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Morgenwelt
3. April 2000
 

Notizen von jenseits der Oder

Stirb schneller!

von Marek Trenkler

Neulich gab es in meiner näheren Umgebung einen völlig unerwarteten Todesfall.

Ein Mann, ca. 40 Jahre alt, besuchte an einem Samstag einige Freunde. Dort hat er, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ein bisschen getrunken und geraucht, und kam gegen Mitternacht zurück nach Hause. Er ging schlafen, doch nach wenigen Stunden stand er kurz auf, um auf die Toilette zu gehen. Als er in sein Zimmer zurückkam, fiel er plötzlich auf den Boden. Seine Frau hat ihn am Morgen tot aufgefunden. Später wurde bei der Obduktion festgestellt: es war ein Herzinfarkt, der Mann ist sofort gestorben.

Natürlich war das für seine Familie eine tragische Angelegenheit und für viele Menschen wird es wohl noch lange dauern, bis sie nach alledem wieder zu sich kommen. Doch selbst unter den Hinterbliebenen konnte man ab und an eine seltsame Bemerkung hören: " Im Grunde genommen ist er um einen so schönen, schnellen, schmerzlosen Tod zu beneiden..."

Das klingt vielleicht makaber, aber wenn man in Polen lebt, kann man es schon verstehen. Hier nämlich, hat man schon immer eine gute Gesundheit gebraucht, um krank zu sein - so schlimm war es um das Gesundheitswesen bestellt. Was aber infolge der Gesundheitsreform schon alles passiert ist, lässt sich kaum beschreiben. Ich versuche es anhand von einigen Beispielen.

In Olsztyn (Allenstein) fuhr ein 51jähriger Mann mit dem Auto und fühlte sich während der Fahrt unwohl. Er schaffte es bis auf den Parkplatz vor dem Woiwodschaftskrankenhaus, hielt dort an und fiel in Ohnmacht. Sein Mitfahrer trug ihn bis an die Tür. Doch die Krankenschwestern wollten oder durften keinen "hauseigenen" Arzt rufen und telefonierten stattdessen mit dem Notarzt. Der Rettungswagen kam zu spät.

Eine Woche später, meldete sich im gleichen Krankenhaus ein 50jähriger Mann mit einer künstlichen Herzklappe. Er fühlte sich sehr schlecht und wollte unbedingt zum Kardiologen. Es wurde ihm aber gesagt, dass der Herr Doktor ihn nicht mehr untersuchen könne, weil er keine Termine mehr frei habe. Der verärgerte Patient ging daraufhin zur regionalen Krankenkasse, um sich zu beschweren. Dort hatte er einen Anfall und starb...

Einen Tag zuvor, im Ambulatorium Lancut (südöstliches Polen), starb ein 58jähriger Mann an einer Herzattacke, nachdem er seit 5 Uhr morgens fünf Stunden lang anstehen musste, um sich für eine kardiologische Untersuchung beim Arzt registrieren zu lassen.

So ist es dort nämlich: Das Ambulatorium ist für zigtausende Menschen zuständig. Wer zum Facharzt will, muss ganz früh aus dem (Kranken)bett, sonst kommt er nicht mehr an die Reihe.

Nahezu zur gleichen Zeit gab es eine Schießerei in Breslau: Ein Opfer mit 3 Schusswunden wurde von den Zeugen ins nahegelegene Krankenhaus eingeliefert. Dort wurde ihm aber nicht geholfen. Kein einziger Arzt verließ seine Abteilung: auch das Krankenhaus hatte zur Zeit keinen Dienst. Wie durch ein Wunder geschah es, dass die Streifenpolizisten, die sich um die Schießerei gekümmert hatten, sehr gut ausgebildet waren: Sie hielten das Opfer am Leben, bis der Rettungswagen kam.

Am Leben bleibt auch das vierjährige Mädchen, welches von seinen Eltern auf den Armen ins Krankenhaus getragen wurde. Es wird aber nie wieder normal leben können: insgesamt 17 Finger und Zehen mussten der Kleinen sofort amputiert werden. Ein Unfall? Nein, das Kind hatte am Anfang nur Durchfall. Die anfangs banale Krankheit entwickelte sich so rasch, dass die Eltern telefonisch den Notarzt am Telefon anforderten. Ihnen wurde aber gesagt, dass sie nicht krankenversichert seien und deshalb 45 Zloty (ca. 22 Mark) dafür bezahlen müssten. Das war zuviel für die armen Menschen. Erst Tage später, als ihre Tochter bereits bewusstlos, entwässert und ausgehungert war, brachten sie das Kind ins Krankenhaus. Wegen Nekrose musste die Kleine sofort auf den Operationstisch...

" Obwohl in den Medien ein anderes Bild gezeigt wird, obwohl die Medien den Eindruck erwecken, als sei sie total gescheitert, war die Gesundheitsreform in vielen Punkten erfolgreich" , lächelt 10 Tage später der polnische Regierungschef Buzek während seines Besuches in einer schlesischen Herzklinik. Die Neureichen streiten mittlerweile darüber, ob eine private Krankenversicherung schon bald oder erst in ein paar Jahren eingeführt werden soll.

Doch die Krankenkassenpatienten, die ordentliche Notfallkliniken, Ärztepraxen und Krankenhäuser nur aus dem Fernsehen kennen, und die seit 1999 so gut wie gar nichts mehr für ihre monatlichen Beiträge bekommen, können in der nächsten Zeit auf nichts mehr hoffen.

Wer Geld für einen Privatarzt hat, der kann vielleicht noch bessere Zeiten erleben. Die anderen müssen entweder ihre Krankheiten planen (etwa: meine Grippe beginnt am Donnerstag, denn erst dann habe ich einen Termin bei meinem Arzt), oder schon ab 5 Uhr morgens vor der Tür des Ambulatoriums anstehen - vielleicht klappt es irgendwie.

In akuten Fällen entscheidet eine Telefonistin beim Notarzt, ob der Hilferuf begründet ist oder nicht. Wenn dies ihrer Meinung nach nicht der Fall ist, dann "suchen Sie bitte morgen Ihren Hausarzt auf". Auch wenn "Sie" nicht mehr laufen können.

Wer ist an alledem schuld? Natürlich die verdammten Kommunisten, die 45 Jahre lang ihr Volk mit dem Schein eines kostenlosen Gesundheitswesens betrogen haben. " Wir aber stellen das Gesundheitssystem wieder auf die Beine" , heißt es in der rechtsklerikalen Regierung. Schon möglich, aber während das System auf die Beine kommt, geht es vielen Menschen genau umgekehrt.

Und da ich vernünftig bin, arbeite ich Tag für Tag, Nacht für Nacht tüchtig für meinen Herzinfarkt: jede Menge Zigaretten, so wenig Schlaf wie möglich, nur Fastfood, viel Fett, kein Obst, kein Gemüse und, um Gottes willen, absolut keinen Sport, mit dem Auto überallhin unterwegs, jede Menge Stress - hoffentlich reicht das.

Denn, laut " Death Clock ", soll ich am Mittwoch, dem 26. November 2036 das Paradiesland Polen für immer verlassen. Mit 73 Jahren? Als ein alter, kranker, leidender Mann und Krankenkassenpatient, mit einer Rente, die nicht einmal für die Miete reicht, geschweige denn für Arzneien? Niemals! Oooh, wie gut - ich habe mich wieder geärgert. Wo sind nur meine Zigaretten?


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