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Morgenwelt
29. Mai 2000
 

Ansichten aus Afrika

Willkommen in Gangsters Paradise! Warum ein Wortspiel in Südafrika bittere Realität ist.

von Andreas Mayer

Auch Südafrikaner pflegen regionale Rivalitäten. Die Bevölkerung der Küstenstadt Durban zum Beispiel, lächelt in den Sommermonaten spöttisch den "Vaalies" zu, die blass am Indischen Ozean entlang flanieren. Die wiederum, bezichtigen die Kapstädter einer eher gemächlichen Gangart. Letztere kontern dann gerne und sprechen vom "Gangsters Paradise".

Früher lebten die Bewohner von Johannesburg und Pretoria im Transvaal - daher auch der Spitzname "Vaalies" -, einer riesigen Provinz im Norden des Landes, welche die Engländer einst den Buren zugestanden hatten.

Mit dem Ende des Apartheid-Regimes wurden die Provinzen Südafrikas neu geordnet, der Transvaal wurde dabei zweigeteilt, und es entstand Gauteng, ein Gebiet, das kaum mehr als die Agglomeration aus der Hauptstadt Pretoria und der nur gut 50 Kilometer südlich gelegenen Wirtschafts- und Finanzmetropole Johannesburg umfasst. Jeder fünfte Südafrikaner lebt inzwischen in dieser kleinsten, aber bevölkerungsreichsten Provinz des Landes.

Die "Gauteng Province", wie sie offiziell heißt, "GP", wie es abgekürzt auf den Nummernschildern der Autos steht, von vielen aufgrund der Geschichte Johannesburgs als Goldmetropole Südafrikas auch schnell "Golden Province" getauft und von den Bewohnern selbst gerne mit "Gentle People" übersetzt, wird heute von den meisten nur noch als "Gangsters Paradise" bezeichnet, denn nirgendwo in Südafrika sind Gewalt, Mord und Totschlag so verbreitet, wie in und um Johannesburg herum. Die Metropole gilt als gefährlichste Stadt der Welt.

Täglich werden Autofahrer, vorzugsweise jene mit noblen deutschen Karossen, an roten Ampeln mit vorgehaltener Waffe zur Übergabe des Wagens gezwungen. Nicht selten endet ein solches "Hijacking" tödlich - wer zögert, wird augenblicklich, andere später auf offenem Feld erschossen.

Gangster lauern auch gerne in Gebüschen vor der Hauseinfahrt, um in dem Augenblick zuzuschlagen, da der Fahrer aussteigt und das Tor öffnet.

Die Wohnhäuser der meisten Johannesburger gleichen Festungen. Elektrische Zäune, Stacheldraht, meterhohe Mauern und blutrünstige Hunde, ausgeklügelte Alarmsysteme und speziell angelegte Sicherheitsräume innerhalb des Hauses, die sich bei einem Überfall hermetisch abriegeln lassen und mit Panzertüren versehen sind, gehören zum Standard - nicht nur in den noblen Stadtvierteln Sandton und Houghton.

Auffällige Warnschilder von privaten Sicherheitsdiensten, die ein schnelles Anrücken paramilitärischer Einheiten androhen, pflastern Außenmauern und Eingangsbereiche. Seit kurzem werden ganze Wohnblöcke und Straßenzüge abgesperrt und eingemauert. Besuche sind nur noch nach Voranmeldung und durch eine zentrale Einfahrt möglich, die eher einem Grenzposten gleicht, als einer Zufahrtsstraße inmitten einer Stadt.

In ganz Südafrika sind Mord, Totschlag und Misshandlungen an der Tagesordnung. 1999 entfielen - offiziell - auf 100.000 Menschen 55,3 Morde. In Gauteng lag diese Rate bei 69. Zwei Frauen werden im Durchschnitt pro Minute in Südafrika vergewaltigt.

Südafrikas Frauen und Mädchen wachsen auf in einer Kultur der sexuellen Gewalt: 30 Prozent aller südafrikanischen Frauen wurden zum "ersten Mal" gezwungen, nur 12 Prozent junger Frauen wissen, dass sie ein Recht darauf haben, "nein" zu sagen, und nur jeder zehnte männliche Schüler lehnt sexuelle Gewalt ab.

Es fällt schwer, einen Südafrikaner zu treffen, der nicht schon einmal überfallen wurde oder zumindest jemanden kennt, dem es passierte, und somit eine entsprechende Geschichte zu erzählen weiß.

Zacharias Louw, 21 Jahre alt, will, so schnell es geht, seinem Land den Rücken kehren. " Ich möchte nicht irgendwann bereuen, geblieben zu sein ", sagt der Jurastudent. Direkt nach dem Examen will er nach Europa. Falls erforderlich, will er dort sogar weiterstudieren. Wie Louw denken viele, schon heute leben und arbeiten zwischen 12 und 16 Prozent aller Südafrikaner im Ausland.

" Wir werden diesen Abschaum so anpacken wie eine Bulldogge ihren Knochen bearbeitet ", tönte Polizeipräsident Steve Tshwete jüngst vor 2000 Johannesburger Gesetzeshütern. "Zero tolerance", so ist die Losung, und Vergleiche mit der wundersamen Wende in New York werden bemüht.

Doch Tshwetes Kriegserklärung erscheint so weit entfernt von den Realitäten der Stadt, wie der "Big Apple" vom Kap der guten Hoffnung: Seine Einheiten nämlich, bekommen die Kriminellen nur äußerst selten überhaupt zu Gesicht.

Insgesamt führt nur jedes achte schwerwiegende Verbrechen zu einer Verurteilung, knapp 90 Prozent aller Autodiebstähle und 77 Prozent aller Überfälle bleiben unaufgeklärt. Die Polizei ist chronisch unterbesetzt, unterbezahlt und unterqualifiziert.

Zwei von drei Südafrikanern haben kein Vertrauen mehr in das staatliche Gewaltmonopol. Immer mehr trauen selbst privaten Sicherheitsdiensten und Alarmanlagen nicht, sondern verlassen sich nur noch auf sich selbst: Die Hälfte aller Südafrikaner unterstützt das Konzept der Selbstjustiz.

Der Besitz von Schusswaffen hat ein so bedrohliches Ausmaß angenommen, dass sich die Regierung kürzlich zur Verabschiedung eines Waffenkontrollgesetzes gezwungen sah. Der Waffenbesitz wird an strenge Voraussetzungen geknüpft, doch die Zahl der von der Polizei sichergestellten illegalen Waffen - mehr als 100.000 seit 1994 - verrät den Kampf gegen Windmühlen. Eine "AK-47" ist in einschlägigen Kreisen immer noch im Sonderangebot zu bekommen.

Private Schlägertrupps, wie Mapogo-a-Mathamaga , haben Hochkonjunktur. Ihre Art der Verbrechensbekämpfung: Verdächtige werden brutal misshandelt, bis sie entweder den Täter nennen, oder - öffentliche Hinrichtung folgt - gestehen.

Auch in Johannesburg und Pretoria heuern immer mehr Südafrikaner die Dienste solcher Trupps an. Die Polizei schaut weg, die Schläger können sogar unbehelligt Pressekonferenzen abhalten.

Wenn Kriminalität also tatsächlich mit Kriminalität bekämpft wird, müssen die Menschen aus Kapstadt recht haben.

Und auch ich muss es endlich akzeptieren: Ich wohne in Gangsters Paradise ...


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