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Morgenwelt Auch
Südafrikaner pflegen regionale Rivalitäten. Die Bevölkerung
der Küstenstadt Durban zum Beispiel, lächelt in den Sommermonaten
spöttisch den "Vaalies" zu, die blass am Indischen
Ozean entlang flanieren. Die wiederum, bezichtigen die Kapstädter
einer eher gemächlichen Gangart. Letztere kontern dann gerne
und sprechen vom "Gangsters Paradise".
Früher lebten die Bewohner von Johannesburg und Pretoria
im Transvaal - daher auch der Spitzname "Vaalies" -, einer
riesigen Provinz im Norden des Landes, welche die Engländer
einst den Buren zugestanden hatten.
Mit dem Ende des Apartheid-Regimes wurden die Provinzen Südafrikas
neu geordnet, der Transvaal wurde dabei zweigeteilt, und es entstand
Gauteng, ein Gebiet, das kaum mehr als die Agglomeration aus der
Hauptstadt Pretoria und der nur gut 50 Kilometer südlich gelegenen
Wirtschafts- und Finanzmetropole Johannesburg umfasst. Jeder fünfte
Südafrikaner lebt inzwischen in dieser kleinsten, aber bevölkerungsreichsten Provinz des Landes.
Die "Gauteng Province", wie sie offiziell heißt,
"GP", wie es abgekürzt auf den Nummernschildern der
Autos steht, von vielen aufgrund der Geschichte Johannesburgs als
Goldmetropole Südafrikas auch schnell "Golden Province"
getauft und von den Bewohnern selbst gerne mit "Gentle People"
übersetzt, wird heute von den meisten nur noch als "Gangsters
Paradise" bezeichnet, denn nirgendwo in Südafrika sind
Gewalt, Mord und Totschlag so verbreitet, wie in und um Johannesburg
herum. Die Metropole gilt als gefährlichste Stadt der Welt.
Täglich werden Autofahrer, vorzugsweise jene mit noblen deutschen
Karossen, an roten Ampeln mit vorgehaltener Waffe zur Übergabe
des Wagens gezwungen. Nicht selten endet ein solches "Hijacking"
tödlich - wer zögert, wird augenblicklich, andere später
auf offenem Feld erschossen.
Gangster lauern auch gerne in Gebüschen vor der Hauseinfahrt,
um in dem Augenblick zuzuschlagen, da der Fahrer aussteigt und das
Tor öffnet.
Die Wohnhäuser der meisten Johannesburger gleichen Festungen.
Elektrische Zäune, Stacheldraht, meterhohe Mauern und blutrünstige Hunde, ausgeklügelte Alarmsysteme und speziell angelegte Sicherheitsräume
innerhalb des Hauses, die sich bei einem Überfall hermetisch
abriegeln lassen und mit Panzertüren versehen sind, gehören
zum Standard - nicht nur in den noblen Stadtvierteln Sandton und
Houghton.
Auffällige Warnschilder von privaten Sicherheitsdiensten,
die ein schnelles Anrücken paramilitärischer Einheiten
androhen, pflastern Außenmauern und Eingangsbereiche. Seit
kurzem werden ganze Wohnblöcke und Straßenzüge abgesperrt
und eingemauert. Besuche sind nur noch nach Voranmeldung und durch
eine zentrale Einfahrt möglich, die eher einem Grenzposten
gleicht, als einer Zufahrtsstraße inmitten einer Stadt.
In ganz Südafrika sind Mord, Totschlag und Misshandlungen an der Tagesordnung. 1999 entfielen - offiziell - auf 100.000 Menschen
55,3 Morde. In Gauteng lag diese Rate bei 69. Zwei Frauen werden
im Durchschnitt pro Minute in Südafrika vergewaltigt.
Südafrikas Frauen und Mädchen wachsen auf in einer Kultur
der sexuellen Gewalt: 30 Prozent aller südafrikanischen Frauen
wurden zum "ersten Mal" gezwungen, nur 12 Prozent junger
Frauen wissen, dass sie ein Recht darauf haben, "nein"
zu sagen, und nur jeder zehnte männliche Schüler lehnt
sexuelle Gewalt ab.
Es fällt schwer, einen Südafrikaner zu treffen, der nicht
schon einmal überfallen wurde oder zumindest jemanden kennt,
dem es passierte, und somit eine entsprechende Geschichte zu erzählen
weiß.
Zacharias Louw, 21 Jahre alt, will, so schnell es geht, seinem
Land den Rücken kehren. " Ich möchte nicht irgendwann
bereuen, geblieben zu sein ", sagt der Jurastudent. Direkt
nach dem Examen will er nach Europa. Falls erforderlich, will er
dort sogar weiterstudieren. Wie Louw denken viele, schon heute leben
und arbeiten zwischen 12 und 16 Prozent aller Südafrikaner
im Ausland.
" Wir werden diesen Abschaum so anpacken wie eine Bulldogge
ihren Knochen bearbeitet ", tönte Polizeipräsident
Steve Tshwete jüngst vor 2000 Johannesburger Gesetzeshütern.
"Zero tolerance", so ist die Losung, und Vergleiche mit
der wundersamen Wende in New York werden bemüht.
Doch Tshwetes Kriegserklärung erscheint so weit entfernt von
den Realitäten der Stadt, wie der "Big Apple" vom Kap der guten Hoffnung: Seine Einheiten nämlich, bekommen die
Kriminellen nur äußerst selten überhaupt zu Gesicht.
Insgesamt führt nur jedes achte schwerwiegende Verbrechen
zu einer Verurteilung, knapp 90 Prozent aller Autodiebstähle
und 77 Prozent aller Überfälle bleiben unaufgeklärt.
Die Polizei ist chronisch unterbesetzt, unterbezahlt und unterqualifiziert.
Zwei von drei Südafrikanern haben kein Vertrauen mehr in das
staatliche Gewaltmonopol. Immer mehr trauen selbst privaten Sicherheitsdiensten
und Alarmanlagen nicht, sondern verlassen sich nur noch auf sich
selbst: Die Hälfte aller Südafrikaner unterstützt
das Konzept der Selbstjustiz.
Der Besitz von Schusswaffen hat ein so bedrohliches Ausmaß
angenommen, dass sich die Regierung kürzlich zur Verabschiedung
eines Waffenkontrollgesetzes gezwungen sah. Der Waffenbesitz wird
an strenge Voraussetzungen geknüpft, doch die Zahl der von
der Polizei sichergestellten illegalen Waffen - mehr als 100.000
seit 1994 - verrät den Kampf gegen Windmühlen. Eine "AK-47"
ist in einschlägigen Kreisen immer noch im Sonderangebot zu
bekommen.
Private Schlägertrupps, wie Mapogo-a-Mathamaga , haben
Hochkonjunktur. Ihre Art der Verbrechensbekämpfung: Verdächtige
werden brutal misshandelt, bis sie entweder den Täter nennen,
oder - öffentliche Hinrichtung folgt - gestehen.
Auch in Johannesburg und Pretoria heuern immer mehr Südafrikaner
die Dienste solcher Trupps an. Die Polizei schaut weg, die Schläger
können sogar unbehelligt Pressekonferenzen abhalten.
Wenn Kriminalität also tatsächlich mit Kriminalität
bekämpft wird, müssen die Menschen aus Kapstadt recht
haben.
Und auch ich muss es endlich akzeptieren: Ich wohne in Gangsters Paradise ...
29. Mai 2000
 
Ansichten aus Afrika
Willkommen in Gangsters Paradise! Warum
ein Wortspiel in Südafrika bittere Realität ist.
von Andreas Mayer
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