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10.08.2006

Konfuzius entdeckt Deutschland


 

Einhundert Millionen Menschen sollen bis zum Jahr 2010 chinesisch als Fremdsprache lernen. Für diesen ehrgeizigen Plan der Pekinger Regierung werden derzeit einhundert Konfuzius-Institute weltweit gegründet, eines davon in Berlin.

 

Von Sarah Genner

 

Das große Reich der Mitte hat beste Voraussetzungen, um zur Weltmacht aufzusteigen. Auf unzähligen weltweit verkauften Produkten steht heute schon „Made in China“ und der Handelsbilanz-Überschuss des Landes hat inzwischen bereits 15 Milliarden Dollar erreicht. Auf dem Weltmarkt hat sich China längst eine starke Position erkämpft. Zusätzlich zur wirtschaftlichen Expansion setzt die chinesische Regierung mit der Gründung von Konfuzius-Instituten nun auf die Förderung von chinesischer Sprache und Kultur im Ausland. Das erste der sieben geplanten deutschen Institute ist im April 2006 in Zusammenarbeit der Freien Universität Berlin (FU) mit der Universität in Peking entstanden. Aus gutem Grund: Beide Universitäten arbeiten bereits seit 25 Jahren erfolgreich zusammen.

Das neue Konfuzius-Institut Berlin ist der FU angegliedert, wird aber gemeinsam von der Pekinger Universität und der FU finanziert. Die Initiative zur Institutsgründung geht auf die „nationale staatliche Leitungsgruppe für chinesisch als Fremdsprache“ zurück, eine von elf chinesischen Ministerien unterstützte Koordinationsstelle.

Während drei Jahren erhält das neue Konfuzius-Institut eine Anschubfinanzierung aus China. Die Universität Peking stellt neben einer hoch qualifizierten Chinesisch-Lehrerin Computer, Bücher und Büromaterial zur Verfügung. Im Gegenzug bietet die FU Berlin Infrastruktur sowie Räumlichkeiten. Nach drei Jahren allerdings sollen sich Konfuzius-Institute aus eigener Kraft finanzieren. Wie dieses Ziel erreicht wird, bleibt der lokalen Leitung überlassen. „Wir setzen stark auf Sprachkurse für ein breites Publikum“, erklärt Dagmar Yu-Dembski, Geschäftsführerin des Berliner Instituts. „Das neue Konfuzius-Institut in Nürnberg-Erlangen setzt dagegen eher auf Sponsoring-Verträge.“

 

Kulturexport als subtile Machterweiterung

 

Die Kultur-Offensive Chinas ist bereits seit einigen Jahren in Vorbereitung. Nach einem Bericht der Tageszeitung „Die Welt“ betonte Chinas Propaganda-Chef Li Changchun auf dem „ersten Weltkongress der chinesischen Sprache“ im letzten Jahr, dem Vorhaben, der Welt chinesisch beizubringen, würde von Partei und Regierung höchste Priorität eingeräumt. Das chinesische Engagement passt dabei gut zu politischen Theorien, die auch in den USA vertreten werden.

So unterscheidet der US-amerikanischen Politologe Joseph Nye im Bereich staatlicher Machtpolitik zwischen „Hard Power“ (Militär und Wirtschaft) und „Soft Power“ (kulturelle Werte) eines Landes. Gemäß Nyes Theorie besteht die Macht der USA nicht allein durch militärische Überlegenheit und das Dollar-Imperium; die Macht der „Soft Power“ wirke viel subtiler. Diese bringt er auf die Kurzformel „Harvard und Hollywood“. Amerikanische Wissenschaft und die weltweite Verbreitung des „American way of life“ auf Kinoleinwänden und Fernsehbildschirmen machen für ihn die subtile Anziehung der USA aus, die effektiver wirke als offensichtliche Machtdemonstrationen.

Kein Wunder also, dass die chinesische Führung von den Konfuzius-Instituten erwartet, dass neben der Sprachvermittlung auch chinesische Filme und TV-Programme gezeigt werden und dass der akademische Austausch gefördert wird. Die Institute sollen zudem dazu beitragen, dass an öffentlichen Schulen chinesisch als Fremdsprache gelernt werden kann. Das Berliner Konfuzius-Institut setzt sich deshalb dafür ein, dass an deutschen Schulen ab der 9. Klasse chinesisch bald als Wahlpflichtfach gewählt werden kann und bietet neben einer breiten Palette an Sprachkursen auch Sommerkurse für Jugendliche ab 14 Jahre an. (Siehe Kasten)

 

Vermittlung zwischen verschiedenen Welten

 

Neben der kulturellen Offensive könnte die Einrichtung der Konfuzius-Institute jedoch noch einen weiteren Grund haben: Chinas Politik stößt im Westen seit Jahren auf massive Vorbehalte. Das beginnt bei Fragen der Menschenrechte, der Besetzung Tibets und dem wiederholte Anspruch auf Taiwan, der Internet-Zensur und endet bei der mangelnden Aufarbeitung der Regierungszeit Mao Tse-tungs. Während seiner Herrschaft, so schätzen westliche Historiker, starben 70 Millionen Menschen an den Folgen seiner Wirtschaftspolitik und durch staatliche Verfolgung. Eine grundlegende Kritik an Mao ist jedoch in China noch heute tabu.

Welche Auswirkungen wird die offizielle chinesische Haltung auf die Inhalte haben, die an den Konfuzius-Instituten vermittelt werden? Im Gremium des Berliner Konfuzius-Instituts sitzen immerhin keine Vertreter der chinesischen Regierung. „Wir haben uns zudem dafür eingesetzt, dass der Geldfluss über die Peking-Universität läuft und nicht direkt von der Regierung kommt,“ sagt Geschäftsführerin Yu-Dembski. Das Institut muss aber gegenüber Peking jährlich Rechenschaft über Ausgaben und Einnahmen ablegen.

Angst vor Zensur hat man auch nicht an der FU. Mit dem Fach Sinologie am Ostasiatischen Seminar der FU besteht bereits eine enge Zusammenarbeit. Sinologie-Professorin Mechthild Leutner ist zugleich auch Direktorin des Berliner Konfuzius-Instituts. So können Synergien genutzt werden, auch wenn sich die inhaltliche Ausrichtung der beiden Institute unterscheidet. Das Fach Sinologie ist eher auf die rein wissenschaftliche Auseinandersetzung mit China ausgerichtet. Im Gegensatz dazu versteht sich das Konfuzius-Institut als Vermittlungsstelle im Dreieck Wirtschaft, Wissenschaft und Politik und kann aus Sicht der FU als „akademisches Goethe-Institut“ für chinesische Sprache und Kultur verstanden werden. Während aber die deutschen Goethe-Kulturinstitute derzeit in Westeuropa auf dem Rückzug sind, hat die chinesische Kultur-Offensive unter der Konfuzius-Flagge gerade erst begonnen.

 

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars für Wissenschaftskommunikation am Institut f. Publizistik an der FU Berlin. Sarah Genner ist Studentin an der Universität Zürich, zurzeit im Austauschsemester in Berlin. Ihren Blog finden Sie hier

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Zum Thema



Chinesischkurse für Groß und Klein

Das Konfuzius-Institut bietet Chinesischkurse zum Schnuppern, zum Einsteigen, für Chinareisende, Konversation, Intensivkurse, Wirtschaftschinesisch und Vorbereitungskurse auf das offizielle Diplom für Chinesisch als Fremdsprache HSK. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Fortbildung für Chinesisch-Lehrkräfte. Neu im Programm sind Kurse für Schüler und Schülerinnen ab 14 Jahre.

Schließlich können auch Wochenend-Kurse für chinesische Malerei oder Kalligraphie belegt werden.

 

 




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