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Morgenwelt
22. Mai 2000
 

Notizen von jenseits der Oder

Neu: Polen - Land im TV-Format

von Marek Trenkler

Wie oft haben Sie das Glück, Ihr eigenes Land mit fremden Augen zu sehen? Wahrscheinlich sehr selten oder gar niemals. Nichtsdestoweniger könnte dies eine interessante Erfahrung sein. Angeblich sind wir nämlich nicht so, wie wir sind, sondern so, wie uns die Anderen wahrnehmen. Aber - stimmt das wirklich?

Wie auch immer: Deutsche Fernsehreportagen und Dokumentationen, sowie Naturfilme aus Polen mag ich sehr, denn sie zeigen mir immer ein anderes Land, als das meinige. Ob auf dem Lande, oder in den Großstädten: Stets sehen ausländische Fernsehreporter Menschen und Szenen, die mir seltsam und fremd vorkommen. Manchmal ärgern mich solche Bilder, manchmal frage ich mich, ob es vielleicht irgendwo auf der Welt ein anderes Polen gibt..

Ein solches Polen nämlich, ist meistens ist ein "Land der idyllischen Armut" - so nenne ich das wenigstens. Wie in einer literarischen Gattung gibt es da eiserne Regeln und Pflichtbilder, die gezeigt werden müssen, sowie Tabus, die unter keinen Umständen ins Bild dürfen.

Begibt sich ein Fernsehteam in Polen aufs Land, so wird zuerst nach einem alten, primitiven Pferdewagen gefahndet. Der Kutscher muss auch entsprechend aussehen. Optimal ist ein alter, unrasierter Bauer in Gummistiefeln, der, wenn er ins Objektiv grinst, mehrere Zahnlücken zeigt. Manchmal wird auch seine Frau gezeigt: ebenso fast ohne Zähne, dafür aber unbedingt mit Kopftuch - das ist einfach ein Muss.

Das Dorf ist vernachlässigt, es zerfällt einfach. Menschen, wenn man sie denn überhaupt etwas sagen lässt, erzählen Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg oder von ihrer Angst vor der Europäischen Union. Eigentlich könnte man, wenn man den Ton abstellen würde, wohl kaum erkennen, ob es sich dabei um eine Reportage aus Polen, oder etwa um einen Bericht aus Weißrussland handelt.

Charakteristisch dabei: die ganze Armut kontrastiert mit vereinzelten, aber eindrucksvollen Naturbildern. 'Mal ist es eine wunderschöne Katze, die in der Sonne schläft, 'mal ein Klapperstorch, der polnischste aller Vögel, irgendwo auf einem Schornstein, ein bisschen Wald und Acker...

Absolut tabu sind Maschinen jeder Art: Mähdrescher, Ackerschlepper, LKW, PKW, vom Computer schon ganz zu schweigen. Zwischen den Zeilen hört und sieht der Zuschauer: "Sieh an! - Da ist die Zeit stehen geblieben, die Natur ist rein und gesund, vom Menschen kaum berührt, da gibt es frische Luft und sauberes Wasser. Mann, was könnten WIR denn alles daraus machen!"

Eine andere Gattung: Natur- und Heimwehfilme. Hier mache ich auch immer wieder große Augen, denn überall dort, wo ich Umweltverschmutzung und jede Menge Müll vermute, sehen ausländische Kameras wunderschöne, grüne Landschaften, blaue Himmel mit kleinen, weißen Wölkchen hie und da, Tiere, wie im Urwald, singende Vögel, Biber am Werk, Frösche und Hasen, rauschende Bäche mit kristallreinem Wasser. Alles wunderbar verfilmt, als wäre es irgendwo in Afrika oder Südamerika gedreht worden, also in Weltteilen, wo die Zivilisation noch lange nichts zu suchen hat.

Gern würde ich in so einer Gegend meinen Urlaub verbringen, eben daheim, wenn es hier so schön ist - aber beim besten Willen konnte ich bisher keine solche Gegend finden.

Höchst interessant sind auch Fernsehreportagen aus den Grenzgebieten. Meistens geht es um Kriminalität, Waren und Menschenschmuggel - und dann sehen wir Hubschrauber des deutschen Grenzschutzes auf der einen, und polnische Fußpatrouillen auf der anderen Seite. Ab und zu wird jemand in Handschellen abgeführt - dann ist es entweder ein polnischer Schmuggler oder ein Ostasiat, dem es nicht gelungen war, illegal ins Bundesparadies einzuwandern. Tapfere deutsche Grenzschützer und Zöllner erzählen, meistens in sächsischem Dialekt "öborr die Stroaftoaten dorr festgönommenen Persön".

Aber die "political correctness" verlangt natürlich, dass man die Polen auch bei der Arbeit zeigt. In den Grenzgebieten geht es also - worum denn sonst? - um Kleinhandel und Dienstleistungen, denn das Thema lautet: "Was wird aus dem Billigland Polen, wenn es in die EU aufgenommen sein wird?"

Das Schema: die wohlhabenden, aber auch sparsamen Bundesbürger, meistens aus den neuen Ländern, fahren fast jedes Wochenende gen Osten, um "drüben" billiger einzukaufen. Wir sehen sie dann auf großen Flohmärktern und Marktplätzen, wie sie Butter, Kristallvasen, Weidenkörbe oder Jeans kaufen.

"Na, was glauben Sie, wieviel haben Sie denn gespart?", lautet meistens die Frage. Der Gefragte überlegt eine Weile, nennt eine Zahl und fügt hinzu, er müsse abschließend noch tanken. Ach, und zum Friseur müsse er auch noch unbedingt, denn in Berlin würde er dafür x-mal mehr bezahlen müssen. Hier sei es billiger, und die Qualität sei "janz jut". Manche lassen in Polen ihre Autos reparieren, selbst Harald Schmidt sagte ja einmal: "Polen sind die besten Automechaniker - mit den langen Fingern kommen die überall hin".

Zum Schluss wird aber manchmal gemeckert: Wenn "die" eines Tages in die EU kommen, dann werden "wir" zweimal verlieren. Erstens: "die" werden bei uns klauen - natürlich, könne man "die" nicht alle über einen Kamm scheren, aber irgendetwas daran sei schon wahr, oder? Und zweitens: wenn dann alles "bei denen" soviel kosten werde, wie bei "uns", werden wir dort nicht mehr einkaufen können.

Ab und zu wagt es der Reporter auch, mit den Polen selbst zu reden, also mit Kleinhändlern, Friseusen, Automechanikern oder mit Vertreterinnen des horizontalen Gewerbes, denn auch diesen Beruf betrachtet er als typisch für "hüben".

Charakteristisch: Meistens werden die Polen dabei ausschließlich mit Vornamen vorgestellt, nach dem Motto: Das ist Jochen Müller, er kauft bei Waldemar ein, tankt bei Andrzej und lässt sich von Magda die Haare schneiden. Stanislaw produziert Gartenzwerge und Zygmunt ist Bordellinhaber.

Seltener interessieren sich die ausländischen Fernsehreporter für Polens Großstädte. Neulich wurde beispielsweise im Programm der ARD der Film "Warschau-Express" von Andrea Thilo gezeigt, und ich konnte ziemlich viel über Polens Hauptstadt erfahren: zum Beispiel, dass so gut wie alle Warschauer fließend Deutsch sprechen, oder, dass man sich heutzutage darüber freuen kann, dass man zwar zu Dritt in einer Zweizimmerwohnung steckt, dafür aber seinen Reisepass hat und so mir nichts, dir nichts, überall hinfahren oder -fliegen kann, ob nach Mallorca, nach London oder Paris.

Ein französischer Travestiekünstler singt in einem Schwulenclub "Money, Money, Money" von ABBA. Gerade in diesem Club erpresse die Mafia übrigens kein Schutzgeld, weil sich die Mafiosi unter Schwule nicht trauten, erfahre ich da.

Am Ende wandert die Reporterin um 5 Uhr morgens barfuß (das ist wohl üblich in diesem Warschau) in Richtung "Flohmarkt Europa", wo auf dem Gelände eines ehemaligen Fussballstadions Ausländer, meist aus der ehemaligen Sowjetunion, alles Mögliche verkaufen. Gezeigt werden Szenen wie auf einem arabischen Marktplatz, dazu folgt ein Kommentar über ein buntes "Europa" mitten in der polnischen Hauptstadt...

"The sun always shines on tv", hieß es in einem Riesenhit vor einigen Jahren. Manchmal kann die Sonne allerdings blenden, manchmal bekommt man davon einen Sonnenstich - und daraus entstehen wirklich sehenswerte Visionen. Falls Sie 'mal die Gelegenheit haben sollten, Ihr Land mit fremden Augen zu sehen, verpassen Sie sie nicht! Denn es ist wirklich gut zu wissen, dass es noch eine Version 2.0 davon gibt.


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