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Morgenwelt
7. Februar 2000
 

Wir Medienmacher

Wirtschaft emanzipiert!

von Holger Hogelücht

Wer soll denn das alles lesen? fragte jüngst der Branchendienst kress report mit Blick auf die Flut neuer Wirtschaftsmagazine und zeigte sich dennoch optimistisch, dass die schon ihre Käufer finden würden.

Die alteingesessene Zeitschrift Capital wurde modernisiert und im Januar auf eine 14-tägige Erscheinungsweise umgestellt - wohl gerade noch rechtzeitig, um das Blatt nicht an seiner eigenen Betulichkeit ersticken zu lassen. Auch die Verlagsgruppe Milchstraße wollte es sich nicht nehmen lassen, im Teich der Wirtschaftsthemen nach Lesern zu fischen. Net-Business heißt das Blatt und nimmt seine Fänge dort an die Angel, wo auch Cybiz aus dem Deutschen Fachverlag die dickste Beute vermutet: im Internet - und natürlich im Umfeld der Börse, speziell am Neuen Markt, wo die Firmen, die im Internet fleißig nach Gold schürfen, das notwendige Kapital unter anderem bei vielen Kleinaktionären zu beschaffen erhoffen.

Die Telebörse , ein Blatt, das mit vielsagenden Rubriken wie Geld Aktuell , Geld Digital und Geld Kultur seit kurzem am Kiosk ausliegt, versorgt eben jene, die ihr Geld in Wertpapieren anlegen meinen zu müssen, mit den notwendigen Informationen. Und diese Entwicklung wird weitergehen.

Im März plant die Internetagentur PopNet , inzwischen selbst an der Börse notiert, ein Printmagazin mit dem vielsagenden Titel GoldGuide auf den Markt zu werfen, weitere Wirtschaftstitel wie die deutsche Financial Times und Focus Money werden von ihren Verlagen zum Start gerüstet. Wirtschaft ist in und die Börse ist Vielen Ersatz für den Daddelautomat geworden, mit dem Unterschied, dass die Börse das Risiko des Spieltriebs kalkulierbar zu machen scheint - zumindest für jene, die genügend Zeit für die Lektüre einschlägiger Magazine verwenden.

Der Handel mit Wertpapieren ist zum Volkssport geworden. Sicherlich ist auch eines nicht zu verleugnen: Den vielen Kleinanlegern geht es nicht um moralisch oder politisch korrekte Unternehmen, sondern allein um den Profit, den der Aktienhandel abwirft.

Da zeigt der Kapitalismus sein wahres und um ideologisches Brimborium bereinigtes Antlitz: Das Verlangen nach Gewinnmaximierung hat schon Marx nicht allein den dicken Kapitalisten mit Zigarre und Zylinder, sondern allen Menschen in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen unterstellt.

Kulturpessimisten jaulen spätestens an dieser Stelle mit schmerzverzerrtem Gesicht auf und beklagen die Tatsache, dass inzwischen selbst Otto Normalverbraucher dem Aktienwahn verfallen ist und, statt menschlichen Werten, dem schnöden Mammon nachjagt. Sogar mancher Ex-Revoluzzer fahndet ja inzwischen mit roten Ohren vor Aufregung im Internet nach Anlegemöglichkeiten, statt die rote Fahne vorm Eigenheim zu hissen.

Nun mag es manchem geneigten Leser verstaubt und antiquiert in den Ohren klingen, doch diese Entwicklung hat Karl Marx schon im ersten Band von " Das Kapital " vorausgesagt. Hier bezeichnete er den ursprünglichen Produktentausch als etwas, bei dem in früheren Zeiten " jede Ware unmittelbar Tauschmittel für ihren Besitzer" war , (Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, MEW 23, S. 103), während in seiner Zeit " die Wertgestalt der Ware ,Geld´ " zum " Selbstzweck des Verkaufs " (S. 150) geworden wäre.

Für Marx war dieses jedoch eine zwingende Notwendigkeit, damit der Kapitalismus sich selbst überwinden könne und so die Voraussetzungen für eine vernünftigere Gesellschaftsform gegeben wären.

An dieser Stelle sei der weitere Tiefgang in die Theorie unterbrochen, doch nur soviel vermerkt: Marx beschwor seine ungeduldigen Jünger, die den Kapitalismus am liebsten sofort beseitigen und durch den Kommunismus ersetzen wollten, dass man letzteres nicht überstürzen dürfe, denn der Kapitalismus müsse sich erst zu voller Pracht entfalten, bevor er zur Ablösung durch ein gerechteres System bereit sei. Und dazu sei eine Emanzipation der Menschen unerlässlich.

Der emanzipatorische Akt der Tatsache, dass die Menschen heute den Konsum von Klatschzeitschriften gegen die Lektüre von Wirtschaftsmagazinen tauschen, ist nicht zu übersehen. Es zeugt von Selbstverantwortung, Unternehmungslust und lässt optimistisch in die gesellschaftliche Zukunft blicken.


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