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Morgenwelt Jetzt fahren sie wieder durch die Straßen, wie in jedem Sommer: die "Mata-Moscitos", die Moskitomörder.
Sie versprühen so dichte giftige Nebel, als bedienten sie Schneekanonen;
und sie kommen ins Haus, um nach dem Rechten zu sehen.
In den Regentonnen lauert die Gefahr: dort vermehren sich bei wohligen
30 Grad Celsius ihre Larven: die Larven der Stechmücke Aedes
aegypti, die das Fieber verbreitet.
"Gelbfieber!". Drei Kranke in Rio de Janeiro, melden
die Zeitungen. Besorgte Mütter rufen beim Hausarzt an: soll
man die Kinder gegen Gelbfieber impfen? Müssen Reisende, die
nach Rio kommen, nicht geimpft sein?
Von einer Epidemie kann keine Rede sein. Die drei Patienten haben
das Fieber aus Amazonien eingeschleppt. Gelbfieber im Regenwald
ist nicht dasselbe, wie im Asphaltdschungel; die jeweiligen Moskitos
unterscheiden sich wie Feld- und Hausmaus voneinander.
Man kann sich gegen Geldbfieber schützen. Seit 1937 gibt es
einen wirksamen Impfstoff, der zehn Jahre lang vorhält. In
Brasilien wurden im Jahre 1999 rund 13 Millionen Impfungen vorgenommen.
Obgleich das Amazonasland in jedem Jahr rund ein Dutzend schwerer
Gelbfieberfälle verzeichnet, gilt es sozusagen als fieberfrei.
Darauf ist man in Rio besonders stolz, denn dort begann vor hundert
Jahren der Feldzug gegen die tödliche Seuche.
Wie eine maurische Zitadelle ragt aus dem Häusermeer der Vorstadt
das "Instituto Osvaldo Cruz" in den Himmel. Das Institut
zur Erforschung und Bekämpfung tropischer Krankheiten genießt
internationalen Ruf, und es trägt den Namen eines mutigen Arztes.
Osvaldo Cruz (1872-1917) hatte nämlich mit der Malaria, der
Pest und dem Gelbfieber in den brasilanischen Hafenstädten
aufgeräumt. Er war ein Schüler des berühmten Louis
Pasteur, und man hatte ihm das Gesundheitswesen von Rio de Janeiro
anvertraut, in jener Stadt, wo so gut wie alle Einwohner früher
oder später von einem tropischen Fieber befallen wurden. So
auch die 340 Passagiere der "Lombardia", die anno 1895
vor Anker ging. Das Gelbfieber hatte schon wenig später 234
von ihnen hinweggerafft.
Osvaldo Cruz sollte nie erfahren, wodurch genau das Gelbfieber hervorgerufen wurde (durch ein Virus; 1927 von Max Theiler
entdeckt) - aber er wusste aus genauer Beobachtung, dass Stechmücken
für die Übertragung der Krankheit sorgten. Also ging sein ganzes Bestreben dahin, die
Moskitos und ihre Brutplätze auszurotten.
Osvaldo Cruz kämpfte nicht nur gegen stehende Gewässer,
sondern auch gegen die Dummheit der Menschen, die sich über
den missionarischen Arzt das Maul zerrissen. Als Osvaldo Cruz gar
Kloaken zukippen und Baracken abreißen ließ, erzürnte
sich das Volk und revoltierte. Doch siehe da: im folgenden Sommer
gab es kaum noch Fieberfälle. Osvaldo Cruz hatte gegen uneinsichtige
Menschen und stechende Moskitos gesiegt.
In diesem Sommer versprühen die "Moskitomörder"
wieder Gift - und den Ruhm von Osvaldo Cruz dazu.
15. Mai 2000
 
Brief aus Rio: Moskitomörder
von Carl D. Goerdeler
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