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Morgenwelt Auf
den ersten Blick ist es eine willkommene Abwechslung im Alltagstreiben
der Stadt: Ein Gigant stapft durch die Straßen, sein Rüssel
schlenkert manchmal weitausholend, berührt sanft einen Passanten.
Auf den ersten Blick ist es großartig, diese gewaltigen Geschöpfe
zu beobachten, wie sie schwerfällig an den modernen Hochhäusern
vorbeistampfen! Doch die vernarbten Ohren des Elefanten und der
leere Blick des mageren Elefantentreibers, Mahut genannt, erzählen
eine Leidensgeschichte. Die Elefanten sind in die Stadt gekommen,
um zu betteln. Seitdem sich die Elefanten in der Stadt immer mehr einbürgern, beginnen die Thais zunehmend die fortgesetzte Domestizierung
der Dickhäuter zu hinterfragen.
In der Geschichte Thailands hat der Elefant schon immer eine wichtige
Rolle gespielt. Auf Elefanten sitzend zogen die Prinzen während
der Ayudhya-Ära im 15. Jahrhundert in den Kampf gegen ihre
birmanischen Gegner: Ausgefochten wurden dabei heroische Schlachten
um die Herrschaft über das fruchtbare Flachland.
Ein Aberglaube besagt, dass einer Schwangeren, die unter dem Bauch
eines Elefanten hindurchkriecht, eine gute Geburt gewiss ist - oder
einfach nur Glück. Weiße oder zartrosafarbene Elefanten
werden auch heute noch als Glücksbringer verehrt. Die Redewendung
"white elephants" bedeutet im Englischen soviel wie: "überflüssiger
oder lästiger Besitz," weil solch glückverheißende
Tiere natürlich nicht zur Arbeit eingesetzt werden konnten.
Weiße Elefanten gehen daher automatisch über in den Besitz
des thailändischen Königshauses.
Und auch heutzutage noch, findet jeden November in der Provinz
Surin der berühmte Elefanten-(Zusammen-)Trieb statt - mit Elefanten-Tauziehen,
Fußballspielen, und Scheingefechten. So wird das Volk immer
wieder erneut an die Blütejahre des Zusammenlebens von Mensch
und Elefant erinnert.
In der jüngeren Vergangenheit konnte man den Elefanten zumeist
im Walde antreffen, wo er Baumstämme schleppte. Doch das unlängst
eingeführte Abholzverbot bedeutete auch das Ende seines wirtschaftlichen
Nutzens.
Zudem hat Thailands jüngste Wirtschaftskrise zu jähen
sozialen Verwerfungen im ganzen Lande geführt, was eine Landflucht
der Mahuts und ihrer Schützlinge zur Folge hatte. Sie wanderten
nicht nur nach Bangkok, sondern auch in viele andere Großstädte
Thailands. Es ist zwar schon immer so gewesen, dass die Armen, auf
ein Auskommen hoffend, in die Städte strömten, doch im
Falle der Mahuts führen diese Armen auch noch die größten
Landtiere der Welt mit sich.
Elefanten sind aus den städtischen "Nightlife"-
und Markt-Bezirken inzwischen nicht mehr wegzudenken. Sie waten
mitten durch die Menschenmassen, und für etwas Kleingeld bekommt
man vom Mahut etwas verwelktes Grünzeug, um damit den Elefanten
zu füttern. Außerhalb der Städte, in den Provinzen,
"verdienen" Elefanten, die als Touristenattraktion dienen,
lediglich ca. 3.000 - 4.000 Baht (150 - 220 DM) im Monat, in Bangkok
dagegen, sind 10.000 Baht (500 DM) die Norm. Für die meisten
Elefanten aber, ist der Umzug vom Lande in die Stadt keineswegs
vorteilhaft.
Elefanten sind zu groß, zu sensibel und zu intelligent, als
dass sie das ständige Umherwandern auf den engen Straßen
und Gehsteigen einer dicht bevölkerten Großstadt problemlos
ertragen könnten. Elefanten halten den Verkehr auf und werden
gelegentlich von Autos angefahren. Nur selten erhalten sie Gelegenheit,
ein Elefantenbad zu nehmen. Die Tiere sind oft einsam, ausgedörrt
und krank. Ihre Augen zeigen einen gehetzten, panischen Blick, während
sie die Straßen der Stadt unaufhörlich durchstreifen.
Trotz alledem aber, ist es schwierig, sie aus der Stadt herauszuhalten.
Zwar gibt es Verordnungen, die das Halten von Elefanten in der Großstadt
verbieten, aber die Polizei wird sich hüten, den Mahut festzunehmen.
Ohne ihn ist ein Elefant kaum zu bändigen - außerdem
gibt es keine speziellen Einrichtungen für die Unterbringung
dieser Tiere - ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, die Nahrung
zu beschaffen: Immerhin braucht ein Elefant 200 Kilo Grünzeug
und 200 Liter Wasser am Tag! Was die Behörden da allenfalls
tun können, ist lediglich, die Tiere statistisch zu erfassen,
um das Ausmaß des Problems einigermaßen einschätzen
zu können.
Inzwischen haben zahlreiche Medien-Berichte über die Stadtelefanten
einen breiten öffentlichen Protest gegen Elefanten in der Stadt
ausgelöst. Traurige Geschichten über verletzte und kranke
Elefanten zieren immer wieder die Titelseiten der Zeitungen. Im
Fernsehen und im Radio wird warnend darauf hingewiesen, dass man
die Mahuts nicht noch durch Geldgaben ermuntern solle, sich in der
Stadt aufzuhalten.
Es werden Anstrengungen unternommen, die darauf abzielen, den Mahuts
und ihren Tieren außerhalb von Bangkok ein anständiges
Leben zu ermöglichen. "Elefantenkunst-Akademien"
verkaufen abstrakte Bilder, die ein Elefant mit seinem Rüssel
"gemalt" hat. Das "Jumbo Village" in der Provinz
Surin, der Heimatprovinz der meisten Mahuts, bietet eine sichere
Umgebung für zahme Elefanten, die vor der Auswanderung in die
Städte bewahrt werden sollen. Es gibt sogar Elefantenhospitale,
die sich um verletzte Tiere kümmern.
Möglicherweise birgt die lebhafte Aufmerksamkeit einer mitfühlenden
Öffentlichkeit die größte Chance auf eine Verbesserung
der Situation. So haben sich schon einige Gruppen gebildet, wie
z.B. die Stiftung "Friends of the Asian Elefant". Natcha
Siwalai, eine Sprecherin der Stiftung, erzählt, dass die Elefantenschützer
zunächst einmal eine Verschlimmerung der Lage erwarten, bevor
sie sich entspannt. " In Zukunft wird vieles besser aussehen ",
sagt sie, " aber dazu bedarf es der langfristigen Zusammenarbeit
einer ganzen Menge von Leuten. Das Beste, was wir im Moment tun
können, ist, auf der strengen Durchsetzung der aktuellen Gesetze
zu bestehen. "
Bettelelefanten sind nur ein Aspekt der konfliktreichen Koexistenz
von Mensch und Elefant in Thailand. Hier haben Entwaldung und Bevölkerungswachstum
die Elefantenpopulation geradezu dezimiert. In den 60er Jahren gab
es noch 29.000 wilde und 11.000 zahme Elefanten in Thailand. Heute
sind nur noch 2.000 wilde und 3.000 zahme Elefanten übrig geblieben.
Ein tragisches Lebensschicksal kann zahme Elefanten auch in anderen
Teilen des Landes ereilen. Die im Geschäft der illegalen Abforstung
eingesetzten Tiere werden oft gedopt, damit sie länger arbeiten
können, oder ausgesetzt, wenn sie sich verletzen. Der häufige
Weiterverkauf dieser teuren Tiere führt bei den traumatisierten
Geschöpfen zu emotionaler Labilität.
Im Jahre 1999 verlor eine zahme Elefantenkuh ihr Bein, als sie
auf eine Mine nahe der kambodschanischen Grenze trat. Der Vorfall
fand große Beachtung in der Öffentlichkeit, und dies
wiederum trug dazu bei, dass der Elefantenkuh eine bisher noch nie
ausgeführte Operation zuteil wurde. Das Tier erhielt anschließend
sogar eine Beinprothese.
So machen sich die Thais weiterhin Gedanken über die Auswirkungen
des fortdauernden Arbeitseinsatzes dieser ausrangierten Lasttiere,
die gleichzeitig Symbole der Nation sind.
Unterdessen werden diese intelligenten und temperamentvollen Kreaturen
mit ihren anspruchsvollen Bedürfnissen gezwungen, den knappen
Lebensraum mit den Menschen - Geschöpfen mit ebenso anspruchsvollen
Erfordernissen - zu teilen. Vorläufig jedenfalls, werden Elefanten
und ihre Mahuts auf ihrer mühseligen Suche nach einem Lebensunterhalt wohl weiterhin den Großstadtdschungel durchforsten.
(Fotos: Ron Morris)
21. Februar 2000
 
Impressionen aus Bangkok
Neu: Die Bettel-Elefanten von Bangkok
von Ron
Morris
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