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Morgenwelt Es
sind fette Jahre für Hilliard Kassel. " Die jüngste
Schwäche des Rand hat die Nachfrage noch einmal erhöht ."
Im Frühjahr erst hat die südafrikanische Währung neue
historische Tiefstände zum Dollar erreicht.
Keine Frage, die Geschäfte laufen gut für den Rechtsanwalt,
seit er sich darauf spezialisiert hat, auswanderungswilligen Südafrikanern
bei der Republikflucht zu assistieren.
Hilliard Kassel kennt sich aus im Paragrafendschungel der Einwanderungsbehörden
Australiens, Neuseelands und Großbritanniens, und genau dieses
Wissen ist gefragt derzeit im Land zwischen Krügerpark und
Kap.
In seiner Praxis im Norden von Johannesburg profitiert Kassel
von einem wahren Exodus der Eliten Südafrikas. Er profitiert
vom "brain drain", dem "Abfluss der Gehirne",
vom "chicken run", der "Flucht der Angsthasen".
Schon heute leben und arbeiten zwischen zwölf und sechzehn
Prozent der Südafrikaner im Ausland, und eine kürzlich
veröffentlichte Umfrage unter Führungs- und Fachkräften
in aller Welt zeigt, dass nur Russen noch lieber ihr Land verlassen
würden als Südafrikaner aller Rassen.
" In den letzten zwei Jahren haben wir drei Teilhaber und mehr als fünf Top-Manager verloren ", sagt Jaco du
Plessis, Teilhaber der südafrikanischen Niederlassung von Deloitte
& Touche. " Besonders bei solch schwerwiegenden Verlusten
ist es schwer, adäquaten Ersatz zu finden. Das Ergebnis sind
immer jüngere und unerfahrenere Kollegen. "
Viele Firmen senken ihre Anforderungen, zusätzlich steigen
die Kosten. Headhunter fischen in einem immer kleineren Pool von
noch in Südafrika zur Verfügung stehenden Fachkräften,
die sich ihr Bleiben immer mehr versüßen lassen.
Bald werden mehr südafrikanische Ärzte in Kalifornien,
als in Kapstadt praktizieren. Umfragen zufolge, wollen drei Viertel
aller frisch gebackenen Unternehmensprüfer direkt nach der
Uni ins Ausland gehen.
In ihrer Verzweiflung versuchen die Unternehmen, Studenten schon
vor dem Examen an sich zu binden die potenziellen Fachkräfte
werden genommen, egal ob sie ihren Abschluss bekommen oder nicht:
ein Trend, der auch für die datenverarbeitende Industrie gilt.
Schon heute stellt die Branche fast ein Viertel aller Emigranten.
Und die Hälfte derer, die noch hier sind, denkt über eine
Auswanderung nach.
Eine Untersuchung des Arbeitsmarktforschungsinstituts FSA-Contact
nennt sinkendes Ausbildungsniveau (84%), einen allgemein sinkenden
Lebensstandard (55%), sowie ein zusammenbrechendes Gesundheitssystem
(51%) als Gründe für die Auswanderungswelle. Ganz oben
auf der Liste aber steht die horrende Kriminalität im Land.
96 Prozent aller Auswanderer nennen Mord und Totschlag im Land als
Hauptgrund für ihre Entscheidung.
Doch Populisten müssen scheitern, wenn sie einfache Lösungen
für ein diffiziles Problem propagieren. Es reicht anscheinend
nicht aus, die Ursachen zu bekämpfen, welche die Leute aus
dem Land treiben. Es bleiben die Faktoren, die eine Anziehungskraft
auf die Auswanderungswilligen ausüben.
Akademiker werden in Übersee immer bessere Möglichkeiten
finden, gut ausgebildete Fachkräfte immer mehr Geld verdienen
können, als am Südzipfel Afrikas.
Südafrika steckt mitten im Dilemma der Globalisierung. " Wir
sind mittlerweile nur Teil der Globalisierung und einer weltweiten
Urbanisierung ", erklärt Miles Jacobs, mittlerweile
in New York zu Hause. " Statt nach Johannesburg zu ziehen,
ziehen wir halt nach New York die Jobs sind hier einfach
besser, und das gibt es überall auf der Welt ."
Zacharias Louw, angehender Rechtsanwalt und ebenfalls gerade auf
dem Sprung, sich in Europa eine neue Existenz aufzubauen, ergänzt:
" Ich will einfach etwas von der Welt sehen. Ich habe jetzt
jene Möglichkeiten, die mein Vater und seine Väter nicht
hatten ."
Nach Jahren der Isolation Südafrikas ist dies ein Wunsch mit
soviel Anziehungskraft, dass kein Staat und keine Volkswirtschaft
der Welt gegensteuern könnte.
" Langfristig muss der Trend mit verstärkten Ausbildungsanstrengungen
aufgefangen werden ", so Vincent Williams, Migrationsforscher
aus Kapstadt, " kurzfristig hilft nur das Einkaufen von Humankapital ".
Doch genau hier versagt das südafrikanische System auf ganzer
Linie: Die Bestimmungen sehen vor, dass Firmen begründen müssen,
warum sie auf einen Mitarbeiter aus dem Ausland angewiesen sind
und warum kein geeigneter Kandidat aus Südafrika gefunden werden
kann.
Dies entpuppt sich als Gummiparagraf: nicht nur, dass der Entscheidungsprozess
durchschnittlich stolze vier bis sechs Monate dauert, das Ergebnis
ist zudem oft ungewiss und die Entscheidungsfindung undurchsichtig.
Eine Änderung dieser Praxis sowohl für qualifizierte,
als auch für unqualifizierte Arbeitskräfte ist
vorerst nicht geplant. Die Einwanderungs-Quote nach Südafrika,
und damit auch der Import von Humankapital zur Deckung der Verluste,
befindet sich auf einem historischen Tiefstand.
7. August 2000
 
Ansichten aus Afrika
Der Exodus der Eliten beraubt Südafrika
seines geistigen und wirtschaftlichen Fundaments.
von Andreas Mayer
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