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Morgenwelt Die
mystischen Kräfte waren sich selten so einig wie an jenem Samstag
im März.
" Der erste Gewinner wird eine Frau sein ", erklären
mehrere befragte Hellseher, Medizinmänner und Naturheiler unisono,
nachdem sie Knochen befragt, in Kristallkugeln geschaut oder in
Hühnerblut gelesen haben.
Auch Lazarus Maboea aus Soweto, Künstlername "Mahlabezulu"
und seines Zeichens Sangoma, eine Art Medizinmann, weiß, dass
" mehr Frauen als Männer " zu den Gewinnern
des ersten südafrikanischen Jackpots gehören werden. Er
hat die Vorfahren befragt und kennt auch gleich die "Lucky
Numbers": entweder 8 oder 6 als erste Nummer, dann die 29,
die 3, die 17, die 18 und schließlich die 40.
Selbstverständlich kauft der 23jährige - nach eigenem Bekunden - ebenfalls Tickets, genauso wie es seit jenem Start der
"National Lottery" am 11. März jede Woche schätzungsweise
sechs Millionen Südafrikaner tun.
Kaum ein Ereignis im "Neuen Südafrika" hat für
so viel Wirbel und für so viel Gesprächsstoff gesorgt
wie die Einführung von "The Lotto", wie es von den
meisten nur kurz genannt wird. Kaum ein Ereignis hat so viel Leidenschaft
und Anteilnahme hervorgerufen wie die Ankunft des "6 aus 49"
am Südzipfel Afrikas. Schwarz und Weiß, Arm und Reich,
Alt und Jung, stehen gemeinsam geduldig und hoffnungsvoll Woche
für Woche an, um ihre Tippscheine registrieren zu lassen.
Bis zu 50 Meter lang sind manche Schlangen vor den Annahmestellen,
vor allem Samstags kurz vor sechs, wenn es heißt: "Nichts
geht mehr". 22 Millionen Tickets wurden vor der ersten Ziehung
verkauft, umgerechnet hat damit jeder zweite Südafrikaner
Kinder eingerechnet sein Glück versucht.
Sieben Rand, umgerechnet etwa 2,50 Mark, von der Kaufkraft her
aber durchaus mit höheren Beträgen vergleichbar, werden
durchschnittlich ausgegeben. Die abendliche "Lotto-Show",
die eine halbe Stunde lang, - angereichert mit zusätzlichen
Spielen und Preisgeldern - live in die Wohnzimmer übertragen
wird, verfolgen etwa drei Millionen Menschen pro Woche.
Südafrika im Lotto-Fieber. Dabei war Glücksspiel eigentlich
verboten zu Apartheid-Zeiten. Einzige Ausnahme: Pferdewetten. Das
traditionsreiche Business galt selbstverständlich nicht als
Glücksspiel, sondern als Wissenschaft und Zeitvertreib der
Gentlemen. Ansonsten aber gab man sich biblisch keusch nun
ja, zumindest offiziell, denn Kasinos waren schon immer populär.
Gerne traf man sich auch im "alten Südafrika" auf
einen gepflegten Black Jack oder ein klassisches Roulette am Samstagabend.
Nur: Die Sündenpfuhle wurden kurzerhand in die "unabhängigen"
Homelands verlegt, die "Republik Südafrika" selbst,
blieb also von Spielsucht unbehelligt.
Heute befinden sich Tipp-Annahmestellen in Supermärkten,
Büdchen, Postfilialen, Videotheken, Tankstellen und sogar in
Metzgereien, und zwar gleichmäßig verteilt über
das ganze Land. " Manche küssen sogar ihr Ticket und
beten für einen Gewinn ", berichtet ein Shopbesitzer
aus dem Johannesburger Stadtteil Sandton.
Und Bill Gordon, Sprecher der Supermarkt-Kette Spar, konstatiert
ein deutliches Umsatzplus in den Filialen, seitdem auch hier Lottomaschinen
stehen. Die Medien spielen mit und schlachten die Welle aus bis
ins kleinste Detail.
Es gibt Analysen der bisher gezogenen "Richtigen", Tipps
für besonders lukrative Kombinationen, Statistiken über
Tippgewohnheiten anderer und herzzerreißende Geschichten über
die Schicksale bisheriger Gewinner.
27 Prozent der Frauen verstecken ihren Schein im BH, so das Ergebnis
einer "repräsentativen Umfrage" einer großen
südafrikanischen Sonntagszeitung: denn wenn der weg ist, ist
es aus mit dem Traum vom Reichtum.
Auto, Haus und Urlaub seien die meistgeplanten Anschaffungen der
Neureichen und sogar Hitlisten der Marken und Ziele werden veröffentlicht:
Mercedes Benz vor BMW und Porsche, Florida vor Barbados und den
Kanaren. 40 Prozent aller Gewinner kommen aus der kleinsten der
insgesamt acht Provinzen Südafrikas und 83 Prozent aller Schwarzen
und 79 Prozent der Weißen, aber nur 63 Prozent der indischen
Bevölkerungsgruppe finden Lotto gut.
Corné gewinnt 500.000 Rand, kündigt ihren Job als Taxifahrerin
und widmet sich dem Kind einer Freundin, die keine Zeit für
dessen Erziehung hat. Ein 57jähriger Gastarbeiter gewinnt acht
Millionen. Der vierfache Familienvater arbeitet seit 20 Jahren in
einer Metallfabrik und lebt in einem Hinterzimmer im Haus seines
Bosses. Zwei Tage nach seinem Lottogewinn kündigt er, seine
Zahlen hat er zufällig anhand eines Kalenders ausgewählt.
Der 38jährige Batsirayi Mupfawi, bei der ersten Ziehung Gewinner
von stolzen 13,8 Millionen Rand, arbeitet hingegen noch immer als
Chauffeur von Nic Frangos, dem Manager des südafrikanischen
Golfprofis Ernie Els. " Mein Boss und ich haben ein gutes
Verhältnis ", so Mupfawi, " er hilft mir auch
dabei, den Gewinn gut anzulegen. "
Apropos Gewinn: "Mahlabezulu", der Sangoma aus Soweto,
scheint noch nicht Millionär zu sein. Gut zu wissen, dass selbst
einer mit "Draht nach oben" nicht alles weiß, denn
auch meine "todsicheren" Kombinationen haben sich bisher
als ziemlich daneben erwiesen ...
26. Juni 2000
 
Ansichten aus Afrika
Land im Lottofieber
von Andreas Mayer
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