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Morgenwelt Wer
soll denn das alles lesen? fragte jüngst der Branchendienst kress
report mit Blick auf die Flut neuer Wirtschaftsmagazine und
zeigte sich dennoch optimistisch, dass die schon ihre Käufer
finden würden.
Die alteingesessene Zeitschrift Capital
wurde modernisiert und im Januar auf eine 14-tägige
Erscheinungsweise umgestellt - wohl gerade noch rechtzeitig, um
das Blatt nicht an seiner eigenen Betulichkeit ersticken zu lassen.
Auch die Verlagsgruppe Milchstraße wollte es sich nicht nehmen lassen, im Teich der Wirtschaftsthemen
nach Lesern zu fischen. Net-Business heißt das Blatt und nimmt seine Fänge dort an die
Angel, wo auch Cybiz aus dem Deutschen Fachverlag die dickste Beute vermutet: im
Internet - und natürlich im Umfeld der Börse, speziell
am Neuen Markt, wo die Firmen, die im Internet fleißig nach
Gold schürfen, das notwendige Kapital unter anderem bei vielen
Kleinaktionären zu beschaffen erhoffen.
Die Telebörse ,
ein Blatt, das mit vielsagenden Rubriken wie Geld Aktuell ,
Geld Digital und Geld Kultur seit kurzem am Kiosk
ausliegt, versorgt eben jene, die ihr Geld in Wertpapieren anlegen
meinen zu müssen, mit den notwendigen Informationen. Und diese
Entwicklung wird weitergehen.
Im März plant die Internetagentur PopNet , inzwischen selbst an der Börse notiert, ein Printmagazin mit
dem vielsagenden Titel GoldGuide auf den Markt zu werfen, weitere Wirtschaftstitel wie die deutsche
Financial Times und Focus Money werden von ihren Verlagen zum Start gerüstet. Wirtschaft
ist in und die Börse ist Vielen Ersatz für den Daddelautomat
geworden, mit dem Unterschied, dass die Börse das Risiko des
Spieltriebs kalkulierbar zu machen scheint - zumindest für
jene, die genügend Zeit für die Lektüre einschlägiger
Magazine verwenden.
Der Handel mit Wertpapieren ist zum Volkssport geworden. Sicherlich
ist auch eines nicht zu verleugnen: Den vielen Kleinanlegern geht es nicht um moralisch oder politisch korrekte Unternehmen, sondern allein um den Profit, den der Aktienhandel
abwirft.
Da zeigt der Kapitalismus sein wahres und um ideologisches Brimborium
bereinigtes Antlitz: Das Verlangen nach Gewinnmaximierung hat schon
Marx nicht allein den dicken Kapitalisten mit Zigarre und Zylinder,
sondern allen Menschen in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen
unterstellt.
Kulturpessimisten jaulen spätestens an dieser Stelle mit schmerzverzerrtem
Gesicht auf und beklagen die Tatsache, dass inzwischen selbst Otto
Normalverbraucher dem Aktienwahn verfallen ist und, statt menschlichen
Werten, dem schnöden Mammon nachjagt. Sogar mancher Ex-Revoluzzer
fahndet ja inzwischen mit roten Ohren vor Aufregung im Internet
nach Anlegemöglichkeiten, statt die rote Fahne vorm Eigenheim
zu hissen.
Nun mag es manchem geneigten Leser verstaubt und antiquiert in
den Ohren klingen, doch diese Entwicklung hat Karl Marx schon im
ersten Band von " Das Kapital " vorausgesagt. Hier
bezeichnete er den ursprünglichen Produktentausch als etwas,
bei dem in früheren Zeiten " jede Ware unmittelbar Tauschmittel
für ihren Besitzer" war , (Karl Marx, Das Kapital Bd.
1, MEW 23, S. 103), während in seiner Zeit " die Wertgestalt
der Ware ,Geld´ " zum " Selbstzweck des Verkaufs "
(S. 150) geworden wäre.
Für Marx war dieses jedoch eine zwingende Notwendigkeit, damit
der Kapitalismus sich selbst überwinden könne und so die
Voraussetzungen für eine vernünftigere Gesellschaftsform
gegeben wären.
An dieser Stelle sei der weitere Tiefgang in die Theorie unterbrochen,
doch nur soviel vermerkt: Marx beschwor seine ungeduldigen Jünger,
die den Kapitalismus am liebsten sofort beseitigen und durch den
Kommunismus ersetzen wollten, dass man letzteres nicht überstürzen
dürfe, denn der Kapitalismus müsse sich erst zu voller
Pracht entfalten, bevor er zur Ablösung durch ein gerechteres
System bereit sei. Und dazu sei eine Emanzipation der Menschen unerlässlich.
Der emanzipatorische Akt der Tatsache, dass die Menschen heute
den Konsum von Klatschzeitschriften gegen die Lektüre von Wirtschaftsmagazinen
tauschen, ist nicht zu übersehen. Es zeugt von Selbstverantwortung,
Unternehmungslust und lässt optimistisch in die gesellschaftliche
Zukunft blicken.
7. Februar 2000
 
Wir Medienmacher
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von Holger Hogelücht
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