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Morgenwelt
10. April 2000
 

Brief aus Rio

neu: Ansichten einer Bordsteinschwalbe

von Carl D.Goerdeler

Doroth de Castro, 39, lebt dort, wo die Straßen keinen Namen und die Häuser keine Nummern haben, in "Cidade de Deus", der "Stadt Gottes", einer Favela am Schmutzrand von Rio de Janeiro.

Ihre Hütte, aus Ziegeln und Balken zurechtgezimmert, hat immerhin fließend Wasser und Strom. Den blitzblank geputzten schmalen Raum teilt sie mit ihrem Mann Jorge, 32, dem Sohn Junino, 16, und ihrem Baby Dahra - "ein afrikanischer Name" - , dem sie die Brust gibt, an der sonst ihre Kunden fingern.

" Ich bin Prostituierte, meine Mutter war es auch. Ich wuchs im Hinterland auf, in Juiz de Fora. Als ich mein erstes Kind bekam, wollte der Vater davon nichts wissen. Ich bin mit dem Baby abgehauen, nach Rio de Janeiro, weg von den Leuten und ihren Intrigen, in die Großstadt; fand Arbeit im Supermarkt, dann als Hausangestellte, da verliert man jede Selbständigkeit. Schließlich landete ich auf dem Strich. Das war sogar besser, denn jetzt stand ich endlich auf eigenen Füßen.

Wo? Mein Gott, ich bin viel herumgekommen, sogar sechs Jahre lang in Chile, Argentinien, Peru. Beinahe wäre ich sogar in Hamburg gelandet, bloß wurde dann der Barbesitzer verhaftet. Anschließend kam ich zwei Jahre in den Knast - wegen der Droge. Davon bin ich zum Glück schon lange runter. "

Im Gassengewirr der Favela fühlt sich Doroth mit ihrer Familie einigermaßen sicher. Nicht einmal die Tür brauchen sie abzuschließen - und es gibt immer Nachbarn, die aufpassen. Wenn doch 'mal etwas passiert, dann sind es Diebe oder Mörder, die von "außerhalb" kommen. Mit denen machen die "Justiceiros" (Killer der Drogenbosse, die ungestört ihrem Geschäft nachgehen wollen) kurzen Prozess; mit der Polizei will keiner etwas zu tun haben.

" Am liebsten sind mir die Bars und Bordelle draußen auf dem Land. Die Lastwagenfahrer, die Landarbeiter, die sind mir die liebsten. Die suchen Vergnügen oder einfach nur Nähe, Freundschaft, das ist auch nicht so gefährlich wie an der Copacabana zum Beispiel, wo das große Geld gemacht wird. Wenn ich drei, vier `Programme` pro Nacht schaffe - das sind dann immerhin rund 30 Dollar, komme ich damit aus. Außerdem verdient ja Jorge noch mit, in der Fabrik für Aircondition.

Angst vor Krankheiten? Natürlich bestehe ich auf Gummi - aber sag'das mal den jungen Gören - und vor allem den Männern! Dass wir Prostituierten um unsere Rechte kämpfen müssen, ist doch klar. Deswegen bin ich auch in "DAVIDA", unserer Nutten-Bewegung, und im "Movimento Negro" bin ich auch. Aber ich habe was dagegen, dass man uns abschaffen oder in die Kaserne stecken will. Nein, im Gegenteil, unsere Arbeit ist genauso gut wie die von jedem anderen. Das wissen die Nachbarn auch. Ich halte nichts von den superklugen Feministinnen oder den Pfarrern, die uns verbessern wollen. Aber eine anständige Gesundheitsvorsorge, das brauchen wir, und Sexual -Aufklärung, natürlich. "

Doroth de Castro ist keine Prostituierte mit schlechtem Gewissen. Sie macht ihren Job, und basta. Leute, die ihr moralisch kommen, fordert sie auf, ihr einen Job zu besorgen: dann ist meistens das Gespräch beendet. Aber ihren Kindern soll es einmal besser gehen.

" Meine Töchter haben beide die Grundschule besucht, Alcen macht sogar Abitur. Das ist doch gut, oder? Aber mehr als vier Kinder, und jedes von einem anderen Mann, will ich nicht. Was ich von den Männern halte? Mein Gott, ohne die müsste ich doch verhungern! Der Jorge ist der beste von allen. Und sonst - Männer wie Frauen, sag mal, wo ist denn da der Unterschied? Wenn Dhara ein bisschen größer ist, gehe ich wieder anschaffen, am "Posto 13", der Tankstelle an der Via Dutra ."


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