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Morgenwelt
21. Februar 2000
 

Impressionen aus Bangkok

Neu: Die Bettel-Elefanten von Bangkok

von Ron Morris

Auf den ersten Blick ist es eine willkommene Abwechslung im Alltagstreiben der Stadt: Ein Gigant stapft durch die Straßen, sein Rüssel schlenkert manchmal weitausholend, berührt sanft einen Passanten.

Auf den ersten Blick ist es großartig, diese gewaltigen Geschöpfe zu beobachten, wie sie schwerfällig an den modernen Hochhäusern vorbeistampfen! Doch die vernarbten Ohren des Elefanten und der leere Blick des mageren Elefantentreibers, Mahut genannt, erzählen eine Leidensgeschichte. Die Elefanten sind in die Stadt gekommen, um zu betteln. Seitdem sich die Elefanten in der Stadt immer mehr einbürgern, beginnen die Thais zunehmend die fortgesetzte Domestizierung der Dickhäuter zu hinterfragen.

In der Geschichte Thailands hat der Elefant schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Auf Elefanten sitzend zogen die Prinzen während der Ayudhya-Ära im 15. Jahrhundert in den Kampf gegen ihre birmanischen Gegner: Ausgefochten wurden dabei heroische Schlachten um die Herrschaft über das fruchtbare Flachland.

Ein Aberglaube besagt, dass einer Schwangeren, die unter dem Bauch eines Elefanten hindurchkriecht, eine gute Geburt gewiss ist - oder einfach nur Glück. Weiße oder zartrosafarbene Elefanten werden auch heute noch als Glücksbringer verehrt. Die Redewendung "white elephants" bedeutet im Englischen soviel wie: "überflüssiger oder lästiger Besitz," weil solch glückverheißende Tiere natürlich nicht zur Arbeit eingesetzt werden konnten. Weiße Elefanten gehen daher automatisch über in den Besitz des thailändischen Königshauses.

Und auch heutzutage noch, findet jeden November in der Provinz Surin der berühmte Elefanten-(Zusammen-)Trieb statt - mit Elefanten-Tauziehen, Fußballspielen, und Scheingefechten. So wird das Volk immer wieder erneut an die Blütejahre des Zusammenlebens von Mensch und Elefant erinnert.

In der jüngeren Vergangenheit konnte man den Elefanten zumeist im Walde antreffen, wo er Baumstämme schleppte. Doch das unlängst eingeführte Abholzverbot bedeutete auch das Ende seines wirtschaftlichen Nutzens.

Zudem hat Thailands jüngste Wirtschaftskrise zu jähen sozialen Verwerfungen im ganzen Lande geführt, was eine Landflucht der Mahuts und ihrer Schützlinge zur Folge hatte. Sie wanderten nicht nur nach Bangkok, sondern auch in viele andere Großstädte Thailands. Es ist zwar schon immer so gewesen, dass die Armen, auf ein Auskommen hoffend, in die Städte strömten, doch im Falle der Mahuts führen diese Armen auch noch die größten Landtiere der Welt mit sich.

Elefanten sind aus den städtischen "Nightlife"- und Markt-Bezirken inzwischen nicht mehr wegzudenken. Sie waten mitten durch die Menschenmassen, und für etwas Kleingeld bekommt man vom Mahut etwas verwelktes Grünzeug, um damit den Elefanten zu füttern. Außerhalb der Städte, in den Provinzen, "verdienen" Elefanten, die als Touristenattraktion dienen, lediglich ca. 3.000 - 4.000 Baht (150 - 220 DM) im Monat, in Bangkok dagegen, sind 10.000 Baht (500 DM) die Norm. Für die meisten Elefanten aber, ist der Umzug vom Lande in die Stadt keineswegs vorteilhaft.

Elefanten sind zu groß, zu sensibel und zu intelligent, als dass sie das ständige Umherwandern auf den engen Straßen und Gehsteigen einer dicht bevölkerten Großstadt problemlos ertragen könnten. Elefanten halten den Verkehr auf und werden gelegentlich von Autos angefahren. Nur selten erhalten sie Gelegenheit, ein Elefantenbad zu nehmen. Die Tiere sind oft einsam, ausgedörrt und krank. Ihre Augen zeigen einen gehetzten, panischen Blick, während sie die Straßen der Stadt unaufhörlich durchstreifen.

Trotz alledem aber, ist es schwierig, sie aus der Stadt herauszuhalten. Zwar gibt es Verordnungen, die das Halten von Elefanten in der Großstadt verbieten, aber die Polizei wird sich hüten, den Mahut festzunehmen. Ohne ihn ist ein Elefant kaum zu bändigen - außerdem gibt es keine speziellen Einrichtungen für die Unterbringung dieser Tiere - ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, die Nahrung zu beschaffen: Immerhin braucht ein Elefant 200 Kilo Grünzeug und 200 Liter Wasser am Tag! Was die Behörden da allenfalls tun können, ist lediglich, die Tiere statistisch zu erfassen, um das Ausmaß des Problems einigermaßen einschätzen zu können.

Inzwischen haben zahlreiche Medien-Berichte über die Stadtelefanten einen breiten öffentlichen Protest gegen Elefanten in der Stadt ausgelöst. Traurige Geschichten über verletzte und kranke Elefanten zieren immer wieder die Titelseiten der Zeitungen. Im Fernsehen und im Radio wird warnend darauf hingewiesen, dass man die Mahuts nicht noch durch Geldgaben ermuntern solle, sich in der Stadt aufzuhalten.

Es werden Anstrengungen unternommen, die darauf abzielen, den Mahuts und ihren Tieren außerhalb von Bangkok ein anständiges Leben zu ermöglichen. "Elefantenkunst-Akademien" verkaufen abstrakte Bilder, die ein Elefant mit seinem Rüssel "gemalt" hat. Das "Jumbo Village" in der Provinz Surin, der Heimatprovinz der meisten Mahuts, bietet eine sichere Umgebung für zahme Elefanten, die vor der Auswanderung in die Städte bewahrt werden sollen. Es gibt sogar Elefantenhospitale, die sich um verletzte Tiere kümmern.

Möglicherweise birgt die lebhafte Aufmerksamkeit einer mitfühlenden Öffentlichkeit die größte Chance auf eine Verbesserung der Situation. So haben sich schon einige Gruppen gebildet, wie z.B. die Stiftung "Friends of the Asian Elefant". Natcha Siwalai, eine Sprecherin der Stiftung, erzählt, dass die Elefantenschützer zunächst einmal eine Verschlimmerung der Lage erwarten, bevor sie sich entspannt. " In Zukunft wird vieles besser aussehen ", sagt sie, " aber dazu bedarf es der langfristigen Zusammenarbeit einer ganzen Menge von Leuten. Das Beste, was wir im Moment tun können, ist, auf der strengen Durchsetzung der aktuellen Gesetze zu bestehen. "

Bettelelefanten sind nur ein Aspekt der konfliktreichen Koexistenz von Mensch und Elefant in Thailand. Hier haben Entwaldung und Bevölkerungswachstum die Elefantenpopulation geradezu dezimiert. In den 60er Jahren gab es noch 29.000 wilde und 11.000 zahme Elefanten in Thailand. Heute sind nur noch 2.000 wilde und 3.000 zahme Elefanten übrig geblieben.

Ein tragisches Lebensschicksal kann zahme Elefanten auch in anderen Teilen des Landes ereilen. Die im Geschäft der illegalen Abforstung eingesetzten Tiere werden oft gedopt, damit sie länger arbeiten können, oder ausgesetzt, wenn sie sich verletzen. Der häufige Weiterverkauf dieser teuren Tiere führt bei den traumatisierten Geschöpfen zu emotionaler Labilität.

Im Jahre 1999 verlor eine zahme Elefantenkuh ihr Bein, als sie auf eine Mine nahe der kambodschanischen Grenze trat. Der Vorfall fand große Beachtung in der Öffentlichkeit, und dies wiederum trug dazu bei, dass der Elefantenkuh eine bisher noch nie ausgeführte Operation zuteil wurde. Das Tier erhielt anschließend sogar eine Beinprothese.

 

So machen sich die Thais weiterhin Gedanken über die Auswirkungen des fortdauernden Arbeitseinsatzes dieser ausrangierten Lasttiere, die gleichzeitig Symbole der Nation sind.

Unterdessen werden diese intelligenten und temperamentvollen Kreaturen mit ihren anspruchsvollen Bedürfnissen gezwungen, den knappen Lebensraum mit den Menschen - Geschöpfen mit ebenso anspruchsvollen Erfordernissen - zu teilen. Vorläufig jedenfalls, werden Elefanten und ihre Mahuts auf ihrer mühseligen Suche nach einem Lebensunterhalt wohl weiterhin den Großstadtdschungel durchforsten.

(Fotos: Ron Morris)


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