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Morgenwelt
7. Februar 2000
 

Brief aus Rio

Liebesgrüße aus der Luft

von Carl Goerdeler

Marcello, ich liebe Dich! Maria". Irgendwo im Ameisenhaufen der Sonnenanbeter, Bierdosenvertilger und Atlantikschwimmer, irgendwo da unten am Strand der Copacabana muss er wohl stecken, dieser Marcello. Und er wird ja doch wohl die Botschaft lesen, die das Flugzeug auf einer Schärpe unermüdlich in kaum 100 Metern Höhe über die Köpfe der Menge durch die Luft schleppt?

Die Liebesgrüße aus der Luft kosten schon ein wenig mehr als ein Bukett Rosen. Aber so viel mehr nun auch nicht: 400 Mark für die Anfertigung der 20 Meter langen und 2,20 Meter breiten Luftschlange, dazu 600 Mark für eine Stunde Flug: zu buchen bei "Rio-Ar, Propaganda Aerea LTDA", oder den anderen Dutzend Unternehmen, die zur Sommerszeit den Himmel über den Stränden mit ihren einmotorigen Reklame-Brummern bevölkern.

Die Luftreklame für Sonnencremes, Speiseeis und Popkonzerte gilt unter den Werbeprofis als preiswert und Zielgruppen-orientiert. Manchmal besteht die Gruppe auch nur aus einer Person, so wie Marcello. Oder wie Bill Gates. Den hatte die Computer-Spezialistin Cristina Boner "geangelt", als sie, statt eine Visitenkarte abzugeben, ihren Gruss per Flugzeug sandte - just, als der Multimillionär neugierig aus dem Sitzungsraum in den Himmel von Brasilia blickte. Cristina Boner macht jetzt mit Bill Gates Geschäfte.

Petrus sei Dank, denn " geflogen wird bei Sonnenschein. Sie können slots von zwei bis acht Stunden pro Tag buchen. Von Oiapoque bis Chui - vom Amazonas bis an den Rio de la Plata, immer an der Küste entlang. Wir haben auch schon die Strände am Rio Araguaia in Mato Grosso abgegrast. Und wir fliegen natürlich auch über die Fußballstadien mit unseren 19 Cessnas ": Sergio Alexandre, der Flottenchef von Rio-Ar, ein Schnurrbart wie ein Propeller und die Figur von Obelix, stemmt sich schon wegen Übergewicht nicht selber in die luftigen Kisten, die an der Reklameschleife schwer genug zu schleppen haben.

Die Piloten der einmotorigen Hochdecker müssen Kamikaze-Qualitäten haben. Nach dem Abheben der vollgetankten Maschine und einer Platzrunde gilt es, den Vogel wie einen Sturzkampfbomber abzutauchen: zwei Meter über der Piste den Steuerknüppel ran und Vollgas!

Wenn alles gutgeht, hat der Haken am Heck die Schärpe geangelt, die von zwei Hilfskräften an Stangen hochgehalten wird. Den Flattermann im Rücken, muss der Pilot das Flugzeug mit gerade 'mal 170 Knoten, also rund 70 Kilometern pro Stunde, langsam und niedrig und parallel zur Wasserlinie ruhig in der Luft halten, obgleich die Maschine droht, abzuschmieren. Wo der Strand endet, folgt ein weiter Bogen über die See zurück zur nächsten Runde. Ein Dutzend mal oder öfter zieht der Flieger wie ein Bauer seine Furchen.

Die riskanten Flüge wagen nur junge Kerle, für 25 Dollar die Stunde. Nach ein paar Probe- Sturzflügen, um das "Angeln" zu erlernen, überlässt man sie ihrem Schicksal und der schönen Aussicht auf die Badenixen, die ihre Schokoladenformen in den Sand dort unten gießen.

Besser, man segelt mit Scheuklappen, immer geradeaus. Besonders knifflig ist es, einen Lauftext zu fliegen, also im Gänsemarsch hintereinander durch den Himmel zu pflügen. Gegen die Kinder- Drachen, die vom Strand aufsteigen, ist kein Kraut gewachsen; ihre haarscharfen Schnüre können die Schärpe abschneiden.

Das aber wäre doch schade. Schade auch für Maria, die ihr Herz nicht in die Rinde, sondern in den Himmel schnitzte.


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