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Morgenwelt
17. April 2000
 

Tokio Ticker: Die "Kanarienvögel" Japans

von Patrick Collins

In alten Zeiten ließen die Arbeiter im Kohlebergbau einen Kanarienvogel in den Hauptschacht hinunter, um zu prüfen, ob sich Grubengas im Schacht befand. Verstummte der Kanarienvogel, dann wussten sie, dass Gefahr im Verzuge war. Man könnte die Jugend Japans vielleicht als die "Kanarienvögel" ihrer Gesellschaft bezeichnen.

Vielleicht hat ja die Jugend in allen Kulturen - definitiv zumindest in den wohlhabenderen Ländern - den Drang nach neuen Erfahrungen: In der Tat ist dies vielleicht ein instinktiver Trieb, das eigene Leben anders zu gestalten, als es die Eltern taten. Und junge Japaner sind nachweislich leidenschaftliche Konsumenten neuer Waren und Dienstleistungen. Es boomt in der Popmusik, in puncto Modetrends, bei Zeichentrick- und Computerspielen.

Es waren auch junge Leute, die hierzulande den Handy-Boom und das Internet-Fieber auslösten. Während die ältere Generation kopfschüttelnd über die "unnötigen" Mobiltelefone räsonnierte, begeisterte sich die Jugend - insbesondere die weibliche Jugend - in Massen für sie. In nur drei Jahren kauften sie 40 Millionen Handies (das entspricht einem Mobiltelefon pro Haushalt) und schufen dadurch den einzigen starken Wachstumsmarkt im Japan der 1990er Jahre.

Ein Phänomen jedoch, lässt aufhorchen: Es sind die seit Jahren fallenden Geburtenzahlen in Japan, die zweifellos als indirekte Kritik an der von der älteren Generation geschaffenen Gesellschaft interpretiert werden können.

Dass die Familien immer kleiner werden, ist natürlich generell ein in wohlhabenden Ländern üblicherweise anzutreffendes Phänomen, das vielschichtige Gründe hat. Die Tatsache jedoch, dass junge Japaner so gar keine Lust aufs Heiraten und Kinderkriegen haben, ist zweifellos zu einem beachtlichen Teil auch auf fehlenden Optimismus und mangelnde Zukunftsaussichten zurückzuführen:

Angesichts von Rekord-Arbeitslosenquoten und fehlenden Hortplätzen für berufstätige Mütter sind diese negativen Aussichten reichlich vorhanden. Sollten die jungen Japaner jedoch die Bereitschaft zur Fortpflanzung auf lange Sicht verlieren, wird ihre Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Form sicherlich nicht überleben.

Einen traurigen Hintergrund hierzu bildet die Kluft, die sich in der Erziehung der beiden Geschlechter auftut. Jungen werden zu "Arbeiterbienen" erzogen - ihre Mütter sind geradezu obsessiv fixiert auf die Schulnoten ihrer Söhne, und bezahlen teure Stunden in "Jukus," privaten Paukkursen, zu denen die Kinder nach der täglichen Pflichtschule geschickt werden. Viele "Jukus" haben nicht einmal in den Ferien geschlossen, und bombardieren die Eltern mit mahnungsähnlicher Werbung, in der ihnen vorgehalten wird, welche Nachteile ihre Kinder dereinst einmal haben werden, wenn sie jetzt in ihren Leistungen zurückfallen. Folglich fehlt japanischen Jungen die Zeit zum Spielen oder zu anderen Aktivitäten, wie etwa die Teilnahme an Pfadfindergruppen, wo sie ihren Horizont erweitern könnten.

Dies wiederum führt dazu, dass es ihnen an Urteilsvermögen und Selbstbewusstsein mangelt. Und wenn junge Männer zu Beginn ihrer Berufslaufbahn in ihre Firma eintreten, wohnen sie oft in Wohnheimen, so dass sie nicht viele Interessen außerhalb des Arbeitsplatzes entwickeln können.

Im Gegensatz dazu, arbeiten die jungen Frauen meist als Sekretärinnen, leben bei ihren Eltern und reisen mehrmals im Jahr mit Freundinnen ins Ausland. Junge, städtisch orientierte Japanerinnen sind im wahrsten Sinne des Wortes "all dressed up und nowhere to go" - lebhaft, flott und weitaus lebensklüger als ihre männlichen Pendants, die nur wenig Gelegenheit haben, sich mit ihnen zu treffen und aufzuholen.

Dies bestärkt die jungen Frauen in ihrem Widerwillen, ihr relativ unabhängiges Leben aufzugeben, um eine "Firmen-Drohne" zu heiraten. Und in Extremfällen führt das dann zu "Narita-Scheidungen" - praktiziert von jungen Paaren, die sich gleich nach den Flitterwochen scheiden lassen, weil sich der Mann peinlichereweise als völlig unerfahren erwiesen hat.

Unglücklicherweise erziehen junge Frauen ihre eigenen Söhne jedoch in der gleichen albernen Art und Weise - und schaffen dadurch dieselben Schwierigkeiten erneut für ihre Töchter!

Im Westen haben wir uns schon seit den sechziger Jahren an den "Generationenkonflikt" gewöhnen müssen. Ein Hoffnungsschimmer für Japan ist, dass das Internet hier wie anderswo eine Revolution in Gang gesetzt hat (obgleich letztere durch das NTT-Monopol, die das Telefonieren etwa dreimal so teuer macht wie in anderen Ländern, im Zaum gehalten wird!) Das Internet weicht die Rangordnungen der Firmen auf und setzt einen Umdenkungsprozess in Gang, dahingehend, dass Mitarbeiter nicht nach Alter, sondern nach Leistung entlohnt werden.

Seit einiger Zeit mahnt das Oberhaupt der " Economic Planning Agency ", Sakaiya Taichi, gerne immer 'mal, dass Japan eine Veränderung in der Größenordnung der 'Meiji Revolution' brauche, wenn die Wirtschaft ihre Vitalität wiedergewinnen solle. Da mag er recht haben - dennoch sollte man sich einige Tatsachen der Revolution in den 1850ern, die zu einer Kehrtwende in der japanischen Politik führte, in Erinnerung rufen.

Die von einem Erbprinzen geführte Regierung in Tokio hatte ihren Untertanen über zwei Jahrhunderte hinweg das Reisen ins Ausland untersagt (!). Doch die Bewohner der Provinzen Choshu und Satsuma im Westen Japans reisten nach China und sahen dort mit Schrecken, dass dieses Riesenreich durch die weitaus kleineren Nationen Europas bezwungen und kolonialisiert wurde. Sie äußerten nachdrücklich, dass die Weigerung ihres Staates, sich zu ändern, für Japan eine sowohl wirtschaftliche, als auch militärische Bedrohung darstellte.

Die Regierung in Tokio jedoch, ließ sich nicht beirren, die Machthalter durften weiterhin jegliche Veränderung abblocken - eine Situation, die der heutigen Lage auf geradezu schaurige Weise gleicht. Also begannen die Leute aus Choshu und Satsuma letztendlich einen Bürgerkrieg und stürzten die Tokioter Regierung, indem sie deren Truppen im Kampf bezwangen.

Japanische Geschichtsbücher sind etwas spröde im Umgang mit diesem Thema, ziehen es vor, von einer 'Meiji-Restauration' zu sprechen - vielleicht deshalb, weil es nicht dem Ruf einer altehrwürdigen Nation geziemt, dass das moderne Japan aus einem blutigen Bürgerkrieg hervorgegangen sein soll! Aber es ist schon sehr nützlich, zu wissen, dass die heutige von der selbsternannten Bürokratie in Tokio hervorgerufene wirtschaftliche Lähmung sehr tiefe historische Wurzeln hat!

Die 'Meiji Revolution' kann auch als Generationskonflikt gesehen werden, da viele ihrer Helden sehr jung waren. Ein Beispiel: Yoshida Shoin, der Lehrer, der in einem einzigen Jahr den Großteil der damaligen Rebellenführer selbst ausbildete - einschließlich mehrere der 7(!) Premierminister, die später aus Choshu kamen - wurde im Alter von 29 Jahren von der im Untergang begriffenen Tokioter Regierung hingerichtet. Takasugi Shinsaku, ein Schüler Yoshidas und ein wichtiger Militärführer, starb im gleichen Alter auf dem Schlachtfeld.

Ähnlich wie in anderen Ländern auch, wird die Internet-Revolution in Japan von jungen Leuten vorangetrieben - und hier trägt sie schon deshalb radikal zur Untergrabung der Altenherrschaft Japans bei, weil ein Großteil der Bürokraten und Manager im Alter über 50 Jahren noch nicht einmal mit einem PC zurechtkommt, ganz zu schweigen vom Internet.

Wir können nur hoffen, dass sich die von der Jugend eingeführten Veränderungen solide etabliert haben, noch bevor die Geld-Seifenblase "Internet" zerplatzt (wie sie es in Japan und auch überall tun wird), damit die großen alten Männer Japans nicht mit dem Spruch "das haben wir doch gleich gesagt!" ihr Comeback feiern können.

Wenn die jungen Leute doch bloß so gut englisch sprechen könnten wie ihre Generationsgenossen in anderen Ländern - dann könnten sie mehr von ihnen lernen und sich verstärkt mit ihnen austauschen! Aber der schlechte Englisch-Unterricht in Japan ist wiederum eine Geschichte für sich!


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