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Morgenwelt
12. Juni 2000
 

Notizen von jenseits de Oder

Neu: Die gesündeste Gesellschaft Ost- und Mitteleuropas

von Marek Trenkler

Wie weit kann man sich von der Wirklichkeit entfernen? Keine Grenzen kennen in dieser Hinsicht psychisch kranke Menschen - aber nicht nur für sie gilt dies. Auch Erfolg, Macht und Reichtum machen manchmal blind. Denn es sind ja vor allem Politiker, VIP's und Promis jeder Art, die nur ihre eigenen Welten sehen und von der Wirklichkeit nichts mehr wissen können. Oder: nicht wissen wollen...

Laut George Soros habe Polen Erfolg, und die Polen seien "die gesündeste Gesellschaft" Ost- und Mitteleuropas, berichtete die Polnische Presseagentur PAP am 8. Mai.

Soros äußerte dies, als er von der größten polnischen Zeitung, der liberalen "Gazeta Wyborcza", den Titel "Mensch des Jahres", sowie die "Medaille des Starken Zlotys" empfing. Und dann folgte das, was man in Polen "Gesellschaft für Gegenseitiges Anbeten" nennt. Es lobte jeder jeden: Soros, die Polen, polnische Politiker, Soros, usw. Schön war es.

An diesem Tag aber, - während die Eliten noch voller Stolz über ihre Erfolge sprachen - , verlor die gesündeste Gesellschaft Ost- und Mitteleuropas einige ihrer Mitglieder.

In Breslau sprang eine 74-jährige Frau vom Fenster im 9. Stock. Die ersten polizeilichen Ermittlungen ergaben: Sie war einsam und krank gewesen, sie hatte sich in der gesündesten Gesellschaft als überflüssig empfunden. Selbst ihr Enkelsohn und dessen Frau, die mit der alten Frau zusammen wohnten, hatten daran nichts ändern können.

Am 8. Mai, als Soros gefeiert wurde, fand die Polizei in Lublin die Leichen einer 43jährigen Frau und ihrer beiden Kinder (16 und 13 Jahre alt). Die Tragödie spielte sich ab in einem Hochhaus. Aus dem Abschiedsbrief war zu entnehmen, dass die Frau zunächst ihre Kinder ermordete und sich danach selbst das Leben nahm, weil sie nicht in der Lage war, für die Familie aufzukommen. Sie war wohl nicht gesund genug für die Erfolgsgesellschaft...

Nicht gesund genug für die Erfolgsgesellschaft war leider nicht nur sie, denn am gleichen Tag nahm sich auch in Pabianice bei Lodz eine 45-jährige Mutter das Leben. Sie war wohl ein Paradebeispiel für den polnischen Erfolg: Obwohl längst arbeitslos, versuchte sie, irgendwie wenigstens das Existenzminimum für ihre beiden Söhne und sich selbst zu verdienen. Ihre Wohnung musste sie aufgeben und zog, notgedrungen, in eine Kommunalwohnung um.

Doch auch hier konnte sie die Miete nicht bezahlen. Ihre Verschuldung stieg auf umgerechnet ca. 2500 Mark und das Gericht verfügte die Zwangsräumung. Als um ca. 9 Uhr ein Gerichtsvollzieher, ein Sozialarbeiter, ein Gerichtsassessor, einige Hausverwaltungsbeamte, ein Schlosser und zwei Polizisten ihre Wohnungstür eintraten, sprang sie vom Stuhl und erhängte sich. Im Zimmer daneben, fand das Kommando der "gesündesten Gesellschaft" ihren weinenden 13jährigen Sohn. Der andere Sohn, der erst vor kurzem seine Wehrpflicht absolviert hatte, war nicht zu Hause. Keiner der beiden hatte von der drohenden Zwangsräumung gewusst...

Es war immer noch der 8. Mai, der Soros-Tag, als in Brzeznica bei Wadowice die Polizei die Leichen eines Ehepaars fand. Es war in einem Sommerhaus: Die Frau lag erwürgt im Erdgeschoss, ihr Mann erhängte sich auf dem Dachsparren. Es wurden weder irgendwelche Kampfspuren, noch Beweise für Einwirkung Dritter gefunden.

Ein Horrortag, ein Tag der Lebensmüden? Sicherlich - aber all diese Menschen waren und sind ja nicht die Einzigen, die in der gesündesten Gesellschaft keinen Platz für sich sehen. Es gibt immer wieder solche Menschen, und es muss nicht immer das Jenseits sein, wo sie ihre Zuflucht suchen.

" Wir verzichten hiermit auf die polnische Staatsangehörigkeit. Zu eben diesem Schritt rufen wir alle Bürger der Republik Polen auf, die am Rande der Not leben! " - heißt es im offiziellen Schreiben des Ehepaares T. aus Breslau.

In Begleitung von über 20 Journalisten, marschierte die 30jährige Frau, Mutter von 6 Kindern, zum Breslauer Woiwodschaftsamt, um dort ihren Personalausweis und den ihres Mannes abzugeben. Der Mann ist Schlosser, die Frau ist arbeitslos, sie leben, wie ihnen gesagt wurde: Vermehret euch in Gottes Namen! Seit acht Jahren sind sie auf Sozialhilfe angewiesen, doch in der gesündesten Gesellschaft gibt es so gut wie kein Geld mehr. Auch wenn das Gesetz irgendwelche lächerlichen Summen vorsieht, sind die Bankkonten der einschlägigen Einrichtungen leer.

Das Ehepaar T. war und ist sich durchaus bewusst, dass es mit seinem Protest nichts erreicht. Auf die Staatsangehörigkeit können die Eheleute übrigens auch nicht verzichten, solange es kein anderes Land gibt, das sie aufnehmen möchte.

" Wir wollen aber nicht mehr in einem Staat leben, der die Mehrheit seiner Bürger missachtet ", erklärten die beiden Möchtegern-Staatenlosen. Ihr Antrag wird dem Staatspräsidenten überreicht und von ihm früher oder später abgelehnt werden.

Mittlerweile haben Herr und Frau T. wahrscheinlich ein Exempel statuiert, denn soeben war zu erfahren, dass 28 weitere Breslauer ihre Personalausweise abgegeben haben.

Der Grund: die gesündeste Gesellschaft erleidet zurzeit die Erfolge der Schulreform. So entschied der Stadtrat von Breslau, eine kleine Grundschule im Norden der Stadt zu schließen. Das wollten die Eltern nicht akzeptieren. Es gab Proteste, schließlich eine Besetzung des Schulgebäudes.

Schließlich haben drei Vertreter der Stadtverwaltung und die Protestierenden ein gemeinsames Abkommen unterzeichnet: Wenn es genug Kinder gibt, bleibt die Schule erhalten. Die Freude darüber dauerte aber nur einen Tag lang an, denn am Tage danach, hat der Stadtvorstand von Breslau das Abkommen abgelehnt.

" Nicht mit uns ", meinten daraufhin die Eltern und kehrten der gesündesten Gesellschaft demonstrativ den Rücken. Vergebens: ihre Personalausweise werden ihnen zurückgeschickt...

Doch was hätten die "Desperados" denn anderes tun können? Ans Bildungsministerium schreiben? Nein, es wäre schade gewesen um die Briefmarken: Der Minister ist nämlich vom absoluten Erfolg seiner Schulreform überzeugt, genauso wie sein Vorgesetzter, der Regierungschef.

Übrigens: Letzterer führt seit kurzem eine Minderheitsregierung - doch nicht etwa aufgrund der sozialen Katastrophe. Es gibt einfach zu viele Politiker, die an dem ganzen Erfolg beteiligt sein wollen.

Und so kam es in der größten und reichsten Gemeinde Polens, Warschau-Zentrum, zu einer Revolte. Nachdem im Gemeinderat die Koalition Solidarnosc-Freiheitsunion zerfiel und eine neue entstand, an der die Linke teilnahm, war es der Solidarnosc zuviel geworden. Der Ministerpräsident Jerzy Buzek löste den Gemeinderat rechtswidrig auf und entsandte seinen Regierungskommissar dorthin.

Die Liberalen, die somit ihren Einfluss auf die Supergemeinde verloren haben, drohten mit der Aufkündigung der Koalition - und haben ihre Drohungen ja bekanntlich inzwischen wahrgemacht. Ein durchaus kluger Schritt: Für all das, was sie seit 1997 angerichtet haben, sind sie ab jetzt in den Augen der Wähler nicht mehr verantwortlich...

Selbstverständlich hat in einer solchen Lage niemand Zeit oder Lust, sich mit irgendwelchen arbeitslosen Müttern oder geschlossenen Schulen zu beschäftigen.

Es gibt ja Wichtigeres zu tun - zum Beispiel: gemeinsam mit Soros zu feiern. Soros gab übrigens zu, dass Polen " vielleicht aus der Ferne besser als aus der Nähe aussieht ". Tja, ein bisschen. Ein ganz kleines bisschen...


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