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Morgenwelt Die
Ersten kommen schon um fünf Uhr morgens, um mehrere Stunden anzustehen
- genauso wie vor 20 Jahren, wenn man etwas Rares erstehen wollte:
Fleisch, Elektrogeräte, Klopapier... Tagsüber stehen sogar
120-140 Menschen in der Schlange. Aber das hier ist kein Laden, sondern
ein Amt, und die Menschen wollen nichts kaufen, sondern nur ihre Autos
registrieren lassen.
Nein, es kam in Polen zu keinem Autoboom, ganz im Gegenteil: Es
werden jetzt wesentlich weniger Autos verkauft als noch vor ein
paar Monaten. Unter den Anstehenden gibt es also nur wenige Neuwagenbesitzer.
Was ist also passiert?
Es gibt neue Autokennzeichen und seit Anfang Mai kann man sie erwerben.
Seit eh und je waren sie in Polen immer schwarz, mit weißen
Buchstaben und Ziffern. Jetzt gleichen sie fast den deutschen Kennzeichen
und im Straßenverkehr kann man nun praktisch nicht mehr unterscheiden,
ob das jeweils andere Auto aus Polen oder aus Deutschland kommt.
Die neuen Schilder sind hochbegehrt - vielleicht gerade aus eben
diesem Grund.
Sie sind so begehrt, dass manche Autobesitzer den Diebstahl ihrer
alten Schilder melden, um schneller an die neuen zu kommen. Zwar
fahren sie dann dieselben Autos auf denselben Straßen, zwischen
denselben Löchern und in denselben Staus - aber die Illusion
ist perfekt: Sie sind schon fast in Europa...
Teuer ist der Luxus und umständlich: ein neuer Fahrzeugausweis
inklusive Kennzeichen kostet nun doppelt soviel wie früher,
und der Staat kassiert mächtig ab. Mehr noch: die Prozedur
dauert dreimal so lange als bisher - aber für eine Illusion gibt der Pole seinen letzten Groschen gerne aus. Egal wie alt er
ist: Er ist gewöhnt an Illusionen, wenn nicht gar an Lügen.
Früher "liebte" er die Sowjetunion, und "das
Programm der Partei" war "sein Programm". Heute "liebt"
er die USA, und sein größter Traum ist, dass dem Papst
noch ein Denkmal gesetzt wird.
Übrigens: nicht nur dem Papst. Seit kurzem gibt es, wie die
Presseagentur PAP berichtet, in einer katholischen Kirche in Tarnow
(Kleinpolen) eine neue Eingangstür: wunderbar geschnitzt, natürlich
mit dem "Heiligen Vater" und ...dem lokalen Bonzen von
"Solidarnosc" (!). So leicht wird man in Polen heilig...
Apropos heilig: der Top-Nachrichtenmoderator Tomasz Lis vom privaten
Fernsehsender TVN gab kürzlich ein schönes Beispiel für
den einzig wahren Lebensweg. Es war die 1000-ste Ausgabe seiner
Informationssendung "Fakty".
Lis moderierte sie mit einer kranken Stimme, er sprach ganz heiser,
so dass man ihn zeitweise kaum verstehen konnte. Anlässlich
des Sendungs-Jubiläums zeigte er Archivbilder mit den Höhepunkten
und Glanzlichtern seiner Sendung .
Zwei Drittel davon: Papst, Kirche, Messe, Pilgerschaft usw. Dann
kamen zwei Meldungen über tote Priester, dann empörte
sich ein Reporter über ein Computerspiel mit satanistischen
Elementen. Berichtet wurde auch von einer Abteilung für Sektenbekämpfung,
die soeben im polnischen Innenministerium gegründet wurde (Anmerkung
für die Leser: eine Sekte bedeutet in Polen nicht nur "Moon"
oder "Scientology", sondern fast alles, was nicht katholisch
ist, sogar Aikido-Sportvereine).
Und ganz am Ende der Sendung sagte der beinahe heilige Starmoderator:
"Verzeihen Sie mir die paar Tage Abwesenheit, aber die waren
begründet. Meine Familie hat sich vergrößert: um
eine Tochter. Und ich habe mich gestern darüber gefreut, vielleicht
allzu sehr gefreut, was Sie mir vielleicht anhören können". Im Klartext: er gab vor einem Millionenpublikum zu, dass er die
"Gabe Gottes" einfach mit zuviel Alkohol begrüßt
hatte...
Und: obwohl man im polnischen Netz längst eine MP3-Aufnahme
von Lis finden kann, in der er aufs Schlimmste flucht und seine
Kollegen beleidigt, obwohl sich jetzt Internauten im Usenet über
den Bericht zu den sogenannten "satanischen" Spielen empören,
wiegen sich immer noch Millionen Polen in der Illusion, dass Lis
und sein Team Fakten beschreiben, und nicht produzieren.
Nun aber eine etwas größere Illusion. Die polnische
Kriegsmarine freut sich seit einigen Wochen über die Raketenfregatte
USS "Clark", die sie von ihrem NATO-Verbündeten,
den Vereinigten Staaten von Amerika, geschenkt bekommen hat. Ein prächtiges Schiff ist es, wahrlich!
Damit kann Polen "seine Ostsee" noch wirksamer schützen
- wären da bloß nicht die Querulanten, die wegen irgendwelcher
Kleinigkeiten meckern! Die Fregatte ist ja mit ihren zwanzig Jahren
auf dem Buckel sowieso ganz modern für die hiesigen Verhältnisse.
Sie ist normalerweise mit acht Harpoon-Raketen bewaffnet, obwohl
sie im Moment nur zwei an Bord hat. Die Fregatte braucht auch vier
Hubschrauber, aber die polnischen Hubschrauber sind für sie
zu groß, und die amerikanischen kann sich das arme Land nicht
leisten. Na, dann eben nicht. Das Schiff fährt einfach ohne
Raketen und Hubschrauber. Man kann sich ja schließlich welche
vorstellen. Hauptsache, Polen hat endlich ein NATO-vollkompatibles
Schiff, und Polens Freunde aus Amerika müssen weniger Altmetall
entsorgen.
Nachdem Polen also fast zur Supermacht geworden ist, kann und soll
es dem entsprechend seinen Beitrag zur Weltpolitik leisten. Und
so wurde in Warschau eine sehr wichtige internationale Konferenz
organisiert. Vertreter von mehr als 100 Staaten unterzeichneten
ein sehr wichtiges Dokument, und zwar eine Schlussakte, in der sie
sich auf die fundamentalen Menschen- und Bürgerrechte verpflichteten.
Zwar verweigerten die Franzosen die Unterschrift, weil sie weder
regelmäßige Versammlungen dieser Art, noch ein Auftreten
als Gruppe akzeptieren wollten, aber insgesamt war es ein weiterer
Erfolg der polnischen Außenpolitik.
Und vor allem war es ein würdiger Abschied für den Außenminister
Geremek, der gerade wegen dieser Konferenz bis Ende Juni im Amt blieb, obwohl seine Partei zuvor die Regierungskoalition verlassen
hatte.
Und die paar Hunderttausend Zloty, die das Ganze gekostet hat?
Das sind Peanuts, die Demokratie hat schließlich ihren Preis...
Und man kann sich der Illusion hingeben, dass man eine wichtige
Rolle im Weltgeschehen spielt...
So wie etwa in New York , wo auf der UN-Frauenkonferenz über
die Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten diskutiert wurde.
Polen schickte eine starke Delegation nach New York, angeführt
vom - Minister für Regionalentwicklung und Bauwesen, Jerzy
Kropiwnicki.
Der Minister ist Mitglied der Christlich-Nationalen Vereinigung,
und unter seiner Führung erklärten die Delegationsmitglieder
aus Polen den Anwesenden, dass Toleranz gegenüber den Rechten
sexueller Minderheiten zur Pädophilie führe.
Gemeinsam mit solchen Vorkämpfern der Demokratie, wie dem
Vatikan, Nicaragua, Libyen, Sudan oder dem Irak, blockierte also
das künftige EU-Mitglied Polen die Einigung über das Abschlussdokument...
"In New York wurde versucht, Druck auf die polnische Delegation
auszuüben", erklärte danach der tapfere Minister.
Und als er gefragt wurde, wieso er einen anderen Standpunkt als
alle EU-Länder vertrat, sagte er ganz einfach: "Wir sind
ja noch nicht in der EU, und ihre Bestimmungen gelten für uns
nicht".
Welch eine schöne Vorstellung!
24. July 2000
 
Notizen von jenseits der Oder
Neu: Das Reich der Illusionen
von Marek Trenkler
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