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Morgenwelt
8. Mai 2000
 

Wir Medienmacher

Win or lose - zwischen Börse, Big Brother und EM.

von Holger Hogelücht

Den Mai müssen wir jetzt noch irgendwie über die Runden kriegen und dann ist es endlich soweit.

In Belgien und den Niederlanden startet die Fußballeuropameisterschaft: ein Ereignis, das für jeden Medienkonsumenten eine echte Erleichterung bringt. Der Grund: Endlich brauchen wir uns bei der morgendlichen Zeitungslektüre nicht mehr den Ereignissen innerhalb jenes berüchtigten RTL II-Bunkers in Köln-Hürth zu widmen, in dessen Eingeweiden eine Meute mehr oder weniger junger Menschen ihr Dasein im Rampenlicht der Öffentlichkeit fristet.

Weder der muskulöse Zlatko und seine Karriere als TV-Star, noch die zickige Manu werden uns dann bei der Morgenlektüre aufhalten, sondern äh, nun ja, der kräftige Oliver Kahn, oder der zickige "Loddar".

Auch das zweite Lieblingsthema der bundesdeutschen Medienschaffenden, der Börsenboom in Deutschland, wird dann erst einmal ins Hintertreffen geraten.

Statt Neuer Markt und Dax, sind es dann die Torquoten bundesdeutscher Kicker, die das öffentliche Diskussionsthema Nummer eins darstellen. Und das scheint angesichts dessen, in welch epischer Breite sich die Medien den Themen Börse und Big Brother widmen, wirklich eine heißersehnte Abwechslung zu sein: denn allein mit der Anzahl der Titelgeschichten diverser Zeitschriften zum Thema Börse und natürlich den ultimativen Aktientips zum sicheren Reichwerden ließen sich ganze Häuser tapezieren. Ganz zu schweigen von der unüberschaubaren Menge an Big Brother-Stories.

Da hüpft doch das Herz, angesichts der Freude an ehrlichem Fußball. Die Regeln sind klar und durchschaubar, nicht so falsch, wie bei Big Brother, oder so undurchsichtig wie an der Börse. Fußball als Retter vor bundesdeutscher Medieneinheitssoße? Schön, wenn das so einfach wäre, doch bei genauer Betrachtung unterscheiden sich alle drei Medienereignisse nicht sonderlich voneinander.

"Win or lose" heißt es in Köln-Hürth, in den Stadien der EM und auf dem glitschigen Parkett der Börse. Wer auf die Schnauze fällt und 'raus muss, aus welchem Spiel auch immer, der macht jenen, die im Alltagsfrust ertrinken, das Leben erträglicher.

Lauthals pöbelnd auf die doofe Manu und die erfolglose eigene Mannschaft einzudreschen - wenn auch nur in der eigenen Phantasie - , das befreit enorm, auch wenn es nicht unbedingt über die erlittenen Kursverluste an der Börse hinwegtröstet. Und wer würde denn nicht von einer Blitzkarriere à la Zladdie träumen?

Der tiefere Sinn von Börsenberichterstattung, Big Brother und EM liegt in der wundervollen Erkenntnis begründet, wie einfach doch das Leben ist. Es gibt Gewinner und Verlierer, alles andere ist dummes Zeug, denn Zwischentöne sind hoffnungslos antiquiert. Machen wir uns bloß nichts vor, indem wir uns einbilden, diesen Drang nach einfachen Mustern durchschaut zu haben und ihm deswegen zu entkommen.

Nach außen hin arrogant jedes Interesse an Big Brother zu leugnen, und dann doch am Morgen als erstes zu schauen, wer denn nun gehen musste, - das ist in diesen Tagen eine nicht seltene und, ja durchaus sympathische Einstellung.

Betrachten wir es positiv: Börse, Big Brother und EM stiften Unterhaltungswert, erweisen sich - da sie reichlichen Gesprächsstoff liefern - als kommunikationsfördernd und bieten in Zeiten totaler Sinnentleerung endlich wieder ein festgefügtes Weltbild.

"Win or lose" heißt letztlich die Grundkategorie, auf die sich alles kapitalistische Wirtschaften zurückführen lässt und der Begriff vom Global Player findet auch im Privaten sein Pendant. Der Blick auf die Börsendaten hat den Wetterbericht hinsichtlich seiner Bedeutsamkeit abgelöst und wer sein Intimleben für sich behält, ist ein Fall für den Psychiater.

Das Private ist öffentlich, wie das Öffentliche privat. "Win or lose" im Container in Köln, an der Börse in Frankfurt oder bei der EM in Belgien und den Niederlanden. Wie schön, dass das Leben so einfach ist!


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