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Morgenwelt
28. August 2000
 

Brief aus Rio

Es steht in den Sternen geschrieben - und ist in die Flagge gestickt

von Carl D.Goerdeler

Mit kosmischen Symbolen wie Mond, Sterne und unserer Sonne schmücken sich die Nationen dieser Welt: von Algerien angefangen, bis zur Zentralafrikanischen Republik.

Das Schicksal steht in den Sternen geschrieben, und es ist in die Flagge gestickt: der Halbmond (Türkei und arabische Länder), die Sonne strahlend wie in Argentinien, oder als abstrakte rote Scheibe in Japan, die "stars and stripes" - sie alle sollen mehr bedeuten, als nur Himmelskörper, sie sollen leuchten für das Land, das sie beansprucht.

Unter den Sternenbannern ragt eine Flagge heraus, die wahrhaft astronomisch ist: die Fahne Brasiliens.

Sie zeigt einen Ausschnitt aus dem südlichen Sternenhimmel, der durch ein Spruchband umgürtet ist, so ähnlich wie eine Zigarre durch eine Banderole.

Auf dem Spruchband steht: "Ordem e Progresso" - "Ordnung und Fortschritt" - und das ist ein Zitat aus einem Wahlspruch der positivistischen Philosophie, die der Franzose Auguste Comte im 19. Jahrhundert begründet hat. (Im Original lautet das Motto von Comte: "L'Amour pour principe et L'Ordre pour base; le Progrès pour but." - Anm.d.Red .)

Die junge brasilianische Republik, die durch einen Militärputsch gegen den Kaiser Pedro II am 15. November 1889 ins Leben gerufen wurde, warf die alten monarchischen Insignien auf den Müllhaufen der Geschichte und suchte ihre eigenen Symbole.

Zuerst nähte man an einer Flagge, die der nordamerikanischen Nationalfahne so sehr glich, dass man vier Tage später doch den Entwurf eines gewissen Decio Vilares bevorzugte. Wir brauchen die weiteren heraldischen Details nicht zu verfolgen. Doch eines bleibt festzuhalten: die brasilianische Flagge zeigt exakt das Sternbild über Rio de Janeiro am 15. November 1889 um 08.30 Uhr früh, just zu dem Zeitpunkt, da in dieser Stadt die Republik proklamiert wurde.

Deshalb ist die brasilianische Flagge so etwas wie eine astronomische Uhr, die stehengeblieben ist.

Und was sehen wir auf dem Zifferblatt dieser Uhr? Natürlich das Kreuz des Südens, die Sternbilder Wasserschlange, Großer Hund (mit Sirius), Südliches Dreieck und Skorpion.

Insgesamt 27 Sterne sind zu erkennen - so viele wie Brasilien Bundesstaaten hat. Und es ist ja wohl auch klar, dass die wichtigsten Bundesstaaten, wie der Regierungsdestrikt Brasilia, Sao Paulo, Rio de Janeiro, Minas Gerais und Bahia, dem Kreuz des Südens zugeordnet werden.

Sollte im Laufe der Zeit noch der eine oder andere Bundesstaat neu entstehen, so wird ihm natürlich ein weiterer Stern angeheftet, so wie es die Amerikaner und Europäer (EU) auf ihren Flaggen ja auch machen.

Was uns jetzt nur noch fehlt, ist eine langfristige Vorhersage der Astrologen zum Schicksal der Nation Brasilien, das ja buchstäblich in den Sternen geschrieben steht - jedenfalls auf der Flagge.


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