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Morgenwelt
27. März 2000
 

Wiener Melange

Politiker stellen sie, Journalisten suchen sie und Richard Kovacevic hat sie endlich gefunden: die Frage im Raum!

von Richard Kovacevic

Nicht selten beantwortet ein Minister oder ein anderer Politiker eine (bohrende oder sonstwie unangenehme) Journalisten-Frage mit den Worten: "Sie haben ganz recht ... diese Frage steht im Raum...". Dass er damit, so ganz nebenbei, eine Fülle von Problemen in die Welt gesetzt hat, dürfte ihm nicht so richtig bewusst gewesen sein.

Denn genau genommen hat er die Frage ja nicht beantwortet, sondern nur weitergereicht, nämlich in den Raum. Um welchen Raum es sich dabei handelt, hat er leider nicht verraten.

Nun wissen wir über Wesen und Gefühle einer Frage viel zu wenig, um mit Bestimmtheit sagen zu können, welche Folgen eine solche Behandlung für sie haben kann. Schließlich ist es ja der einzige Daseinszweck einer Frage, beantwortet zu werden, und wenn das, wie in unserem Fall, nicht geschieht, wird dieser Daseinszweck in Frage gestellt; ein solches Vorgehen kommt einer Verurteilung zur Sinnlosigkeit gleich. Und Sinnlosigkeiten haben wir ja täglich genug zu ertragen!

 

Es bedarf also zweifellos einer gewissen Leichtfertigkeit, eine Frage so im Handumdrehen in einen Raum zu befördern, ohne Rücksicht darauf, ob ihr das recht ist oder nicht. Ganz zu schweigen davon, dass es von größtem Interesse wäre, zu erfahren, welcher Raum eigentlich gemeint sein könnte.

 

War vielleicht der In-den-Raum-Steller der Ansicht, dass sich die Frage nur in ein Nebenzimmer zu begeben habe, um in einer für unbeantwortete Fragen reservierten Enklave unter ihresgleichen auf Erledigung zu warten? In einem solchen Fall wäre die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass die Frage an einer neurotischen Phobie erkranken könnte.

 

Bedenkt man weiters die außerordentliche Beliebtheit dieser Redewendung, die es genug sein lässt, Fragen im Raum stehen zu lassen, so liegt die Vermutung nahe, dass an einem solchen Ort - wo immer er sich befinden mag - ein ungemeines Gedränge herrschen muss, wobei noch erschwerend hinzukommt, dass alle diese Fragen, denen man die ihnen zustehenden Antworten verweigert, nicht, wie es doch zweifellos bequemer wäre, sitzen oder liegen dürfen; nein, sie müssen stehen! Warum das so ist, weiß wohl niemand so recht zu beantworten.

Solange wir davon ausgehen, dass die bewusste Frage in einen uns immerhin vorstellbaren dreidimensionalen Raum verwiesen wurde, ist das Problem, wo sich die Frage nun wirklich befindet, zwar letzten Endes nicht lösbar, aber immerhin diskutabel.

Vollends verworren aber wird die Sache, sollte die Frage ohne ihre Einwilligung in das nur mit Hilfe der Relativitätstheorie errechenbare Raum-Zeit-Kontinuum geschickt worden sein. Dann ist sie nämlich unbekannten Aufenthaltes, und keinem Menschen, auch wenn er noch so sehr in der Physik bewandert ist, wird es gelingen, sie von dort zurückzuholen.

 

Trotzdem ist eine Rückkehr unserer arg malträtierten Frage möglich. Mag es auch nur eine Gedankenspielerei sein, den Erkenntnissen der Astronomie folgend, nicht eine Unendlichkeit, sondern eine Unbegrenztheit des kosmischen Raumes anzunehmen und die daraus resultierende Folgerung zu akzeptieren, dass nämlich ein in die Unbegrenztheit fortschreitender Körper wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehrt, dann besteht die theoretische Gewissheit, dass die in den Raum gestellte Frage eines fernen Tages wieder dort auftaucht, von wo aus sie losgeschickt wurde.

 

Der Minister oder Politiker wird zu diesem Zeitpunkt schon längst in Pension oder tot sein und ein anderer wird unverhofft diese Frage gestellt bekommen. Und es ist sehr zu befürchten, dass sie abermals dorthin geschickt wird, von wo aus sie zurückgekommen ist und eigentlich nicht hingehört: in den Raum!


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