 Forschung mit Vorbildcharakter?
Das Weizmann-Institut in Israel ist für seine Forschung berühmt. In Österreich hat man es gar zum Modell für das Institute for Science and Technology Austria (Ista) in Klosterneuburg erkoren. Kann man eine Einrichtung für Spitzenfgorschung einfach imitieren? Ein Lokalaugenschein.
von Klaus Taschwer
Ilan Chet, der Präsident des Weizmann-Instituts, hat in den vergangenen Monaten mehrmals Gäste aus Österreich empfangen. „Vor kurzem erst war wieder eine Delegation aus Niederösterreich da“, berichtet er. „Die haben sich am Campus umgeschaut und in bautechnischen und rechtlichen Fragen informiert.“ Ende des Vorjahrs hat es sich auch Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer nicht nehmen lassen, das Institut zu besuchen – und wurde überzeugt, dass man in Österreich etwas Ähnliches versuchen sollte. Rein technisch sei es schon möglich, das Institut nachzuahmen, meint Chet.
Aber er bezweifle, dass man auch den besonderen Geist kopieren könne. „Doch gerade der ist ganz wichtig – ebenso wie der Stolz der Institutsmitglieder, hier arbeiten zu dürfen.“ Ihre Arbeitsstätte ist nicht nur eine international renommierte Spitzenforschungseinrichtung, sondern auch untrennbar mit der Geschichte Israels verbunden: Der erste Leiter des 1934 gegründeten Instituts, der Chemiker Chaim Weizmann, war ab 1948 erster Staatspräsident.
Doch auch die wissenschaftlichen Erfolge des naturwissenschaftlichen Exzellenzzentrums machen den aktuellen Präsidenten stolz: „Gemeinsam mit Harvard und dem MIT sind wir zum Beispiel eines der drei führenden Zentren in der Systembiologie“, erklärt Chet, der selbst in diesem Bereich forscht. Auch in anderen interdisziplinären Forschungsfeldern kann sich das Weizmann-Institut mit den besten Unis der Welt messen: In den Neurowissenschaften gehört es ebenso zu den ersten zehn der Welt wie in der Nanotechnologie.
Das Gebäude, in dem am Allerkleinsten geforscht wird, heißt allerdings Center for Submicron Research. „Das liegt einfach daran, dass man es bereits 1993 gegründet hat“, sagt Israel Bar-Joseph. „Und damals war Nano noch kein wissenschaftliches Modewort.“ Der Vorstand des Departments für Festkörperphysik und einer der 200 Professoren des Weizmann-Instituts hat im Vorjahr mit einem Aufsatz für das Wissenschaftsmagazin „Nature“ aufhorchen lassen: Er beschrieb darin erstmals die Grundlagen für einen Nanotransistor. Seine Gäste empfängt der Spitzenforscher ganz unprofessoral in einem kurzärmligen Hemd und Jeans und nimmt sich Zeit, ihnen geduldig einige Grundlagen der Nanotechnologie zu erklären.
Forschung für den Nachwuchs.
Wissenschaftsvermittlung wird am Weizmann-Institut im Übrigen auf allen Ebenen groß geschrieben. Zum einen ist es mit seiner Feinberg Graduate School die wichtigste Ausbildungsstelle für den naturwissenschaftlichen Nachwuchs Israels: Zurzeit bildet man rund tausend Studierende aus, die freilich alle schon mit einem Abschluss ans Institut kommen. Zum anderen spielt das Institut mit dem Science Teaching Department eine Schlüsselrolle bei der naturwissenschaftlichen Ausbildung an den Schulen.
Am Institut werden nicht nur die naturwissenschaftlichen Lehrpläne für die israelischen Schulen entwickelt, auch die meisten Lehrmaterialien – Bücher, Zeitschriften und (Computer-)Spiele – entstehen hier. Und um die ganz Kleinen auch schon für Forschung zu begeistern, gibt es am Weizmann-Institut eine Youth Activities Section, an deren Angeboten bis zu 20.000 Kinder und Jugendliche jährlich teilnehmen. Dazu gehören Mathematikolympiaden ebenso wie Workshops zu Wissenschaft und Musik. Und auch originelle Wettbewerbe stehen auf dem Programm: Bei einer der letzten Veranstaltungen dieser Art ging es darum, ein rohes Ei vom Turm des Teilchenbeschleunigers zu werfen und es zuvor so zu verpacken, dass es den Flug überstand.
Millionäre am Campus.
Michael Epstein ist Herr über einen anderen Turm am gepflegten Campus des Instituts, das eigentliche Labor der riesigen Solarforschungsanlage namens Heliostat. 64 Spiegel sind auf die Spitze des Turms gerichtet, wo man buchstäblich „heiße“ Experimente durchführt: Der Chefingenieur für Solartechnologie sucht mit seinen Kollegen nämlich nach Methoden, wie man aus Sonnenenergie Wasserstoff herstellen und so fossile Energieträger ersetzen kann.
Obwohl oder gerade weil er sich mit höchst praktischen Fragen beschäftigt, beharrt Epstein strikt auf dem Vorrang der Grundlagenforschung: „Im Vergleich zu wissenschaftlichen Artikeln“, sagt Michael Epstein, „sind Patente zweitrangig. Schließlich sind die Artikel die Grundwährung der Wissenschaft.“ Trotz der Ablehnung jeder Art von angewandter Forschung für die Industrie sind einige Wissenschaftler am Campus Millionäre geworden – und das Weizmann-Institut auch zu einer wirtschaftlich erfolgreichen Einrichtung: „Zwei bis sechs Start-up-Unternehmen wurden zuletzt pro Jahr ausgegründet“, bilanziert Ilan Chet, „und wir melden siebzig bis achtzig Patente jährlich an.“ Zurzeit verdient das Institut rund hundert Millionen US-Dollar jährlich durch Lizenzeinnahmen und Patenterlöse – mehr als jede US-Universität. Hauptverantwortlich dafür sind zwei Medikamente gegen multiple Sklerose.
An dem Beispiel zeigt sich aber auch, wie lange es brauchen wird, um es dem Weizmann-Institut nur einigermaßen nachzumachen. Die Verträge mit den Pharmafirmen schloss man in den 1980ern. „Und in den Neunzigerjahren gab es jede Menge rechtlicher Streitigkeiten mit ihnen“, erinnert sich Haim Harari, der in dieser Zeit Präsident des Weizmann-Instituts war.
Technologietransfer mit Tradition.
Harari war bis vor kurzem der Leiter einer Expertengruppe, die Vorschläge für die weitere Vorgangsweise in Sachen Ista machte. Vermutlich weiß er am besten, wie schwierig es ist, das Modell des Weizmann-Instituts nach Österreich zu transferieren. Das liegt nicht zuletzt am ganz anderen Verständnis für Technologietransfer, der hier eine lange Tradition hat. Bereits 1959 gründete man ein eigenes Unternehmen namens Yeda (Hebräisch für „Wissen“), das sich seitdem um die kommerzielle Nutzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse kümmert.
Die Rechte der Wissenschaftler sind dabei ganz klar festgelegt: Sie bekommen vierzig Prozent der Einnahmen, der andere Teil geht an das Institut. „All diese Dinge müssen ganz genau geregelt sein“, weiß Harari aus eigener Erfahrung, „denn keinen Besitz kann man leichter stehlen als geistiges Eigentum. Es gibt mindestens zehn verschiedene Möglichkeiten, um aus Entdeckungen Geld zu machen: Lizenzgebühren, Firmenanteile, Optionen und vieles andere mehr. Und das Institutsmanagement muss auf jede einzelne genau achten.“
Auch bei einer anderen Einnahmequelle wird das Weizmann-Institut ein unerreichbares Vorbild bleiben: Fast ein Viertel des jährlichen Budgets stammt aus Schenkungen und Spenden von jüdischen Unterstützern aus der ganzen Welt. So gut wie jeder Lehrstuhl und jedes Gebäude ist nach einem Spender benannt – entsprechend übersät sind die Institutsgebäude mit Ehrentafeln. Ein Teil der Einnahmen und der Schenkungen wird in eine eigene Stiftung gesteckt.
„Dieses Geld wird im Idealfall nie verwendet“, erklärt Harari, „sondern ausschließlich die Einkünfte daraus. Bei der Führung eines Spitzenforschungsinstituts ist heute deshalb auch sehr viel Finanzmanagement gefragt. Vor zwanzig Jahren war das noch ganz anders.“
Das Weizmann-Institut Zahlen, Daten, Fakten
Das Institut wurde 1934 in Rehovot gegründet, einer Kleinstadt südlich von Tel Aviv. Es hat heute 2500 Mitarbeiter (inklusive der rund tausend Studierenden, 600 Postdocs, 200 Professoren, Techniker und Verwaltungspersonal). 15 Prozent der Studierenden kommen aus dem Ausland. Die fünf Fakultäten und 18 Abteilungen sind auf 78 Gebäude am 1,2 Quadratkilometer großen Campus verteilt. 2005 betrug das Budget 200 Millionen US-Dollar, davon kommen 36 Prozent vom Staat, 24 Prozent aus klassischen Drittmitteln und 22 Prozent aus Spenden. |