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Morgenwelt
24. Januar 2000
 

Impressionen aus Bangkok

Märkte und Menschen

von Ron Morris

An einem typischen Wochenende in Bangkok: Nobelkarossen, motorisierte Frachtkarren und zerbeulte Kleinlastwagen stehen einträchtig Schlange vor einem der legendären asiatischen Märkte - dem Chatuchak Wochenendmarkt.

Das Einparken ist mühselig, der Parkplatz staubig, doch der vor Leben pulsierende Chatuchak-Markt ist es allemal wert. Dieser traditionelle Wochenendmarkt hat sich der Invasion der eleganten, ultra-modernen Einkaufszentren widersetzt, und behauptet noch immer seinen angestammten Platz im Wirtschaftsleben von Thailands größter Stadt.

Im Gegensatz zu den traditionellen Märkten in anderen Hauptstädten Asiens, wurde der Chatuchak-Markt nicht aus der Stadt vertrieben oder gar in eine sterile Touristenattraktion verwandelt. Chatuchak ist mehr als bloß ein folkloristischer Nippesmarkt für Touristen. Er gilt - gerade auch bei den alteingesessenen Thai Stadtbewohnern - als gute Fundgrube für Schnäppchen.

Zudem gibt es hier all die Sachen, die den Thais am Herzen liegen: Tropenfische, Pflanzen, Stoffe, frische Zutaten für regionale Leckerbissen, sowie preiswerten Schmuck, den die Thais so gerne kaufen.

Wer Chatuchak betritt, stößt vor in ein verwirrendes Labyrinth: schmale Gassen, die offensichtlich nur dazu geschaffen wurden, den Kunden jedes Orientierungssinnes zu berauben, krümmen sich zwischen zahllosen Verkaufsständen. Schlanke Laufburschen eilen durch die Menschenmassen, Handkarren mit hoch aufgetürmten Waren vor sich her schiebend. Hungrigen Käufern werden an Nudelbuden dampfende Schüsseln serviert. Frauen präsentieren neugierigen Zuschauern angebundene Eichhörnchen. Hier herrscht eine völlig andere Stimmung als in der sterilen Atmosphäre der Kaufhäuser.

In einem Areal nahe dem Haupteingang zum Markt fertigen tätowierte, selbstgestylte Thai-Hippies mit Mohawk-Frisur Schmuck und anderen selbstgestrickten Tand. Der nahegelegene Pflanzen-Bezirk ist weltberühmt für seine riesige und exotische Auswahl an Orchideen, Bambus, und gewaltigen Hänge-Farnen. Eines aber versteht sich von selbst: keineswegs sollte man versuchen, diese Pflanzen durch den Zoll zu bringen und auszuführen!

Im beliebten "Antiquariats"-Bereich stöbern die Kunden emsig in zehn Jahre alten Ausgaben von "Popular Mechanics" und etlichen Computer-Zeitschriften: In Thailand haben Zeitschriften offensichtlich Ewigkeitswert.

Den wohl größten Teil der Marktfläche jedoch, nehmen die Stände mit Textilien ein: junge Marktschreier hocken auf riesigen Haufen modisch verwaschener Jeans und preisen ihre Ware an: "Best price, best price!"

Thais sind begeisterte Aquariumsliebhaber. Der Tropenfisch-Bereich ist eine Riesen-Attraktion. Hier findet man Stände, an denen einfache Glasbehälter mit Fischen feilgeboten werden, neben anderen, die in aufwendigen Auslagen muntere Cichlid-Fische oder teure rundliche Goldfische anbieten. Daneben gibt es auch eine Vielzahl von weit ungewöhnlicheren Lebewesen zu bewundern, u.a. Süßwasserrochen, Aale, und jene Spezies, die im Amerikanischen als "Archerfish" bezeichnet wird.

An einigen Ständen werden - Glasbehälter an Glasbehälter gereiht - die berühmten Siamesischen Kampffische angeboten. Interessierte Kunden, meist muskelbepackte junge Männer, die selbst so aussehen, als würden sie keinen Kampf scheuen, nehmen jedes Exemplar genau in Augenschein, suchen nach Merkmalen, die eventuelle Anlagen zum künftigen Champion erkennen lassen.

Chatuchak ist jedoch auch eine wirkliche Touristenattraktion mit einer verblüffenden Auswahl an Souvenirs aus allen Regionen Thailands. Jeder nur denkbare Ramsch ist hier vertreten: angefangen von Holzschnitzereien bis hin zu billigen T-Shirts. Die einzelnen Bereiche des Marktes sind zwar generell nach der Art der Ware eingeteilt, aber es kann hin und wieder passieren, dass man mittendrin überraschenderweise auf die "Galerie" eines abstrakten Künstlers oder eine Tätowier-Werkstatt stößt.

Andere Stände wiederum, ufern regelrecht über die Grenzen des Markts hinaus auf die umliegenden Bürgersteige, wo dann Artikel wie Insektenskulpturen aus Bambus, oder kleine Geräte zur Verbesserung des Fernsehempfangs verscherbelt werden.

Unter den Touristen weniger bekannt ist der Autogoa-Markt, der im Süden an Chatuchak grenzt. Dieser Markt bietet seinen Kunden nur die besten und teuersten Lebensmittel. Und es ist durchaus möglich, dass man hier Film- und Rockstars, oder auch Politikern begegnet, die ganze Geldbündel in der Landeswährung Baht für importierte japanische Melonen oder Äpfel hinblättern. Ein Teil dieser Lebensmittel wird als Opferspende an den örtlichen Tempel enden, oder in "spirit-houses," den kleinen Altären vor den Häusern vieler Thais.

Im gesamten Marktbereich ist reges Feilschen an der Tagesordnung, das aber so feinfühlig und elegant betrieben wird, wie es die Thais selber sind. So werden wir gerade zufällig Zeuge eines typischen Verkaufsgespräches an einem Chatuchak-Stand, wo Plastikeimer feilgeboten werden.

Ein Käufer fragt nach dem Preis. Die Verkäuferin nennt eine Summe, die dem Käufer ein leichtes Grimassieren entlockt. Der Käufer macht ein Gegenangebot. Die Verkäuferin lächelt und blickt mit einem Kopfschütteln schüchtern zur Seite - das Angebot ist zu niedrig. Sie nennt einen neuen Preis, der ein klein wenig unter dem ursprünglichen Angebot liegt. Nun ist es an dem Käufer, zu lächeln. Er wendet sich ab, offenbar, um zu gehen. Am Ende ruft ihm die Verkäuferin einen Preis nach, mit dem beide zufrieden sind. Ohne weitere Worte wechselt das Geld seinen Besitzer, und lächelnd trennt man sich. Feilschen ist für die Thais keine Angelegenheit auf Leben und Tod, sondern eine Form des geselligen Austausches.

Anfang der neunziger Jahre kam der Plan auf, den Chatuchak-Markt zu "erhalten", indem man ihn in ein Einkaufszentrum samt Hochhaus-Eigentumswohnungen verwandelte. Dieses Vorhaben aber wurde sehr schnell wieder verworfen. Chatuchak kann zwar gelegentlich erdrückend eng und heiß sein, aber der Markt ist trotzdem ein anregender und untrennbarer Teil des modernen Stadtlebens.

Noch vor nicht allzu langer Zeit befand sich der Chatuchak-Markt am Rande der Stadt. Inzwischen ist die Stadt immer weiter gewachsen, so dass der Markt jetzt mitten im Zentrum liegt - umgeben von neuen städtebaulichen Projekten, wie etwa einem Skytrain-Bahnhof, einer künftigen U-Bahn-Station und dem neuen Parlamentsgebäude. Die Position des Marktes als Angelpunkt der städtischen Betriebsamkeit ist also weiterhin gesichert. Zwar genießen die hiesigen "Shoppers" den Glitzerglanz reich dekorierter - und klimatisierter - Einkaufszentren, wie es sie überall auf der Welt gibt, doch der traditionelle Markt ist in Thailand auch weiterhin von praktischer und sozialer Bedeutung.


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