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Morgenwelt Doroth
de Castro, 39, lebt dort, wo die Straßen keinen Namen und die
Häuser keine Nummern haben, in "Cidade de Deus", der
"Stadt Gottes", einer Favela am Schmutzrand von Rio de Janeiro.
Ihre Hütte, aus Ziegeln und Balken zurechtgezimmert, hat immerhin
fließend Wasser und Strom. Den blitzblank geputzten schmalen
Raum teilt sie mit ihrem Mann Jorge, 32, dem Sohn Junino, 16, und
ihrem Baby Dahra - "ein afrikanischer Name" - , dem sie
die Brust gibt, an der sonst ihre Kunden fingern.
" Ich bin Prostituierte, meine Mutter war es auch. Ich wuchs
im Hinterland auf, in Juiz de Fora. Als ich mein erstes Kind bekam,
wollte der Vater davon nichts wissen. Ich bin mit dem Baby abgehauen,
nach Rio de Janeiro, weg von den Leuten und ihren Intrigen, in die
Großstadt; fand Arbeit im Supermarkt, dann als Hausangestellte, da verliert man jede Selbständigkeit.
Schließlich landete ich auf dem Strich. Das war sogar besser,
denn jetzt stand ich endlich auf eigenen Füßen.
Wo? Mein Gott, ich bin viel herumgekommen, sogar sechs Jahre
lang in Chile, Argentinien, Peru. Beinahe wäre ich sogar in
Hamburg gelandet, bloß wurde dann der Barbesitzer verhaftet.
Anschließend kam ich zwei Jahre in den Knast - wegen der Droge.
Davon bin ich zum Glück schon lange runter. "
Im Gassengewirr der Favela fühlt sich Doroth mit ihrer Familie
einigermaßen sicher. Nicht einmal die Tür brauchen sie
abzuschließen - und es gibt immer Nachbarn, die aufpassen. Wenn doch 'mal etwas passiert, dann
sind es Diebe oder Mörder, die von "außerhalb"
kommen. Mit denen machen die "Justiceiros" (Killer der
Drogenbosse, die ungestört ihrem Geschäft nachgehen wollen)
kurzen Prozess; mit der Polizei will keiner etwas zu tun haben.
" Am liebsten sind mir die Bars und Bordelle draußen
auf dem Land. Die Lastwagenfahrer, die Landarbeiter, die sind mir
die liebsten. Die suchen Vergnügen oder einfach nur Nähe,
Freundschaft, das ist auch nicht so gefährlich wie an der Copacabana
zum Beispiel, wo das große Geld gemacht wird. Wenn ich drei,
vier `Programme` pro Nacht schaffe - das sind dann immerhin rund
30 Dollar, komme ich damit aus. Außerdem verdient ja Jorge
noch mit, in der Fabrik für Aircondition.
Angst vor Krankheiten? Natürlich bestehe ich auf Gummi
- aber sag'das mal den jungen Gören - und vor allem den Männern!
Dass wir Prostituierten um unsere Rechte kämpfen müssen,
ist doch klar. Deswegen bin ich auch in "DAVIDA", unserer
Nutten-Bewegung, und im "Movimento Negro" bin ich auch.
Aber ich habe was dagegen, dass man uns abschaffen oder in die Kaserne
stecken will. Nein, im Gegenteil, unsere Arbeit ist genauso gut
wie die von jedem anderen. Das wissen die Nachbarn auch. Ich halte
nichts von den superklugen Feministinnen oder den Pfarrern, die
uns verbessern wollen. Aber eine anständige Gesundheitsvorsorge, das brauchen wir, und Sexual -Aufklärung,
natürlich. "
Doroth de Castro ist keine Prostituierte mit schlechtem Gewissen.
Sie macht ihren Job, und basta. Leute, die ihr moralisch kommen,
fordert sie auf, ihr einen Job zu besorgen: dann ist meistens das
Gespräch beendet. Aber ihren Kindern soll es einmal besser
gehen.
" Meine Töchter haben beide die Grundschule besucht,
Alcen macht sogar Abitur. Das ist doch gut, oder? Aber mehr als
vier Kinder, und jedes von einem anderen Mann, will ich nicht. Was
ich von den Männern halte? Mein Gott, ohne die müsste
ich doch verhungern! Der Jorge ist der beste von allen. Und sonst
- Männer wie Frauen, sag mal, wo ist denn da der Unterschied?
Wenn Dhara ein bisschen größer ist, gehe ich wieder anschaffen,
am "Posto 13", der Tankstelle an der Via Dutra ."
10. April 2000
 
Brief aus Rio
neu: Ansichten einer Bordsteinschwalbe
von Carl D.Goerdeler
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