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Morgenwelt
Es sind nicht nur die norwegischen Lebensmittel,
die teuer sind, dank unserer norwegischen Bauern mit ihrem norwegischen Lebensstandard.
Wegen der generell teuren Lebenshaltungskosten ist es recht schwierig, Norwegen
zur ersten Adresse bei der Wahl seines Ferienlandes zu erklären - wenn man
nicht, wie ich, zufällig mit einer großzügigen Schwiegerfamilie
mit einem großem Haus ausgestattet ist. Ich liebe Oslo im August. Ich
hätte dort gerne eine Hütte", wie der Verfasser Økland sagt.
Aber Ferien im Süden wer ist dort nicht schon alles gewesen? Ich nicht
- jedenfalls nicht bis vor kurzem.
Im letzten Herbst aber wollten wir unbedingt bis nach Korfu vor
Griechenlands Küste reisen - selbst wenn unser letzter Pfennig
dabei draufgehen sollte: und genau das passierte auch.
Im Tidenhub zu sitzen, auf das Meer hinauszublicken - damit bin
ich schnell versorgt. Aber es gibt Gott sei dank andere Dinge, die
Zeit auszufüllen, als stumpfsinnig auf einer Strandliege zu
dösen. Man kann zum Beispiel Fahrräder ausleihen und unter
den schattigen Olivenbäumen hindurchradeln, die an der Böschung
über uns stehen.
In einem nachdenklichen Augenblick kann man sich die Arbeit ausmalen, die in den schönen, zwischen den Bäumen gelegenen Steinterrassen
steckt.
Jede von ihnen wurde in Handarbeit gebaut - und zu dieser Zeit
gab es noch nicht den kühlenden Schatten der Bäume. Vor
40 Jahren muss das gewesen sein denn so lange dauert es,
bevor man die ersten Früchte von einem Olivenbaum ernten kann.
Was denken die schwarzgekleideten alten Frauen, die uns Müßiggänger
auf dem Rad vorbeisausen sehen? Vielleicht denken sie ungefähr
dasselbe, was wir damals dachten, als wir dastanden und das Heu
zum Trocknen aufhängten und den einen oder anderen Touristen
mit seinem Volkswagen vorbeizockeln sahen. Einige von ihnen nahmen
sogar eine Decke und legten sich in die Sonne und das mitten am
Vormittag! Das sind welche, die es haben, dachten wir. Solche Leute !
Jetzt sind wir "solche Leute" geworden. Das ist ungewohnt, obwohl
wir es ja eigentlich schon einige Jahre lang sind. Die Leute um mich herum,
geprägt von unterschiedlichen Erfahrungen, interessieren mich. Das Hotel,
in dem wir wohnten, beherbergt Gäste aus vielen Ländern, sie grüßen
einander höflich und es ist leicht, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Ein Engländer mit rabenschwarzem Jungenschopf erzählt
mir, dass er drei Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges
zur Musterung musste. " Ein Deutscher, den ich im Sommer
traf ", antworte ich, " war auch wehrpflichtig bei
Kriegsausbruch. Er gehörte einem Jahrgang an, nach dem man
nach dem Kriege mit der Lupe suchen musste. Hattet ihr beide nicht
ein Schweineglück gehabt, dass ihr diese Jahre überlebt
habt? " " Oh yes ", kommt die Antwort mit
englischem Understatement zurück," ich habe immer behauptet,
dass es an meiner schwierigen Personalnummer lag, es war unmöglich,
sie korrekt auf eine Granate oder eine Patrone zu schreiben.
so Im still here, you know ". Ja, jetzt sind sie hier,
viele von diesen alten Kriegern. Was denken sie, wenn sie höflich
lächelnd am Rande des Schwimmbeckens oder beim Frühstück
sitzen? Solche Leute!" vielleicht, oder Warum haben
wir aufeinander geschossen?"
Im Schwimmbecken wird Wasserpolo gespielt unter der enthusiastischen
Leitung eines jungen Mannes, der zwischen der englischen und der
deutschen Sprache wechselt.
Am Abend sitzen wir bei einem Glas Bier zusammen. Ein Engländer, zugleich
provinziell und vielgereist, behauptet mit Nachdruck, dass die Franzosen Sonderlinge
seien, dass keine richtigen Engländer mehr in London wohnten, nur noch
Einwanderer, und dass die Deutschen merkwürdige Leute seien. " Sie
sind nicht höflich, seht nur! ", sagt er und zeigt stolz eine Hautabschürfung
vor, die ihm ein deutscher Mitspieler während des Wasserpolos zugefügt
hat. " Mein Großvater wurde von den Deutschen getötet ",
lautet schlussendlich sein Argument. I hate them! "
" Aber was sagst Du dann von mir? ", fragt der,
der den friedlichen Kappenstreit im Schwimmbecken leitet. " Ich
bin Serbe. Ich hätte nur noch zwei Wochen gebraucht, bis ich fertig ausgebildeter Bauingenieur gewesen wäre, als der Krieg
ausbrach. Und wir wissen alle, wessen Schuld es war, dass er ausbrach. "
Eine gespannte Ruhe breitet sich aus und er fährt fort: " Ein allseits
erzählter Witz in Belgrad geht so: 'In Argentinien wählte das Volk
die Demokratie, das Heer greift ein und setzt einen Diktator ein in Serbien
wählt das Volk einen Diktator, um das Heer gegen das Volk einzusetzen'.
Wir wählten den Krieg ", seufzt er. " Aber wir können deswegen
nicht alle Serben verurteilen ".
" Wie denkst Du über die Zukunft für Serbien? ",
frage ich. " Für Serbien gibt es keine Zukunft. Ein
Polizist mit einer dreiwöchigen Ausbildung verdient mehr als
ein Arzt. Postbeamte verdienen auch gut, weil sie die Auszahlungen
kontrollieren". There is no future for me in Serbia.
Ich habe 10 Jahre lang in Deutschland gelebt. Dort gibt es, wie
in jedem anderen Land auch, gute und schlechte Leute. Aber Serbien
ist für mich ein fremdes Land geworden, das nur wenige Kilometer
von hier entfernt liegt ".
Nachdenklich gehe ich ins Hotelzimmer zurück. Ich werfe ihm nichts vor,
ich hätte unter solchen Verhältnissen sicherlich auch das Exil gewählt.
Aber ein Land wie Jugoslawien braucht gerade solche Leute" wie ihn.
Manchmal wirkt unsere friedliche Koexistenz wie brüchige Haut.
Ein kleiner Ritz darin kann gewaltsame Schwingungen in Gang setzen.
Ich weiß nicht, ob man automatisch viel klüger wird,
wenn man andere Länder und Kulturen besichtigt. Es kommt darauf
an, mit welchen Augen man die Dinge betrachtet.
24. April 2000
 
Post vom Vestfjord
Touristenklasse
von Ivar Bakke
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