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06.04.2006 We Feed The World
Regisseur Erwin Wagenhofer geht in seiner Dokumentation unter anderem der Frage nach, woher die Billigtomaten aus unseren Supermärkten kommen und behandelt dabei die weit reichenden Folgen industrialisierter Landwirtschaft.
Von Michael Kienzl / critic.de
We Feed The World beginnt mit Bildern von riesigen Brotbergen, die in Wien täglich auf dem Müll landen. Die Menge an täglich entsorgten und durchaus noch genießbaren Backwaren ist derart groß, dass man die gesamte Bevölkerung der Stadt Graz damit ernähren könnte. Regisseur Erwin Wagenhofer nimmt diesen Überfluss an Nahrungsmitteln als Einstieg für seine systematische Offenlegung der Nachteile einer zunehmend industrialisierten und globalisierten Landwirtschaft. Ausgehend von Wien verschlägt es Wagenhofer an die Produktionsstätten von in Österreich verkaufter Billigware wie Tomaten aus Spanien, Getreide aus Brasilien oder Fisch aus Frankreich. Dabei geht es ihm vor allem um die nicht zu unterschätzenden globalen Folgen, die durch den Konkurrenzkampf europäischer Lebensmittelkonzerne um den niedrigsten Verkaufspreis entstehen, sowie um das daraus resultierende, immer größer werdende Gefälle zwischen dem Überfluss der westlichen Welt und der Hungersnot in ärmeren Ländern. Wagenhofer deckt in seiner Dokumentation die Mechanismen ausschließlich kapitalorientierter Konzerne auf und verfolgt damit ein ähnlich ambitioniertes Ziel wie erst kürzlich der Film Darwin’s Nightmare (2004). In Kapiteln mit scheinbar absurden Zwischentiteln wie „Warum unsere Hühner den Regenwald auffressen“ wird mithilfe eines fachkundigen Gesprächspartners jeweils ein bestimmter Standort und die dort produzierte Ware in den Mittelpunkt gestellt, wodurch im Laufe dieser kritischen Betrachtung auch der kausale Zusammenhang des Titels verständlich wird. So erfährt man etwa, welch verheerende Folgen das für österreichische Hühner im brasilianischen Regenwald angebaute Saatgut für die dortige Natur und Bevölkerung mit sich bringt. Im Grunde genommen zeigt jedes Kapitel auf unterschiedliche Weise, wie durch die zunehmende Industrialisierung einzelner Nahrungsmittelzweige nicht nur zahlreiche Arbeitsplätze zerstört werden, sondern auch die Qualität der Ware drastisch abnimmt.
Diesem weltverbessererischen und moralischen Ansatz zum Trotz ist We Feed The World weit entfernt von agitatorischen Dokus wie den Filmen von Michael Moore. Das liegt vor allem daran, dass Wagenhofer dem Zuschauer weitaus mehr zutraut und man sich ganz ohne anklagenden Off-Kommentar, emotionalisierende Musik oder allzu starke Vereinfachungen selbst ein Bild der Lage machen kann. Dabei sollte jedoch nicht die manipulative Wirkung selektierter und aneinander gereihter Bilder und Texte unterschätzt werden. So wird dem Zuschauer beispielsweise durch mehrmalige Wiederholung indoktriniert, dass Lebensmittel aus biologischer Produktion schlichtweg besser sind als industriell gefertigte Ware. Die Neutralität Wagenhofers bei der Behandlung seiner aus unterschiedlichen Bereichen stammenden Gesprächspartner wird zudem gebrochen, indem die Äußerungen des UN-Sonderberichterstatters Jean Ziegler keinem bestimmten Kapitel zugeordnet sind, sondern sich wie eine höhere Wahrheit durch den gesamten Film ziehen. Wenn dieser behauptet, dass wegen genügender Ressourcen der Weltlandwirtschaft jedes an Hunger sterbende Kind ermordet wird, greift der Film genau jene Polemik auf, die er sonst weitgehend vermeidet. Dass Aussagen wie diese den Film immer noch nicht in die Nähe Moorescher Meinungsbildung rücken, liegt neben seiner subtileren Vorgehensweise vor allem auch daran, dass die Bilder nicht nur Mittel zum Zweck sind, sondern auch eine autonome ästhetische Qualität besitzen. Sorgfältig komponierte Totalen scheinbar endlos aneinander gereihter Gewächshäuser und unüberschaubarer Massen an Tomaten dienen nicht nur als visuelle Ergänzung des Gesagten, sondern gönnen dem Zuschauer auch eine Verschnaufpause inmitten zahlreicher Fakten. Wagenhofer beklagte sich in einem Interview neben dem mangelnden Kaufbewusstsein des durchschnittlichen Konsumenten auch über die häufiger anzutreffende Reaktion von Zuschauern, die von den im Film thematisierten globalen Konsequenzen unberührt blieben, sich aber über die nur kurz gezeigte schlechte Haltung von Hühnern erzürnten. Wagenhofer selbst ist an dieser Reaktion allerdings auch mit verantwortlich. Sicher hätten Bilder verhungerter Menschen zu sehr auf die Betroffenheit des Publikums abgezielt, jedoch ist die einzige Visualisierung des Hungers eine brasilianische Familie, die ihre Situation relativ souverän meistert. Da verwundert es nicht, dass das sichtbare Leid eines kleinen Kükens mehr berührt, als das unsichtbare Leid vieler Menschen. Als dickes Ausrufezeichen stellt Wagenhofer an den Schluss von We Feed The World ein Gespräch mit Peter Brabeck, dem Chef des Nestlé-Konzerns. Wie bei seinen anderen Interviewpartnern begeht der Regisseur nicht den Fehler Brabeck vorzuführen, sondern lässt ihn einfach seinen Standpunkt vertreten, auch wenn dieser sicher für viele Menschen schwer nachzuvollziehen ist. Ganz abrupt bricht der Film während diesem Gespräch dann auch ab und lässt so manchen Zuschauer mit einem schlechten Gewissen zurück. |
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