Dies ist ein Beitrag aus dem Morgenwelt-Archiv in Druckversion. Zur aktuellen Ausgabe kommen Sie hier: www.morgenwelt.de!

Morgenwelt
31. Januar 2000
 

Notizen von jenseits der Oder

Das halbvolle Glas

von Marek Trenkler

Ich habe mir etwas vorgenommen: dieses Mal werde ich nicht meckern, ich erzähle nur Gutes und mache aus diesem Land Polen ein wahres Paradies auf Erden. Das sei gar nicht so einfach? Also bitte, ich habe ja selbst mit dem Rauchen mehrmals aufgehört, und es hat immer geklappt, warum sollte also mein heutiger Anti-Mecker-Versuch scheitern?

Da gibt es ja ein probates Mittel: man betrachte ein halbleeres Glas Wein. Es ist entweder eben halbleer oder halbvoll, abhängig von der Stimmung des Betrachters. An aktuellen polnischen Beispielen, will ich mich heute in der optimistischen Einstellung üben.

Die Arbeitslosenrate in Polen bleibt immer noch unter 20 Prozent - mehr noch: wenn sie weiterhin im bisherigen Tempo steigt, dann schafft sie diese Grenze niemals. Schließlich gibt es schon im Herbst 2001 neue Wahlen und bis dahin hat die aktuelle Regierungskoalition bestimmt zu wenig Zeit, um die Wirtschaft endgültig lahmzulegen. Sie hat ja in mehr als 2 Jahren nur etwas mehr als 3 Prozent neue Arbeitslose produziert und das Niveau von 13 Prozent erreicht. Super!

Auch auf die polnischen Soldaten im Kosovo bin ich ganz stolz. Die tapferen Burschen lassen sich nicht so einfach erschießen: aus eigener Tasche finanzieren sie schwarze Rangabzeichen für ihre Tarnanzüge. Damit ersetzen sie die bisherigen weißen, die feindlichen Scharfschützen in der Dunkelheit zur Zielfindung dienen können. Die Soldaten sind dabei mutig genug, die Kleidungsvorschriften zu verletzen.

Künftig haben sie es übrigens noch besser: ihre Befehlshaber haben das Problem erkannt und niemanden vor das Kriegsgericht gestellt, sondern stattdessen neue Vorschriften entworfen. Auf diese Weise sind schwarze Rangabzeichen nicht nur erlaubt - sie werden offiziell eingeführt, vielleicht sogar produziert und nach Kosovo geliefert - möglicherweise sogar noch vor dem Ende der Mission der polnischen Truppen. Es muss nicht einmal ein Gesetz verabschiedet werden: eine Anordnung des Verteidigungsministers reicht völlig aus. Toll, oder?

Jeden Tag bombardieren mich die Agenturen mit neuen Meldungen über die CDU-Spendenaffäre in Deutschland. Ich habe wirklich Mitleid mit den deutschen Wählern: viele von ihnen zweifeln jetzt nicht nur an der betroffenen Partei, sondern an der ganzen Demokratie. Und wir hier sind von solchen Problemen frei.

Hier ist die Justizministerin zugleich die Generalstaatsanwältin, und so kann der Wähler ruhig schlafen: es wird bestimmt nicht gegen irgendwelche korrupten Politiker ermittelt, es werden keine illegalen Geldquellen gefunden und das System bricht nicht zusammen.

Übrigens: ab und zu deckt auch hier die Presse Korruptionsfälle auf, aber die sind ganz harmlos. Man kassiert ja niemals für die eigene Partei - wenn schon, dann kassiert man in die eigene Tasche. Korrupte Parteien haben wir also gar nicht, zudem sind die Politiker hier unantastbar und so bleiben sie für immer kristallrein, ohne dem Image ihres Landes zu schaden. Wieder ein Grund zur Freude, nicht wahr?

Und überhaupt ist die hiesige Gesellschaft anständiger, als die anderen, insbesondere als die in Westeuropa. Gerade heute las ich über ein deutsches Sternchen, das eigentlich davon lebt, sich an der Seite von Promis zu zeigen und auf Parties zu toben. Hier undenkbar, so jemand würde den Hungertod sterben. Die Dame heuerte also einen Fotografen an und ließ sich im Garten, oben ohne, "nach Art der Paparazzi" ablichten. Auf diese Art wollte sie womöglich noch populärer werden und mal endlich eine Rolle als Schauspielerin bekommen.

In Polen ist das ganz anders: das Internet ist voll von Nacktfotos, aber die Schauspielerinnen schwören, dass sie sich nie im Leben nackt hätten erwischen lassen. Wie denn auch? Es gibt hier so gut wie keine Paparazzi, die Fotografen verdienen genauso lächerliches Geld wie die Journalisten und produzieren halt, statt zu fotografieren. Die Stars haben also ihre wohlverdiente Ruhe, und die Öffentlichkeit wird mit keinen Skandalen bombardiert. Das finde ich super!

Oder nehmen wir zum Beispiel die Sexualität. In deutschen Medien gibt es fast täglich Infos über die sexuellen Präferenzen von Schauspielern und Comedians. Unglaublich: da kommt einer auf die Bühne und beginnt zu erzählen, dass er schwul sei. Immer wieder: "ich bin schwul, der da ist auch schwul und die da ist lesbisch." Im Publikum: volles Verständnis, ja sogar eine Art Freude über dieses allgemeine Coming-Out unter den Promis.

In Polen könnte man dagegen den Eindruck haben, es leben und lieben alle, wie es in der Heiligen Schrift steht: keine Schwulen, keine Lesben, kein gar nichts - ganz zu schweigen davon, dass solch einer seine Vorlieben öffentlich zugeben würde... Unvorstellbar. Tja, gute Erziehung von klein auf bringt Erfolge - eine moderne Gesellschaft kann dann auch an der Schwelle des 21. Jahrhunderts frei bleiben von sittengefährdenden Erscheinungen. Klasse!

Ja, in Polen kümmert man sich um die gesunde Jugend. Mitte Januar haben zwei Schüler (17 und 18) ihren Lehrer überfallen. Mit einem Baseballschläger haben sie ihm vor dem Unterricht, am helllichten Tag, direkt vor ihrer Technischen Oberschule klar gemacht, dass er ihnen nicht mehr den Weg ins erwachsene Leben mit schlechten Noten versperren sollte. Der Lehrer landete, schwer verletzt, im Krankenhaus. Und die beiden Jungs? Die wurden von der Polizei bald danach festgenommen, und vom Staatsanwalt sofort freigelassen. Richtig! Im Knast würden sie bestimmt zu echten Banditen gemacht, und so, unter freien Menschen, können sie erfolgreich weiterlernen, wenn auch in einer anderen Schule.

Anders verhielt sich die Geschichte mit einem Hundebesitzer, die sich fast zur gleichen Zeit abspielte. Es war am Morgen in einer Kleinstadt. Ein Siebenjähriger kletterte über einen Zaun und rannte durch das private Grundstück nach Hause: auf seinem Weg unterwegs zur Schule hatte er nämlich bemerkt, dass er seine Lehrbücher vergessen hatte. So lief er noch schnell zurück, nahm nur eine Abkürzung. Der rottweilerähnliche Mischling gab ihm keine Chance: er fasste den Jungen und zerfetzte ihn auf der Stelle.

Sowohl das Tier, als auch sein Herrchen landeten kurz darauf hinter Gittern, natürlich getrennt. Und das nenne ich eine gesunde Justiz: Der Hund wurde nämlich von seinem Besitzer tagsüber in einem Käfig gehalten und nur nachts freigelassen, doch sein Besitzer hatte es bis zur Tatzeit nicht geschafft, aufzustehen und die Bestie hinter Schloss und Riegel zu bringen. Jetzt lernt er Frühaufstehen im Knast, und dem Hund wird vielleicht beigebracht, wie er Ausweiskontrollen an angehaltenen Personen durchzuführen hat. Schade nur um den Kleinen, aber wenigstens lernen jetzt andere Schulkinder, dass man seine Schulmappe ordentlich packen muss.

Unglaublich - ich habe es geschafft! Vielleicht sollten Sie das auch mal versuchen. Zum Beispiel mit ihrem Chef: der ist ja nicht unsterblich. Oder mit Ihrem Geld: wenn Sie zuwenig davon haben, dann verschwenden Sie es auch nicht. Oder mit diesem Text: er ist jetzt endgültig zu Ende.


© 2000, www.morgenwelt.de, Hamburg, Deutschland