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Morgenwelt
3. July 2000
 

Impressionen aus Bangkok

Hinter dem Horizont...

von Ron Morris

In Maya Bay, jener Bucht, die einst die Kulisse abgab für den Leonardo DiCaprio Film „ The Beach ", lagern Dutzende von Touristen und Barkassen.

Trotz der Menschenmassen offenbart sich die natürliche Erhabenheit der kleinen versteckten Bucht. Felswände, geschmückt mit tropischer Vegetation, ragen auf drei Seiten steil empor. Das Wasser darunter ist kristallklar und der Sand blendend weiß, auch wenn sich ein paar Plastikfetzen als Treibgut aus der Außenwelt am Strand festgesetzt haben.

So viele junge Weltreisende mit kleinem Geldbeutel wie seit den 60er Jahren nicht mehr, sind in den letzten Jahren aufgebrochen, um überall auf dem Globus exotische Orte zu entdecken. Der Kultroman „ The Beach " von Alex Garland (das bestverkaufte "Penguin"- Buch überhaupt) hat eine Saite bei denjenigen berührt, die dort schon gewesen waren, und auch bei denen, die von diesem Ort träumten.

Der Roman erzählt die Geschichte eines selbstbezogenen Durchschnittsbürgers, der auf einer abgelegenen Insel in Thailand ein verborgenes Paradies entdeckt - und er erzählt die Auswirkungen dieser Entdeckung.

Im Jahre 1999 wurde „ The Beach " von Twentieth Century Fox verfilmt. Für die Dreharbeiten wurde das Inselparadies auf der Insel Phi Phi Le in Thailand nachgebildet - an einem eigens hierfür veränderten Abschnitt von Maya Bay.

Thailand wirbt ständig in der ganzen Welt für seine Naturschönheiten, und so wurde die Erlaubnis für die Dreharbeiten auf Phi Phi Li (einem Nationalpark) erteilt. Man hoffte, die 40 Millionen Dollar-Produktion würde den Tourismus fördern.

Die Filmproduzenten durften einige der Dünen von Maya Bay verändern und eine Landschaft mit Kokospalmen gestalten, um den abendländischen Vorstellungen von einem Paradies zu entsprechen. Nach Ende der Dreharbeiten wurde der ursprüngliche Zustand des Strandes wiederhergestellt.

Ein Jahr später, machten lokale Umweltgruppen den Einsturz eines Teils der Sanddüne auf Maya Beach zum Gesprächsthema. Umweltschützer behaupten, dass die weitreichenden Eingriffe in die Natur bei den Dreharbeiten Schäden in der anfälligen Strandlandschaft verursacht hatten.

Die Umweltschützer widersetzen sich auch der Kommerzialisierung, welche auf diese abgeschiedene Gegend zukommen könnte.

Vor 25 Jahren hatte der James Bond-Film " Man with the Golden Gun " den großen Steingipfel von Tapu Island in Phang Nga zum Schauplatz gemacht. Im Film verbirgt der Kalksteinturm die geheime Waffe des Bösewichtes. Heute ist diese Gegend immer noch regelrecht mit Souvenirbuden überschwemmt, und alle Veranstalter werben für Reisen zum „James Bond-Felsen". Die Umweltschützer fürchten, dass dasselbe Los auch Maya Bay beschieden sein könnte.

Als der Film „ The Beach " in die Kinos von Bangkok kam, riefen die Protestler zu einem Boykott auf, was jedoch dem öffentlichen Interesse an dem mit Spannung erwarteten Film nur Vorschub zu leisten schien.

Man streitet darüber, ob der Strand Schäden in irreparablem Ausmaß erlitt. Die Landschaft und die Dünen wurden wiederhergestellt, die Ursache für den Einsturz der erwähnten Düne ist aber unklar. Einige behaupten, dass derartige Erosionen während der Monsunzeit nicht ungewöhnlich sind.

Eine offensichtliche Wirkung des Filmes besteht jedoch darin, dass Phi Phi Le jetzt bekannt ist, und mehr Leute als jemals zuvor dort hinreisen werden.

Es ist zwar nicht gestattet, auf der Insel zu übernachten, aber der unvermeidliche Müll, der die Menschen überall dorthin begleitet, wo sie sich aufhalten, ist schon jetzt in weit größerem Ausmaß als früher anzutreffen.

Dennoch ist dieser Ort ein unvergleichlicher Schauplatz, selbst inmitten all der Wunder in der Andamanen See. Seine Höhlen beherbergen Nester essbarer Vögel (eine chinesische Delikatesse) und die Höhlenmalereien von Seezigeunern. Überall zwischen der nahegelegenen Insel Phuket und der Provinz Krabi, erblickt man bizarr geformte Felseninseln, die Punkten ähneln, die auf dem Meer verstreut sind.

Wahrscheinlich gibt es nirgendwo sonst auf der Welt eine Gegend von so viel atemberaubender Schönheit in so unmittelbarer Nähe zu einem internationalen Flughafen (auf der nahegelegenen Insel Phuket) - aber Puristen dürften dennoch enttäuscht sein.

Diese in der Entwicklung begriffene Nation, die 62 Millionen Menschen umfasst, hält nur wenige Orte bereit, welche die unbekümmert- kapitalistisch agierenden Thais nicht entdeckt und ausgebeutet hätten.

Die verhängnisvollen Folgen einer solch überhitzten Entwicklungsdynamik haben sich als Sinnbild des Schicksals - ja, geradezu als Klischee - erwiesen. Die Verkehrswege sind chronisch unzureichend. Es wurde zu viel willkürliche Entwicklung geduldet. Die sich unkontrollierbar ausbreitenden Geschäftshäuser aus Beton sind eine Plage, die das ganze Land wie Abfall übersät.

Verkäufer von Esswaren nehmen umgehend jeden Fleck in Besitz, der nur etwas touristisches Potenzial verrät. Geschäftsleute errichten in Besetzermanier kleine Bauten, um das schnelle Geld zu machen, bevor sie von den Behörden zur Räumung gezwungen werden.

Das klassische Ideal des westlichen Menschen vom Paradies - Freizeit verbringen in einem romantischen, fremden Land, die Einheimischen unsichtbar zugegen in angenehmer Distanz, wie „ The Beach " es darstellt, findet bei den Thais wenig Resonanz. Obwohl ursprünglich mit Spannung erwartet, wurde der Film letztlich nur als eine einigermaßen passable „Sensation" angesehen. Für Viele war es nur eine Geschichte, die sich in ihrem eigenen - unleugbar schönen - Hinterhof abspielte.

An diesem Tag steht eine Schar staunender Reisender auf dem ehemaligen Filmschauplatz in Maya Bay. Der Strand ist bedeckt von Barkassen, die auf die Fahrgäste für die Rückfahrt warten, aber die Szenerie ist trotzdem einzigartig und aufregend. Dann schlägt der Bootsführer vor, uns zu einem „echten" menschenleeren Strand zu bringen. „ Keine Menschen ", sagt er, und nickt dabei begeistert.

Kurz darauf, werden wir auf einem verlassenen Strandstreifen abgeladen. Es ist ein friedlicher und scheinbar unberührter Ort, aber es gibt hier weder Trinkwasser, noch Nahrung, und bald wird der Bootsführer unruhig und will uns nach Phi Phi Don zurückbringen.

Die Szenerie wird einzig und wird allein durch ein undefinierbares Stück Plastik gestört, das aus dem Sand ragt. Alle meinen, dass der Strand des Bootsführers wirklich eine großartige Entdeckung ist.

„ Aber berichten Sie nicht darüber! Es würde alles verderben ", rät mir ein anonymer dänischer Mitreisender.

Auf der Rückfahrt entschwinden Dutzende von wunderschönen Inseln in der klaren Unendlichkeit der Andamanensee. Hier draußen, nahe der undurchsichtig-trüben Meeresgrenze von Myanmar, gibt es einige der weltbesten Schnorchelplätze, die von den Bootsleuten geheimgehalten und nur zahlenden Kunden preisgegeben werden.

Und weiter draußen, in Myanmar, warten neue Inselketten auf ihr unvermeidliches Schicksal, eines Tages von sandalenbewehrten Rucksacktouristen erforscht zu werden. Das Paradies liegt ewig und immerzu gleich hinter dem Horizont...

Übersetzung: Larissa Wagner


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