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Morgenwelt
24. July 2000
 

Notizen von jenseits der Oder

Neu: Das Reich der Illusionen

von Marek Trenkler

Die Ersten kommen schon um fünf Uhr morgens, um mehrere Stunden anzustehen - genauso wie vor 20 Jahren, wenn man etwas Rares erstehen wollte: Fleisch, Elektrogeräte, Klopapier... Tagsüber stehen sogar 120-140 Menschen in der Schlange. Aber das hier ist kein Laden, sondern ein Amt, und die Menschen wollen nichts kaufen, sondern nur ihre Autos registrieren lassen.

Nein, es kam in Polen zu keinem Autoboom, ganz im Gegenteil: Es werden jetzt wesentlich weniger Autos verkauft als noch vor ein paar Monaten. Unter den Anstehenden gibt es also nur wenige Neuwagenbesitzer. Was ist also passiert?

Es gibt neue Autokennzeichen und seit Anfang Mai kann man sie erwerben. Seit eh und je waren sie in Polen immer schwarz, mit weißen Buchstaben und Ziffern. Jetzt gleichen sie fast den deutschen Kennzeichen und im Straßenverkehr kann man nun praktisch nicht mehr unterscheiden, ob das jeweils andere Auto aus Polen oder aus Deutschland kommt. Die neuen Schilder sind hochbegehrt - vielleicht gerade aus eben diesem Grund.

Sie sind so begehrt, dass manche Autobesitzer den Diebstahl ihrer alten Schilder melden, um schneller an die neuen zu kommen. Zwar fahren sie dann dieselben Autos auf denselben Straßen, zwischen denselben Löchern und in denselben Staus - aber die Illusion ist perfekt: Sie sind schon fast in Europa...

Teuer ist der Luxus und umständlich: ein neuer Fahrzeugausweis inklusive Kennzeichen kostet nun doppelt soviel wie früher, und der Staat kassiert mächtig ab. Mehr noch: die Prozedur dauert dreimal so lange als bisher - aber für eine Illusion gibt der Pole seinen letzten Groschen gerne aus. Egal wie alt er ist: Er ist gewöhnt an Illusionen, wenn nicht gar an Lügen.

Früher "liebte" er die Sowjetunion, und "das Programm der Partei" war "sein Programm". Heute "liebt" er die USA, und sein größter Traum ist, dass dem Papst noch ein Denkmal gesetzt wird.

Übrigens: nicht nur dem Papst. Seit kurzem gibt es, wie die Presseagentur PAP berichtet, in einer katholischen Kirche in Tarnow (Kleinpolen) eine neue Eingangstür: wunderbar geschnitzt, natürlich mit dem "Heiligen Vater" und ...dem lokalen Bonzen von "Solidarnosc" (!). So leicht wird man in Polen heilig...

Apropos heilig: der Top-Nachrichtenmoderator Tomasz Lis vom privaten Fernsehsender TVN gab kürzlich ein schönes Beispiel für den einzig wahren Lebensweg. Es war die 1000-ste Ausgabe seiner Informationssendung "Fakty".

Lis moderierte sie mit einer kranken Stimme, er sprach ganz heiser, so dass man ihn zeitweise kaum verstehen konnte. Anlässlich des Sendungs-Jubiläums zeigte er Archivbilder mit den Höhepunkten und Glanzlichtern seiner Sendung .

Zwei Drittel davon: Papst, Kirche, Messe, Pilgerschaft usw. Dann kamen zwei Meldungen über tote Priester, dann empörte sich ein Reporter über ein Computerspiel mit satanistischen Elementen. Berichtet wurde auch von einer Abteilung für Sektenbekämpfung, die soeben im polnischen Innenministerium gegründet wurde (Anmerkung für die Leser: eine Sekte bedeutet in Polen nicht nur "Moon" oder "Scientology", sondern fast alles, was nicht katholisch ist, sogar Aikido-Sportvereine).

Und ganz am Ende der Sendung sagte der beinahe heilige Starmoderator: "Verzeihen Sie mir die paar Tage Abwesenheit, aber die waren begründet. Meine Familie hat sich vergrößert: um eine Tochter. Und ich habe mich gestern darüber gefreut, vielleicht allzu sehr gefreut, was Sie mir vielleicht anhören können". Im Klartext: er gab vor einem Millionenpublikum zu, dass er die "Gabe Gottes" einfach mit zuviel Alkohol begrüßt hatte...

Und: obwohl man im polnischen Netz längst eine MP3-Aufnahme von Lis finden kann, in der er aufs Schlimmste flucht und seine Kollegen beleidigt, obwohl sich jetzt Internauten im Usenet über den Bericht zu den sogenannten "satanischen" Spielen empören, wiegen sich immer noch Millionen Polen in der Illusion, dass Lis und sein Team Fakten beschreiben, und nicht produzieren.

Nun aber eine etwas größere Illusion. Die polnische Kriegsmarine freut sich seit einigen Wochen über die Raketenfregatte USS "Clark", die sie von ihrem NATO-Verbündeten, den Vereinigten Staaten von Amerika, geschenkt bekommen hat. Ein prächtiges Schiff ist es, wahrlich!

Damit kann Polen "seine Ostsee" noch wirksamer schützen - wären da bloß nicht die Querulanten, die wegen irgendwelcher Kleinigkeiten meckern! Die Fregatte ist ja mit ihren zwanzig Jahren auf dem Buckel sowieso ganz modern für die hiesigen Verhältnisse.

Sie ist normalerweise mit acht Harpoon-Raketen bewaffnet, obwohl sie im Moment nur zwei an Bord hat. Die Fregatte braucht auch vier Hubschrauber, aber die polnischen Hubschrauber sind für sie zu groß, und die amerikanischen kann sich das arme Land nicht leisten. Na, dann eben nicht. Das Schiff fährt einfach ohne Raketen und Hubschrauber. Man kann sich ja schließlich welche vorstellen. Hauptsache, Polen hat endlich ein NATO-vollkompatibles Schiff, und Polens Freunde aus Amerika müssen weniger Altmetall entsorgen.

Nachdem Polen also fast zur Supermacht geworden ist, kann und soll es dem entsprechend seinen Beitrag zur Weltpolitik leisten. Und so wurde in Warschau eine sehr wichtige internationale Konferenz organisiert. Vertreter von mehr als 100 Staaten unterzeichneten ein sehr wichtiges Dokument, und zwar eine Schlussakte, in der sie sich auf die fundamentalen Menschen- und Bürgerrechte verpflichteten. Zwar verweigerten die Franzosen die Unterschrift, weil sie weder regelmäßige Versammlungen dieser Art, noch ein Auftreten als Gruppe akzeptieren wollten, aber insgesamt war es ein weiterer Erfolg der polnischen Außenpolitik.

Und vor allem war es ein würdiger Abschied für den Außenminister Geremek, der gerade wegen dieser Konferenz bis Ende Juni im Amt blieb, obwohl seine Partei zuvor die Regierungskoalition verlassen hatte.

Und die paar Hunderttausend Zloty, die das Ganze gekostet hat? Das sind Peanuts, die Demokratie hat schließlich ihren Preis... Und man kann sich der Illusion hingeben, dass man eine wichtige Rolle im Weltgeschehen spielt...

So wie etwa in New York , wo auf der UN-Frauenkonferenz über die Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten diskutiert wurde. Polen schickte eine starke Delegation nach New York, angeführt vom - Minister für Regionalentwicklung und Bauwesen, Jerzy Kropiwnicki.

Der Minister ist Mitglied der Christlich-Nationalen Vereinigung, und unter seiner Führung erklärten die Delegationsmitglieder aus Polen den Anwesenden, dass Toleranz gegenüber den Rechten sexueller Minderheiten zur Pädophilie führe.

Gemeinsam mit solchen Vorkämpfern der Demokratie, wie dem Vatikan, Nicaragua, Libyen, Sudan oder dem Irak, blockierte also das künftige EU-Mitglied Polen die Einigung über das Abschlussdokument...

"In New York wurde versucht, Druck auf die polnische Delegation auszuüben", erklärte danach der tapfere Minister. Und als er gefragt wurde, wieso er einen anderen Standpunkt als alle EU-Länder vertrat, sagte er ganz einfach: "Wir sind ja noch nicht in der EU, und ihre Bestimmungen gelten für uns nicht".

Welch eine schöne Vorstellung!


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