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Morgenwelt Zu
Manuel Sebastiao Antunes kommt man nur über eine enge Stiege,
drei Stockwerke hoch, in eine der unverputzten Ziegellabyrinthe inmitten
der Favela Jacarezinho mit ihren 60.000 Bewohnern.
Dort oben, unter dem freiem Himmel, haust der Rentner zusammen
mit seinen gefiederten Freunden, die in ihren zwölf Vogelbauern
mehr Freiheit genießen, als der alte Manuel in seinem Verschlag.
Manuel hütet sie wie seinen eigenen Augapfel; lieber hungert
er, als dass es seinen Finken an Futter fehle.
Ihr Gezwitscher klingt wie Glockenklang in Manuels Ohren, es übertönt
sogar das Geplärre der Erweckungsprediger, das Hämmern
der Funk- Diskothek und den Lärm von der Avenida Conurbana.
Die Singvögel, die Manuel mit größter Fürsorge
pflegt, sind nicht bloß Haustiere, die den Alten ein wenig
über die Einsamkeit hinwegtrösten; die Vogelbauer sind
auch seine Sparkasse.
Mit so manchem seiner Sänger hat Manuel schon gute Gewinne
eingestrichen. Manuel ist nämlich "Passarinheiro",
Vogelzüchter. Er sammelt, verkauft, kauft und tauscht die Federbälle
mit Gleichgesinnten. Und davon gibt es allein in Rio de Janeiro
10.000, die in mehr als 50 Vereinen ihrem Hobby frönen.
Von Oktober bis Februar dauert die Saison der Vogelmärkte.
Auf elf regionalen Messen und vier landesweiten Singvogel-Festivals
treten Amsel, Drossel, Fink und Star gegeneinander an, um zum Wohl
und Wehe ihrer Herren, - das sind meist kleine Leute, - zu tirilieren.
Die kaum briefmarkenschweren Konkurrenten werden, wie auf einer
Hunderasseschau, nach Bau, "Charakter" und (anders als
bei den Vierbeinern) nach ihrer Sangeskunst klassifiziert. Wer am
längsten und um schönsten pfeift, der trägt den Sieg
davon.
Spitzenstars unter den Finken, sozusagen gefiederte Pavarottis,
gehen schon mal für einige tausend Dollar über den Ladentisch.
In der vergangenen Saison ersang sich der Zeisig des Herrn Paulo
Roberto Jannechewitz aus Rio de Janeiro eine absolute Spitzengage
von sage und schreibe umgerechnet 70.000 Dollar!
Die Stars mit den goldenen Schnäbeln werden von Klub zu Klub
nicht viel anders gehandelt als gute Fußballspieler. Die Vereine verpflichten sich auf Einhaltung der Artenschutz-Gesetze. Aber keiner
kann kontrollieren, ob nicht der flatternde Nachschub doch aus dunklen
Quellen stammt, von kriminellen Vogelfängern, die nicht davor
zurückschrecken, rare und geschützte Arten aus den tropischen
Regenwäldern oder der Savanna Zentralbrasiliens auf den Markt
zu bringen.
Viele brasilianische Umweltschützer möchten das Treiben
der "Passarinheiros" am liebsten verbieten - aber das
wäre so, wie den Fußball zu verbieten. Außerdem
beteuern die Vogel-Vereine immer wieder, dass nur eigens gebrütete
und gezüchtete Piepmätze auf den Vogelmessen den Schnabel
aufreißen dürfen. Die winzigen Kampfhähne gegeneinander
aufzustacheln, wie es gelegentlich noch im Hinterland üblich ist und dabei hohe Geldsummen auf den Tod des Gegners zu verwetten,
lehnen richtige "Passarinheiros" sowieso ab.
Und eines versteht sich von selbst: krächzende Papageien,
mögen sie noch so gut Englisch sprechen, ist sowieso nur etwas
für blöde Gringos, die von Musik nichts verstehen.
20. März 2000
 
Brief aus Rio
Die Goldschnäbel aus der Favela
von Carl D. Goerdeler
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