sich in strikter Gegnerschaft zum linksgerichteten
Präsidenten Kwasniewski befindet). Viel Spaß auch, Genossen!
Doch obwohl der Weg in den Präsidentenpalast am Gericht vorbei führt, obwohl Gefängniswände seltsam dünn sind,
obwohl vor Augen der blinden Themis Granaten explodieren, und die
Bahn nicht einmal für den Strom bezahlen kann, schreitet das
stolze Land unerschütterlich voran, um so bald wie möglich
Mitglied der glücklichen, wohlhabenden europäischen Familie
zu werden. Kennen Sie, liebe Leser, noch ein anderes Land, wo all
das möglich wäre? Wenn ja, dann verbringen Sie dort möglichst
viel Zeit - Sie werden sich niemals langweilen!
4. September 2000
 
Notizen von jenseits der Oder
Kennst Du das Land...?
von Marek Trenkler
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