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Morgenwelt
31. July 2000
 

Splitter aus Belgrad

Neu: Serbisch für Anfänger

von Richard Schneider

Bratislav ist ein richtiger Serbe und von einer Offenheit, die fast schon an Verwegenheit grenzt:

" Ich kann das Geld sicher brauchen ", meinte der 19jährige Belgrader als ich ihm vor einem halben Jahr für 200 Mark im Monat einen Job als Übersetzer anbot. " Aber wozu brauchen Sie einen Dolmetscher? Es genügt, wenn Sie zwei serbische Grundregeln verstehen: Erstens, dass ‚nema problema' nicht, wie im Wörterbuch steht ‚kein Problem' ,sondern ‚ein Problem' heißt. Und zweitens, dass ‚sutra' ,korrekt übersetzt, zwar ‚morgen', in Wirklichkeit aber ‚nie' bedeutet ."

Ich habe Braca, wie ihn seine Freunde nennen, trotzdem engagiert und es nicht bereut. Zwar beherrsche ich die, von Vuk Karadzic, dem serbischen Konrad Duden, 1814 erstmals festgelegten Grammatikregeln noch lange nicht.

Ich verwechsle beim Einkaufen auch noch immer brašno mit prašak und erhalte daher Mehl, statt Waschpulver. Aber ansonsten komme ich dank ein paar weiteren Standardsätzen, die mir Braca beigebracht hat, im serbischen Alltag bereits bestens zurecht.

So etwa sind mir die gängigsten Kraftausdrücke des Landes längst in Fleisch und Blut übergegangen, was enorm wichtig ist, will man von den Einheimischen ernst genommen werden.

Allerdings ist ein serbischer Fluch nicht in jedem Fall auch eine Gotteslästerung: Mit "Jebi ga" zum Beispiel, der wahrscheinlich häufigsten Redewendung hierzulande, kann sowohl ein verachtendes "Fuck him" als auch ein entsetztes "Um-Gottes-Willen" oder ein resigniertes "C'est la vie" gemeint sein.

Der jeweilige Unterschied ist lediglich am Tonfall zu erkennen, was jedoch eines geschulten Ohres bedarf, da Serben mindestens doppelt so laut wie andere Menschen sprechen. Wobei ich mir nie sicher bin, ob sie schreien, weil sie heiser sind, oder ob sie heiser sind, weil sie schreien.

Ein Grund für ihr lautes Sprechorgan dürfte nicht zuletzt die Tatsache sein, dass sich das Leben eines echten Serben, wenn nicht gerade auf Schlachtfeldern, dann auf Märkten oder in Straßencafés - also immer im Freien abspielt.

Dazu kommt, dass fast jeder zweite einen unbändigen Drang zum Singen verspürt, dem er ungeachtet seiner Begabung bei jeder Gelegenheit nachgibt, vor allem wenn er seine rauhe Kehle vorher mit Slibowitz geölt hat: denn in Serbien, wo die Kriege fröhlich sind, und die Lieder traurig, glaubt man an die Heilkraft der Melancholie.

Für Serben ist das Trinken aber auch ein Ausdruck ihrer Lebensfreude. Daher besuchen hier nur Ignoranten die Museen, während Fremde, die Land und Leute wirklich verstehen wollen, in die Kneipen gehen.

Zugegeben: Für einen Amerikaner, Deutschen oder Engländer ist ein solcher Kneipenbesuch ein Jahr nach den NATO-Luftangriffen noch immer ein gewagtes Unternehmen, aber ansonsten sind die Serben bei weitem nicht solche Menschenfresser, als die sie in diesen Ländern immer wieder präsentiert werden.

Allein in Belgrad leben rund 25 Prozent Nichtserben. Das heißt: Jeder vierte Einwohner der serbischen Hauptstadt hat seine ethnischen Wurzeln in Bosnien, Kroatien, Albanien oder sonstwo. Rechnet man dazu die Ungarn in der Vojvodina und die anderen Minderheiten hinzu, dann ist Serbien heute der ethnisch am meisten gemischte Staat auf dem Balkan.

Ähnliches gilt für die serbische Sprache, zu der auch unzählige Wörter gehören, die dem Deutschen oder Englischen entlehnt sind. Beispiele dafür wären etwa das "wikend", das "auto" oder das "toalet papir". Und nicht zu vergessen: die liebste Freizeitbeschäftigung der Serben – der "sport".

Im Gegensatz dazu, scheinen die Serben bei ihrer zweitliebsten Freizeitbeschäftigung, den Frauen, keine westlichen Einflüsse zulassen zu wollen. Dennoch vergeht kein Tag, an dem man als Fremder nicht mindestens zehnmal gefragt wird, was man vom Aussehen der serbischen Mädchen hält.

Die Antwort darauf sollte man sich gut überlegen: Zeigt man nämlich kein Interesse an den örtlichen Schönheiten, die zumeist grell geschminkt und kurz berockt sind, beleidigt man nicht nur den Geschmack der Serben, sondern auch ihren Stolz.

Hängt man aber andererseits den Macho 'raus und lässt sich auf ein Abenteuer ein, riskiert man wiederum eine ungewollte Beziehung – und beides kann gefährlich enden. Denn: Jebi ga – so sind sie halt, die Serben.


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