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Morgenwelt Den
Mai müssen wir jetzt noch irgendwie über die Runden kriegen
und dann ist es endlich soweit.
In Belgien und den Niederlanden startet die Fußballeuropameisterschaft:
ein Ereignis, das für jeden Medienkonsumenten eine echte Erleichterung bringt. Der Grund: Endlich brauchen wir uns bei der morgendlichen Zeitungslektüre nicht
mehr den Ereignissen innerhalb jenes berüchtigten RTL II-Bunkers
in Köln-Hürth zu widmen, in dessen Eingeweiden eine Meute mehr oder weniger junger Menschen
ihr Dasein im Rampenlicht der Öffentlichkeit fristet.
Weder der muskulöse Zlatko und seine Karriere als TV-Star,
noch die zickige Manu werden uns dann bei der Morgenlektüre
aufhalten, sondern äh, nun ja, der kräftige Oliver Kahn,
oder der zickige "Loddar".
Auch das zweite Lieblingsthema der bundesdeutschen Medienschaffenden,
der Börsenboom in Deutschland, wird dann erst einmal ins Hintertreffen geraten.
Statt Neuer Markt und Dax, sind es dann die Torquoten bundesdeutscher
Kicker, die das öffentliche Diskussionsthema Nummer eins darstellen.
Und das scheint angesichts dessen, in welch epischer Breite sich
die Medien den Themen Börse und Big Brother widmen, wirklich
eine heißersehnte Abwechslung zu sein: denn allein mit der Anzahl der Titelgeschichten diverser Zeitschriften
zum Thema Börse und natürlich den ultimativen Aktientips
zum sicheren Reichwerden ließen sich ganze Häuser tapezieren.
Ganz zu schweigen von der unüberschaubaren Menge an Big Brother-Stories.
Da hüpft doch das Herz, angesichts der Freude an ehrlichem
Fußball. Die Regeln sind klar und durchschaubar, nicht so
falsch, wie bei Big Brother, oder so undurchsichtig wie an der Börse.
Fußball als Retter vor bundesdeutscher Medieneinheitssoße?
Schön, wenn das so einfach wäre, doch bei genauer Betrachtung unterscheiden sich alle drei Medienereignisse nicht sonderlich voneinander.
"Win or lose" heißt es in Köln-Hürth,
in den Stadien der EM und auf dem glitschigen Parkett der Börse.
Wer auf die Schnauze fällt und 'raus muss, aus welchem Spiel
auch immer, der macht jenen, die im Alltagsfrust ertrinken, das
Leben erträglicher.
Lauthals pöbelnd auf die doofe Manu und die erfolglose eigene
Mannschaft einzudreschen - wenn auch nur in der eigenen Phantasie
- , das befreit enorm, auch wenn es nicht unbedingt über die
erlittenen Kursverluste an der Börse hinwegtröstet. Und
wer würde denn nicht von einer Blitzkarriere à la Zladdie
träumen?
Der tiefere Sinn von Börsenberichterstattung, Big Brother
und EM liegt in der wundervollen Erkenntnis begründet, wie
einfach doch das Leben ist. Es gibt Gewinner und Verlierer, alles andere ist dummes Zeug, denn Zwischentöne sind hoffnungslos
antiquiert. Machen wir uns bloß nichts vor, indem wir uns
einbilden, diesen Drang nach einfachen Mustern durchschaut zu haben
und ihm deswegen zu entkommen.
Nach außen hin arrogant jedes Interesse an Big Brother zu leugnen, und dann doch am Morgen als erstes zu schauen, wer denn
nun gehen musste, - das ist in diesen Tagen eine nicht seltene und,
ja durchaus sympathische Einstellung.
Betrachten wir es positiv: Börse, Big Brother und EM stiften
Unterhaltungswert, erweisen sich - da sie reichlichen Gesprächsstoff liefern - als kommunikationsfördernd und
bieten in Zeiten totaler Sinnentleerung endlich wieder ein festgefügtes
Weltbild.
"Win or lose" heißt letztlich die Grundkategorie,
auf die sich alles kapitalistische Wirtschaften zurückführen
lässt und der Begriff vom Global Player findet auch im Privaten
sein Pendant. Der Blick auf die Börsendaten hat den Wetterbericht
hinsichtlich seiner Bedeutsamkeit abgelöst und wer sein Intimleben
für sich behält, ist ein Fall für den Psychiater.
Das Private ist öffentlich, wie das Öffentliche privat.
"Win or lose" im Container in Köln, an der Börse
in Frankfurt oder bei der EM in Belgien und den Niederlanden. Wie schön, dass das Leben so einfach ist!
8. Mai 2000
 
Wir Medienmacher
Win or lose - zwischen Börse, Big
Brother und EM.
von Holger Hogelücht
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