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Morgenwelt Nicht
selten beantwortet ein Minister oder ein anderer Politiker eine (bohrende
oder sonstwie unangenehme) Journalisten-Frage mit den Worten: "Sie
haben ganz recht ... diese Frage steht im Raum...". Dass er damit,
so ganz nebenbei, eine Fülle von Problemen in die Welt gesetzt
hat, dürfte ihm nicht so richtig bewusst gewesen sein.
Denn genau genommen hat er die Frage ja nicht beantwortet, sondern
nur weitergereicht, nämlich in den Raum. Um welchen Raum es
sich dabei handelt, hat er leider nicht verraten.
Nun wissen wir über Wesen und Gefühle einer Frage viel
zu wenig, um mit Bestimmtheit sagen zu können, welche Folgen
eine solche Behandlung für sie haben kann. Schließlich
ist es ja der einzige Daseinszweck einer Frage, beantwortet zu werden,
und wenn das, wie in unserem Fall, nicht geschieht, wird dieser
Daseinszweck in Frage gestellt; ein solches Vorgehen kommt einer Verurteilung zur Sinnlosigkeit gleich. Und Sinnlosigkeiten haben
wir ja täglich genug zu ertragen!
Es bedarf also zweifellos einer gewissen Leichtfertigkeit, eine
Frage so im Handumdrehen in einen Raum zu befördern, ohne Rücksicht
darauf, ob ihr das recht ist oder nicht. Ganz zu schweigen davon,
dass es von größtem Interesse wäre, zu erfahren,
welcher Raum eigentlich gemeint sein könnte.
War vielleicht der In-den-Raum-Steller der Ansicht, dass sich die
Frage nur in ein Nebenzimmer zu begeben habe, um in einer für
unbeantwortete Fragen reservierten Enklave unter ihresgleichen auf
Erledigung zu warten? In einem solchen Fall wäre die Gefahr
nicht von der Hand zu weisen, dass die Frage an einer neurotischen
Phobie erkranken könnte.
Bedenkt man weiters die außerordentliche Beliebtheit dieser
Redewendung, die es genug sein lässt, Fragen im Raum stehen
zu lassen, so liegt die Vermutung nahe, dass an einem solchen Ort
- wo immer er sich befinden mag - ein ungemeines Gedränge herrschen
muss, wobei noch erschwerend hinzukommt, dass alle diese Fragen,
denen man die ihnen zustehenden Antworten verweigert, nicht, wie es doch zweifellos bequemer wäre, sitzen oder liegen dürfen;
nein, sie müssen stehen! Warum das so ist, weiß wohl
niemand so recht zu beantworten.
Solange wir davon ausgehen, dass die bewusste Frage in einen uns
immerhin vorstellbaren dreidimensionalen Raum verwiesen wurde, ist
das Problem, wo sich die Frage nun wirklich befindet, zwar letzten
Endes nicht lösbar, aber immerhin diskutabel.
Vollends verworren aber wird die Sache, sollte die Frage ohne ihre
Einwilligung in das nur mit Hilfe der Relativitätstheorie errechenbare
Raum-Zeit-Kontinuum geschickt worden sein. Dann ist sie nämlich
unbekannten Aufenthaltes, und keinem Menschen, auch wenn er noch
so sehr in der Physik bewandert ist, wird es gelingen, sie von dort
zurückzuholen.
Trotzdem ist eine Rückkehr unserer arg malträtierten
Frage möglich. Mag es auch nur eine Gedankenspielerei sein,
den Erkenntnissen der Astronomie folgend, nicht eine Unendlichkeit,
sondern eine Unbegrenztheit des kosmischen Raumes anzunehmen und
die daraus resultierende Folgerung zu akzeptieren, dass nämlich
ein in die Unbegrenztheit fortschreitender Körper wieder an
seinen Ausgangspunkt zurückkehrt, dann besteht die theoretische
Gewissheit, dass die in den Raum gestellte Frage eines fernen Tages
wieder dort auftaucht, von wo aus sie losgeschickt wurde.
Der Minister oder Politiker wird zu diesem Zeitpunkt schon längst
in Pension oder tot sein und ein anderer wird unverhofft diese Frage
gestellt bekommen. Und es ist sehr zu befürchten, dass sie
abermals dorthin geschickt wird, von wo aus sie zurückgekommen
ist und eigentlich nicht hingehört: in den Raum!
27. März 2000
 
Wiener Melange
Politiker stellen sie, Journalisten suchen
sie und Richard Kovacevic hat sie endlich gefunden: die Frage im Raum!
von Richard Kovacevic
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