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Morgenwelt Wie
oft haben Sie das Glück, Ihr eigenes Land mit fremden Augen zu
sehen? Wahrscheinlich sehr selten oder gar niemals. Nichtsdestoweniger
könnte dies eine interessante Erfahrung sein. Angeblich sind
wir nämlich nicht so, wie wir sind, sondern so, wie uns die Anderen
wahrnehmen. Aber - stimmt das wirklich?
Wie auch immer: Deutsche Fernsehreportagen und Dokumentationen, sowie Naturfilme aus Polen mag ich sehr, denn sie zeigen mir immer
ein anderes Land, als das meinige. Ob auf dem Lande, oder in den
Großstädten: Stets sehen ausländische Fernsehreporter
Menschen und Szenen, die mir seltsam und fremd vorkommen. Manchmal
ärgern mich solche Bilder, manchmal frage ich mich, ob es vielleicht
irgendwo auf der Welt ein anderes Polen gibt..
Ein solches Polen nämlich, ist meistens ist ein "Land
der idyllischen Armut" - so nenne ich das wenigstens. Wie in
einer literarischen Gattung gibt es da eiserne Regeln und Pflichtbilder,
die gezeigt werden müssen, sowie Tabus, die unter keinen Umständen
ins Bild dürfen.
Begibt sich ein Fernsehteam in Polen aufs Land, so wird zuerst
nach einem alten, primitiven Pferdewagen gefahndet. Der Kutscher muss auch entsprechend aussehen. Optimal ist ein alter, unrasierter
Bauer in Gummistiefeln, der, wenn er ins Objektiv grinst, mehrere
Zahnlücken zeigt. Manchmal wird auch seine Frau gezeigt: ebenso
fast ohne Zähne, dafür aber unbedingt mit Kopftuch - das
ist einfach ein Muss.
Das Dorf ist vernachlässigt, es zerfällt einfach. Menschen,
wenn man sie denn überhaupt etwas sagen lässt, erzählen
Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg oder von ihrer Angst vor der
Europäischen Union. Eigentlich könnte man, wenn man den
Ton abstellen würde, wohl kaum erkennen, ob es sich dabei um
eine Reportage aus Polen, oder etwa um einen Bericht aus Weißrussland
handelt.
Charakteristisch dabei: die ganze Armut kontrastiert mit vereinzelten,
aber eindrucksvollen Naturbildern. 'Mal ist es eine wunderschöne
Katze, die in der Sonne schläft, 'mal ein Klapperstorch, der
polnischste aller Vögel, irgendwo auf einem Schornstein, ein
bisschen Wald und Acker...
Absolut tabu sind Maschinen jeder Art: Mähdrescher, Ackerschlepper,
LKW, PKW, vom Computer schon ganz zu schweigen. Zwischen den Zeilen
hört und sieht der Zuschauer: "Sieh an! - Da ist die Zeit stehen geblieben, die Natur ist rein und gesund, vom Menschen kaum
berührt, da gibt es frische Luft und sauberes Wasser. Mann,
was könnten WIR denn alles daraus machen!"
Eine andere Gattung: Natur- und Heimwehfilme. Hier mache ich auch
immer wieder große Augen, denn überall dort, wo ich Umweltverschmutzung
und jede Menge Müll vermute, sehen ausländische Kameras
wunderschöne, grüne Landschaften, blaue Himmel mit kleinen,
weißen Wölkchen hie und da, Tiere, wie im Urwald, singende
Vögel, Biber am Werk, Frösche und Hasen, rauschende Bäche
mit kristallreinem Wasser. Alles wunderbar verfilmt, als wäre
es irgendwo in Afrika oder Südamerika gedreht worden, also
in Weltteilen, wo die Zivilisation noch lange nichts zu suchen hat.
Gern würde ich in so einer Gegend meinen Urlaub verbringen,
eben daheim, wenn es hier so schön ist - aber beim besten Willen
konnte ich bisher keine solche Gegend finden.
Höchst interessant sind auch Fernsehreportagen aus den Grenzgebieten.
Meistens geht es um Kriminalität, Waren und Menschenschmuggel - und dann
sehen wir Hubschrauber des deutschen Grenzschutzes auf der einen, und polnische
Fußpatrouillen auf der anderen Seite. Ab und zu wird jemand in Handschellen
abgeführt - dann ist es entweder ein polnischer Schmuggler oder ein Ostasiat,
dem es nicht gelungen war, illegal ins Bundesparadies einzuwandern. Tapfere
deutsche Grenzschützer und Zöllner erzählen, meistens in sächsischem
Dialekt "öborr die Stroaftoaten dorr festgönommenen Persön".
Aber die "political correctness" verlangt natürlich, dass man
die Polen auch bei der Arbeit zeigt. In den Grenzgebieten geht es also - worum
denn sonst? - um Kleinhandel und Dienstleistungen, denn das Thema lautet: "Was
wird aus dem Billigland Polen, wenn es in die EU aufgenommen sein wird?"
Das Schema: die wohlhabenden, aber auch sparsamen Bundesbürger,
meistens aus den neuen Ländern, fahren fast jedes Wochenende gen Osten, um "drüben" billiger einzukaufen. Wir
sehen sie dann auf großen Flohmärktern und Marktplätzen,
wie sie Butter, Kristallvasen, Weidenkörbe oder Jeans kaufen.
"Na, was glauben Sie, wieviel haben Sie denn gespart?",
lautet meistens die Frage. Der Gefragte überlegt eine Weile,
nennt eine Zahl und fügt hinzu, er müsse abschließend
noch tanken. Ach, und zum Friseur müsse er auch noch unbedingt,
denn in Berlin würde er dafür x-mal mehr bezahlen müssen.
Hier sei es billiger, und die Qualität sei "janz jut".
Manche lassen in Polen ihre Autos reparieren, selbst Harald Schmidt
sagte ja einmal: "Polen sind die besten Automechaniker - mit
den langen Fingern kommen die überall hin".
Zum Schluss wird aber manchmal gemeckert: Wenn "die"
eines Tages in die EU kommen, dann werden "wir" zweimal
verlieren. Erstens: "die" werden bei uns klauen - natürlich,
könne man "die" nicht alle über einen Kamm scheren,
aber irgendetwas daran sei schon wahr, oder? Und zweitens: wenn
dann alles "bei denen" soviel kosten werde, wie bei "uns",
werden wir dort nicht mehr einkaufen können.
Ab und zu wagt es der Reporter auch, mit den Polen selbst zu reden,
also mit Kleinhändlern, Friseusen, Automechanikern oder mit
Vertreterinnen des horizontalen Gewerbes, denn auch diesen Beruf
betrachtet er als typisch für "hüben".
Charakteristisch: Meistens werden die Polen dabei ausschließlich
mit Vornamen vorgestellt, nach dem Motto: Das ist Jochen Müller, er kauft bei Waldemar ein, tankt bei Andrzej und lässt sich
von Magda die Haare schneiden. Stanislaw produziert Gartenzwerge
und Zygmunt ist Bordellinhaber.
Seltener interessieren sich die ausländischen Fernsehreporter
für Polens Großstädte. Neulich wurde beispielsweise
im Programm der ARD der Film "Warschau-Express" von Andrea
Thilo gezeigt, und ich konnte ziemlich viel über Polens Hauptstadt
erfahren: zum Beispiel, dass so gut wie alle Warschauer fließend
Deutsch sprechen, oder, dass man sich heutzutage darüber freuen
kann, dass man zwar zu Dritt in einer Zweizimmerwohnung steckt,
dafür aber seinen Reisepass hat und so mir nichts, dir nichts,
überall hinfahren oder -fliegen kann, ob nach Mallorca, nach
London oder Paris.
Ein französischer Travestiekünstler singt in einem Schwulenclub
"Money, Money, Money" von ABBA. Gerade in diesem Club
erpresse die Mafia übrigens kein Schutzgeld, weil sich die
Mafiosi unter Schwule nicht trauten, erfahre ich da.
Am Ende wandert die Reporterin um 5 Uhr morgens barfuß (das
ist wohl üblich in diesem Warschau) in Richtung "Flohmarkt
Europa", wo auf dem Gelände eines ehemaligen Fussballstadions
Ausländer, meist aus der ehemaligen Sowjetunion, alles Mögliche
verkaufen. Gezeigt werden Szenen wie auf einem arabischen Marktplatz,
dazu folgt ein Kommentar über ein buntes "Europa"
mitten in der polnischen Hauptstadt...
"The sun always shines on tv", hieß es in einem
Riesenhit vor einigen Jahren. Manchmal kann die Sonne allerdings blenden, manchmal bekommt man davon einen Sonnenstich - und daraus
entstehen wirklich sehenswerte Visionen. Falls Sie 'mal die Gelegenheit
haben sollten, Ihr Land mit fremden Augen zu sehen, verpassen Sie
sie nicht! Denn es ist wirklich gut zu wissen, dass es noch eine
Version 2.0 davon gibt.
22. Mai 2000
 
Notizen von jenseits der Oder
Neu: Polen - Land im TV-Format
von Marek Trenkler
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