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Morgenwelt Ereignisse,
wie das seit Ostern andauernde Geiseldrama auf den Philippinen haben
eine erneute Debatte über die Ethik der Medienberichterstattung
entfacht.
Doch sind Ergebnisse in dieser Diskussion kaum zu erwarten. Das
Problem: In der modernen Welt verwischen die Grenzen zwischen Aufklärung
und Unterhaltung, Bildung und Spaß, Information und Zerstreuung
zu einem undefinierbaren Informationsbrei, der sich wohl am treffendsten mit dem Begriff Infotainment beschreiben lässt.
Die Ursachen für dieses Phänomen sind vielfältig.
Es ist ein Gemenge, resultierend aus der rasanten Entwicklung der
Informationsverbreitung in den vergangenen Jahren, aus den veränderten
Konsumgewohnheiten und aus einer über allem waltenden Logik
ökonomisch-sozialer Entwicklung, der sich niemand zu entziehen
vermag.
Auf den ersten oberflächlichen Blick sprechen die Fakten für
sich. Kritiker haben angesichts der Berichterstattung von den Philippinen
moniert, dass mit den Bildern der todkranken Renate Wallert Auflagen
gesteigert und Einschaltquoten erhöht würden.
Das Schicksal der Entführten diene hiesigen Medien als willkommene
Gelegenheit, kräftig abzuzocken. Und auch ein Angehöriger der Geiseln steht am Pranger: Der im heimischen Göttingen weilende
Sohn Dirk hat die Exklusivrechte der Story an den Sender Sat1 verkauft
und präsentiert sich auf diese Weise der Öffentlichkeit
als ein Raffzahn, der mit den Leiden seiner Eltern und seines Bruders
Geld scheffelt.
Doch auch die sich selbst als Alternative zu den anderen Medien
verstehende taz musste harsche Worte einstecken. In einer Glosse hatte ein Autor sich des Entführungs-Themas angenommen, die
Geschichte mit der medialen Inszenierung "Big Brother"
verglichen, und geunkt, dass hier bestimmt der die deutsche TV-Unterhaltungsbranche
dominierende de Mol-Clan seine Finger im Spiel gehabt habe. Es hagelte
empörte Leserbriefe.
Das Problem: Die Leserbriefschreiber in der taz, als auch die kritischen
Geister in der Öffentlichkeit, welche die Präsentation
sensationslüsterner Bilder von geschundenen Geiseln als unmoralisch
geißeln, argumentieren in einer Art und Weise, die dem 21.
Jahrhundert nicht mehr gerecht wird.
Mit erhobenem Zeigefinger betrachten sie die modernen Medien in
erster Linie als Institutionen, die der Aufklärung verpflichtet
sein müssten, und übersehen dabei, dass auch Information heute unterhaltend und Unterhaltung informierend sein kann und muss.
Die Bilder von der Entführung machen Quote mit der Sensationslust
und beinhalten zugleich auch ein aufklärerisches Moment, indem
sie uns mit den Problemen einer Region bekannt machen, die bis dato
ein weißer Fleck auf der Landkarte war.
Verbieten es journalistische Ethik und Verantwortungsgefühl,
hautnah von der Entführung zu berichten, wie hier geschehen?
Immerhin: Jeder Korrespondent vor Ort ahnt mit Sicherheit, dass
eigentlich erst das Einkalkulieren der Berichterstattung die Kidnapper
zu ihrer Aktion bewogen haben mag.
Es ist durchaus anzunehmen, dass die Entführung bewusst initiiert
wurde, weil die Kidnapper sich sehr genau ausrechnen konnten, welchen
Medienrummel sie auslösen würden. Im Gegensatz dazu, hatte
die schon länger zurückliegende Entführung einheimischer
Schulkinder niemanden interessiert, von den regionalen Blättern
einmal abgesehen.
Ist es nicht aus diesem Grunde moralisch vertretbar, das Filmmaterial
zu veröffentlichen? Andernfalls würde doch die Gefahr
drohen, dass man bestimmte Regionen aus der Berichterstattung ausblendet,
bloß, weil potenzielle Terroristen sich dieses Medieninteresse
zunutze machen könnten.
Kritiker bemängeln außerdem, dass die Bilder beim Fernsehzuschauer
nicht nur als nüchterne Informationen ankommen, sondern auch
an die niederen Instinkte derer appellieren, die sich ebenso bei
Katastrophen und Verkehrsunfällen als Gaffer nicht satt sehen
können.
Also: lieber nicht veröffentlichen? Dabei würde eines
übersehen: Die Berichte erzeugen einen Druck auf Öffentlichkeit
und Diplomatie, sich verstärkt des Dramas anzunehmen. Und sie
richten unser Augenmerk auf Probleme in einer Region, die uns bisher
kein Begriff war.
Denn es geht nicht "nur" um eine Entführung, sondern
um einen deutlichen Fingerzeig an die Weltöffentlichkeit, einen
Konfliktherd zu lokalisieren.
Und schließlich gibt es noch einen Aspekt, der die Ethikdiskussion
so kompliziert macht. Die Journalisten, die diese Bilder liefern,
dienen ihren Arbeitgebern und damit den Verlagen und Fernsehanstalten,
die wiederum in ihrer wirtschaftlichen Existenz gnadenlos von Quoten
und Auflagen abhängen.
Und Quoten und Auflagen liegen in der Hand der Konsumenten, die
einmal so gesehen, veramtwortlich dafür sind, dass Sensationsberichterstattung
auf fruchtbaren Boden fällt. Sind also die Konsumenten ohne
Moral?
Die Konsumenten, und das sind wir schließlich alle, stehen
vor dem Dilemma, aus immer mehr Informationen immer selektiver auswählen
und in immer kürzeren Augenblicksaufnahmen immer mehr Bilder
und Worte schlucken zu müssen.
Wer auf einem der reinen Informationskanäle, wie n-tv, Sendungen
verfolgt, kann zugleich am unteren Bildschirmrand laufend die neuesten
Börsennachrichten lesen. Und zur Zeit diskutiert die Branche
sogar darüber, Bildschirme in Sektionen aufzuteilen, um die
Werbung effektiver zu gestalten.
Dem Konsumenten bleibt nur die Wahl, entweder abzuschalten, oder
Informationen nur noch rein gefühlsmäßig aufzunehmen.
Bewegende Bilder von leidenden Menschen sagen für den schnellen
Blick eben mehr, als der umschreibende und erklärende Text.
Ein Teufelskreis also letztendlich, in dem sich die Diskussion
um die Ethik journalistischer Arbeit dreht, und aus diesem Grunde
kann es in dieser Diskussion keine Antwort geben, die befriedigen
könnte.
19. Juni 2000
 
Wir Medienmacher
Teuflische Ethik
von Holger Hogelücht
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