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02.08.2006

Vom Elfenbeinturm herabgestiegen



TU Gebäude in Braunschweig / Bild: photocase.com

 

Mitarbeiter an Uni-Pressestellen standen früher in dem Ruf, ein ruhiges Leben zu genießen. Inzwischen haben jedoch die Wissenschaftler selbst die Macht und Lust des Publizierens entdeckt und stellen damit den Alltag der Pressestellen gründlich auf den Kopf.

 

von Britta Knospe

 

Professoren sitzen von früh bis spät hinter einem wuchtigen Schreibtisch. Hinter ihnen Regale, bis zur Decke mit Büchern gefüllt, vor ihnen Berge von Papier. Sie sehen nichts und hören nichts, denn sie sind vertieft in ihre Forschung, ihr Lebenswerk.

Die Zeiten, in der wir uns den Alltag eines Wissenschaftlers so vorstellen mussten, sind vorbei. Der Wissenschaftler von heute will präsent sein, in der eigenen Universität, in den Medien und bei möglichen Förderern seiner Projekte. Doch wer bekannt sein will, muss vor allem eines: kommunizieren. An den Universitäten ist das die Aufgabe der Pressestellen.

„Wir werden nahezu überrollt von Themenangeboten“ berichtet die Pressesprecherin der Technischen Universität Berlin Dr. Kristina R. Zerges. Ein Arbeitstag in der Pressestelle der TU beginnt für sie vor allem mit einem: lesen, lesen, lesen. Unzählige E-Mails, Anfragen und Berichte von Wissenschaftlern, Uni-Kollegen und Journalisten gehen jeden Tag dort ein.

Zerges weiter: „Die Wissenschaftler begrenzen sich heute nicht mehr auf eigene wissenschaftliche Fachpublikationen. Angesichts von Exzellenzwettbewerb und Geldknappheit sollen die Forschungsprojekte und -erfolge auf jede denkbare Weise präsentiert und verwertet werden.“ Nicht umsonst gibt die Uni-Pressestelle eine Vielzahl von Publikationen heraus. Da ist die Hochschulzeitung „TU intern“, das Alumni-Magazin „parTU“ und das Wissenschaftsmagazin „Forschung aktuell“.

Letzteres besteht nicht nur aus dem Themenmagazin, das als Hochglanzbroschüre ein Mal im Jahr erscheint. „Forschung aktuell“ enthält außerdem den so genannten Wissenschaftsdienst. In Form von Wissenschaftsartikel werden regelmäßig Medienvertreter, Absolventen, Unternehmen und Politiker journalistisch über Forschungsprojekte informiert. Zahlreiche Serviceleistungen wie Expertendienst, E-Mail-Abo oder Internet-Downloads sollen die Informationsflut in thematische Bahnen lenken und die Kontaktaufnahme zu den Wissenschaftlern erleichtern.

 

Publizieren aber auch verwalten

 

Mit dem preisgekrönten Publikationskonzept ist die Arbeit der TU-Pressestelle jedoch keineswegs zu Ende. Neben der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Journalisten haben die Mitarbeiter auch eine Vielzahl von Verwaltungsaufgaben zu bewältigen. Die Teilnahme an Sitzungen der Universitätsgremien und externen Veranstaltungen ist unerlässlich. Denn das A und O einer Pressestelle ist: informiert sein! Doch Sitzungen kosten Zeit, für die Vorbereitung, Teilnahme und Auswertung. Und fast nebenbei gibt Zerges mit ihrer Mitarbeiterin Steffi Terp aus der TU-Pressestelle noch Lehrveranstaltungen zum Thema Öffentlichkeitsarbeit.

 

Spagat zwischen Wissenschaft und Wissenschaftsvermittlung

 

Bei all den Aufgaben der Pressestelle geht es immer um die verständliche Vermittlung von Wissenschaft. Die vier Pressereferenten müssen sich jeden Tag neu in verschiedene, oft komplizierte Themen einarbeiten. Doch manchmal ist die Unterstützung von freien Journalisten nötig, die ein Fachstudium absolviert haben. Schließlich sind die Mitarbeiter der Pressestelle vor allem Kommunikationsprofis und nicht gleichzeitig Chemiker, Physiker, Mathematiker und Psychologen. „Doch die geeigneten Helfer sind manchmal nicht leicht zu finden“, weiß Zerges, „zwar gibt es genügend Fachleute, doch diese müssen ja auch wissenschaftsjournalistische Kompetenzen mitbringen.“

Problematisch ist außerdem, dass die Wissenschaftler oft völlig andere Vorstellungen vom Publizieren haben als die Mitarbeiter der Pressestelle. Letztere müssen nicht nur aus seitenlangen Fachprotokollen kurze und spannende Artikel zaubern sondern auch aus der Vielzahl von Themenangeboten das auswählen, was z.B. für die Medien berichtenswert sein könnte. „Da mag z.B. die Verleihung eines Preises für einen Wissenschaftler persönlich noch so wichtig sein, aber aus journalistischer Sicht völlig uninteressant. Das ist dann manchmal den Uni-Kollegen schwer zu vermitteln“ erzählt Stefanie Terp, Pressereferentin der TU. „Auch dass eine Pressemitteilung oder Pressekonferenz, deren Thema die wichtigsten Nachrichtenfaktoren nicht erfüllt, selten zu einem Artikel in der Zeitung führt, ist für viele Wissenschaftler nicht nachvollziehbar.“

 

Aber bitte nicht Boulevard!

 

Trotz aller Begierde nach Öffentlichkeit bleiben die Wissenschaftler wählerisch. So findet die Pressestelle massenhaft Freiwillige, die Spiegel & Co. für Interviews zur Verfügung stehen. Wenn jedoch die Boulevard-Blätter einen Experten suchen, halten sich die Wissenschaftler diskret zurück oder weigern sich sogar. Scheinbar ist die zu erlangende Reputation hier nicht attraktiv genug. Für Kristina Zerges sind solche Situationen schwer zu managen: „Für uns sind alle Medien gleich. Es kommt darauf an, Wissenschaft im Zusammenhang mit der Technischen Universität ins Gespräch zu bringen und Bild und BZ gehören nun mal zu den Medien mit der höchsten Auflage. Das versuchen wir den Wissenschaftlern immer wieder klar zu machen.“

So sind die Professoren und Forscher also doch noch nicht ganz von ihrem Elfenbeinturm herabgestiegen. Sie wissen, dass sie mit anderen Universitäten und Wissenschaftlern um Aufmerksamkeit und Geld buhlen müssen. Sie wissen auch, dass dafür Publicity nötig ist. Doch in dem ganz realen, täglichen Kampf um Resonanz in der deutschen Medienlandschaft müssen sie sich noch zurechtfinden.

 

 

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Wissenschaftskommunikation im SS 2006 am Institut f. Publizistik an der FU Berlin.

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