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Morgenwelt
17. July 2000
 

Post vom Vestfjord

"Hier ist alles so sauber!"

von Ivar Bakke

Ohne Vorurteile sind wir nicht in der Lage, uns in dieser Welt zu orientieren. Die wenigsten Dinge, die uns berichtet werden, können wir persönlich nachprüfen, dazu ist das Leben zu kurz.

Wenn ich mich mit deutschen Touristen unterhalte, tauschen wir unsere nationalen Pauschalvorstellungen voneinander aus. Meine Kenntnisbröckchen wachsen dadurch, und mein Entwurf vom anderen wird ein bisschen genauer.

Ich lerne dadurch auch etwas über Norwegen. „Hier ist alles so sauber und ordentlich!" höre ich schon öfters. Nach einem von mir angestellten oberflächlichen Vergleich mit Frankreich, muss ich sagen, dass ich verstehe, was man damit meint. Pauschal gesehen, ist es hier erträglich sauber in unseren Gaststätten und Hotels. So ist es nicht immer gewesen.

Englische Touristen, die einhundert Jahre vorher unser Land besuchten, klagten über die furchtbaren hygienischen Zustände und dazu auch noch über das allgemeine Nichtwissen, über die Armut, Unmoral, Trunkenheit und Apathie.

Diese „Unordentlichkeit" sollte man gar nicht romantisieren, aber auch nicht allzu schnell und oberflächlich als hausgemacht betrachten. Die Zustände hatten ihre Ursachen und Vorgeschichte. Und hören wir letztendlich nicht immer die Stimme des Herrn, wenn die Charakterlosigkeit des Knechtes verurteilt wird?

Als in Norwegen die Arbeiterbewegung schließlich ans Ruder kam, waren Ausbildung, Gesundheit und Hygiene vorrangige Aufgaben. Es war die Glanzzeit des Positivismus; systematisch sollte der Schmutz und Unwissenheit durch wissenschaftliche Planmäßigkeit ersetzt werden.

Nun gut, den größten Teil davon können wir jetzt ruhig als Fortschritt verbuchen: aber keineswegs alles.

Diese Ingenieure der Gesellschaft hatten etwas geerbt, was man „die gesellschafts-hygienische Denkweise" nennt. Innerhalb dieser Denkweise, – die in ganz West-Europa allgemeiner politischer „common sense" war, – war es durchaus üblich, über „den Volkskörper" zu reden. Diese Volkskörper mussten gesund gehalten werden, vor jeder schädlichen Ansteckung, schlechten Erbträgern und „asozialen Elementen" bewahrt werden.

Einer der Anführer des Kampfes gegen Dreck und Ungesundheit nach dem Kriege, Karl Evang, war in der Zwischenkriegszeit ein eifriger Sozialist. Sein kritisches Buch über den nazistischen Rassenwahn von anno 1934, ist eine nachdenklich stimmende Lektüre.

Evang wies auf die kleinbürgerlichen und unwissenschaftlichen Züge der Ideologie hin, und auf die Notwendigkeit, „das Gesellschaftsleben auf wissenschaftliche Ergebnisse zu gründen" - auch, was die Biologie betrifft: „Der Gedanke, beispielsweise den schlechteren Erbträger zu begrenzen, ist eine durchaus rationale Idee, wofür der Sozialismus sich immer eingesetzt hat" , schreibt er.

Das ist wahrhaftig keine Lüge. Nach dem Kriege kam die Abrechnung mit den Anhängern des Faschismus. Es dauerte seine Zeit, weil sie ruhig und ordentlich abgewickelt werden sollte. Viele meinten, es ginge allzu langsam und behutsam voran. Die Gewerkschaften hatten diesbezüglich eine Massenversammlung in der Hauptstadt veranstaltet, wo man auf einem der Plakate folgendes lesen konnte: „Weg mit den Vaterlandsverrätern und den unnationalen Elementen – wir wollen eine saubere Gesellschaft!"

Die Parole scheint wie aus Nazi-Deutschland geklaut. Hat wirklich keiner diese erschreckende Ähnlichkeit gespürt mit dem Schrei nach dem großen Pogrom, mit der Aussortierung jeder "minderwertigen" und illoyalen Elemente, die „den Volkskörper besudeln"? Viele von den Demonstranten gehörten ja zu den erbitterten Feinden des Faschismus.

Jüngere Historiker haben in letzter Zeit ihre Aufmerksamkeit diesem offenbar beider gemeinsamen Gedankengut und dem allgemeinen Zeitgeist gewidmet.

Ein beachtlicher Teil des norwegischen Widerstandskampfes war eher anti-deutsch als anti faschistisch, und öfters vielmehr patriotisch, als demokratisch motiviert.

Anders kann man es nicht erklären, wenn man bedenkt, wie übel unsere Minoritäten in der Nachkriegszeit behandelt worden sind. Viele „Deutschhuren" waren inhaftiert, sie sollten sterilisiert werden, meinten viele - darunter auch Ärzte - , weil ihre Kinder vermutlich „schlechtes Erbmaterial" mit sich trügen.

Aber das allerschlimmste Beispiel ist die Politik gegenüber den Zigeunern, – die übrigens auch auf der Todesliste der Nazis standen. Hier muss man Karl Evang als den administrativen Verantwortlichen im „Gesundheitsdirektorat", für eine Politik haftbar machen, die man als planmäßige Zerstörung einer ganzen Volksgruppe bezeichnen muss.

Gerade der Anti-Faschist Evang müsste es besser gewusst haben. Eine christliche Gruppe („Mission für Heimatlose") riss damals die Kinder aus ihren Familien, und entführte sie in teilweise staatlich finanzierte Erziehungsinstitutionen. Und im engsten Einverständnis mit den norwegischen Behörden, wurden junge Mädchen zwecks Sterilisierung weggebracht, ohne dass sie wussten was mit ihnen passieren sollte. Die letzte Sterilisierung auf ethnischer Basis, hat noch 1971 stattgefunden. In Schweden sind ähnliche Übergriffe passiert.

Die Abrechnung mit den Nazis war in unserem Lande einigermaßen in Übereinstimmung mit rechtstaatlichen Prinzipen durchgeführt worden. Aber an der Abrechnung mit der faschistischen Ideologie und ihren Leitmotiven hapert es immer noch. Lange Zeit hindurch, bildete die Geschichte des Zweiten Weltkrieges bei uns einen Tummelplatz für Militaristen und Patrioten mit anrüchiger undemokratischer Gesinnung. Dieser Teil unserer gemeinsamen europäischen Geschichte lässt sich in Deutschland kaum für solche Zwecke instrumentalisieren. Davon könnten wir etwas lernen.

Die Aussonderung unerwünschter Individuen ist ein aktuelles und komplexes Thema. Moderne Technologie bringt uns immer in neue moralische Dilemmata. Einer Kultur die solche Themen „vorurteilslos, rational und wissenschaftlich" behandelt, macht sehr rasch den ethischen Diskurs zu einer schlecht verkäuflichen Ware.

Die Medizin kann schlimmer sein, als die Krankheit selbst. Sie kann uns sehr rasch dorthin bringen, wo wir nicht hinkommen dürfen.

Norwegen ist ein reines Land, im guten und im schlechten Sinne des Wortes. Ein gemeinsamer Kampf gegen Schmutz und Unordnung ist immer eine Gratwanderung. Er kann allzu schnell zu einem Kampf gegen die Schmutzigen, Unordentlichen und Armen werden, gegen diejenigen, die nicht ganz wie wir sind, die Unreinen. Für sie wandelt sich das saubere, stubenreine Land zu einer reinen Hölle.

Die Strecke vom allerbesten Ordnungsstaat, bis hin zu seinem Zerrbild, ist kurz und mit guten Absichten gepflastert.


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