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18.01.2007

Heinrichs Bittgang nach Canossa



Heinrich bittet Mathilde und Abt Hugo von Cluny um Vermittlung. Bild: Wikipedia

 

Vor 930 Jahren: Am 28. Januar 1077 erscheint Heinrich IV. vor der Burg Canossa. Es ging damals um eine eminent poltische Frage: Wer hat mehr zu sagen - König oder Papst?

 

Von Doris Marszk

 

Mitten im Winter machte sich ein Mann auf, überschritt die Alpen und traf am 28. Januar 1077 an der Burg Canossa südlich von Parma ein, wo er sich im Büßerhemd dem prominentesten Gast dieser Burg zu Füßen warf. Dieser Gast war niemand anders als Papst Gregor VII. und der Büßer war auch nicht irgendwer, sondern der deutsche König Heinrich IV. Drei Tage musste der König in der Kälte ausharren, bis der Papst seine Buße annahm. Hätte es vor 930 Jahren schon unsere mediale Vernetzung gegeben, hätte man über dieses Ereignis sagen können: Die Welt hielt den Atem an. Das tat sie zwar nicht, denn die meisten Menschen jener Zeit erfuhren, wenn überhaupt, erst sehr viel später von diesen Geschehnissen. Gleichwohl war das Ereignis atemberaubend, denn es ging letztlich um nichts Geringeres als die Frage: Wer hat mehr zu sagen -- König oder Papst?

Angefangen hatte alles bereits um das Jahr 1000. Es ging um eine Kirchenreform, die drei Ziele hatte: endlich den Zölibat für alle Geistlichen durchzusetzen, den starken Einfluss von Laien innerhalb der Kirche zurückzudrängen und den Kampf gegen die so genannte Sidonie aufzunehmen. Im Frühmittelalter bedeutete Sidonie, wenn ein Mensch von einem anderen Menschen Gaben des Heiligen Geistes für Geld erwirbt. Dabei machten sich dann sowohl Geber als auch Empfänger schuldig und wurden mit Exkommunikation bedroht.

Zur Zeit von Gregor VII. und Heinrich IV. hatte der Begriff auch schon die schlichte Bedeutung "Kirchenämter-Kauf" angenommen. Mittlerweile war es nämlich sehr verbreitet, dass Geistliche Kirchenämter gegen Bares oder durch Beziehungen erwarben. Wirklich brisant war aber der vergleichsweise harmlos klingende Punkt "Einfluss der Laien in der Kirche". Laie war nämlich auch der König. Und um 1050 unter dem ersten Reformpapst Leo IX. wurde die Auffassung formuliert, dass es eigentlich nicht angehen könne, dass es der König ist, der einen Bischof durch Ring und Stab einsetzt, also "investiert" (daher die spätere Bezeichnung "Investiturstreit").

Jahrelang aber geschah nicht wirklich etwas, was den König berührte. Das Verbot für einen Laien, einen Geistlichen zu ernennen, wurde eher im niedrigeren Bereich der Kirche angewandt, wenn es etwa darum ging, dass ein adliger Herr einen Geistlichen einweisen wollte. Doch dann kam Gregor VII. 1073 auf den Petristuhl. Schon nach zwei Jahren legte dieser äußerst zielstrebige Pontifex kräftig nach: In 27 Sätzen, die als "Dictatus papae" bekannt wurden, fordert Gregor VII. Ungeheuerliches. So heißt es etwa in Satz 26: "Die Übereinstimmung mit der römischen Kirche allein entscheidet darüber, ob jemand außerhalb oder innerhalb der rechtgläubigen Christenheit steht." Satz 12 behauptet gar, dass der Papst Kaiser absetzen dürfe. Und dann Satz 27: Der Papst darf die Untertanen von der Treue gegen ungerechte Könige oder Kaiser entbinden.

Im Sommer 1075 weilte König Heinrich IV. in Mailand und investierte mehrere Bischöfe. Ob Heinrich das Investiturverbot für Laien einfach nicht auf sich als König bezog oder ob er die Provokation suchte, weil dieser Papst ihm allmählich zu mächtig wurde, ist in der Forschung nicht ganz geklärt. Doch als Gregor die Rücknahme dieser Investitur verlangte, widersetzte sich Heinrich. Er sah sich politisch so gefestigt, dass er meinte, dem Papst die Stirn bieten zu können.

Auch die deutschen Bischöfe standen auf Heinrichs Seite. Heinrich ging sogar soweit, Gregor aufzufordern, "vom Stuhl Petri herabzusteigen". Daraufhin erklärte der Papst den König für abgesetzt und -- was für einen mittelalterlichen Herrscher noch schlimmer war -- für exkommuniziert. Dadurch aufgeschreckt, fielen die Bischöfe von Heinrich ab. Und in der weltlichen Politik planten alte Gegner von Heinrich, die Herzöge von Bayern und Schwaben, nun eine neue Königswahl.

Wenn Heinrich König bleiben wollte, musste er also den Bann lösen. Er musste zum Papst reisen und ihn um Wiederaufnahme in die Kirche bitten. Das aber ging nur, wenn er die Forderungen des Papstes anerkannte. Die Zeit drängte nun für den deutschen König, aber es war mittlerweile tiefster Winter. Doch Winter hin oder her, Heinrich musste zum Papst, und der weilte gerade als Gast bei seiner Vertrauten Mathilde von Tuszien auf deren Burg Canossa. Und so sprechen wir heute noch, wenn wir davon sprechen, dass jemand gezwungenermaßen Buße tun oder um Verzeihung bitten muss, vom "Gang nach Canossa".

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