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Morgenwelt
"Denn wo zwei oder drei versammelt sind in
meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen ".
So heißt es in der Bibel (Mt 18,19), doch es gilt offensichtlich nicht für die katholische Kirche in Polen. Die hat nämlich
letztens ein Verbot gegen den Verein des Heiligen Geistes e.V. aus
Olawa (Ohlau) verhängt.
Der Grund: bereits seit 1983 wollen dort mehrere Gläubige
Wunder gesehen und erlebt haben, welche die Kirche nicht anerkennt:
" Wer einem Verein beitritt, der auf irgendwelche Art und
Weise gegen die Kirche handelt, sollte gerecht bestraft werden;
wer einen solchen Verein unterstützt oder ihn leitet, sollte
mit Interdikt bestraft werden ".
Eine "illegale" Gottesmutter will Kazimierz Domanski
im Juni 1983 in seinem Schrebergarten gesehen haben. Seitdem spricht
er von bereits über 300 Begegnungen mit der Gottesmutter, er
will auch mehrere Menschen mit der ihm verliehenen Kraft geheilt
haben. Damals, unter dem Kriegsrecht, pilgerten Tausende von Menschen
nach Olawa, ohne Rücksicht darauf, dass sie von der Miliz verfolgt
wurden. Drei Jahre später, wurden an einer Figur der Heiligen
Maria, die in Domanskis Laube aufgestellt worden war, angeblich
blutige Tränen bemerkt. Das Resultat: sowohl Domanski, als
auch die Figur landeten im Streifenwagen der Polizei.
Weder die Wissenschaft, noch die Kirche haben das Phänomen
erklären können - genauso wenig, wie die weiteren "Wunder",
die dort passiert sein sollen, wie etwa das Auftreten von Blut auf
dem Leibe Christi während einer Messe im Jahre 1997. Kein Wunder
also, dass sowohl mehrere Geistliche, als auch Tausende von Laien,
unter ihnen auch Deutsche, fortan Olawa als einen außergewöhnlichen
Ort betrachten.
Im Januar 1986 forderte aber die polnische Bischofskonferenz alle
Gläubigen auf, damit "aufzuhören, sich in Olawa zu
versammeln" und "diese vermeintlichen Offenbarungen nicht
zu unterstützen". Diese seien nämlich falsch, sie
führten die Öffentlichkeit in die Irre, verstießen
gegen die Glaubensgesetze und "werden gegen die katholische
Kirche benutzt". Außerdem seien "alle Aktivitäten
von Kazimierz Domanski hartnäckig und eigenwillig erfolgt,
ohne Verbindung mit den Behörden der Römisch-Katholischen
Kirche, trotz mehrmaliger Mahnungen und Warnungen sowie Verboten,
die von den Kirchlichen Behörden des Erzbistums Wroclaw erlassen
wurden".
Weder die Miliz von damals, noch die Kirche von heute kann aber
die "illegalen" Wunder aus der Welt schaffen. Auch trotz
des Interdikts haben viele Gläubige aus ganz Polen ihre Weihnachten
in Olawa verbracht. Manche tranken sogar Wasser aus einem Brunnen,
den sie für heilig und heilend halten. Selbst vereinzelte Pilger
aus Deutschland und Österreich waren am 25. Dezember dabei.
Warum wollte sich die Kirche dieses Phänomen nicht zu eigen
machen, warum hat sie es nicht "bewirtschaftet"? Gerade
in dieser Zeit, da sie in Polen so mächtig ist und durch ihre
unerhörte Habgier und Arroganz sehr viele Seelen verliert,
könnte sie doch ein paar neue Wunder gut gebrauchen !
Eine Antwort darauf gab in der Breslauer Zeitung "Slowo Polskie"
der Priester Malinski vom "Informationszentrum der Dominikaner
über Sekten und Geistliche Bedrohungen". Er meinte nämlich,: "auf alle authentischen Offenbarungen, reagieren die Betroffenen
mit einer überwältigenden Anbetung und dem Gehorsam gegenüber
der Kirche". Selbst Menschen, die in Lourdes oder Fatima Offenbarungen
erlebt haben wollten, seien "der Kirche unbedingt gehorsam".
Mehr noch: "wenn die Offenbarung vom Herrn Domanski dazu führt,
sich der Kirche entgegenzusetzen, so kann sie nicht von Gott stammen".
Das alles schreibe ich am vorletzten Tag des Jahres 1999. Ich schreibe
über Menschen, die Wunder brauchen und an Wunder glauben, und
über Menschen, die "amtlich" für Wunder zuständig
sein und sie reglementieren wollen. Gleichzeitig begegne ich immer
wieder neuen Fragen darüber, ob wir sehr bald vielleicht den
Zorn eines anderen, ebenfalls illegalen Gottes erleben werden.
Dieser Gott heißt Computer und kann unter Umständen
sogar zum Weltuntergang führen. Er kann, so sagen manche Pessimisten,
genau am Beginn des Jahres 2000 russische Atomraketen starten lassen,
Katastrophen in Atomkraftwerken und chemischen Betrieben verursachen,
oder "nur" vereinzelte Menschen, z.B. durch Stromausfall
in Krankenhäusern, töten.
Alles deutet also darauf hin, dass wir fast alle, ob gläubig
oder nicht, doch irgendeinen Gott brauchen - entweder tagtäglich,oder
nur ab und an. Unser ganzes Wissen, wie schnell es sich auch entwickeln
mag, reicht nicht aus.
Not lehrt beten? Dies ist gut möglich, denn auch im neuen
Jahrtausend, egal ob es 2000 oder erst 2001 beginnt, werden wir
nicht in der Lage sein, wirklich alles wissenschaftlich zu erklären. Immer wieder erlebt die Menschheit auf diesem Gebiet sowohl Erfolge,
als auch Niederlagen, wie z.B. erst neulich die Mission des Mars
Polar Lander gezeigt hat.
Und ich bin mir sicher: selbst, wenn ein Silvesterabend 2999/3000
überhaupt jemals stattfinden sollte, werden auch dann viele
Menschen in den echten oder irgendeinen elektronischen Himmel schauen.
Leider werden sie sich zu diesem Zeitpunkt wohl kaum noch an die
Worte eines alten DDR-Hits erinnern können:
" Der Himmel schweigt, ist nicht für Wunder da / Auch
wenn man ihm das Licht verdankt /Der Himmel schweigt und ist mehr
fern als nah / Und über Wolken wächst die Angst ".
3. Januar 2000
 
Notizen von jenseits der Oder
Illegale Götter, oder: der Himmel
schweigt
von Marek Trenkler
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