Dies ist ein Beitrag aus dem Morgenwelt-Archiv in Druckversion. Zur aktuellen Ausgabe kommen Sie hier: www.morgenwelt.de!
Morgenwelt Preecha
Ratchakhun, 31, ist ein junger, moderner Künstler, der in Bangkok
lebt. Seine rätselhaften Werke reflektieren die Erkenntnisse
und Betrachtungsweise der Reisbauernkultur, in der er aufgewachsen
ist. " Ich male, was ich als Kind gesehen habe, " sagt
er.
Einige regionale Ausstellungen seiner Werke haben ihn zum vollwertigen
Mitglied der florierenden Kunstszene Thailands gemacht. Dennoch
ist es schwierig, als moderner Künstler in Bangkok zu überleben.
" Die Leute wollen etwas, das ihnen leicht zugänglich
ist. Sie kaufen Namen - und zeigen kein Interesse an unbekannten
Künstlern ."
Moderne Künstler in Thailand haben einige aufregende und steinige
Jahre hinter sich. 1997, im Zuge der hiesigen Währungskrise,
gingen 56 große Finanzunternehmen pleite. Um die Gläubiger
abzufinden, kamen die Konkursmassen der Firmen, die unter anderem
vollständige Sammlungen thailändischer Kunst des 20. Jahrhunderts
umfassten, unter den Auktionshammer.
In der Hoffnung, bei einem eventuellen Anstieg des internationalen Interesses an thailändischer Kunst absahnen zu können,
eröffnete das Londoner Auktionshaus Christie's eine Zweigstelle
in Bangkok. Es war das erste Mal überhaupt, dass ein internationales
Auktionshaus in Thailand eine Kunstauktion veranstaltete.
Einheimische Künstler befürchteten, der Verkauf so vieler
bedeutender Kunstwerke würde den Marktwert ihrer Arbeiten drücken.
Die moderne Kunst Thailands wird von prominenten Künstlern
beherrscht, deren Werke regelmäßig von Spekulanten aufgekauft
werden und auch diese Auktion sollte in dieser Hinsicht keine
Ausnahme bilden. Zwar übertrafen die erzielten Preise die Erwartungen
des Hauses, doch nahmen nur wenige ausländische Käufer
an der Auktion teil. Letztere wurde vielmehr von einheimischen Käufern dominiert, denen vor allem daran lag, sich die Werke berühmter
Künstler unter den Nagel zu reißen. Der große Auftritt
thailändischer Kunst auf der internationalen Kunstszene würde
wohl noch eine Weile auf sich warten lassen.
Die moderne Kunst Thailands ist qualitätvoll und vielfältig
- sie gründet auf den Kunstidealen des Westens und geht dennoch
ihre eigenen Wege. Montien Boonma ist vielleicht der einzige thailändische
Künstler, der internationale Reputation genießt. Seine
abstrakt-skulpturalen Installationen waren schon in aller Welt zu
sehen. Die tiefere Bedeutung seiner Werke aber, ist zu unbestimmt,
um daheim auf viel Begeisterung zu stoßen.
Einer der umstrittendsten Künstler Thailands ist nach wie
vor Vasan Sitthiket, dessen Kunst den ungebremsten Kapitalismus
Thailands kritisiert, sowie die aus dem Verfall traditioneller Werte
resultierende Dekadenz.
Ein weiterer bekannter Künstler, Chalermchai Kositpipat, hat
sich inzwischen von kontrovers zu "konventionell" gewandelt.
Für westliche Betrachter mögen seine Bilder wahrscheinlich
die am faszinierendsten und ansprechendsten sein. Sein Stil entwickelte
sich aus der traditionellen thailändischen Wandmalerei und
zeigt konventionelle religiöse Motive im Einklang mit modernen
Elementen. So sieht man beispielsweise eine strahlende Buddhafigur,
die aus einem Chaos von Fabrikrohren emporsteigt. Seine dekorativen
und gestochen scharfen zweidimensionalen Werke, die an Wandgemälde
erinnern, haben der traditionellen Malerei und Illustrationskunst
Thailands neue Impulse verliehen.
Dennoch ist der Weg zur Anerkennung für die meisten Künstler
hart und mühselig. Trotz ihrer geradezu überbordenden
Kreativität verfügen thailändische Künstler
kaum über Beziehungen zum internationalen Kunstmarkt.
Die Kunstszene Bangkoks wird beherrscht von nur wenigen kleinen
Privatgalerien. Aber all das wird sich bald ändern.
Das Stadtbild wird in Kürze um ein großes internationales
Kunstmuseum bereichert werden. Entworfen wurde es von Robert G.
Boughey und Associates Co., Ltd. und gebaut wird es an einer Hauptverkehrskreuzung
in Bangkok - direkt gegenüber von zwei riesigen Einkaufszentren
und dem Knotenpunkt der beiden Skytrain-Linien. Dieser Lage kommt
eine wichtige Bedeutung zu in einer Stadt, in der nahezu alle wertvollen
Grundstücke von riesigen Einkaufszentren und Appartement-Hochhäusern
besetzt sind.
Die Lage wurde ganz bewusst gewählt: sie soll eine Herausforderung
darstellen für die von der Shopping-Leidenschaft der asiatischen
Mittelklasse besessenen Thais. Die "Bangkok Metropolitan Administration"
(Stadtverwaltung) will laut eigenem Bekunden erreichen, dass shopping-orientierte
Thais zu "Kultur-Konsumenten" werden. Da schwingt auch
die Hoffnung mit, dass dieses Museum der thailändischen Kunst
dereinst ein internationales Publikum bescheren wird und zugleich
thailändischen Kunstliebhabern den Zugang zu internationalen
Kunstausstellungen ermöglicht.
All das sind natürlich gute Aussichten für den um Anerkenung
kämpfenden Preecha Ratchakhun, der seine Bilder in seinem kleinen Garten in einem Vorort von Bangkok malt.
" Ein Museum ist schon 'mal ganz gut, aber letztlich kommt
es auf die Direktoren an. Sie müssen aufgeschlossen sein, und
bereit dazu, auch 'mal echter Kunst und echten Künstlern eine
Chance zu geben und nicht nur den Sachen, die sich verkaufen. "
Obwohl er sein Einkommen mit Illustrationen für die Werbung
aufbessert, hält sich Ratchakhun für einen "reinen
Künstler." Was sich auch immer in der Kunstszene Thailands
ereignen mag - er will als Künstler weitermachen. " Ich
muss malen. Ich will, ehrlich gesagt, gar nicht darüber nachdenken,
ob meine Bilder sich verkaufen, oder nicht. "
(Fotos: Ron Morris)
1. Mai 2000
 
Impressionen aus Bangkok
Künstlerpech: Wie Künstler in
Thailand um internationale Anerkennung kämpfen.
von Ron Morris
© 2000, www.morgenwelt.de, Hamburg, Deutschland