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Morgenwelt Am
liebsten würden wir am Sonntag gar nichts tun, gemütlich
zu Hause bleiben und 'mal endlich unsere Ruhe genießen. Es geht
leider nicht: im Kühlschrank zieht es entsetzlich, leer ist auch unsere Tiefkühltruhe. Einmal wöchentlich muss es also sein:
Einkaufen.
Draußen nieselt der Regen, und als wir schon im Auto sitzen,
bemerken wir, dass uns jemand die Scheibenwischblätter geklaut
hat: komisch, denn die Zeiten, da Ersatzteile und Zubehör rar
waren, sind ja längst vorbei. Es muss also wohl ein Penner
gewesen sein, der seine Beute nun irgendwo auf Parkplätzen oder Autobörsen für 10 Zloty anbietet. Statt in den Supermarkt,
begeben wir uns also zuerst auf die Suche nach Scheibenwischern,
doch woher kann man schon am Sonntagnachmittag Autozubehör
bekommen? Die Auskunft holen wir uns bei einem Taxifahrer. Volltreffer!
Im kleinen Geschäft an der Tankstelle sehe ich mich sofort
vor die Qual der Wahl gestellt. Woher soll ich denn wissen, wie
lang die neuen Wischblätter sein sollten? In diesem Augenblick
erinnere ich mich sofort an die "guten, alten Zeiten":
damals sagte der Verkäufer entweder, dass er das Gesuchte nicht
habe, oder er zuckte einfach die Achseln und schaute nach dem nächsten
Kunden. Doch das ist jetzt vorbei: der Verkäufer sagt: "Machen
Sie sich nur keine Sorgen, wir kriegen das gleich hin", er
nimmt ein Zentimetermass und begleitet mich zum Auto. Kurz danach
installiert er mir die neuen Wischblätter (43 Zloty, "made
in Germany", obwohl mein Auto gar nicht deutsch ist). Er winkt
uns sogar freundlich zum Abschied, als wir wegfahren...
Nun geht es endlich gen Süden. Ich muss höllisch aufpassen:
überall Umwege, jedes Mal fährt man anders, obwohl man
den Weg normalerweise mit verbundenen Augen hinter sich hätte
bringen können. Vor und hinter uns Autos aus ganz Niederschlesien.
Manchmal kann man sehr schnell erkennen, wer drin sitzt. "Pass
auf, die Mafia!" schreit meine Frau, als uns ein schmutziger
BMW im Tunnel überholt und bald darauf ein anderes Auto zum
heftigen Bremsen zwingt.
Ein Stück weiter bremst unser Vordermann, ein Passat Kombi,
plötzlich an der Kreuzung, und so lasse auch ich meine Reifen
quietschen. Der Fahrer sieht ja gar nicht, dass man hinter ihm herfährt:
hinten im Wagen hat er diese speziellen Kisten aufgestapelt, bis
ans Dach: ein Gemüsehändler, der endlich Feierabend macht...
Wir sind da. Einen Parkplatz finden wir zwar schnell, aber überall
ist es voll von Autos. Hunderte, vielleicht mehr als tausende von
ihnen, warten da auf ihre Besitzer, die entweder in einem der vier
nebeneinander gebauten Supermärkte arbeiten, oder, so wie wir,
nur sonntags Zeit zum Einkaufen haben. Auch Busse fahren ein und
aus.
Daran nämlich ist - Gott sei Dank! - die in Polen geradezu
allmächtige katholische Kirche gescheitert: ihre Hardliner
von der Wahlaktion "Solidarnosc", versuchten voriges Jahr
vergeblich, den Sonntagshandel gesetzlich zu verbieten. Ihr Koalitionspartner,
die liberale Freiheitsunion (UW), unterstützt nämlich
alles, was nach Polen aus Amerika oder Westeuropa kommt. Und dieses
eine Mal stimmten ihre Abgeordneten so, wie es der kleine Mann auf
der Straße wollte: Nein zum Verbot.
Während ich die Menschenmenge am Eingang beobachte, erinnere
ich mich spontan an die Aktion einer oppositionellen linken Wochenzeitung.
Einige Journalisten hatten sich als Priester und Nonnen verkleidet.
So versuchten sie, am Sonntag die Menschen vom Einkaufen abzuhalten.
Aber es ging nicht: man drückte ihnen Geld in die Hand ("Opfer
für die Kirche") oder man beschimpfte sie - und kaufte
weiter ein.
Wir sind drin, und ich muss mir sofort die Ohren zudrücken:
im Flur, eigentlich in der Verkaufspassage, tritt irgendeine Tanzgruppe
auf, und der Moderator schreit entsetzlich laut ins Mikro. Weg,
weg, weg von hier! Aber manchen Menschen scheint es doch zu gefallen.
Wer hätte das gedacht: in den 60er Jahren gab es in Polen
einen bekannten Schlager: "Sonntag auf dem Hauptbahnhof",
der an Bécauds "Dimanche à Orly" anknüpfte.
Tja, damals hatte man noch Freizeit und konnte sie auch so verbringen.
Heute gilt: sechs Tage lang arbeiten, am siebten Tag das verdiente
Geld ausgeben.
Doch es entsteht zugleich auch eine neue Art von Kultur, wenn man
das so nennen darf. Ganze Familien fahren samstags und - vor allem
- sonntags in die kleinen Verkaufswelten. Und sie beschränken
sich dabei gar nicht auf das Notwendige: sie besichtigen die Supermärkte
wie Museen oder Kunstgalerien, sie hören die kleinen "Konzerte"
und nehmen teil an Wettbewerben und Verlosungen, sie essen zu Mittag,
trinken Kaffee, "lassen sich sehen", treffen Bekannte
und Freunde... Insgesamt verbringen viele Familien mehr Zeit dort,
als sie eigentlich für den Einkauf benötigen.
Und sie stören nicht selten, besonders, wenn sie zwischen
den Regalen gerade "small talk" treiben oder ihre Familienangelegenheiten
regeln. Auch diesmal ärgern wir uns immer wieder, wenn es wegen
solcher Supermarktfreaks weder ein Hin noch ein Zurück gibt.
Doch die Rache ist süß, und sie kommt bestimmt - das
wissen wir genau...
Einkaufen im Supermarkt ist für uns günstig und ungünstig
zugleich. Es ist zwar etwas billiger als woanders, das Angebot ist
reichhaltiger - aber man findet vor allem ausländische Waren.
Kein Wunder, wenn man bedenkt, wem die ganzen Supermärkte gehören.
Doch leider reicht so ein Einkaufsbummel nicht aus, denn so manches,
vor allem Lebensmittel, müssen wir dann sowieso in verschiedenen
kleinen Geschäften zusätzlich kaufen: denn beispielsweise
"normalen" Tee, "gewöhnliche" Wurst oder
Sahne, an die wir seit Jahren gewöhnt sind, gibt es hier nicht.
Stattdessen gibt es elegant Verpacktes, Ausländisches oder
Quasi-Ausländisches, wie zum Beispiel Papiertücher Marke
..."Puff" (!). Klingt ja ganz gut, was man da auf der
Verpackung lesen kann: "Puff in jedem Haushalt"...
Wir sind gerade dabei, Waschpulver in den Einkaufswagen zu laden.
"Vier mal 17,39 Zloty ist gleich...ähm...", zerbreche
ich mir den Kopf. Meine Frau rechnet mit und irrt sich dabei genauso
wie ich selbst. Es vergehen vielleicht zwei Minuten, ich bin schon
ganz nahe am Ergebnis, da schreit mir ein junger Mann etwas ins
Ohr. Ich weiß nur, dass er irgendwelche Werbe-Promotion meint
und reagiere so heftig und unhöflich, dass selbst meine Frau
große Augen macht. Der arme Werbende macht sich schnellstens davon.
Jetzt kommt die Zeit der Rache, und zwar an der Kasse. Es passiert
immer wieder, ohne dass wir es beabsichtigen: jetzt stoppen wir
den Verkehr - zum Beispiel mit unserem Plastikgeld. Es dauert ja
eine Ewigkeit, bis das Gerät die Verbindung mit der VISA-Zentrale
bekommt oder auch nicht. Heute zahlen wir mit Bargeld, trotzdem
hat es meine Frau wieder geschafft: wenn es im Regal 50 oder 100 Stück von einer Ware gibt, dann wählt sie immer ausgerechnet
jenes eine Stück, an dem der Barcodeleser scheitert. Und dann
muss die Kassiererin entweder selbst zum Regal laufen, oder sie
schickt jemanden hin, um den Preis abzulesen. Heute ist es ein Flanellhemd
im leicht zerrissenen Plastikbeutel. Ich schaue diskret auf die
Uhr: viereinhalb Minuten...
"Darf ich bitte den Einkaufswagen zurückbringen?",
fragt uns draußen ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt. Natürlich
geht es ihm um die Münze, die er dann aus dem Schlitz nimmt.
Ok, es ist ja Sonntag, wir dürfen 'mal auch was Gutes tun -
schon allein deshalb, weil wir ja nicht nur gesündigt haben,
sondern auch den Rest des Sonntags gar nicht heilig halten werden.
Es ist soviel zu tun... Und schließlich brauchen wir ja Geld für die nächsten sündigen Sonntage.
6. März 2000
 
Notizen von jenseits der Oder
Ein sündiger Sonntag
von Marek Trenkler
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