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Morgenwelt Wie
weit kann man sich von der Wirklichkeit entfernen? Keine Grenzen kennen
in dieser Hinsicht psychisch kranke Menschen - aber nicht nur für
sie gilt dies. Auch Erfolg, Macht und Reichtum machen manchmal blind.
Denn es sind ja vor allem Politiker, VIP's und Promis jeder Art, die
nur ihre eigenen Welten sehen und von der Wirklichkeit nichts mehr
wissen können. Oder: nicht wissen wollen...
Laut George Soros
habe Polen Erfolg, und die Polen seien "die gesündeste
Gesellschaft" Ost- und Mitteleuropas, berichtete die Polnische
Presseagentur PAP am 8. Mai.
Soros äußerte dies, als er von der größten
polnischen Zeitung, der liberalen "Gazeta Wyborcza", den
Titel "Mensch des Jahres", sowie die "Medaille des
Starken Zlotys" empfing. Und dann folgte das, was man in Polen
"Gesellschaft für Gegenseitiges Anbeten" nennt. Es
lobte jeder jeden: Soros, die Polen, polnische Politiker, Soros,
usw. Schön war es.
An diesem Tag aber, - während die Eliten noch voller Stolz
über ihre Erfolge sprachen - , verlor die gesündeste Gesellschaft
Ost- und Mitteleuropas einige ihrer Mitglieder.
In Breslau sprang eine 74-jährige Frau vom Fenster im 9.
Stock. Die ersten polizeilichen Ermittlungen ergaben: Sie war einsam
und krank gewesen, sie hatte sich in der gesündesten Gesellschaft
als überflüssig empfunden. Selbst ihr Enkelsohn und dessen
Frau, die mit der alten Frau zusammen wohnten, hatten daran nichts ändern können.
Am 8. Mai, als Soros gefeiert wurde, fand die Polizei in Lublin
die Leichen einer 43jährigen Frau und ihrer beiden Kinder (16
und 13 Jahre alt). Die Tragödie spielte sich ab in einem Hochhaus.
Aus dem Abschiedsbrief war zu entnehmen, dass die Frau zunächst
ihre Kinder ermordete und sich danach selbst das Leben nahm, weil
sie nicht in der Lage war, für die Familie aufzukommen. Sie
war wohl nicht gesund genug für die Erfolgsgesellschaft...
Nicht gesund genug für die Erfolgsgesellschaft war leider
nicht nur sie, denn am gleichen Tag nahm sich auch in Pabianice
bei Lodz eine 45-jährige Mutter das Leben. Sie war wohl ein
Paradebeispiel für den polnischen Erfolg: Obwohl längst
arbeitslos, versuchte sie, irgendwie wenigstens das Existenzminimum für ihre beiden Söhne und sich selbst zu verdienen. Ihre
Wohnung musste sie aufgeben und zog, notgedrungen, in eine Kommunalwohnung
um.
Doch auch hier konnte sie die Miete nicht bezahlen. Ihre Verschuldung
stieg auf umgerechnet ca. 2500 Mark und das Gericht verfügte
die Zwangsräumung. Als um ca. 9 Uhr ein Gerichtsvollzieher,
ein Sozialarbeiter, ein Gerichtsassessor, einige Hausverwaltungsbeamte, ein Schlosser und zwei Polizisten ihre Wohnungstür eintraten,
sprang sie vom Stuhl und erhängte sich. Im Zimmer daneben,
fand das Kommando der "gesündesten Gesellschaft"
ihren weinenden 13jährigen Sohn. Der andere Sohn, der erst
vor kurzem seine Wehrpflicht absolviert hatte, war nicht zu Hause.
Keiner der beiden hatte von der drohenden Zwangsräumung gewusst...
Es war immer noch der 8. Mai, der Soros-Tag, als in Brzeznica bei
Wadowice die Polizei die Leichen eines Ehepaars fand. Es war in
einem Sommerhaus: Die Frau lag erwürgt im Erdgeschoss, ihr
Mann erhängte sich auf dem Dachsparren. Es wurden weder irgendwelche
Kampfspuren, noch Beweise für Einwirkung Dritter gefunden.
Ein Horrortag, ein Tag der Lebensmüden? Sicherlich - aber
all diese Menschen waren und sind ja nicht die Einzigen, die in
der gesündesten Gesellschaft keinen Platz für sich sehen.
Es gibt immer wieder solche Menschen, und es muss nicht immer das
Jenseits sein, wo sie ihre Zuflucht suchen.
" Wir verzichten hiermit auf die polnische Staatsangehörigkeit.
Zu eben diesem Schritt rufen wir alle Bürger der Republik Polen
auf, die am Rande der Not leben! " - heißt es im offiziellen
Schreiben des Ehepaares T. aus Breslau.
In Begleitung von über 20 Journalisten, marschierte die 30jährige
Frau, Mutter von 6 Kindern, zum Breslauer Woiwodschaftsamt, um dort
ihren Personalausweis und den ihres Mannes abzugeben. Der Mann ist
Schlosser, die Frau ist arbeitslos, sie leben, wie ihnen gesagt
wurde: Vermehret euch in Gottes Namen! Seit acht Jahren sind sie
auf Sozialhilfe angewiesen, doch in der gesündesten Gesellschaft
gibt es so gut wie kein Geld mehr. Auch wenn das Gesetz irgendwelche
lächerlichen Summen vorsieht, sind die Bankkonten der einschlägigen
Einrichtungen leer.
Das Ehepaar T. war und ist sich durchaus bewusst, dass es mit seinem
Protest nichts erreicht. Auf die Staatsangehörigkeit können
die Eheleute übrigens auch nicht verzichten, solange es kein anderes Land gibt, das sie aufnehmen möchte.
" Wir wollen aber nicht mehr in einem Staat leben, der die
Mehrheit seiner Bürger missachtet ", erklärten
die beiden Möchtegern-Staatenlosen. Ihr Antrag wird dem Staatspräsidenten
überreicht und von ihm früher oder später abgelehnt
werden.
Mittlerweile haben Herr und Frau T. wahrscheinlich ein Exempel statuiert, denn soeben war zu erfahren, dass 28 weitere Breslauer
ihre Personalausweise abgegeben haben.
Der Grund: die gesündeste Gesellschaft erleidet zurzeit die
Erfolge der Schulreform. So entschied der Stadtrat von Breslau,
eine kleine Grundschule im Norden der Stadt zu schließen.
Das wollten die Eltern nicht akzeptieren. Es gab Proteste, schließlich
eine Besetzung des Schulgebäudes.
Schließlich haben drei Vertreter der Stadtverwaltung und
die Protestierenden ein gemeinsames Abkommen unterzeichnet: Wenn
es genug Kinder gibt, bleibt die Schule erhalten. Die Freude darüber
dauerte aber nur einen Tag lang an, denn am Tage danach, hat der
Stadtvorstand von Breslau das Abkommen abgelehnt.
" Nicht mit uns ", meinten daraufhin die Eltern
und kehrten der gesündesten Gesellschaft demonstrativ den Rücken.
Vergebens: ihre Personalausweise werden ihnen zurückgeschickt...
Doch was hätten die "Desperados" denn anderes tun
können? Ans Bildungsministerium schreiben? Nein, es wäre
schade gewesen um die Briefmarken: Der Minister ist nämlich
vom absoluten Erfolg seiner Schulreform überzeugt, genauso
wie sein Vorgesetzter, der Regierungschef.
Übrigens: Letzterer führt seit kurzem eine Minderheitsregierung
- doch nicht etwa aufgrund der sozialen Katastrophe. Es gibt einfach
zu viele Politiker, die an dem ganzen Erfolg beteiligt sein wollen.
Und so kam es in der größten und reichsten Gemeinde
Polens, Warschau-Zentrum, zu einer Revolte. Nachdem im Gemeinderat
die Koalition Solidarnosc-Freiheitsunion zerfiel und eine neue entstand, an der die Linke teilnahm, war es der Solidarnosc zuviel geworden.
Der Ministerpräsident Jerzy Buzek löste den Gemeinderat
rechtswidrig auf und entsandte seinen Regierungskommissar dorthin.
Die Liberalen, die somit ihren Einfluss auf die Supergemeinde verloren
haben, drohten mit der Aufkündigung der Koalition - und haben
ihre Drohungen ja bekanntlich inzwischen wahrgemacht. Ein durchaus kluger Schritt: Für all das, was sie seit 1997 angerichtet
haben, sind sie ab jetzt in den Augen der Wähler nicht mehr
verantwortlich...
Selbstverständlich hat in einer solchen Lage niemand Zeit
oder Lust, sich mit irgendwelchen arbeitslosen Müttern oder
geschlossenen Schulen zu beschäftigen.
Es gibt ja Wichtigeres zu tun - zum Beispiel: gemeinsam mit Soros
zu feiern. Soros gab übrigens zu, dass Polen " vielleicht
aus der Ferne besser als aus der Nähe aussieht ". Tja,
ein bisschen. Ein ganz kleines bisschen...
12. Juni 2000
 
Notizen von jenseits de Oder
Neu: Die gesündeste Gesellschaft Ost-
und Mitteleuropas
von Marek Trenkler
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