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 Bilder, die bleiben
Woher kommt es, dass uns gewisse Bilder im Gedächtnis bleiben und andere nicht? Wie aussergewöhnlich muss das Foto sein, dass es bedeutsam wird? Und was macht das Bild der AP-Fotografin Jane Mingay zu einem Symbol für den Terror in London? Ein Essay
von Hans Durrer
Die Lage auf dem Markt der Wahrnehmungen und Einsichten ist einigermassen verwirrlich: nichts scheint sicher, vieles möglich, fast alles relativ. Ein Naivling, ja ein Narr, der erwartet, auf eine klare Frage eine ebenso klare Antwort zu erhalten: gute Frage (das wussten wir, sonst hätten wir sie nicht gestellt), es ist schwer zu sagen (wäre es einfach, hätten wir uns die Antwort gleich selber gegeben), es kommt drauf an (wer wüsste das nicht) – so tönt es regelmässig, wenn wir uns von andern Klarheit erhoffen, die uns selbst, so wir denn aufrichtig, fast immer fehlt. Mit andern Worten: wir leben in Zeiten, in denen so vieles relativ scheint, dass man sich gelegentlich fragen mag, ob denn eigentlich, im intellektuellen Dialog, und nur da, überhaupt noch etwas verbindlich sei?
Hört man in Diskussionen: ‚Wir sehen die Dinge halt verschieden’, dann ist dies nicht wörtlich zu verstehen, nicht zuletzt, weil ja sonst die Augenärzte heillos überfordert wären. Gemeint ist vielmehr: wir bewerten, was unsere Augen uns zeigen, unterschiedlich. Und jeder wiederum auf seine Art. So weiss zum Beispiel ein jeder, dass ein und dasselbe Foto auf ganz verschiedene Weise wahrgenommen werden kann und womöglich auch wird; ein Sachverhalt, der das russische Sprichwort: ’Er lügt wie ein Augenzeuge’ (die Variante ‚Sie lügt wie eine Augenzeugin’, obwohl denkbar, ist mir bisher nicht begegnet) treffend auf den Punkt bringt.
Wenn also jeder in seiner eigenen Welt lebt, mithin alles subjektiv ist, wie kommt es dann, dass uns allen gewisse Bilder – man denke etwa an das Porträt von Che Guevara, das noch heute, fast 39 Jahre nach seinem Tod, weltweit zu sehen ist – im Gedächtnis bleiben und andere nicht. Sicher, nicht allen bleiben die gleichen Fotos haften, doch einige Aufnahmen scheinen etwas an sich zu haben, dass sie uns allen unvergesslich macht. Uns allen, wirklich? Natürlich nicht allen, aber vielen, denn ein paar Voraussetzungen braucht es schon: zum einen müssen die Bilder um die Welt gegangen und auch oft wieder gezeigt worden sein, zum andern können Fotos nur diejenigen erreichen, die sie auch anschauen und sich dafür interessieren. Nicht dass das genügen würde, es braucht mehr, es braucht das gewisse Etwas, das ein populäres Bild zu einer Ikone macht: aussergewöhnlich muss das Foto sein, sei es als Komposition, sei es wegen der Bedeutung des Ereignisses, das es abbildet, sei es, dass es infolge späterer Ereignisse plötzlich nachträglich bedeutsam wird.
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Fotos, um verstanden zu werden, müssen befragt werden: wer hat die Aufnahme gemacht, und wo, und was zeigt sie etc.? - das journalistische Einmaleins ist also gefragt. Auch den Zusammenhang herzustellen, das Bild zu kontextualisieren, ist nützlich.
Ein Beispiel: das Foto von der Frau mit der Maske, das die Fotografin Jane Mingay bei der Station Edgeware Road machte und das für viele die bestimmende Aufnahme der Angriffe auf die Passagiere der Londoner U-Bahn am 7. Juli 2005 geworden ist (Es sei, wenn auch am Rande, betont: auch wenn die Medien ständig von einem Angriff auf die Londoner U-Bahn berichtet haben, der Angriff richtete sich auf die Menschen in der U-Bahn, nicht auf die U-Bahn. Das versteht sich? Nein, das soll betont werden).
Viele hätten russige Gesichter und zerrissene Kleider gehabt, berichtete die Fotografin. Und alle hätten extrem schockiert, einige traumatisiert gewirkt und geweint. Die verletzte Frau mit der Brandschutzmaske wurde von einem andern U-Bahn-Passagier über die Strasse geholfen: „When I saw the lady in the mask I was extremely shocked and I realized fully the gravity of the situation. She walked across the road and there seemed to be an utter silence of empathy and emotion all around.”
Als vor ein paar Tagen, auf CNN, der Passagier, welcher der Frau über die Strasse geholfen, interviewt wurde, sagte er, es gehe ihr gut, sie arbeite wieder und wolle anonym bleiben. Man ist froh, dass dieser Wunsch respektiert wird.
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Wie kommt es, dass gerade dieses Bild die Londoner Anschläge symbolisiert?
Aber: stimmt das überhaupt? Und wie komme ich eigentlich zu dieser Behauptung?
Klar, meine Einschätzung ist eine persönliche. Was soll sie denn sonst sein? Oder gibt es vielleicht Leute, die objektiv wahrnehmen?
Andrerseits, auch wenn meine Einschätzung subjektiv ist – nein, ich habe mich nicht durch Hunderte von Fotos durchgesehen, um das wirklich ultimativ typische Bild zu finden; ich habe ganz einfach, wie der Medienkonsument das so tut, die Bilder, die mir präsentiert wurden, auf mich wirken lassen – gehe ich doch davon aus, dass andere, die sich mit diesen Bildern befasst haben, zu einem ähnlichen Schluss kommen werden, denn schliesslich halte ich meine eigene Wahrnehmung und Einschätzung der Dinge für derart speziell nun auch wieder nicht.
Wieso stockt mir immer wieder der Atem, wenn ich mir dieses Foto ansehe, was macht dieses Bild so aussergewöhnlich?
Zuerst: dass es, obwohl es etwas zeigt (die Brandschutzmaske), so recht eigentlich etwas verbirgt (das Gesicht, das es schützt) und damit mein Vorstellungsvermögen, meine Fantasie antreibt: ist ihr Gesicht derart verunstaltet, dass man es nicht sehen darf? Nicht dass ich es wissen möchte.
Dann aber auch: weil es über sich hinausweist, sich der Betrachter ganz automatisch vorzustellen beginnt, was denn sonst noch alles passiert ist bei diesen Bombenexplosionen, das man nicht gesehen hat und wohl auch nie sehen wird – und es ist in diesem Sinne, dass ein Bild mehr auszudrücken vermag als tausend Worte: weil ein Foto oft eher Anregungen und Hinweise auf Ereignisse gibt als dass es diese wirklich darzustellen vermag und dadurch im Kopf des Betrachters einen – seinen eigenen – Film ablaufen lässt.
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Es gibt Bilder – und ich rechne das Bild von der Frau mit der Maske dazu – die in uns etwas berühren, das uns allen gemeinsam ist und die deshalb gleichsam zu Ikonen werden. Das Foto von Kim Phuc aus dem Vietnamkrieg gehört dazu Das Foto wurde 1972 auf der Strasse nach Tay Ninh aufgenommen. Ein südvietnamesisches Flugzeug hatte (ein Akt von ‚friendly fire’) gerade Napalm abgeworfen, dieses hatte dem Mädchen Kim Phuc die Kleider versengt und schwerste Verbrennungen zugefügt. Der Fotograf Nick Ut, der die Aufnahme machte, brachte die Verletzte anschliessend ins Spital
Auch wer mit dem Vietnamkrieg nicht vertraut ist, wird, so stelle ich mir vor, Zuneigung, ja Mitleid mit dem Mädchen empfinden, es trösten, ihm helfen wollen. Und er (oder sie, wie immer) wird wollen, dass so ein Krieg aufhöre – und zum Kriegsende hat auch, nach heute gängiger Auffassung, dieses Foto beigetragen.
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Sieht man sich Fotos wie das von der Frau mit der Maske an, und lässt den Horror zu, der sich einem dabei bemächtigt, erahnt man, weshalb die derzeitige amerikanische Regierung angeordnet hat, dass die Särge gefallener Soldaten nicht gezeigt werden dürfen, glaubt sich das Wutgebrüll im Pentagon vorstellen zu können, als die Bilder von Abu Ghraib um die Welt gegangen sind, denn Fotos entwickeln oft ein Eigenleben und dessen sind sich die Mitarbeiter von Propagandaabteilungen (die heutzutage unter ‚Public Information’ fungieren) bestens bewusst. Oder sollten es zumindest sein – das Bild von George W. Bush unter dem Banner „Mission Accomplished“, weist daraufhin, dass, entweder, sie es nicht immer tun, oder aber, dass, wenn sie es tun, nicht immer auf sie gehört wird.
Welches Foto einmal den Irak-Krieg symbolisieren wird (es können auch mehrere sein), wissen wir noch nicht, doch wir können davon ausgehen, dass die verschiedenen Interessengruppen sich dazu schon längst Gedanken gemacht haben und machen. Durchaus möglich, dass es „Mission Accomplished“ sein wird, allerdings wohl nicht im Sinne, wie es sich der Regisseur dieser Inszenierung damals gedacht hat.
Es kann aber natürlich auch ein ganz anderes Bild sein, schliesslich hat jede Sache bekanntlich vier Seiten: eine, die ich sehe, eine die du siehst, eine, die wir beide sehen und eine, die wir beide nicht sehen.

Hans Durrer
Jahrgang 1953, ist der Autor von Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press, Bangkok, 2006). Er lebt als Coach und Berater für interkulturelle Kommunikation in Sargans, Schweiz Bild: Blazenka Kostolna
Homepage: www.hansdurrer.com
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Zum Thema:
Das ganze Bild von Jane Mingay / AP bei Stern.de
The London Bombings, by Jane Mingay
Mehr zum vietnamesichen Fotografen Nick Ut und seinen Bildern


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