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Morgenwelt
20. März 2000
 

Brief aus Rio

Die Goldschnäbel aus der Favela

von Carl D. Goerdeler

Zu Manuel Sebastiao Antunes kommt man nur über eine enge Stiege, drei Stockwerke hoch, in eine der unverputzten Ziegellabyrinthe inmitten der Favela Jacarezinho mit ihren 60.000 Bewohnern.

Dort oben, unter dem freiem Himmel, haust der Rentner zusammen mit seinen gefiederten Freunden, die in ihren zwölf Vogelbauern mehr Freiheit genießen, als der alte Manuel in seinem Verschlag. Manuel hütet sie wie seinen eigenen Augapfel; lieber hungert er, als dass es seinen Finken an Futter fehle.

Ihr Gezwitscher klingt wie Glockenklang in Manuels Ohren, es übertönt sogar das Geplärre der Erweckungsprediger, das Hämmern der Funk- Diskothek und den Lärm von der Avenida Conurbana. Die Singvögel, die Manuel mit größter Fürsorge pflegt, sind nicht bloß Haustiere, die den Alten ein wenig über die Einsamkeit hinwegtrösten; die Vogelbauer sind auch seine Sparkasse.

Mit so manchem seiner Sänger hat Manuel schon gute Gewinne eingestrichen. Manuel ist nämlich "Passarinheiro", Vogelzüchter. Er sammelt, verkauft, kauft und tauscht die Federbälle mit Gleichgesinnten. Und davon gibt es allein in Rio de Janeiro 10.000, die in mehr als 50 Vereinen ihrem Hobby frönen.

Von Oktober bis Februar dauert die Saison der Vogelmärkte. Auf elf regionalen Messen und vier landesweiten Singvogel-Festivals treten Amsel, Drossel, Fink und Star gegeneinander an, um zum Wohl und Wehe ihrer Herren, - das sind meist kleine Leute, - zu tirilieren.

Die kaum briefmarkenschweren Konkurrenten werden, wie auf einer Hunderasseschau, nach Bau, "Charakter" und (anders als bei den Vierbeinern) nach ihrer Sangeskunst klassifiziert. Wer am längsten und um schönsten pfeift, der trägt den Sieg davon.

Spitzenstars unter den Finken, sozusagen gefiederte Pavarottis, gehen schon mal für einige tausend Dollar über den Ladentisch. In der vergangenen Saison ersang sich der Zeisig des Herrn Paulo Roberto Jannechewitz aus Rio de Janeiro eine absolute Spitzengage von sage und schreibe umgerechnet 70.000 Dollar!

Die Stars mit den goldenen Schnäbeln werden von Klub zu Klub nicht viel anders gehandelt als gute Fußballspieler. Die Vereine verpflichten sich auf Einhaltung der Artenschutz-Gesetze. Aber keiner kann kontrollieren, ob nicht der flatternde Nachschub doch aus dunklen Quellen stammt, von kriminellen Vogelfängern, die nicht davor zurückschrecken, rare und geschützte Arten aus den tropischen Regenwäldern oder der Savanna Zentralbrasiliens auf den Markt zu bringen.

Viele brasilianische Umweltschützer möchten das Treiben der "Passarinheiros" am liebsten verbieten - aber das wäre so, wie den Fußball zu verbieten. Außerdem beteuern die Vogel-Vereine immer wieder, dass nur eigens gebrütete und gezüchtete Piepmätze auf den Vogelmessen den Schnabel aufreißen dürfen. Die winzigen Kampfhähne gegeneinander aufzustacheln, wie es gelegentlich noch im Hinterland üblich ist und dabei hohe Geldsummen auf den Tod des Gegners zu verwetten, lehnen richtige "Passarinheiros" sowieso ab.

Und eines versteht sich von selbst: krächzende Papageien, mögen sie noch so gut Englisch sprechen, ist sowieso nur etwas für blöde Gringos, die von Musik nichts verstehen.


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