Dies ist ein Beitrag aus dem Morgenwelt-Archiv in Druckversion. Zur aktuellen Ausgabe kommen Sie hier: www.morgenwelt.de!

Morgenwelt
28. Februar 2000
 

Nutzlose Gedanken

Philosophisches

von Dagmar Lorenz

Ein Berufsstand lebt nicht zuletzt von seinen Klischees. Bei Ärzten ist das so, bei Politikern allemal.

Etwas anders verhält es sich bei jenen Berufen, die eigentlich eher eine Befindlichkeit, als eine Tätigkeit signalisieren. Ein solcher Beruf ist der des Philosophen, respektive der des Philosphieprofessors.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Frankreich oder gar den USA galt der deutsche Philosoph noch bis vor einigen Jahren als weltfremd und lebensuntüchtig: in der Abgeschiedenheit seines universitären Studierzimmers oder einer Almhütte unerreichbar hoch in den Bergen - so wollte es das Klischee - grübelte er über den Begriff des Eigentlichen und hatte für die bunte des Welt des Scheins lediglich ein dezent-verächtliches Kopfschütteln übrig.

Das ist inzwischen anders geworden. Deutsche Philosophen erklimmen zwar immer noch die Berge - ihre Almhütten jedoch, haben sich inzwischen zu publicityträchtigen Kongresszentren gewandelt, wie das Beispiel des Philosophen Peter Sloterdijk zeigt, der seine Thesen von den "Regeln für den Menschenpark" in der Schein-Abgeschiedenheit von Schloß Elmau (in den bayerischen Alpen) so trefflich in Szene zu setzen verstand, dass sich bald der gesamte deutsche Blätterwald darüber empörte. Um diese gelungene Imagekampagne dürfte ihn jedes größere Unternehmen beneidet haben!

Andere Philosophen wiederum, nehmen erst gar nicht den Umweg über die bayerischen Alpen, sondern lassen ihre Thesen gleich von den Nachrichtenagenturen verbreiten.

So etwa Walther Zimmerli, Präsident jener deutschen Privat-Universität von Witten-Herdecke, die sich selbst immer gerne als zukunftsweisend rühmt. Um die Zukunft unserer Wissensgesellschaft aber, macht sich Philosoph Zimmerli jedoch beträchtliche Sorgen.

Die zunehmende Verbreitung des Internet, so ließ er die Öffentlichkeit wissen, führe zu einem gravierenden Wissensverlust der Menschen. Begründung: da immer mehr Informationen im Internet zu finden seien, brauche der Einzelne immer weniger Wissen abrufbar im Kopf zu haben: " Bei auswendig gelerntem Wissen schneiden wir im Vergleich zu früheren Zeiten miserabel ab ".

Und Zimmerli nennt noch andere Gefahren, die uns aus dem Gebrauch des Mediums Internet dräuen: die Informationsflut, die Schwierigkeit, Informationen im weltweiten Netz zu finden, die Macht jener Unternehmen, die das Internet per Suchmaschinen erst nutzbar machten und damit den Wissenszugang manipulierten.

Das sind schlimme Aussichten - und noch schlimmere Ansichten, weil sie nämlich vor allem die alte Buchkultur treffen: da ich die Shakespeare-Gesamtausgabe zum Nachschlagen im Bücherschrank habe, entfällt für mich die Notwendigkeit, Shakespeare-Sonette auswendig lernen zu müssen. Da alle paar Monate eine schier unübersehbare Menge an Büchern produziert und auf den Markt geworfen werden, verliere ich als Leser bald den Überblick über die verfügbare Literatur. Und da es einige wenige Verlage sind, die mir durch ihre Publikationspraxis vorschreiben, welche Bücher ich zu lesen bekomme und welche nicht, könnte man hier ebenso mit Recht von einer "Manipulation des Wissenszugangs" sprechen.

Im Grunde trauert der Philosoph Zimmerli also nicht den Zeiten ohne Internet hinterher, er sehnt sich vielmehr nach den Zeiten, da auch das Buch nicht existierte und das Wissen der Menschheit durch Erzählungen am Lagerfeuer weitergetragen wurde.

 

Und was lernen wir aus all dem? Der deutsche Philosoph hat sich zwar inzwischen die Grundbegriffe des Selbstmarketing angeeignet und gebraucht letztere erfolgreich zu eigenem Nutz und Frommen, seine romantische Sehnsucht nach dem ewig Gestrigen jedoch, ist so stark wie eh und je. Das Klischee vom deutschen Philosophen, der auf seine Weltabgewandtheit auch noch stolz ist, entspricht nach wie vor der Wirklichkeit - quod erat demonstrandum!


© 2000, www.morgenwelt.de, Hamburg, Deutschland