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Morgenwelt
26. Juni 2000
 

Ansichten aus Afrika

Land im Lottofieber

von Andreas Mayer

Die mystischen Kräfte waren sich selten so einig wie an jenem Samstag im März.

" Der erste Gewinner wird eine Frau sein ", erklären mehrere befragte Hellseher, Medizinmänner und Naturheiler unisono, nachdem sie Knochen befragt, in Kristallkugeln geschaut oder in Hühnerblut gelesen haben.

Auch Lazarus Maboea aus Soweto, Künstlername "Mahlabezulu" und seines Zeichens Sangoma, eine Art Medizinmann, weiß, dass " mehr Frauen als Männer " zu den Gewinnern des ersten südafrikanischen Jackpots gehören werden. Er hat die Vorfahren befragt und kennt auch gleich die "Lucky Numbers": entweder 8 oder 6 als erste Nummer, dann die 29, die 3, die 17, die 18 und schließlich die 40.

Selbstverständlich kauft der 23jährige - nach eigenem Bekunden - ebenfalls Tickets, genauso wie es seit jenem Start der "National Lottery" am 11. März jede Woche schätzungsweise sechs Millionen Südafrikaner tun.

Kaum ein Ereignis im "Neuen Südafrika" hat für so viel Wirbel und für so viel Gesprächsstoff gesorgt wie die Einführung von "The Lotto", wie es von den meisten nur kurz genannt wird. Kaum ein Ereignis hat so viel Leidenschaft und Anteilnahme hervorgerufen wie die Ankunft des "6 aus 49" am Südzipfel Afrikas. Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Alt und Jung, stehen gemeinsam geduldig und hoffnungsvoll Woche für Woche an, um ihre Tippscheine registrieren zu lassen.

Bis zu 50 Meter lang sind manche Schlangen vor den Annahmestellen, vor allem Samstags kurz vor sechs, wenn es heißt: "Nichts geht mehr". 22 Millionen Tickets wurden vor der ersten Ziehung verkauft, umgerechnet hat damit jeder zweite Südafrikaner – Kinder eingerechnet – sein Glück versucht.

Sieben Rand, umgerechnet etwa 2,50 Mark, von der Kaufkraft her aber durchaus mit höheren Beträgen vergleichbar, werden durchschnittlich ausgegeben. Die abendliche "Lotto-Show", die eine halbe Stunde lang, - angereichert mit zusätzlichen Spielen und Preisgeldern - live in die Wohnzimmer übertragen wird, verfolgen etwa drei Millionen Menschen pro Woche.

Südafrika im Lotto-Fieber. Dabei war Glücksspiel eigentlich verboten zu Apartheid-Zeiten. Einzige Ausnahme: Pferdewetten. Das traditionsreiche Business galt selbstverständlich nicht als Glücksspiel, sondern als Wissenschaft und Zeitvertreib der Gentlemen. Ansonsten aber gab man sich biblisch keusch – nun ja, zumindest offiziell, denn Kasinos waren schon immer populär.

Gerne traf man sich auch im "alten Südafrika" auf einen gepflegten Black Jack oder ein klassisches Roulette am Samstagabend. Nur: Die Sündenpfuhle wurden kurzerhand in die "unabhängigen" Homelands verlegt, die "Republik Südafrika" selbst, blieb also von Spielsucht unbehelligt.

Heute befinden sich Tipp-Annahmestellen in Supermärkten, Büdchen, Postfilialen, Videotheken, Tankstellen und sogar in Metzgereien, und zwar gleichmäßig verteilt über das ganze Land. " Manche küssen sogar ihr Ticket und beten für einen Gewinn ", berichtet ein Shopbesitzer aus dem Johannesburger Stadtteil Sandton.

Und Bill Gordon, Sprecher der Supermarkt-Kette Spar, konstatiert ein deutliches Umsatzplus in den Filialen, seitdem auch hier Lottomaschinen stehen. Die Medien spielen mit und schlachten die Welle aus bis ins kleinste Detail.

Es gibt Analysen der bisher gezogenen "Richtigen", Tipps für besonders lukrative Kombinationen, Statistiken über Tippgewohnheiten anderer und herzzerreißende Geschichten über die Schicksale bisheriger Gewinner.

27 Prozent der Frauen verstecken ihren Schein im BH, so das Ergebnis einer "repräsentativen Umfrage" einer großen südafrikanischen Sonntagszeitung: denn wenn der weg ist, ist es aus mit dem Traum vom Reichtum.

Auto, Haus und Urlaub seien die meistgeplanten Anschaffungen der Neureichen und sogar Hitlisten der Marken und Ziele werden veröffentlicht: Mercedes Benz vor BMW und Porsche, Florida vor Barbados und den Kanaren. 40 Prozent aller Gewinner kommen aus der kleinsten der insgesamt acht Provinzen Südafrikas und 83 Prozent aller Schwarzen und 79 Prozent der Weißen, aber nur 63 Prozent der indischen Bevölkerungsgruppe finden Lotto gut.

Corné gewinnt 500.000 Rand, kündigt ihren Job als Taxifahrerin und widmet sich dem Kind einer Freundin, die keine Zeit für dessen Erziehung hat. Ein 57jähriger Gastarbeiter gewinnt acht Millionen. Der vierfache Familienvater arbeitet seit 20 Jahren in einer Metallfabrik und lebt in einem Hinterzimmer im Haus seines Bosses. Zwei Tage nach seinem Lottogewinn kündigt er, seine Zahlen hat er zufällig anhand eines Kalenders ausgewählt.

Der 38jährige Batsirayi Mupfawi, bei der ersten Ziehung Gewinner von stolzen 13,8 Millionen Rand, arbeitet hingegen noch immer als Chauffeur von Nic Frangos, dem Manager des südafrikanischen Golfprofis Ernie Els. " Mein Boss und ich haben ein gutes Verhältnis ", so Mupfawi, " er hilft mir auch dabei, den Gewinn gut anzulegen. "

Apropos Gewinn: "Mahlabezulu", der Sangoma aus Soweto, scheint noch nicht Millionär zu sein. Gut zu wissen, dass selbst einer mit "Draht nach oben" nicht alles weiß, denn auch meine "todsicheren" Kombinationen haben sich bisher als ziemlich daneben erwiesen ...


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