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Morgenwelt
14. August 2000
 

Brief aus Rio

Die verbotenen Luftschlösser von Rio

von Carl D.Goerdeler

Langsam und majestätisch steigt der haushohe Heissluftballon in den nächtlichen Himmel. Einen glitzernden Kometenschweif aus vielen hundert Teelichtern zieht er hinter sich her. Die Favela- Bewohner, die auf den Fußballplatz gekommen sind, ihren Ballon zu starten, fallen sich glücklich in die Arme.

Jeder hatte mitgemacht und dichtgehalten, denn der Ballon-Start durfte an keinen verraten werden, weder an die Polizei noch an die "Baloeiros" von den benachbarten Favelas und Vorstädten.

Ohne die großzügigen Spenden von den Chefs der verbotenen Tierlotterie wäre das Werk kaum gelungen. Diese Bankiers der Halbwelt finanzieren nicht nur die Samba-Schulen im Karneval, sondern auch die geheimen Bruderschaften der Heißluftballons.

Es ist sinnlos, die Leute vom Morro de Sao Carlos danach zu fragen, wieso sie dieser Ballon-Manie anhängen, die jeden Favela-Bewohner doch immerhin einige Kästen Bier pro Jahr kostet. Sie wissen darüber nichts zu sagen; sie glauben, es sei schon immer so gewesen, dass man in den kalten Winternächten eben Ballons steigen lässt, je größer, desto besser.

Dass drei bis zwölf Monate Gefängnis demjenigen drohen, der dabei erwischt wird, Ballons zu fabrizieren, oder in die Luft zu schicken, ahnen so gut wie alle: Was für ein Blödsinn! Eine Erklärung für diese Strafe weiß keiner. Woher auch? Zu den eifrigsten "baloneiros" zählen doch gerade die Kameraden von Militär und Polizei, die nach Feierabend in die Garage kommen, um die "sanfte Erdenmutter" aus der Taufe zu heben als wäre sie ihr eigenes Baby.

Die Idee, große Heißluftballons aus Kunstseide und Papier über Drahtgestelle gespannt, aufsteigen zu lassen, kam in Rio de Janeiro auf, und breitete sich wie eine Epidemie aus bis hin nach Sao Paulo. Das war in den dreißiger Jahren.

Wurden damals die Cariocas, die Bewohner von Rio, von den Zeppelinen inspiriert? Ob die verbotene Sitte, nächtens riesige Ballons in den Armenvierteln aufsteigen zu lassen, nicht am Ende so etwas ist wie ein moderner Cargo-Kult?

Oder sind diese gigantischen Ballons gar nichts anderes als Luftschlösser, Träume aus Lamellen und Licht, welche die Armen gen Himmel schicken?

Schließlich werden die hellsten Feuerwerke in den dunkelsten Vierteln abgebrannt, die prachtvollsten Karnevals-Kostüme kommen aus den elendsten Hütten.

Statt der Anthropologen interessieren sich vorerst nur die Polizisten für die Ballonbrüder.

Hatten nicht zwei ausländische Fluggesellschaften, die American Airlines und die Lufthansa, damit gedroht, ihre Flüge nach Rio de Janeiro wegen der Ballongefahr einzustellen? Hatte es seit 1993 nicht sechs nachgewiesene Kollisionen in der Luft gegeben, die gottlob glimpflich abgelaufen waren?

Machten sich nicht die Piloten Sorgen darüber, dass nun neben der Geierplage in den Anflugkorridoren auch noch täglich mit Ballon -Havarien zu rechnen war? Mussten nicht schon Fabriken und Raffinerien Vorsorge treffen, damit die niedergehenden Ballons nicht wie Brandfackeln wüteten? Und gingen nicht hunderte von Bränden in den Stadtparks und den umliegenden Forsten auf das Konto der Ballons? War nicht sogar einmal eine Favela von einem niedergehenden Ballon in Brand gesetzt worden und der Strom im Norden Rios wegen eines Ballons ausgefallen?

Die Ballon-Plage - 12.000 Exemplare mit einem Durchmesser von über einem Meter werden wohl alles in allem pro Jahr losgelassen - hatte schon vor fünfzig Jahren dazu geführt, die "Unsitte" mit Strafe zu belegen.

Und obgleich diese Strafe immer mehr verschärft wurde und die gutwilligen Stadtväter nichts unversucht ließen, um die Ballonbrüder auf die grüne Wiese zu verbannen und sie mit Wettkampfpreisen aus der Stadt zu locken - letztlich blieb doch alles beim alten.

Die Ballons werden von den Favela-Bewohnern gehütet wie ihr eigener Augapfel. Nur Eingweihte wissen, wo die Hülle verstaut ist, wo sich die Gasbrenner befinden und der "Schwanz" mit seinen Lichterketten.

Von wo aus genau schließlich der Gigant aus Papier in die Lüfte steigen soll, wird erst in letzter Minute vor dem Start und über die Buschtrommel bekannt gegeben.

Das sind ja keine Luftballons. Das sind zerbrechliche turmhohe Kunstwerke, die einige tausend Dollar kosten. "O Rei do Rio", der "König von Rio", den sie 1994 in der Favela de Acari starteten, hatte fast 84 Meter an Höhe gemessen - so viel wie ein Haus mit 28 Stockwerken!

Manche dieser Riesen maßen schon Höhen von 3.000 Metern und legten mehrere hundert Kilometer Entfernung zurück. Doch darauf kommt es nicht an.

Wichtig ist nur der Augenblick, wenn sich das Luftschiff, festlich beleuchtet, sanft von der Erde löst und ins Dunkle entschwebt. Sie schwärmen eine Winternacht lang, so wie die Bienenkönigin auf ihrem Hochzeitsflug. Mit welchem Ziel? Mit keinem.


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