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Morgenwelt
6. März 2000
 

Notizen von jenseits der Oder

Ein sündiger Sonntag

von Marek Trenkler

Am liebsten würden wir am Sonntag gar nichts tun, gemütlich zu Hause bleiben und 'mal endlich unsere Ruhe genießen. Es geht leider nicht: im Kühlschrank zieht es entsetzlich, leer ist auch unsere Tiefkühltruhe. Einmal wöchentlich muss es also sein: Einkaufen.

Draußen nieselt der Regen, und als wir schon im Auto sitzen, bemerken wir, dass uns jemand die Scheibenwischblätter geklaut hat: komisch, denn die Zeiten, da Ersatzteile und Zubehör rar waren, sind ja längst vorbei. Es muss also wohl ein Penner gewesen sein, der seine Beute nun irgendwo auf Parkplätzen oder Autobörsen für 10 Zloty anbietet. Statt in den Supermarkt, begeben wir uns also zuerst auf die Suche nach Scheibenwischern, doch woher kann man schon am Sonntagnachmittag Autozubehör bekommen? Die Auskunft holen wir uns bei einem Taxifahrer. Volltreffer!

Im kleinen Geschäft an der Tankstelle sehe ich mich sofort vor die Qual der Wahl gestellt. Woher soll ich denn wissen, wie lang die neuen Wischblätter sein sollten? In diesem Augenblick erinnere ich mich sofort an die "guten, alten Zeiten": damals sagte der Verkäufer entweder, dass er das Gesuchte nicht habe, oder er zuckte einfach die Achseln und schaute nach dem nächsten Kunden. Doch das ist jetzt vorbei: der Verkäufer sagt: "Machen Sie sich nur keine Sorgen, wir kriegen das gleich hin", er nimmt ein Zentimetermass und begleitet mich zum Auto. Kurz danach installiert er mir die neuen Wischblätter (43 Zloty, "made in Germany", obwohl mein Auto gar nicht deutsch ist). Er winkt uns sogar freundlich zum Abschied, als wir wegfahren...

Nun geht es endlich gen Süden. Ich muss höllisch aufpassen: überall Umwege, jedes Mal fährt man anders, obwohl man den Weg normalerweise mit verbundenen Augen hinter sich hätte bringen können. Vor und hinter uns Autos aus ganz Niederschlesien. Manchmal kann man sehr schnell erkennen, wer drin sitzt. "Pass auf, die Mafia!" schreit meine Frau, als uns ein schmutziger BMW im Tunnel überholt und bald darauf ein anderes Auto zum heftigen Bremsen zwingt.

Ein Stück weiter bremst unser Vordermann, ein Passat Kombi, plötzlich an der Kreuzung, und so lasse auch ich meine Reifen quietschen. Der Fahrer sieht ja gar nicht, dass man hinter ihm herfährt: hinten im Wagen hat er diese speziellen Kisten aufgestapelt, bis ans Dach: ein Gemüsehändler, der endlich Feierabend macht...

Wir sind da. Einen Parkplatz finden wir zwar schnell, aber überall ist es voll von Autos. Hunderte, vielleicht mehr als tausende von ihnen, warten da auf ihre Besitzer, die entweder in einem der vier nebeneinander gebauten Supermärkte arbeiten, oder, so wie wir, nur sonntags Zeit zum Einkaufen haben. Auch Busse fahren ein und aus.

Daran nämlich ist - Gott sei Dank! - die in Polen geradezu allmächtige katholische Kirche gescheitert: ihre Hardliner von der Wahlaktion "Solidarnosc", versuchten voriges Jahr vergeblich, den Sonntagshandel gesetzlich zu verbieten. Ihr Koalitionspartner, die liberale Freiheitsunion (UW), unterstützt nämlich alles, was nach Polen aus Amerika oder Westeuropa kommt. Und dieses eine Mal stimmten ihre Abgeordneten so, wie es der kleine Mann auf der Straße wollte: Nein zum Verbot.

Während ich die Menschenmenge am Eingang beobachte, erinnere ich mich spontan an die Aktion einer oppositionellen linken Wochenzeitung. Einige Journalisten hatten sich als Priester und Nonnen verkleidet. So versuchten sie, am Sonntag die Menschen vom Einkaufen abzuhalten. Aber es ging nicht: man drückte ihnen Geld in die Hand ("Opfer für die Kirche") oder man beschimpfte sie - und kaufte weiter ein.

Wir sind drin, und ich muss mir sofort die Ohren zudrücken: im Flur, eigentlich in der Verkaufspassage, tritt irgendeine Tanzgruppe auf, und der Moderator schreit entsetzlich laut ins Mikro. Weg, weg, weg von hier! Aber manchen Menschen scheint es doch zu gefallen.

Wer hätte das gedacht: in den 60er Jahren gab es in Polen einen bekannten Schlager: "Sonntag auf dem Hauptbahnhof", der an Bécauds "Dimanche à Orly" anknüpfte. Tja, damals hatte man noch Freizeit und konnte sie auch so verbringen. Heute gilt: sechs Tage lang arbeiten, am siebten Tag das verdiente Geld ausgeben.

Doch es entsteht zugleich auch eine neue Art von Kultur, wenn man das so nennen darf. Ganze Familien fahren samstags und - vor allem - sonntags in die kleinen Verkaufswelten. Und sie beschränken sich dabei gar nicht auf das Notwendige: sie besichtigen die Supermärkte wie Museen oder Kunstgalerien, sie hören die kleinen "Konzerte" und nehmen teil an Wettbewerben und Verlosungen, sie essen zu Mittag, trinken Kaffee, "lassen sich sehen", treffen Bekannte und Freunde... Insgesamt verbringen viele Familien mehr Zeit dort, als sie eigentlich für den Einkauf benötigen.

Und sie stören nicht selten, besonders, wenn sie zwischen den Regalen gerade "small talk" treiben oder ihre Familienangelegenheiten regeln. Auch diesmal ärgern wir uns immer wieder, wenn es wegen solcher Supermarktfreaks weder ein Hin noch ein Zurück gibt. Doch die Rache ist süß, und sie kommt bestimmt - das wissen wir genau...

Einkaufen im Supermarkt ist für uns günstig und ungünstig zugleich. Es ist zwar etwas billiger als woanders, das Angebot ist reichhaltiger - aber man findet vor allem ausländische Waren. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wem die ganzen Supermärkte gehören. Doch leider reicht so ein Einkaufsbummel nicht aus, denn so manches, vor allem Lebensmittel, müssen wir dann sowieso in verschiedenen kleinen Geschäften zusätzlich kaufen: denn beispielsweise "normalen" Tee, "gewöhnliche" Wurst oder Sahne, an die wir seit Jahren gewöhnt sind, gibt es hier nicht. Stattdessen gibt es elegant Verpacktes, Ausländisches oder Quasi-Ausländisches, wie zum Beispiel Papiertücher Marke ..."Puff" (!). Klingt ja ganz gut, was man da auf der Verpackung lesen kann: "Puff in jedem Haushalt"...

Wir sind gerade dabei, Waschpulver in den Einkaufswagen zu laden. "Vier mal 17,39 Zloty ist gleich...ähm...", zerbreche ich mir den Kopf. Meine Frau rechnet mit und irrt sich dabei genauso wie ich selbst. Es vergehen vielleicht zwei Minuten, ich bin schon ganz nahe am Ergebnis, da schreit mir ein junger Mann etwas ins Ohr. Ich weiß nur, dass er irgendwelche Werbe-Promotion meint und reagiere so heftig und unhöflich, dass selbst meine Frau große Augen macht. Der arme Werbende macht sich schnellstens davon.

Jetzt kommt die Zeit der Rache, und zwar an der Kasse. Es passiert immer wieder, ohne dass wir es beabsichtigen: jetzt stoppen wir den Verkehr - zum Beispiel mit unserem Plastikgeld. Es dauert ja eine Ewigkeit, bis das Gerät die Verbindung mit der VISA-Zentrale bekommt oder auch nicht. Heute zahlen wir mit Bargeld, trotzdem hat es meine Frau wieder geschafft: wenn es im Regal 50 oder 100 Stück von einer Ware gibt, dann wählt sie immer ausgerechnet jenes eine Stück, an dem der Barcodeleser scheitert. Und dann muss die Kassiererin entweder selbst zum Regal laufen, oder sie schickt jemanden hin, um den Preis abzulesen. Heute ist es ein Flanellhemd im leicht zerrissenen Plastikbeutel. Ich schaue diskret auf die Uhr: viereinhalb Minuten...

"Darf ich bitte den Einkaufswagen zurückbringen?", fragt uns draußen ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt. Natürlich geht es ihm um die Münze, die er dann aus dem Schlitz nimmt. Ok, es ist ja Sonntag, wir dürfen 'mal auch was Gutes tun - schon allein deshalb, weil wir ja nicht nur gesündigt haben, sondern auch den Rest des Sonntags gar nicht heilig halten werden. Es ist soviel zu tun... Und schließlich brauchen wir ja Geld für die nächsten sündigen Sonntage.


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