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Morgenwelt Langsam
und majestätisch steigt der haushohe Heissluftballon in den nächtlichen Himmel. Einen glitzernden
Kometenschweif aus vielen hundert Teelichtern zieht er hinter sich
her. Die Favela- Bewohner, die auf den Fußballplatz gekommen
sind, ihren Ballon zu starten, fallen sich glücklich in die Arme.
Jeder hatte mitgemacht und dichtgehalten, denn der Ballon-Start
durfte an keinen verraten werden, weder an die Polizei noch an die
"Baloeiros" von den benachbarten Favelas und Vorstädten.
Ohne die großzügigen Spenden von den Chefs der verbotenen
Tierlotterie wäre das Werk kaum gelungen. Diese Bankiers der
Halbwelt finanzieren nicht nur die Samba-Schulen im Karneval, sondern
auch die geheimen Bruderschaften der Heißluftballons.
Es ist sinnlos, die Leute vom Morro de Sao Carlos danach zu fragen, wieso sie dieser Ballon-Manie anhängen, die
jeden Favela-Bewohner doch immerhin einige Kästen Bier pro
Jahr kostet. Sie wissen darüber nichts zu sagen; sie glauben,
es sei schon immer so gewesen, dass man in den kalten Winternächten
eben Ballons steigen lässt, je größer, desto besser.
Dass drei bis zwölf Monate Gefängnis demjenigen drohen,
der dabei erwischt wird, Ballons zu fabrizieren, oder in die Luft
zu schicken, ahnen so gut wie alle: Was für ein Blödsinn!
Eine Erklärung für diese Strafe weiß keiner. Woher
auch? Zu den eifrigsten "baloneiros" zählen doch
gerade die Kameraden von Militär und Polizei, die nach Feierabend
in die Garage kommen, um die "sanfte Erdenmutter" aus
der Taufe zu heben als wäre sie ihr eigenes Baby.
Die Idee, große Heißluftballons aus Kunstseide und
Papier über Drahtgestelle gespannt, aufsteigen zu lassen, kam
in Rio de Janeiro auf, und breitete sich wie eine Epidemie aus bis hin nach Sao Paulo. Das war in den dreißiger Jahren.
Wurden damals die Cariocas, die Bewohner von Rio, von den Zeppelinen
inspiriert? Ob die verbotene Sitte, nächtens riesige Ballons
in den Armenvierteln aufsteigen zu lassen, nicht am Ende so etwas
ist wie ein moderner Cargo-Kult?
Oder sind diese gigantischen Ballons gar nichts anderes als Luftschlösser,
Träume aus Lamellen und Licht, welche die Armen gen Himmel
schicken?
Schließlich werden die hellsten Feuerwerke in den dunkelsten
Vierteln abgebrannt, die prachtvollsten Karnevals-Kostüme kommen
aus den elendsten Hütten.
Statt der Anthropologen interessieren sich vorerst nur die Polizisten
für die Ballonbrüder.
Hatten nicht zwei ausländische Fluggesellschaften, die American
Airlines und die Lufthansa, damit gedroht, ihre Flüge nach
Rio de Janeiro wegen der Ballongefahr einzustellen? Hatte es seit
1993 nicht sechs nachgewiesene Kollisionen in der Luft gegeben,
die gottlob glimpflich abgelaufen waren?
Machten sich nicht die Piloten Sorgen darüber, dass nun neben
der Geierplage in den Anflugkorridoren auch noch täglich mit
Ballon -Havarien zu rechnen war? Mussten nicht schon Fabriken und
Raffinerien Vorsorge treffen, damit die niedergehenden Ballons nicht
wie Brandfackeln wüteten? Und gingen nicht hunderte von Bränden
in den Stadtparks und den umliegenden Forsten auf das Konto der
Ballons? War nicht sogar einmal eine Favela von einem niedergehenden
Ballon in Brand gesetzt worden und der Strom im Norden Rios wegen
eines Ballons ausgefallen?
Die Ballon-Plage - 12.000 Exemplare mit einem Durchmesser von
über einem Meter werden wohl alles in allem pro Jahr losgelassen
- hatte schon vor fünfzig Jahren dazu geführt, die "Unsitte" mit Strafe zu belegen.
Und obgleich diese Strafe immer mehr verschärft wurde und
die gutwilligen Stadtväter nichts unversucht ließen,
um die Ballonbrüder auf die grüne Wiese zu verbannen und
sie mit Wettkampfpreisen aus der Stadt zu locken - letztlich blieb
doch alles beim alten.
Die Ballons werden von den Favela-Bewohnern gehütet wie ihr
eigener Augapfel. Nur Eingweihte wissen, wo die Hülle verstaut
ist, wo sich die Gasbrenner befinden und der "Schwanz"
mit seinen Lichterketten.
Von wo aus genau schließlich der Gigant aus Papier in die
Lüfte steigen soll, wird erst in letzter Minute vor dem Start
und über die Buschtrommel bekannt gegeben.
Das sind ja keine Luftballons. Das sind zerbrechliche turmhohe
Kunstwerke, die einige tausend Dollar kosten. "O Rei do Rio",
der "König von Rio", den sie 1994 in der Favela de
Acari starteten, hatte fast 84 Meter an Höhe gemessen - so
viel wie ein Haus mit 28 Stockwerken!
Manche dieser Riesen maßen schon Höhen von 3.000 Metern
und legten mehrere hundert Kilometer Entfernung zurück. Doch
darauf kommt es nicht an.
Wichtig ist nur der Augenblick, wenn sich das Luftschiff, festlich
beleuchtet, sanft von der Erde löst und ins Dunkle entschwebt.
Sie schwärmen eine Winternacht lang, so wie die Bienenkönigin
auf ihrem Hochzeitsflug. Mit welchem Ziel? Mit keinem.
14. August 2000
 
Brief aus Rio
Die verbotenen Luftschlösser von Rio
von Carl D.Goerdeler
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