Dies ist ein Beitrag aus dem Morgenwelt-Archiv in Druckversion. Zur aktuellen Ausgabe kommen Sie hier: www.morgenwelt.de!

Morgenwelt
19. Juni 2000
 

Wir Medienmacher

Teuflische Ethik

von Holger Hogelücht

Ereignisse, wie das seit Ostern andauernde Geiseldrama auf den Philippinen haben eine erneute Debatte über die Ethik der Medienberichterstattung entfacht.

Doch sind Ergebnisse in dieser Diskussion kaum zu erwarten. Das Problem: In der modernen Welt verwischen die Grenzen zwischen Aufklärung und Unterhaltung, Bildung und Spaß, Information und Zerstreuung zu einem undefinierbaren Informationsbrei, der sich wohl am treffendsten mit dem Begriff Infotainment beschreiben lässt.

Die Ursachen für dieses Phänomen sind vielfältig. Es ist ein Gemenge, resultierend aus der rasanten Entwicklung der Informationsverbreitung in den vergangenen Jahren, aus den veränderten Konsumgewohnheiten und aus einer über allem waltenden Logik ökonomisch-sozialer Entwicklung, der sich niemand zu entziehen vermag.

Auf den ersten oberflächlichen Blick sprechen die Fakten für sich. Kritiker haben angesichts der Berichterstattung von den Philippinen moniert, dass mit den Bildern der todkranken Renate Wallert Auflagen gesteigert und Einschaltquoten erhöht würden.

Das Schicksal der Entführten diene hiesigen Medien als willkommene Gelegenheit, kräftig abzuzocken. Und auch ein Angehöriger der Geiseln steht am Pranger: Der im heimischen Göttingen weilende Sohn Dirk hat die Exklusivrechte der Story an den Sender Sat1 verkauft und präsentiert sich auf diese Weise der Öffentlichkeit als ein Raffzahn, der mit den Leiden seiner Eltern und seines Bruders Geld scheffelt.

Doch auch die sich selbst als Alternative zu den anderen Medien verstehende taz musste harsche Worte einstecken. In einer Glosse hatte ein Autor sich des Entführungs-Themas angenommen, die Geschichte mit der medialen Inszenierung "Big Brother" verglichen, und geunkt, dass hier bestimmt der die deutsche TV-Unterhaltungsbranche dominierende de Mol-Clan seine Finger im Spiel gehabt habe. Es hagelte empörte Leserbriefe.

Das Problem: Die Leserbriefschreiber in der taz, als auch die kritischen Geister in der Öffentlichkeit, welche die Präsentation sensationslüsterner Bilder von geschundenen Geiseln als unmoralisch geißeln, argumentieren in einer Art und Weise, die dem 21. Jahrhundert nicht mehr gerecht wird.

Mit erhobenem Zeigefinger betrachten sie die modernen Medien in erster Linie als Institutionen, die der Aufklärung verpflichtet sein müssten, und übersehen dabei, dass auch Information heute unterhaltend und Unterhaltung informierend sein kann und muss.

Die Bilder von der Entführung machen Quote mit der Sensationslust und beinhalten zugleich auch ein aufklärerisches Moment, indem sie uns mit den Problemen einer Region bekannt machen, die bis dato ein weißer Fleck auf der Landkarte war.

Verbieten es journalistische Ethik und Verantwortungsgefühl, hautnah von der Entführung zu berichten, wie hier geschehen?

Immerhin: Jeder Korrespondent vor Ort ahnt mit Sicherheit, dass eigentlich erst das Einkalkulieren der Berichterstattung die Kidnapper zu ihrer Aktion bewogen haben mag.

Es ist durchaus anzunehmen, dass die Entführung bewusst initiiert wurde, weil die Kidnapper sich sehr genau ausrechnen konnten, welchen Medienrummel sie auslösen würden. Im Gegensatz dazu, hatte die schon länger zurückliegende Entführung einheimischer Schulkinder niemanden interessiert, von den regionalen Blättern einmal abgesehen.

Ist es nicht aus diesem Grunde moralisch vertretbar, das Filmmaterial zu veröffentlichen? Andernfalls würde doch die Gefahr drohen, dass man bestimmte Regionen aus der Berichterstattung ausblendet, bloß, weil potenzielle Terroristen sich dieses Medieninteresse zunutze machen könnten.

Kritiker bemängeln außerdem, dass die Bilder beim Fernsehzuschauer nicht nur als nüchterne Informationen ankommen, sondern auch an die niederen Instinkte derer appellieren, die sich ebenso bei Katastrophen und Verkehrsunfällen als Gaffer nicht satt sehen können.

Also: lieber nicht veröffentlichen? Dabei würde eines übersehen: Die Berichte erzeugen einen Druck auf Öffentlichkeit und Diplomatie, sich verstärkt des Dramas anzunehmen. Und sie richten unser Augenmerk auf Probleme in einer Region, die uns bisher kein Begriff war.

Denn es geht nicht "nur" um eine Entführung, sondern um einen deutlichen Fingerzeig an die Weltöffentlichkeit, einen Konfliktherd zu lokalisieren.

Und schließlich gibt es noch einen Aspekt, der die Ethikdiskussion so kompliziert macht. Die Journalisten, die diese Bilder liefern, dienen ihren Arbeitgebern und damit den Verlagen und Fernsehanstalten, die wiederum in ihrer wirtschaftlichen Existenz gnadenlos von Quoten und Auflagen abhängen.

Und Quoten und Auflagen liegen in der Hand der Konsumenten, die einmal so gesehen, veramtwortlich dafür sind, dass Sensationsberichterstattung auf fruchtbaren Boden fällt. Sind also die Konsumenten ohne Moral?

Die Konsumenten, und das sind wir schließlich alle, stehen vor dem Dilemma, aus immer mehr Informationen immer selektiver auswählen und in immer kürzeren Augenblicksaufnahmen immer mehr Bilder und Worte schlucken zu müssen.

Wer auf einem der reinen Informationskanäle, wie n-tv, Sendungen verfolgt, kann zugleich am unteren Bildschirmrand laufend die neuesten Börsennachrichten lesen. Und zur Zeit diskutiert die Branche sogar darüber, Bildschirme in Sektionen aufzuteilen, um die Werbung effektiver zu gestalten.

Dem Konsumenten bleibt nur die Wahl, entweder abzuschalten, oder Informationen nur noch rein gefühlsmäßig aufzunehmen.

Bewegende Bilder von leidenden Menschen sagen für den schnellen Blick eben mehr, als der umschreibende und erklärende Text.

Ein Teufelskreis also letztendlich, in dem sich die Diskussion um die Ethik journalistischer Arbeit dreht, und aus diesem Grunde kann es in dieser Diskussion keine Antwort geben, die befriedigen könnte.


© 2000, www.morgenwelt.de, Hamburg, Deutschland