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Morgenwelt An
einem typischen Wochenende in Bangkok: Nobelkarossen, motorisierte
Frachtkarren und zerbeulte Kleinlastwagen stehen einträchtig
Schlange vor einem der legendären asiatischen Märkte - dem
Chatuchak Wochenendmarkt.
Das Einparken ist mühselig, der Parkplatz staubig, doch der
vor Leben pulsierende Chatuchak-Markt ist es allemal wert. Dieser
traditionelle Wochenendmarkt hat sich der Invasion der eleganten,
ultra-modernen Einkaufszentren widersetzt, und behauptet noch immer
seinen angestammten Platz im Wirtschaftsleben von Thailands größter
Stadt.
Im Gegensatz zu den traditionellen Märkten in anderen Hauptstädten Asiens, wurde der Chatuchak-Markt nicht aus der Stadt vertrieben
oder gar in eine sterile Touristenattraktion verwandelt. Chatuchak
ist mehr als bloß ein folkloristischer Nippesmarkt für
Touristen. Er gilt - gerade auch bei den alteingesessenen Thai Stadtbewohnern
- als gute Fundgrube für Schnäppchen.
Zudem gibt es hier all die Sachen, die den Thais am Herzen liegen:
Tropenfische, Pflanzen, Stoffe, frische Zutaten für regionale
Leckerbissen, sowie preiswerten Schmuck, den die Thais so gerne
kaufen.
Wer Chatuchak betritt, stößt vor in ein verwirrendes
Labyrinth: schmale Gassen, die offensichtlich nur dazu geschaffen
wurden, den Kunden jedes Orientierungssinnes zu berauben, krümmen
sich zwischen zahllosen Verkaufsständen. Schlanke Laufburschen
eilen durch die Menschenmassen, Handkarren mit hoch aufgetürmten
Waren vor sich her schiebend. Hungrigen Käufern werden an Nudelbuden
dampfende Schüsseln serviert. Frauen präsentieren neugierigen
Zuschauern angebundene Eichhörnchen. Hier herrscht eine völlig
andere Stimmung als in der sterilen Atmosphäre der Kaufhäuser.
In einem Areal nahe dem Haupteingang zum Markt fertigen tätowierte, selbstgestylte Thai-Hippies mit Mohawk-Frisur Schmuck und anderen
selbstgestrickten Tand. Der nahegelegene Pflanzen-Bezirk ist weltberühmt
für seine riesige und exotische Auswahl an Orchideen, Bambus,
und gewaltigen Hänge-Farnen. Eines aber versteht sich von selbst:
keineswegs sollte man versuchen, diese Pflanzen durch den Zoll zu
bringen und auszuführen!
Im beliebten "Antiquariats"-Bereich stöbern die
Kunden emsig in zehn Jahre alten Ausgaben von "Popular Mechanics"
und etlichen Computer-Zeitschriften: In Thailand haben Zeitschriften
offensichtlich Ewigkeitswert.
Den wohl größten Teil der Marktfläche jedoch,
nehmen die Stände mit Textilien ein: junge Marktschreier hocken
auf riesigen Haufen modisch verwaschener Jeans und preisen ihre
Ware an: "Best price, best price!"
Thais sind begeisterte Aquariumsliebhaber. Der Tropenfisch-Bereich
ist eine Riesen-Attraktion. Hier findet man Stände, an denen
einfache Glasbehälter mit Fischen feilgeboten werden, neben
anderen, die in aufwendigen Auslagen muntere Cichlid-Fische oder
teure rundliche Goldfische anbieten. Daneben gibt es auch eine Vielzahl
von weit ungewöhnlicheren Lebewesen zu bewundern, u.a. Süßwasserrochen,
Aale, und jene Spezies, die im Amerikanischen als "Archerfish"
bezeichnet wird.
An einigen Ständen werden - Glasbehälter an Glasbehälter
gereiht - die berühmten Siamesischen Kampffische angeboten.
Interessierte Kunden, meist muskelbepackte junge Männer, die selbst so aussehen, als würden sie keinen Kampf scheuen, nehmen
jedes Exemplar genau in Augenschein, suchen nach Merkmalen, die
eventuelle Anlagen zum künftigen Champion erkennen lassen.
Chatuchak ist jedoch auch eine wirkliche Touristenattraktion mit
einer verblüffenden Auswahl an Souvenirs aus allen Regionen
Thailands. Jeder nur denkbare Ramsch ist hier vertreten: angefangen
von Holzschnitzereien bis hin zu billigen T-Shirts. Die einzelnen
Bereiche des Marktes sind zwar generell nach der Art der Ware eingeteilt,
aber es kann hin und wieder passieren, dass man mittendrin überraschenderweise
auf die "Galerie" eines abstrakten Künstlers oder
eine Tätowier-Werkstatt stößt.
Andere Stände wiederum, ufern regelrecht über die Grenzen
des Markts hinaus auf die umliegenden Bürgersteige, wo dann
Artikel wie Insektenskulpturen aus Bambus, oder kleine Geräte
zur Verbesserung des Fernsehempfangs verscherbelt werden.
Unter den Touristen weniger bekannt ist der Autogoa-Markt, der
im Süden an Chatuchak grenzt. Dieser Markt bietet seinen Kunden
nur die besten und teuersten Lebensmittel. Und es ist durchaus möglich,
dass man hier Film- und Rockstars, oder auch Politikern begegnet, die ganze Geldbündel in der Landeswährung Baht für
importierte japanische Melonen oder Äpfel hinblättern.
Ein Teil dieser Lebensmittel wird als Opferspende an den örtlichen
Tempel enden, oder in "spirit-houses," den kleinen Altären
vor den Häusern vieler Thais.
Im gesamten Marktbereich ist reges Feilschen an der Tagesordnung,
das aber so feinfühlig und elegant betrieben wird, wie es die
Thais selber sind. So werden wir gerade zufällig Zeuge eines
typischen Verkaufsgespräches an einem Chatuchak-Stand, wo Plastikeimer
feilgeboten werden.
Ein Käufer fragt nach dem Preis. Die Verkäuferin nennt
eine Summe, die dem Käufer ein leichtes Grimassieren entlockt.
Der Käufer macht ein Gegenangebot. Die Verkäuferin lächelt und blickt mit einem Kopfschütteln schüchtern zur Seite
- das Angebot ist zu niedrig. Sie nennt einen neuen Preis, der ein
klein wenig unter dem ursprünglichen Angebot liegt. Nun ist
es an dem Käufer, zu lächeln. Er wendet sich ab, offenbar,
um zu gehen. Am Ende ruft ihm die Verkäuferin einen Preis nach,
mit dem beide zufrieden sind. Ohne weitere Worte wechselt das Geld
seinen Besitzer, und lächelnd trennt man sich. Feilschen ist
für die Thais keine Angelegenheit auf Leben und Tod, sondern
eine Form des geselligen Austausches.
Anfang der neunziger Jahre kam der Plan auf, den Chatuchak-Markt
zu "erhalten", indem man ihn in ein Einkaufszentrum samt
Hochhaus-Eigentumswohnungen verwandelte. Dieses Vorhaben aber wurde
sehr schnell wieder verworfen. Chatuchak kann zwar gelegentlich erdrückend eng und heiß sein, aber der Markt ist trotzdem
ein anregender und untrennbarer Teil des modernen Stadtlebens.
Noch vor nicht allzu langer Zeit befand sich der Chatuchak-Markt
am Rande der Stadt. Inzwischen ist die Stadt immer weiter gewachsen,
so dass der Markt jetzt mitten im Zentrum liegt - umgeben von neuen
städtebaulichen Projekten, wie etwa einem Skytrain-Bahnhof,
einer künftigen U-Bahn-Station und dem neuen Parlamentsgebäude.
Die Position des Marktes als Angelpunkt der städtischen Betriebsamkeit
ist also weiterhin gesichert. Zwar genießen die hiesigen "Shoppers"
den Glitzerglanz reich dekorierter - und klimatisierter - Einkaufszentren,
wie es sie überall auf der Welt gibt, doch der traditionelle
Markt ist in Thailand auch weiterhin von praktischer und sozialer Bedeutung.
24. Januar 2000
 
Impressionen aus Bangkok
Märkte und Menschen
von Ron Morris
© 2000, www.morgenwelt.de, Hamburg, Deutschland