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Morgenwelt Bratislav
ist ein richtiger Serbe und von einer Offenheit, die fast schon an
Verwegenheit grenzt:
" Ich kann das Geld sicher brauchen ", meinte der
19jährige Belgrader als ich ihm vor einem halben Jahr für
200 Mark im Monat einen Job als Übersetzer anbot. " Aber
wozu brauchen Sie einen Dolmetscher? Es genügt, wenn Sie zwei
serbische Grundregeln verstehen: Erstens, dass nema problema'
nicht, wie im Wörterbuch steht kein Problem' ,sondern
ein Problem' heißt. Und zweitens, dass sutra'
,korrekt übersetzt, zwar morgen', in Wirklichkeit aber nie' bedeutet ."
Ich habe Braca, wie ihn seine Freunde nennen, trotzdem engagiert
und es nicht bereut. Zwar beherrsche ich die, von Vuk Karadzic,
dem serbischen Konrad Duden, 1814 erstmals festgelegten Grammatikregeln
noch lange nicht.
Ich verwechsle beim Einkaufen auch noch immer brano mit
praak und erhalte daher Mehl, statt Waschpulver. Aber ansonsten
komme ich dank ein paar weiteren Standardsätzen, die mir Braca
beigebracht hat, im serbischen Alltag bereits bestens zurecht.
So etwa sind mir die gängigsten Kraftausdrücke des Landes
längst in Fleisch und Blut übergegangen, was enorm wichtig
ist, will man von den Einheimischen ernst genommen werden.
Allerdings ist ein serbischer Fluch nicht in jedem Fall auch eine
Gotteslästerung: Mit "Jebi ga" zum Beispiel, der
wahrscheinlich häufigsten Redewendung hierzulande, kann sowohl
ein verachtendes "Fuck him" als auch ein entsetztes "Um-Gottes-Willen"
oder ein resigniertes "C'est la vie" gemeint sein.
Der jeweilige Unterschied ist lediglich am Tonfall zu erkennen,
was jedoch eines geschulten Ohres bedarf, da Serben mindestens doppelt
so laut wie andere Menschen sprechen. Wobei ich mir nie sicher bin,
ob sie schreien, weil sie heiser sind, oder ob sie heiser sind,
weil sie schreien.
Ein Grund für ihr lautes Sprechorgan dürfte nicht zuletzt
die Tatsache sein, dass sich das Leben eines echten Serben, wenn
nicht gerade auf Schlachtfeldern, dann auf Märkten oder in
Straßencafés - also immer im Freien abspielt.
Dazu kommt, dass fast jeder zweite einen unbändigen Drang
zum Singen verspürt, dem er ungeachtet seiner Begabung bei
jeder Gelegenheit nachgibt, vor allem wenn er seine rauhe Kehle
vorher mit Slibowitz geölt hat: denn in Serbien, wo die Kriege
fröhlich sind, und die Lieder traurig, glaubt man an die Heilkraft
der Melancholie.
Für Serben ist das Trinken aber auch ein Ausdruck ihrer Lebensfreude.
Daher besuchen hier nur Ignoranten die Museen, während Fremde,
die Land und Leute wirklich verstehen wollen, in die Kneipen gehen.
Zugegeben: Für einen Amerikaner, Deutschen oder Engländer
ist ein solcher Kneipenbesuch ein Jahr nach den NATO-Luftangriffen
noch immer ein gewagtes Unternehmen, aber ansonsten sind die Serben
bei weitem nicht solche Menschenfresser, als die sie in diesen Ländern
immer wieder präsentiert werden.
Allein in Belgrad leben rund 25 Prozent Nichtserben. Das heißt:
Jeder vierte Einwohner der serbischen Hauptstadt hat seine ethnischen
Wurzeln in Bosnien, Kroatien, Albanien oder sonstwo. Rechnet man
dazu die Ungarn in der Vojvodina und die anderen Minderheiten hinzu,
dann ist Serbien heute der ethnisch am meisten gemischte Staat auf
dem Balkan.
Ähnliches gilt für die serbische Sprache, zu der auch
unzählige Wörter gehören, die dem Deutschen oder
Englischen entlehnt sind. Beispiele dafür wären etwa das
"wikend", das "auto" oder das "toalet papir".
Und nicht zu vergessen: die liebste Freizeitbeschäftigung der
Serben der "sport".
Im Gegensatz dazu, scheinen die Serben bei ihrer zweitliebsten Freizeitbeschäftigung, den Frauen, keine westlichen Einflüsse
zulassen zu wollen. Dennoch vergeht kein Tag, an dem man als Fremder
nicht mindestens zehnmal gefragt wird, was man vom Aussehen der
serbischen Mädchen hält.
Die Antwort darauf sollte man sich gut überlegen: Zeigt man
nämlich kein Interesse an den örtlichen Schönheiten,
die zumeist grell geschminkt und kurz berockt sind, beleidigt man
nicht nur den Geschmack der Serben, sondern auch ihren Stolz.
Hängt man aber andererseits den Macho 'raus und lässt
sich auf ein Abenteuer ein, riskiert man wiederum eine ungewollte
Beziehung und beides kann gefährlich enden. Denn: Jebi ga so sind sie halt, die Serben.
31. July 2000
 
Splitter aus Belgrad
Neu: Serbisch für Anfänger
von Richard Schneider
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