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Morgenwelt Ein
Berufsstand lebt nicht zuletzt von seinen Klischees. Bei Ärzten
ist das so, bei Politikern allemal.
Etwas anders verhält es sich bei jenen Berufen, die eigentlich
eher eine Befindlichkeit, als eine Tätigkeit signalisieren.
Ein solcher Beruf ist der des Philosophen, respektive der des Philosphieprofessors.
Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Frankreich oder gar den USA
galt der deutsche Philosoph noch bis vor einigen Jahren als weltfremd
und lebensuntüchtig: in der Abgeschiedenheit seines universitären
Studierzimmers oder einer Almhütte unerreichbar hoch in den
Bergen - so wollte es das Klischee - grübelte er über
den Begriff des Eigentlichen und hatte für die bunte des Welt
des Scheins lediglich ein dezent-verächtliches Kopfschütteln
übrig.
Das ist inzwischen anders geworden. Deutsche Philosophen erklimmen
zwar immer noch die Berge - ihre Almhütten jedoch, haben sich
inzwischen zu publicityträchtigen Kongresszentren gewandelt,
wie das Beispiel des Philosophen Peter Sloterdijk zeigt, der seine
Thesen von den "Regeln für den Menschenpark" in der
Schein-Abgeschiedenheit von Schloß Elmau (in den bayerischen
Alpen) so trefflich in Szene zu setzen verstand, dass sich bald
der gesamte deutsche Blätterwald darüber empörte.
Um diese gelungene Imagekampagne dürfte ihn jedes größere
Unternehmen beneidet haben!
Andere Philosophen wiederum, nehmen erst gar nicht den Umweg über die bayerischen Alpen, sondern lassen ihre Thesen gleich von den
Nachrichtenagenturen verbreiten.
So etwa Walther Zimmerli, Präsident jener deutschen Privat-Universität
von Witten-Herdecke, die sich selbst immer gerne als zukunftsweisend
rühmt. Um die Zukunft unserer Wissensgesellschaft aber, macht
sich Philosoph Zimmerli jedoch beträchtliche Sorgen.
Die zunehmende Verbreitung des Internet, so ließ er die Öffentlichkeit
wissen, führe zu einem gravierenden Wissensverlust der Menschen.
Begründung: da immer mehr Informationen im Internet zu finden
seien, brauche der Einzelne immer weniger Wissen abrufbar im Kopf
zu haben: " Bei auswendig gelerntem Wissen schneiden wir
im Vergleich zu früheren Zeiten miserabel ab ".
Und Zimmerli nennt noch andere Gefahren, die uns aus dem Gebrauch
des Mediums Internet dräuen: die Informationsflut, die Schwierigkeit,
Informationen im weltweiten Netz zu finden, die Macht jener Unternehmen,
die das Internet per Suchmaschinen erst nutzbar machten und damit
den Wissenszugang manipulierten.
Das sind schlimme Aussichten - und noch schlimmere Ansichten, weil
sie nämlich vor allem die alte Buchkultur treffen: da ich die Shakespeare-Gesamtausgabe zum Nachschlagen im Bücherschrank
habe, entfällt für mich die Notwendigkeit, Shakespeare-Sonette
auswendig lernen zu müssen. Da alle paar Monate eine schier
unübersehbare Menge an Büchern produziert und auf den
Markt geworfen werden, verliere ich als Leser bald den Überblick
über die verfügbare Literatur. Und da es einige wenige
Verlage sind, die mir durch ihre Publikationspraxis vorschreiben,
welche Bücher ich zu lesen bekomme und welche nicht, könnte
man hier ebenso mit Recht von einer "Manipulation des Wissenszugangs"
sprechen.
Im Grunde trauert der Philosoph Zimmerli also nicht den Zeiten
ohne Internet hinterher, er sehnt sich vielmehr nach den Zeiten,
da auch das Buch nicht existierte und das Wissen der Menschheit
durch Erzählungen am Lagerfeuer weitergetragen wurde.
Und was lernen wir aus all dem? Der deutsche Philosoph hat sich
zwar inzwischen die Grundbegriffe des Selbstmarketing angeeignet
und gebraucht letztere erfolgreich zu eigenem Nutz und Frommen,
seine romantische Sehnsucht nach dem ewig Gestrigen jedoch, ist
so stark wie eh und je. Das Klischee vom deutschen Philosophen,
der auf seine Weltabgewandtheit auch noch stolz ist, entspricht
nach wie vor der Wirklichkeit - quod erat demonstrandum!
28. Februar 2000
 
Nutzlose Gedanken
Philosophisches
von Dagmar Lorenz
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