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Morgenwelt
15. Mai 2000
 

Brief aus Rio: Moskitomörder

von Carl D. Goerdeler

Jetzt fahren sie wieder durch die Straßen, wie in jedem Sommer: die "Mata-Moscitos", die Moskitomörder. Sie versprühen so dichte giftige Nebel, als bedienten sie Schneekanonen; und sie kommen ins Haus, um nach dem Rechten zu sehen.

In den Regentonnen lauert die Gefahr: dort vermehren sich bei wohligen 30 Grad Celsius ihre Larven: die Larven der Stechmücke Aedes aegypti, die das Fieber verbreitet.

"Gelbfieber!". Drei Kranke in Rio de Janeiro, melden die Zeitungen. Besorgte Mütter rufen beim Hausarzt an: soll man die Kinder gegen Gelbfieber impfen? Müssen Reisende, die nach Rio kommen, nicht geimpft sein?

Von einer Epidemie kann keine Rede sein. Die drei Patienten haben das Fieber aus Amazonien eingeschleppt. Gelbfieber im Regenwald ist nicht dasselbe, wie im Asphaltdschungel; die jeweiligen Moskitos unterscheiden sich wie Feld- und Hausmaus voneinander.

Man kann sich gegen Geldbfieber schützen. Seit 1937 gibt es einen wirksamen Impfstoff, der zehn Jahre lang vorhält. In Brasilien wurden im Jahre 1999 rund 13 Millionen Impfungen vorgenommen. Obgleich das Amazonasland in jedem Jahr rund ein Dutzend schwerer Gelbfieberfälle verzeichnet, gilt es sozusagen als fieberfrei.

Darauf ist man in Rio besonders stolz, denn dort begann vor hundert Jahren der Feldzug gegen die tödliche Seuche.

Wie eine maurische Zitadelle ragt aus dem Häusermeer der Vorstadt das "Instituto Osvaldo Cruz" in den Himmel. Das Institut zur Erforschung und Bekämpfung tropischer Krankheiten genießt internationalen Ruf, und es trägt den Namen eines mutigen Arztes.

Osvaldo Cruz (1872-1917) hatte nämlich mit der Malaria, der Pest und dem Gelbfieber in den brasilanischen Hafenstädten aufgeräumt. Er war ein Schüler des berühmten Louis Pasteur, und man hatte ihm das Gesundheitswesen von Rio de Janeiro anvertraut, in jener Stadt, wo so gut wie alle Einwohner früher oder später von einem tropischen Fieber befallen wurden. So auch die 340 Passagiere der "Lombardia", die anno 1895 vor Anker ging. Das Gelbfieber hatte schon wenig später 234 von ihnen hinweggerafft.

Osvaldo Cruz sollte nie erfahren, wodurch genau das Gelbfieber hervorgerufen wurde (durch ein Virus; 1927 von Max Theiler entdeckt) - aber er wusste aus genauer Beobachtung, dass Stechmücken für die Übertragung der Krankheit sorgten. Also ging sein ganzes Bestreben dahin, die Moskitos und ihre Brutplätze auszurotten.

Osvaldo Cruz kämpfte nicht nur gegen stehende Gewässer, sondern auch gegen die Dummheit der Menschen, die sich über den missionarischen Arzt das Maul zerrissen. Als Osvaldo Cruz gar Kloaken zukippen und Baracken abreißen ließ, erzürnte sich das Volk und revoltierte. Doch siehe da: im folgenden Sommer gab es kaum noch Fieberfälle. Osvaldo Cruz hatte gegen uneinsichtige Menschen und stechende Moskitos gesiegt.

In diesem Sommer versprühen die "Moskitomörder" wieder Gift - und den Ruhm von Osvaldo Cruz dazu.


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