Dies ist ein Beitrag aus dem Morgenwelt-Archiv in Druckversion. Zur aktuellen Ausgabe kommen Sie hier: www.morgenwelt.de!
Morgenwelt
In alten Zeiten ließen die Arbeiter im Kohlebergbau
einen Kanarienvogel in den Hauptschacht hinunter, um zu prüfen, ob sich Grubengas
im Schacht befand. Verstummte der Kanarienvogel, dann wussten sie, dass Gefahr
im Verzuge war. Man könnte die Jugend Japans vielleicht als die "Kanarienvögel"
ihrer Gesellschaft bezeichnen.
Vielleicht hat
ja die Jugend in allen Kulturen - definitiv zumindest in den wohlhabenderen
Ländern - den Drang nach neuen Erfahrungen: In der Tat ist dies
vielleicht ein instinktiver Trieb, das eigene Leben anders zu gestalten,
als es die Eltern taten. Und junge Japaner sind nachweislich leidenschaftliche Konsumenten neuer Waren und Dienstleistungen. Es boomt in der Popmusik,
in puncto Modetrends, bei Zeichentrick- und Computerspielen.
Es waren auch
junge Leute, die hierzulande den Handy-Boom und das Internet-Fieber
auslösten. Während die ältere Generation kopfschüttelnd über die
"unnötigen" Mobiltelefone räsonnierte, begeisterte sich die Jugend
- insbesondere die weibliche Jugend - in Massen für sie. In nur
drei Jahren kauften sie 40 Millionen Handies (das entspricht einem
Mobiltelefon pro Haushalt) und schufen dadurch den einzigen starken
Wachstumsmarkt im Japan der 1990er Jahre.
Ein Phänomen jedoch,
lässt aufhorchen: Es sind die seit Jahren fallenden Geburtenzahlen
in Japan, die zweifellos als indirekte Kritik an der von der älteren
Generation geschaffenen Gesellschaft interpretiert werden können.
Dass die Familien
immer kleiner werden, ist natürlich generell ein in wohlhabenden
Ländern üblicherweise anzutreffendes Phänomen, das vielschichtige
Gründe hat. Die Tatsache jedoch, dass junge Japaner so gar keine
Lust aufs Heiraten und Kinderkriegen haben, ist zweifellos zu einem
beachtlichen Teil auch auf fehlenden Optimismus und mangelnde Zukunftsaussichten
zurückzuführen:
Angesichts von
Rekord-Arbeitslosenquoten und fehlenden Hortplätzen für berufstätige
Mütter sind diese negativen Aussichten reichlich vorhanden. Sollten
die jungen Japaner jedoch die Bereitschaft zur Fortpflanzung auf lange Sicht verlieren, wird ihre Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen
Form sicherlich nicht überleben.
Einen traurigen
Hintergrund hierzu bildet die Kluft, die sich in der Erziehung der
beiden Geschlechter auftut. Jungen werden zu "Arbeiterbienen" erzogen
- ihre Mütter sind geradezu obsessiv fixiert auf die Schulnoten
ihrer Söhne, und bezahlen teure Stunden in "Jukus," privaten Paukkursen,
zu denen die Kinder nach der täglichen Pflichtschule geschickt werden.
Viele "Jukus" haben nicht einmal in den Ferien geschlossen, und
bombardieren die Eltern mit mahnungsähnlicher Werbung, in der ihnen
vorgehalten wird, welche Nachteile ihre Kinder dereinst einmal haben
werden, wenn sie jetzt in ihren Leistungen zurückfallen. Folglich
fehlt japanischen Jungen die Zeit zum Spielen oder zu anderen Aktivitäten,
wie etwa die Teilnahme an Pfadfindergruppen, wo sie ihren Horizont
erweitern könnten.
Dies wiederum
führt dazu, dass es ihnen an Urteilsvermögen und Selbstbewusstsein
mangelt. Und wenn junge Männer zu Beginn ihrer Berufslaufbahn in
ihre Firma eintreten, wohnen sie oft in Wohnheimen, so dass sie
nicht viele Interessen außerhalb des Arbeitsplatzes entwickeln können.
Im Gegensatz dazu,
arbeiten die jungen Frauen meist als Sekretärinnen, leben bei ihren
Eltern und reisen mehrmals im Jahr mit Freundinnen ins Ausland.
Junge, städtisch orientierte Japanerinnen sind im wahrsten Sinne
des Wortes "all dressed up und nowhere to go" - lebhaft, flott und
weitaus lebensklüger als ihre männlichen Pendants, die nur wenig
Gelegenheit haben, sich mit ihnen zu treffen und aufzuholen.
Dies bestärkt
die jungen Frauen in ihrem Widerwillen, ihr relativ unabhängiges
Leben aufzugeben, um eine "Firmen-Drohne" zu heiraten. Und in Extremfällen
führt das dann zu "Narita-Scheidungen" - praktiziert von jungen
Paaren, die sich gleich nach den Flitterwochen scheiden lassen,
weil sich der Mann peinlichereweise als völlig unerfahren erwiesen
hat.
Unglücklicherweise
erziehen junge Frauen ihre eigenen Söhne jedoch in der gleichen
albernen Art und Weise - und schaffen dadurch dieselben Schwierigkeiten
erneut für ihre Töchter!
Im Westen haben
wir uns schon seit den sechziger Jahren an den "Generationenkonflikt"
gewöhnen müssen. Ein Hoffnungsschimmer für Japan ist, dass das Internet
hier wie anderswo eine Revolution in Gang gesetzt hat (obgleich
letztere durch das NTT-Monopol, die das Telefonieren etwa dreimal
so teuer macht wie in anderen Ländern, im Zaum gehalten wird!) Das
Internet weicht die Rangordnungen der Firmen auf und setzt einen Umdenkungsprozess in Gang, dahingehend, dass Mitarbeiter nicht nach
Alter, sondern nach Leistung entlohnt werden.
Seit einiger Zeit
mahnt das Oberhaupt der " Economic Planning Agency ", Sakaiya
Taichi, gerne immer 'mal, dass Japan eine Veränderung in der Größenordnung
der 'Meiji Revolution' brauche, wenn die Wirtschaft ihre Vitalität wiedergewinnen solle. Da mag er recht haben - dennoch sollte man
sich einige Tatsachen der Revolution in den 1850ern, die zu einer
Kehrtwende in der japanischen Politik führte, in Erinnerung rufen.
Die von einem
Erbprinzen geführte Regierung in Tokio hatte ihren Untertanen über
zwei Jahrhunderte hinweg das Reisen ins Ausland untersagt (!). Doch
die Bewohner der Provinzen Choshu und Satsuma im Westen Japans reisten
nach China und sahen dort mit Schrecken, dass dieses Riesenreich
durch die weitaus kleineren Nationen Europas bezwungen und kolonialisiert
wurde. Sie äußerten nachdrücklich, dass die Weigerung ihres Staates,
sich zu ändern, für Japan eine sowohl wirtschaftliche, als auch
militärische Bedrohung darstellte.
Die Regierung
in Tokio jedoch, ließ sich nicht beirren, die Machthalter durften
weiterhin jegliche Veränderung abblocken - eine Situation, die der
heutigen Lage auf geradezu schaurige Weise gleicht. Also begannen
die Leute aus Choshu und Satsuma letztendlich einen Bürgerkrieg
und stürzten die Tokioter Regierung, indem sie deren Truppen im
Kampf bezwangen.
Japanische Geschichtsbücher
sind etwas spröde im Umgang mit diesem Thema, ziehen es vor, von
einer 'Meiji-Restauration' zu sprechen - vielleicht deshalb, weil
es nicht dem Ruf einer altehrwürdigen Nation geziemt, dass das moderne
Japan aus einem blutigen Bürgerkrieg hervorgegangen sein soll! Aber
es ist schon sehr nützlich, zu wissen, dass die heutige von der
selbsternannten Bürokratie in Tokio hervorgerufene wirtschaftliche
Lähmung sehr tiefe historische Wurzeln hat!
Die 'Meiji Revolution'
kann auch als Generationskonflikt gesehen werden, da viele ihrer
Helden sehr jung waren. Ein Beispiel: Yoshida Shoin, der Lehrer,
der in einem einzigen Jahr den Großteil der damaligen Rebellenführer
selbst ausbildete - einschließlich mehrere der 7(!) Premierminister,
die später aus Choshu kamen - wurde im Alter von 29 Jahren von der
im Untergang begriffenen Tokioter Regierung hingerichtet. Takasugi
Shinsaku, ein Schüler Yoshidas und ein wichtiger Militärführer,
starb im gleichen Alter auf dem Schlachtfeld.
Ähnlich wie in
anderen Ländern auch, wird die Internet-Revolution in Japan von
jungen Leuten vorangetrieben - und hier trägt sie schon deshalb
radikal zur Untergrabung der Altenherrschaft Japans bei, weil ein
Großteil der Bürokraten und Manager im Alter über 50 Jahren noch
nicht einmal mit einem PC zurechtkommt, ganz zu schweigen vom Internet.
Wir können nur
hoffen, dass sich die von der Jugend eingeführten Veränderungen
solide etabliert haben, noch bevor die Geld-Seifenblase "Internet"
zerplatzt (wie sie es in Japan und auch überall tun wird), damit
die großen alten Männer Japans nicht mit dem Spruch "das haben wir
doch gleich gesagt!" ihr Comeback feiern können.
Wenn die jungen
Leute doch bloß so gut englisch sprechen könnten wie ihre Generationsgenossen
in anderen Ländern - dann könnten sie mehr von ihnen lernen und
sich verstärkt mit ihnen austauschen! Aber der schlechte Englisch-Unterricht
in Japan ist wiederum eine Geschichte für sich!
17. April 2000
 
Tokio Ticker: Die "Kanarienvögel"
Japans
von Patrick Collins
© 2000, www.morgenwelt.de, Hamburg, Deutschland