Kunststoff statt Amalgam
Immer öfter greifen Zahnärzte zu Kunststoff als Zahnfüllung. Denn moderne Kunststoffe sehen nicht nur gut aus, sie scheinen auch sehr verträglich zu sein. Und hart genug sind sie allemal.
Von Susanne Heliosch
In den Zahnarztpraxen ist ein neuer Trend zu registrieren: Immer mehr Menschen wünschen sich makellose Zähne, denen nicht anzumerken ist, dass sie repariert wurden. Als Alternative zur metallischen Zahnfüllung mit Amalgam oder Gold entscheiden sich daher viele für die moderne nichtmetallische Füllungsvariante mit Kompositkunststoff.
Wirklich neu ist Kompositkunststoff als Zahnfüllungswerkstoff jedoch nicht. Bereits seit Ende der 60-er Jahre findet er in der Zahnmedizin Verwendung. So wird im Frontzahnbereich seit langem mit Kompositkunststoff gearbeitet. „Neu ist aber, dass man dieses moderne Material heute zudem im Seitenzahnbereich einsetzt“, erklärt Professor Bernd Haller, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie der Universität Ulm.
„Die Zahnfüllung mit Kompositkunststoff ist eine Zahnsubstanz schonende Technik und daher gerade auch für die Erstversorgungen sehr gut geeignet“, betont Haller. Der Zahnarzt entfernt an der entsprechenden Stelle die Karies, das Loch wird gesäubert, die Ränder leicht angeschrägt. Danach kann die weiche Paste aus Kompositkunststoff lagenweise in den Zahn gebracht werden, wo sie Schicht für Schicht aushärtet. Es ist auch möglich im Zahntechniklabor Inlays aus dem Kunststoff zu fertigen, die dann bei einem zweiten Termin eingepflanzt werden. Der entscheidende Unterschied zu den konventionellen Materialien Amalgam und Gold: eine Füllung aus Kompositkunststoff wird nicht einzementiert sondern mit einem speziellen Kleber eingeklebt, wie übrigens auch ein Keramik-Inlay.
„Erst durch die Verbesserung des Klebers in den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Kompositkunststoff als Füllungsmaterial gestiegen“, verdeutlicht Bernd Haller. Wo hört der gesunde Zahn auf, wo beginnt die Füllung? Der Unterschied ist bei einer Amalgam- oder Goldfüllung deutlich sichtbar. Wurde hingegen Kompositkunststoff verwendet, fällt selbst Zahnärzten die Unterscheidung schwer. Denn das moderne Material passt sich optimal dem natürlichen Zahnschmelz an, da es zahnfarben ist.
Für viele Patienten ist der Kompositkunststoff auch deshalb attraktiv, weil sie kein Metall im Mund haben wollen, speziell kein aus Quecksilber hergestelltes Amalgam. Denn nach wie vor haben viele Patienten Amalgamängste. „Prinzipiell darf man Äußerungen, wonach Amalgam Krankheiten und Allergien auslösen kann, nicht von vornherein abtun. Denn individuelle Unverträglichkeiten gibt es“, meint dazu Prof. Bernd Haller. Dass allerdings Personen mit Amalgamfüllungen generell häufiger an Krankheiten wie Krebs, Alzheimer, Parkinson oder Migräne erkranken, sei nicht belegt.
Amalgam ist klar definiert: Ein Metallpartikelpulver aus Silber, Zinn und Kupfer ergibt mit Quecksilber gemischt eine Paste. Im Kompositkunststoff sind wesentlich mehr chemische Substanzen enthalten. Durch sie können Abbauprodukte auftreten, die chemisch noch nicht eindeutig definiert sind.
„Bisher gibt es keine Berichte, aus denen hervorgeht, dass Kompostikunststoff Nebenwirkungen zur Folge hat“, führt Bernd Haller aus. Doch noch sei fraglich, ob der kunststoffbasierte Werkstoff bioverträglicher ist als Amalgam. „Da stehen wir noch am Anfang der Erkenntnisse“, kommentiert der Professor. So wird zunehmend in Tierversuchen die Wirkung der Abbauprodukte des Kompositkunststoffes toxikologisch untersucht. Die Haltbarkeit des Kunststoffmaterials hängt ganz davon ab, wie sorgfältig die Füllung durchgeführt wurde und welchen Belastungen sie ausgesetzt ist. Generell müsse der Zahnarzt bei einer Füllung mit Kompositkunststoff ganz besonders gründlich arbeiten, sagt Bernd Haller. Daher lohne es sich für den Patienten, einen mit dieser Technik erfahrenen Zahnarzt auszuwählen. Denn die rund einstündige Behandlung pro mehrflächiger Seitenzahnfüllung, ist nicht von Pappe. Das Kleben erfordert ein Anätzen des Zahnes. Wird diese Zahnsubstanz nicht wieder sehr gut versiegelt, weil nachlässig gearbeitet wurde oder der Kleber schlecht war, könne es zu postoperativen Beschwerden kommen. Dann hat der Patient zwar eine schöne Füllung, kann darauf aber nicht beißen.
„Dass auch Füllungen aus Kompositkunststoff irgendwann einmal wieder entfernt werden müssen, ist nicht auszuschließen“, gibt Bernd Haller zu bedenken. Und die Prozedur ist kompliziert. Denn je zahnfarbener die Füllung, desto schwieriger sei es, beim Entfernen die Grenze zum gesunden Zahn zu finden. Zudem muss der Kunststoff Stückchen für Stückchen abgeschliffen werden. Zwangsläufig gehen dabei auch Teile des gesunden Zahnes mit ab. Untersuchungen belegen, das beim Entfernen von Kompositkunststoff mehr gesunde Zahnsubstanz verloren geht, als dies beim Amalgam der Fall ist.
Doch das Material hat einen unbestechlichen Vorteil. Es lassen sich damit kleine Randverfärbungen und Defekte reparieren. Denn auf vorhandenem Kompositkunststoff kann neuer geklebt werden. „Es ergibt zwar keinen hundertprozentigen Verbund“, erklärt Bernd Haller, „aber die lädierte Stelle kann ausgebessert werden, ohne die ganze Füllung zu entfernen“.
Die Seitenzahnfüllung mit Kompositkunststoff gehört nicht zur Regelversorgung der Krankenkassen, wie etwa eine Füllung mit Amalgam. Daher muss der Patient für die Mehrkosten selbst aufkommen. Jeder Zahnarzt beruft sich dabei auf seine individuelle Kalkulation. Ausschlaggebend ist unter anderem die Defektgröße. So muss der Patient für eine Seitenzahnfüllung mit Kompositkunststoff 30 bis 80 Euro zuzahlen. Bernd Haller: „Aber das ist immer noch eine preisgünstige Alternative, wenn es schön und zahnfarben und metallfrei sein soll.“ |